„Easy,“ murmelte er, seine Stimme rauer, als er beabsichtigt hatte. „Du bist in Sicherheit.“
Ihre Augen flatterten auf, gerade so eben — silbrig-grün fing das schwache Innenlicht ein. Erkenntnis flackerte darin auf, schwach, aber sicher.
„Alpha Merrick,“ hauchte sie — oder vielleicht sagte sie es gar nicht laut. Es könnte durch das Band gekommen sein.
„Ich bin hier,“ sagte er leise und rückte näher, damit sie ihn hören konnte. „Ruh dich jetzt aus.“
Ihre Lippen teilten sich, als wollte sie antworten, dann schlossen sich ihre Augen wieder, und ihr Körper sank tiefer in die Decken.
Merrick saß noch einen Moment länger da, bevor er sich zurücklehnte, eine Hand schützend auf ihrem Arm ruhend, sein Geist beruhigte sich im Rhythmus ihres Pulses. Zum ersten Mal seit der Schlacht erlaubte er sich auszuatmen.
**
In Charises Hütte
Der Ort war kleiner, als beide erwartet hatten.
Pagan duckte sich zuerst durch die Tür, der niedrige Holzrahmen knarrte unter seinen Schultern. Der Geruch traf ihn sofort — Kiefer, Rauch und etwas schwach Blumiges, wie wilde Lavendel. Die Art von Geruch, die nicht nur von Kerzen oder Seifen kam. Es war sie.
Lyon folgte ihm, schüttelte den Schnee von seinen Stiefeln. Die Hütte war ordentlich, aber karg — ein Hauptraum mit einem steinernen Kamin, ein kleines Bett in der Ecke und ein Schreibtisch, der mit Skizzen, getrockneten Kräutern und halbfertigen Notizen übersät war.
„Sie hat so gelebt?“, murmelte Pagan und musterte den Raum.
Lyons Ausdruck war ruhig, undurchdringlich. „Sie hat allein gelebt.“
Pagans Wolf knurrte leise, nicht wegen ihr — sondern wegen der Leere. Er ging in die Ecke, wo eine dünne Kommode stand, und zog Schubladen auf. Die Kleidung war abgetragen — an den Nähten geflickt, an manchen Stellen fadenscheinig, was seinen Kiefer anspannte.
„Das ist Bullshit,“ sagte er leise, zog einen gefalteten Pullover heraus und warf ihn in Richtung der kleinen Reisetasche auf dem Bett. „Sie ist eine ranghohe Wölfin; ihr Vater war der ehemalige Beta — sie hätte nicht so leben dürfen.“
Lyon kniete sich neben den Schreibtisch, seine Finger strichen über eine kleine Sammlung von Schmuckstücken: ein paar Anhänger aus Mondstein, mit dem Alter glattgeschliffen, und eine Kette, die aussah, als wäre sie mehr als einmal repariert worden.
Er erkannte einen der Steine sofort — das schwache Schimmern von Crescent-Ursprung. Seine Mutter hatte einst einen getragen. „Das waren die ihrer Mutter,“ murmelte er.
Pagan blickte hinüber, der Zorn wich etwas Ruhigerem. „Nimm sie mit.“
Lyon nickte, wickelte die Anhänger vorsichtig in ein Taschentuch und steckte sie in die Tasche.
Hinter ihm öffnete Pagan eine weitere Schublade — und erstarrte.
Er starrte auf einen Haufen Spitze und Seide. Schwarz. Zart. Überhaupt nicht praktisch.
Drei volle Sekunden stand er einfach nur da, regungslos, die Luft verdichtete sich durch das plötzliche Interesse seines Wolfs.
Lyon drehte sich nicht einmal um. „Nicht.“
Pagans Mund verzog sich zu einem langsamen, respektlosen Grinsen. „Ich habe nichts gesagt.“
„Musstest du auch nicht.“ Lyon schloss die Reisetasche mit bewusster Präzision. „Leg es weg, Pagan.“
„Ich habe nichts gehalten.“
Lyon schaute schließlich über seine Schulter — gerade rechtzeitig, um den anderen Mann dabei zu erwischen, wie er grinste, eine Augenbraue gehoben, während er ein Stück Spitze zwischen seinen Fingern baumeln ließ.
„Im Ernst?“, sagte Lyon tonlos. „Sie liegt bewusstlos im SUV, und du stehst hier wie ein verdammter Teenager.“
Pagans Grinsen wurde nur noch breiter. „Du kannst nicht erwarten, dass ich das nicht bemerke. Die Frau ist mir seit der Nacht im Wald unter die Haut gegangen.“
Lyon seufzte durch die Nase, halb amüsiert, halb genervt. „Du musst dich zusammenreißen.“
„Ich bin vollkommen zusammen.“
„Klar. Deshalb versucht dein Wolf gerade, aus deiner Haut zu kriechen wegen eines Slips.“
Pagan warf die Spitze mit einem tiefen Knurren zurück in die Schublade, das zu gleichen Teilen Frustration und Humor war. „Na gut.“
Sie packten fertig, was sie wenig besaß — ein paar Bücher, einen abgetragenen Mantel, ein Paar Stiefel und die Mondstein-Anhänger — bevor sie wieder in die Nacht hinaustraten. Es schneite immer noch, dämpfte die Welt um sie herum.
Pagan blieb an der Tür stehen und schaute noch einmal zurück in den kleinen, schwach beleuchteten Raum. „Sie hat ein Zuhause daraus gemacht,“ sagte er leise.
Lyon folgte seinem Blick. „Und jetzt wird sie ein anderes haben.“
Sie schlossen die Tür hinter sich, das Schloss klickte leise — das letzte Geräusch, bevor sie zurück in den Schnee verschwanden, in Richtung des wartenden Konvois.
**
Die Straße war kaum mehr als eine blasse Narbe, die durch die Bäume schnitt — Schnee türmte sich an den Rändern auf, während der Konvoi nach Norden in Richtung Black Hollow fuhr.
Im führenden SUV war die Luft d**k von Wärme und Stille.
Die Rücksitze waren flachgeklappt und mit dicken Decken und Fellen ausgelegt, um eine Art provisorisches Bett zu schaffen. Charise lag ausgestreckt darauf, ihre Haut geisterhaft blass gegen den dunklen Stoff, eine Hand locker über ihrer Brust gekrümmt. Ein schwaches Schimmern hing noch an ihrem Handgelenk, wo das Siegel gewesen war — silberne Flackern unter ihrer Haut wie verblassendes Mondlicht.
Lyon saß neben ihren Füßen, ein Knie angewinkelt, seine Handfläche ruhte nahe ihrem Knöchel, als könnte er allein durch Berührung ihren Puls stabilisieren. Pagan hatte die andere Seite für sich beansprucht — lehnte gegen die Tür, einen Arm über ihrer Kopfstütze abgestützt, seine andere Hand strich gelegentlich ihre Haare zurück, wenn sie über ihr Gesicht fielen.
Merrick fuhr schweigend, die Augen auf der Straße.
Lange Zeit sprach niemand. Das Summen der Reifen war gleichmäßig, rhythmisch — das Einzige, was sich nach dieser Nacht auch nur annähernd normal anfühlte.
Pagan brach schließlich das Schweigen, mit leiser Stimme. „Sie ist zu still.“
Lyon schaute auf den Monitor, den Elara vor ihrer Abfahrt an ihrem Handgelenk befestigt hatte. „Sie schläft.“
„Trotzdem,“ murmelte Pagan, seine Augen folgten dem langsamen Heben und Senken ihrer Brust. „Ich mag das nicht.“
Merrick fing seinen Blick im Rückspiegel auf — Pagans Wolf kaum gezügelt, Kiefer angespannt, Finger zuckten jedes Mal, wenn der Wagen über eine Unebenheit fuhr.
Draußen schneite es stärker. Das schwache Mondlicht flimmerte über Charises Haut und verfing sich in ihren Haarsträhnen. In diesem Moment wirkte sie zerbrechlich — zu klein, zu menschlich für die Art von Macht, die ein Schlachtfeld niedergemacht hatte.
Lyon beugte sich leicht vor, seine Stimme jetzt noch leiser. „Dieses Siegel, das Darius auf sie gelegt hat… Es war jahrelang da. Ich kann den Schaden spüren. Sie hat jeden Tag dagegen gekämpft.“
Merricks Hände schlossen sich fester um das Lenkrad. „Sie ist stärker, als wir gedacht haben.“
Pagans Lachen war ein tiefes Krächzen. „Stärker als wir alle zusammen.“ Er blickte wieder zu ihr hinunter, die Augen dunkel. „Aber sie hätte das nicht tun müssen.“
Stille folgte.
Die Heizung summte. Draußen wurde der Sturm schwächer, die Welt verwandelte sich in Silber-Grau.
Dann — ein Geräusch. Leise, sanft — das Rascheln von Stoff.
Lyon erstarrte, seine Augen richteten sich auf sie. Charises Finger zuckten gegen die Decke. Ein Atemzug, flach, aber bewusst.
Er beugte sich näher, murmelte: „Easy, Kleines.“
Ihre Wimpern flatterten, ein leises Geräusch entwich ihrer Kehle. Ihre Augen öffneten sich — trüb, unfokussiert — und für eine Sekunde schien sie nicht zu wissen, wo sie war. Dann fanden sie ihn, dann Pagan neben ihr, und schließlich Merricks Spiegelbild im Spiegel.
„Wo…?“, flüsterte sie.
Pagan schluckte schwer. „Wir verlassen Wintercrest.“
„Warum…?“, sie runzelte verwirrt die Stirn.
Pagan grinste, seine Augen trafen ihre und hielten sie fest. Er konnte den Nebel sehen, die Erschöpfung, aber da war noch etwas anderes. „Ich glaube, du weißt warum, Little Storm.“
Ihre Augen klärten sich für einen kurzen Moment, als sie ihn ansah, Verwirrung ebbte ab und wich der Erkenntnis, bevor ihre Augen wieder zufielen.
Merrick atmete leise aus, die Erleichterung zu tief, um sie in Worte zu fassen.