Er hielt den Blick auf die Straße gerichtet, doch der Rückspiegel entging nichts – Lyons Hand ruhte noch immer leicht neben ihr, und Pagan beobachtete sie, als würde er jeden in Stücke reißen, der sich ihr näherte.
Ihr Duft hing noch in der Hitze des SUVs – sauberer Schnee und Rauch, ein Hauch von Macht, der ihre Wölfe streifte und sie unruhig machte.
Draußen brach der Mond durch die Wolken, silbernes Licht ergoss sich über den dunklen Innenraum. Es fing das Schimmern auf ihrer Haut ein, das schwache Pulsieren des Bandes, das sie nun teilten.
Merricks Wolf regte sich tief in seiner Brust – nicht vor Hunger, sondern vor Gewissheit.
Unsere.
Er sagte nichts. Fuhr einfach weiter nach Norden durch die Stille und hielt die Welt stabil für die Frau, die sie auseinandergerissen hatte, um sie zu retten.
Sie waren fast zwanzig Stunden unterwegs gewesen.
Der Schnee hatte nicht ein einziges Mal nachgelassen.
Als der Konvoi die Außenbezirke von Dunhaven erreichte, hatte Merrick bereits vorausgerufen. Der örtliche Alpha – Cieran vom Ashfell-Rudel – wartete mit seinen Leuten an den Toren. Das warme Licht von Fackeln und das tiefe Grollen von Wölfen umgab sie, während man ihnen den Weg freimachte.
„Tri-Alpha Merrick“, begrüßte Cieran ihn und senkte tief den Kopf, als die Fahrzeuge anhielten. Sein Geruch trug gleichermaßen Respekt und Anspannung in sich – er hatte das Blut gesehen und die Asche am Konvoi gerochen. „Das Gasthaus wurde für Euch und Eure Männer geräumt. Die Zimmer sind vorbereitet. Heiler stehen bereit.“
Merrick nickte knapp. Seine Stimme blieb kontrolliert.
„Wir bleiben nur über Nacht. Unsere Verwundeten brauchen Ruhe. Und sie—“
Er warf einen Blick zum SUV.
„—sie darf nicht gestört werden.“
Cieran nickte sofort und gehorchte ohne Zögern.
Die Stadt bewegte sich ruhig um sie herum – Wachen wechselten ihre Positionen, Heiler führten die Verwundeten in Nebengebäude. Die Luft roch nach Kiefern und Kaminrauch, sauberer als der blutgetränkte Schnee, den sie hinter sich gelassen hatten.
Pagan handelte, bevor jemand seine Hilfe anbieten konnte. Er öffnete die hintere Tür des SUVs und ging in die Hocke. Einen Arm schob er unter Charises Schultern, den anderen unter ihre Knie. Sie regte sich schwach, wachte jedoch nicht auf.
„Ich hab dich“, murmelte er.
Ihr Körper war federleicht in seinen Armen. Ihre Wange streifte seine Brust, als er sie hochhob. Der schwache Duft ihrer Magie haftete noch immer an ihrer Haut – silbern und wild, wie Frostfeuer und Regen.
Die Rudelmitglieder machten wortlos Platz, als er vorbeiging. Selbst Cieran senkte den Blick, während Pagan sie durch den Eingang des Gasthauses trug.
Drinnen war das Licht sanft – flackernde Laternen, warme Räume, die von den vorbereiteten Feuerstellen beheizt wurden. Jeder Geruch dieses Ortes war fremd, doch seinem Wolf war das gleichgültig.
Er kümmerte sich nur um die Frau in seinen Armen.
Lyons Stimme drang von hinten zu ihm.
„Oben wurde ein Zimmer vorbereitet. Zweite Tür rechts.“
Pagan antwortete nicht.
Er musste nicht.
Die Treppe knarrte unter seinem Gewicht, als er hinaufstieg. Seine nackten Füße bewegten sich lautlos über das abgenutzte Holz. Die Tür stand bereits offen – das Zimmer war schlicht und dämmrig, ein Feuer glomm schwach im Kamin, und frische Bettwäsche war auf dem Bett zurückgeschlagen.
Er durchquerte den Raum und legte sie vorsichtig ab. Seine Berührung verweilte einen Augenblick länger als nötig.
Sie regte sich nicht.
Sie atmete nur leise aus – ein winziges Geräusch, das etwas in seiner Brust schmerzhaft zusammenzog.
Ihr Haar breitete sich über das Kissen aus. Einige Strähnen klebten an ihrer Wange. Er strich sie zurück, seine Finger glitten über ihre Schläfe, wo noch immer ein schwacher Bluterguss zu sehen war.
„Sie sollte nicht so aussehen“, murmelte er. „Nicht, als wäre sie durch die Hölle gegangen.“
Sein Wolf drängte gegen seine Rippen, rastlos.
Dann bleib. Beschütze sie.
Er zögerte nur eine Sekunde, bevor er seine Stiefel abstreifte und sein Hemd aufknöpfte. Die Nachtluft biss kalt auf seiner Haut, doch das kümmerte ihn nicht. Vorsichtig schlüpfte er neben sie ins Bett, darauf bedacht, sie nicht zu wecken, und zog die Decke über sie beide.
Einen Moment lang betrachtete er sie einfach.
Das langsame, gleichmäßige Heben und Senken ihres Atems.
Das schwache silberne Schimmern unter ihrer Haut, wo ihre Magie noch immer summte.
Sie bewegte sich.
Sein ganzer Körper spannte sich an …
… weil sie sich näher zu ihm bewegte.
Das Band zog sie bereits zueinander, selbst im Schlaf.
Zögernd streckte er die Hand aus, als fürchte er, die Verbindung zu zerbrechen, und zog sie sanft näher, bis ihr Kopf auf seiner Brust ruhte. Sein Arm legte sich um ihre Taille, seine Nase streifte ihren Haarschopf.
Ihr Duft erfüllte ihn augenblicklich – sauberer Schnee, Zedernholz und etwas Weicheres darunter.
Sein Herzschlag beruhigte sich.
Durch die Rudelverbindung spürte er Lyon und Merrick unten im Gasthaus – wie sie sich unter ihren Männern bewegten, leise Befehle gaben und dafür sorgten, dass jeder einen Platz zum Ausruhen hatte.
Doch hier oben stand die Welt still.
Pagan schloss die Augen, sein Griff wurde ein wenig fester.
„Sie gehört zu uns“, murmelte er kaum hörbar. „Und niemand wird sie uns jemals wieder wegnehmen.“
Ihr Atem veränderte sich – nur ein kleines, schläfriges Geräusch –, als hätte sie ihn gehört. Ihre Finger zuckten und streiften einmal seine Brust, bevor sie wieder still wurden.
Er drückte die Lippen auf ihr Haar. Endlich beruhigte sich sein Wolf, und der Instinkt, sie zu beschützen, verwandelte sich in etwas Tieferes.
Draußen fiel der Schnee in langsamen, lautlosen Flocken gegen das Fenster.
Das Feuer knisterte.
Und zum ersten Mal seit der Grenze – vielleicht sogar zum ersten Mal seit Jahren – erlaubte Pagan sich zu schlafen.
Das Feuer unten war fast heruntergebrannt.
Die meisten ihrer Männer schliefen – ausgestreckt auf Feldbetten, mit Decken über Rüstungen, die noch immer mit Schlamm und Blut bespritzt waren.
Der Geruch von Rauch und Eisen hing in der Luft.
Merrick saß am langen Tisch. Ein Arm lag über der Rückenlehne seines Stuhls, der andere umklammerte einen Becher, dessen Inhalt längst kalt geworden war.
Lyon saß ihm gegenüber, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, die Augen von Schatten verdunkelt.
Seit mehreren Minuten hatte keiner von ihnen gesprochen.
Schließlich brach Lyon das Schweigen.
„Inzwischen werden sie es erfahren haben.“
Merricks Kiefer spannte sich an.
„Haben sie. Cieran hat bestätigt, dass vor Einbruch der Dunkelheit ein Kurier Wintercrest verlassen hat – eine Nachricht direkt an den Rat.“
Lyon stieß einen Atemzug aus und lehnte sich zurück.
„Darius wird es verdrehen. Er wird behaupten, wir hätten das Abkommen gebrochen.“
„Er liegt nicht falsch“, sagte Merrick ruhig. „Aber er hat auch nicht recht.“
Seine Stimme wurde tiefer, Stahl schwang darin mit.
„Er hat uns in einen Hinterhalt geschickt, Lyon. Welche Strafe auch immer er erwartet – sie wird nicht einmal annähernd ausreichen.“
Lyons Blick glitt zum Fenster, hinter dem der Schnee weiterhin in langsamen, lautlosen Flocken fiel.
„Und Charise?“
Merricks Finger schlossen sich fester um den Becher.
„Wir haben das Richtige getan.“
Lyon sah ihn wieder an, seine Augen dunkel.
„Der Rat wird das nicht so sehen. Das weißt du.“
Merricks Schweigen war Antwort genug.
Sie saßen dort – zwei Wölfe, die in die sterbenden Glutreste eines Feuers starrten, das zu viel gesehen hatte.
Das Gewicht dessen, was kommen würde, drückte schwer auf sie herab – der Rat, die Politik, der Bruch, den sie gerade ausgelöst hatten.
Und über all dem stand sie.
Charise.
Das Bild von ihr im SUV, blass zwischen den Decken, durchbrach immer wieder das Rauschen seiner Gedanken. Er konnte das Zittern ihres Pulses noch durch das Band spüren – schwach, aber gleichmäßig.
Lyon erhob sich zuerst.
„Ruh dich aus. Ich übernehme die erste Wache.“
Merrick wartete, bis die Schritte seines „Bruders“ verklungen waren, dann stand auch er vom Tisch auf.
Das Holz knarrte unter seinen nackten Füßen, während er durch das Gasthaus ging, an den Reihen schlafender Männer vorbei und die schmale Treppe hinauf, die ins Obergeschoss führte.
Die Tür zu ihrem Zimmer stand einen Spalt offen.
Er blieb stehen, die Hand am Türrahmen.