Kapitel 36

1368 Worte
Merricks Lippen zuckten, fast ein Hauch eines Lächelns. „Gut. Das bedeutet, sie denkt bereits. Handelt auf kleine Weise, um sich selbst zu schützen. Das verschafft uns den Spielraum, den wir brauchen. Wir beobachten, wir sammeln, wir schlagen zu, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.“ Pagan drückte eine Hand gegen das Fenster, der Frost biss kalt unter seinen Fingern. „Spielraum“, murmelte er. „Ich werde jedem das Leben aus dem Leib pressen, der sie auch nur falsch ansieht.“ Merricks Augen wurden schärfer, und Lyons Blick traf auf Pagans, ein unausgesprochenes Einverständnis, das zwischen ihnen hindurchging. Sie waren die Lunaris, und niemand würde ihnen das nehmen, was ihnen gehörte – oder was das Schicksal bereits in ihr Leben gewebt hatte – ohne Konsequenzen. Charise (POV) Weit entfernt, über die schneebedeckte Stadt hinweg, lag Charises Hütte still. Sie fuhr mit den Fingern die schwach leuchtenden Male an ihrem Handgelenk entlang, jedes Einzelne pulsierte sanft, fremd und doch tief beharrlich. Ihr Wolf zischte unter ihrer Haut. Sie kommen. Sie gehören uns. Du kannst nicht vor ihnen weglaufen. „Ich laufe nicht weg“, flüsterte Charise, der Atem eng. „Ich muss das zuerst herausfinden.“ Die Magie schimmerte schwach entlang ihres Handgelenks, und sie starrte darauf, Entschlossenheit verhärtete sich in ihrer Brust. Darius benutzte sie. Sie musste verstehen, wie, warum und wann – bevor die Lunaris sie fanden oder bevor er die Kontrolle völlig verlor. Irgendwo, eine halbe Stadt entfernt, spürte ein Trio von Wölfen den subtilen Puls ihrer Macht. Schwach, neckend, vielversprechend. Und keiner von ihnen würde je wieder derselbe sein. Charise saß auf der Kante ihres Bettes, die Finger fuhren die schwache Schimmerung entlang ihres Handgelenks nach. Das Mal pulsierte im Takt ihres Herzschlags ein langsames, stetiges Leuchten, das sich zugleich fremd und intim vertraut anfühlte. Sie beugte ihre Hand, beobachtete, wie das Licht subtil reagierte, flackerte, als wäre es in leisem Protest. Sie erinnerte sich an den Tag, an dem es angebracht worden war – ihre Mutter fort, sechzehn, allein, und Darius erschien mit Worten von Schutz und Sicherheit. Das war eine Lüge gewesen. Sie hatte schnell gelernt, dass Kontrolle oft die Maske der Fürsorge trug. Die Erinnerung schickte einen Schauer über ihren Rücken, einen, den sie nie ganz abschütteln konnte, selbst jetzt nicht. Ihr Wolf regte sich unter ihrer Haut, eine ruhelose Vibration, die sie in ihrer Brust spürte. Sie sind deine Gefährten. Lass sie helfen. „Nein“, flüsterte sie und schüttelte den Kopf. „Ich brauche sie nicht. Ich werde niemanden –“ Sie fing sich selbst, merkte, dass ihre Stimme trotz der Sicherheit, die sie hineinzuzwingen versuchte, zitterte. Ihr Wolf knurrte leise, stieß an die Verbindung, die sie nicht an die drei Männer band, sondern an etwas Primitives, das sie noch nicht verstanden hatte. Ihre Magie summte schwach unter ihrer Haut, zurückgehalten und scharf. Ein einfacher Gedanke – ein Funke Eis über dem Fensterbrett, die Locke von Frost, die über die Kante kroch – flackerte schwach auf und erstarb. Ihre Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie zusammen. Darius hält mich zurück. Immer hält er mich zurück. Frustration ballte sich eng zusammen, Krallen kratzten an ihren Rippen. Sie stand auf und ging zum Fenster, stieß es auf. Kalte Luft und der Duft von Kiefern füllten ihre Lungen, rührten an den schneebedeckten Kiefern jenseits der Hütte. Sie ließ den Wind über ihr Haar streichen, hob die silbernen Strähnen an, die das frühe Licht einfingen. Dann spürte sie es, diesen schwachen Zug in ihrer Brust, subtil, aber beharrlich. Die Alphas waren da – in der Nähe der Grenze verharrend – ihre Präsenz strich über ihre Sinne wie ein Faden durch Seide. Ihr Wolf winselte, schritt unter ihrer Haut auf und ab, hallte das Bedürfnis wider, sie zu erreichen, sie zu warnen, zu handeln. Doch Charises Kiefer spannte sich an, und sie schluckte den Impuls hinunter. Ich darf nicht unbesonnen sein. Ich darf Darius nicht wissen lassen, dass ich bereits durch ihn hindurchsehe. Sie lehnte sich gegen den Fensterrahmen, die Augen scannten den Horizont, wo der Wald in die Grenzlande verdunkelte. Ein tiefer, stetiger Puls dröhnte durch ihren Körper, das Mal leuchtete schwach heller und hallte ihre Frustration und Erwartung wider. Darius’ Präsenz war nah, seine Kontrolle subtil, aber erstickend, sein Plan unbekannt, aber gefährlich. Ihr Verstand schärfte sich, jeder Instinkt war wachsam. Sie würde ihn beobachten. Sie würde zusammentragen, was sie konnte, Zentimeter für Zentimeter, und sie würde sich nicht wieder benutzen lassen. Der Wind peitschte durch die Hütte, trug den Duft von Kiefer und Frost und etwas mehr – entfernt, silbern und lebendig. Charise ballte die Faust, spürte das Pulsieren des Mals an ihrer Haut und flüsterte zu sich selbst: „Ich werde bereit sein. Was auch immer er plant, ich werde bereit sein. ** Der Wintercrest-Ratsraum roch schwach nach gewachstem Holz und Kiefernrauch, kaltes Licht fiel durch die vereisten Fenster und warf blasse Strahlen über den langen Tisch. Darius saß an dessen Kopfende, die Haltung starr, die Finger zu einer Spitze geformt, sein Gesichtsausdruck in glatte Autorität gemeißelt. Tobias schwebte in der Nähe, Beta und Puffer, still wie Stein. Pagan wartete nicht auf Höflichkeiten. Seine Stimme schnitt durch den Raum wie Stahl. „Drei Patrouillenrouten kompromittiert“, sagte er, leise und bedächtig. „Schnitte im Unterholz, fehlende Stunden in den Protokollen und einer eurer Späher blutend im Schnee zurückgelassen. Erkläre das.“ Darius’ Lächeln flackerte – nur ein Hauch von Panik – bevor er es wieder an seinen Platz zurückklebte. „Kleine Unachtsamkeiten. Der Wald ist weitläufig, Alpha Pagan. Eure Sorge ist vermerkt, aber meine Berichte sind weiterhin korrekt.“ Merrick lehnte sich vor, die blassgrauen Augen verengten sich. „Kleine Unachtsamkeiten lassen Späher blutend zurück und Abtrünnige durchschlüpfen. Das ist nicht klein. Nach keinem Standard.“ Lyons Stimme war leiser, trug aber Gewicht. „Wir haben die Düfte selbst verfolgt. Eure Protokolle stimmen nicht mit dem überein, was tatsächlich am Boden passiert.“ Darius’ Kiefer spannte sich an. „Ich vertraue meinen Spähern“, sagte er glatt. „Und meinen Methoden –“ „Eure Methoden haben beinahe einen von uns getötet“, schnappte Pagan, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, die Fäuste umklammerten den Tisch. Sein Wolf knurrte tief in seiner Brust, leise und brodelnd. Sie benutzen ihn“, flüsterte es. Charises Blick strich vorsichtig durch den Raum. Sie blieb am Rand des Rates, die Haltung formell, die Hände leicht vor sich gefaltet. Jede Zuckung von Darius’ Fingern, die schwache Röte, die seinen Hals hinaufkroch, das mikroskopische Zucken seines Kiefers – sie registrierte alles. Er log. Bei allem. Ihre Augen huschten kurz zu den Alphas. Jeder von ihnen bemerkte ihr subtiles Signal, ihre Sinne strichen über ihre durch die schwache, unbestätigte Bindung. Merricks Lippe zuckte, Lyons eisiger Blick schärfte sich, und Pagans Fäuste ballten sich, seine Beherrschung wurde dünner. Sie schüttelte unmerklich den Kopf – haltet. Noch nicht. Darius gestikulierte in ihre Richtung, glatt und abweisend. „Charise wird hier beim Rat bleiben. Sie wird benötigt, um den Ablauf zu überwachen.“ Pagans Wolf knurrte, die Zähne unter der Haut gebleckt, ruhelos und heiß. Du kannst sie nicht dort behalten. Sie gehört uns. Pagan drückte gegen die Zurückhaltung, die er sich selbst auferlegte, Kiefer angespannt, Hände verkrampft. Merricks mentale Stimme schnitt durch die Verbindung, ruhig, aber fest: Haltet. Beobachtet. Seht zu, wie er stolpert. Charises eigener Wolf regte sich unter ihren Rippen, drängte, drückte, eine sanfte Vibration roher Energie. Du musst handeln. Du weißt, was er plant. Du darfst nicht zulassen, dass sie blind hineingehen. Sie ballte die Fäuste unter ihren Ärmeln, spürte den schwachen Puls der Magie, die unter Darius’ Mal unterdrückt wurde. Das Leuchten an ihrem Handgelenk pochte als Antwort, ein Herzschlag im Takt ihrer Frustration und Angst. Pagans Stimme riss den Raum zurück zu ihm. „Wenn eure Grenzen sicher sind, warum finden wir dann Öffnungen? Warum ist der nördliche Kamm kompromittiert?“ Darius’ glatter Ton brach ganz leicht. „Alpha Pagan, der Wald ist –“ „Kontrolliert? Absichtlich?“, schnitt Lyons Stimme ein, gleichmäßig und leise, was Darius zögern ließ. „Wir haben dieselben Muster gesehen, die Schnitte, die Spuren des Eindringens. Jemand bringt Abtrünnige in euer Territorium. Entweder seid ihr blind oder mitschuldig.“
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