Kapitel 37

1443 Worte
Die Ratsmitglieder rutschten unruhig hin und her, Unbehagen breitete sich unter ihnen aus, während Tobias’ Lippen sich zu einer dünnen Linie pressten. Charise bemerkte das subtilste Flackern von Panik in Darius’ Augen – einen Schatten unter seiner einstudierten Fassung. Ihr Blick strich erneut durch den Raum und beobachtete Darius’ Reaktionen genau. Jede Geste, jedes Zögern war ein weiteres Puzzleteil. Sie konnte die Angst sehen, die er zu verbergen versuchte. Die Alphas sahen es ebenfalls, ihre zurückgehaltene Wut war kaum zu bändigen. Darius räusperte sich und gewann ein brüchiges Lächeln zurück. „Die Inspektion der östlichen Grenze wird wie geplant fortgesetzt.“ Pagans Wolf knurrte tief in seiner Brust. Charise spürte es, spürte das besitzergreifende Bedürfnis, das von ihm ausstrahlte, roh und ungeschützt. Die Spannung zwischen den Alphas summte durch sie hindurch, eine leise Resonanz, die sie noch nicht benennen konnte. Charise holte tief Luft und ließ ihren Blick Darius folgen, während er versuchte, seine Autorität zurückzugewinnen. Sie würde die Wahrheit selbst aufdecken müssen. Seine Lügen, die Durchbrüche, die Abtrünnigen – sie würde beobachten, Beweise sammeln und die Alphas vor dem schützen, was er geplant hatte. Ihr Wolf regte sich unter der Oberfläche, zusammengerollt und ruhelos, ihre unterdrückte Magie flackerte schwach an den Rändern ihrer Kontrolle auf. Die Versammlung endete, die Ratsmitglieder verließen nacheinander den Raum, ihre Flüstern erfüllten die Halle. Charise blieb einen Herzschlag länger, beobachtete, wie Darius Papiere zusammensammelte und scharf in Tobias’ Richtung gestikulierte, bevor sie selbst aus dem Raum schlüpfte. Ihr Verstand kartierte bereits die nördliche Grenze in ihrem Kopf, den Weg der Abtrünnigen-Eindringlinge und den Plan, den sie – vorerst allein – umsetzen musste, um eine Katastrophe zu verhindern. Die Korridore von Wintercrest waren still nach der Ratsversammlung – zu still. Das Summen der Gespräche war verblasst und hatte nur das ferne Knistern von Kaminen und das leise Stöhnen alten Holzes unter der winterlichen Kälte zurückgelassen. Charise verharrte in der Nähe des Bogengangs zum Ratsraum, halb im Schatten, und lauschte. Darius’ Stimme drang schwach aus dem Inneren, leise und abgehackt, sein Ton von Gereiztheit gefärbt. „…wir werden bald an der Grenze sein. Haltet sie abgelenkt.“ Ihr Puls beschleunigte sich. Die Worte hallten scharf und endgültig durch ihren Schädel. Wir werden bald an der Grenze sein. Er deckte keine Durchbrüche ab. Er führte die Alphas direkt hinein. Sie bewegte sich näher heran, vorsichtig, damit ihre Stiefel nicht über den Stein scharrten. Darius’ nächste Worte waren gedämpft, aber der Ton war unverkennbar – Autorität, verhüllt in Verzweiflung. Er verbarg etwas Großes. Tobias’ tiefere Stimme grollte eine Antwort, und sie fing das Wort „Osten“ auf. Dann knallte eine Tür zu, gefolgt vom leisen Knistern einer unterbrochenen Telefonleitung. Charise wich zurück, das Herz hämmernd, den Rücken gegen die Wand gepresst. Ihr Wolf regte sich unter ihrer Haut, ruhelos und wütend. Sie laufen in eine Falle. Du musst es ihnen sagen. Ihr Atem ging langsam und kontrolliert. „Sie werden es spüren“, flüsterte sie leise. „Sie werden es fühlen.“ Der Wolf knurrte leise und schritt in ihrem Verstand auf und ab. Nicht, wenn er sie zuerst blendet. Ein Schauer durchlief sie. Sie konnte sie spüren – schwach, aber real – die Präsenz der Alphas an den fernen Rändern des Territoriums. Der Zug war nicht körperlich, sondern etwas Älteres, Tieferes. Fäden der Erkenntnis summten durch ihre Adern und stimmten sich auf den Rhythmus ihres Herzschlags ein. Merricks stetige Ruhe, Lyons stille Konzentration und Pagan – Pagan brannte wie ein Lauffeuer. Seine Energie drückte am stärksten gegen die Verbindung zwischen ihnen, volatil und ungeduldig. Ihre Finger strichen über den Saum ihres Ärmels, der Daumen fand die schwache Wärme des Mals darunter. Das Leuchten pulsierte einmal, fast spöttisch, als könnte es ihre wachsende Auflehnung spüren. Sie ließ ihre Magie aufsteigen. Langsam. Prüfend. Das Mal widersetzte sich sofort – eine zusammengerollte, unsichtbare Hand, die sich um ihr Handgelenk schloss und den Fluss erstickte. Ihr Atem stockte, als die Macht in ihren Adern Funken schlug, matt und instabil, wie statisches Rauschen vor einem Sturm. „Verdammt“, flüsterte sie in die Luft, obwohl sie nicht wusste, ob sie Darius oder sich selbst meinte. Sie drehte sich zum Fenster am Ende des Flurs. Jenseits des frostumrandeten Glases erstreckte sich der Wald endlos und kalt, die Grenze ein schwaches silbernes Schimmern weit in der Ferne. Irgendwo dort draußen patrouillierten die Alphas. Irgendwo dort draußen entfaltete sich Darius’ Falle bereits. Ihr Wolf drückte gegen ihre Brust, ein stetiger Puls der Warnung. Beweg dich. Warte nicht. Charise holte tief Luft, straffte die Schultern und ließ den Wind in ihre Haut beißen, als sie das schmale Fenster öffnete. Die Luft roch nach Schnee und Kiefer – und schwach nach Rauch. Das Mal pochte erneut, als würde es protestieren. Sie ignorierte es. Unter ihr bewegten sich Schatten – Wachen wechselten die Schichten, Tobias’ vertraute Gangart hallte durch den unteren Flur. Sie wartete, bis er vorbeigegangen war, dann löste sie sich vom Fenster, ihr Verstand kartierte bereits die Korridore, die zum Wald führten. Die Luft im Korridor war kalt, schwer vom Sturmlicht, das durch schmale Fenster fiel. Charise bewegte sich lautlos, die Schritte gemessen, ihre Sinne zum Zerreißen gespannt – bereit, zurück zu ihrer Hütte zu schlüpfen. Sie hatte, was sie brauchte: Darius’ Stimme, seine Worte brannten noch immer in ihrem Verstand. Wir werden bald an der Grenze sein. Haltet sie abgelenkt. Beweis genug, dass er etwas plante. Ihre Hand strich über die Wand, als sie um die Ecke bog – und erstarrte. Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit. Ein scharfer, vertrauter Duft von Eisen und Kiefer traf sie, bevor sie ihn überhaupt sah. Tobias. „Wohin des Wegs?“ Seine Stimme war glatt, leise und gefährlich. Ihr Wolf knurrte, und sie trat einen Schritt zurück, doch er war bereits bei ihr – ein harter Stoß gegen die Wand, sein Unterarm drückte gegen ihr Schlüsselbein. „Lass mich los“, zischte sie. Er grinste. „Der Alpha sucht nach dir.“ Bevor sie ihre Magie heraufbeschwören konnte, pulsierte das Mal an ihrem Handgelenk gewaltsam – ihre Macht erstickte in ihrer Brust. Die Welt kippte, ihre Sicht flackerte mit silbernem Licht, bevor sie aussetzte. Tobias packte sie am Arm und schleifte sie den Flur entlang, als würde sie nichts wiegen. Das Nächste, was sie wahrnahm, war das Zuknallen einer schweren Tür und die Hitze von Darius’ Büro. Er stand hinter dem Schreibtisch, mit dem Rücken zu ihr, und beobachtete, wie das Feuer niedrig brannte. Als er sich endlich umdrehte, war sein Gesichtsausdruck ruhig – zu ruhig. „Tobias“, sagte er, ohne den Blick von ihr abzuwenden. „Schließ die Tür.“ Das Klicken des Riegels versiegelte die Stille zwischen ihnen. Charise richtete sich auf und zwang das Zittern aus ihrer Stimme. „Du stellst ihnen eine Falle. Du willst sie aus einem bestimmten Grund an der Grenze haben.“ Darius’ Lippen verzogen sich schwach. „Du solltest nicht an Türen lauschen, kleine Hexe. Das bringt Ärger.“ „Ich habe dich gehört“, fuhr sie ihn an. „Du lügst sie an. Du lügst alle an.“ Sein Blick verhärtete sich, doch darin lag fast Belustigung. „Und was willst du mit diesem Wissen anfangen?“ Er umrundete den Schreibtisch und schloss die Distanz zwischen ihnen mit bedächtiger Langsamkeit. „Zu deinen kostbaren Alphas rennen? Mich verraten, nach allem, was ich getan habe, um dich am Leben zu halten?“ Ihr Puls sprang. „Du meinst, um mich zu kontrollieren.“ Seine Augen leuchteten. „Kontrolle ist notwendig, wenn jemand nicht weiß, was das Beste für ihn ist.“ Sie trat einen Schritt zurück. „Du kannst mir nicht weiter die Schuld für deine Entscheidungen geben.“ „Oh, das kann ich sehr wohl.“ Seine Stimme verdunkelte sich. „Nichts von alldem würde passieren, wenn du sie nicht hierhergerufen hättest.“ Sie blinzelte. „Ich habe sie nicht gerufen.“ Er neigte den Kopf, das Lächeln scharf wie eine Klinge. „Unwissenheit steht dir nicht, Charise. Die Prophezeiung hat vorhergesagt, dass sie kommen würden – wegen dir, wegen deiner Macht, deines Blutes. Warum, glaubst du, habe ich deine Magie an dem Tag versiegelt, als deine Mutter starb? Um dich vor ihnen zu verstecken.“ Ihre Brust zog sich zusammen, Wut krallte sich ihre Kehle hinauf. „Du hast mich versiegelt, weil du Angst hattest, ich könnte dich übertreffen.“ Etwas flackerte in seinem Blick – ein Riss in der Maske. Dann verschwand es. „Du hattest schon immer das Temperament deiner Mutter.“ Das Mal an ihrem Handgelenk brannte, ein sengender Puls, der sie nach Luft schnappen ließ. Ihr Wolf bäumte sich auf, schnappte durch die Fessel – ihre Augen blitzten silbern.
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