Pagan war noch immer dort, genau so, wie Merrick ihn zurückgelassen hatte – halb über sie gebeugt, ein Arm fest um ihre Taille geschlungen, das Gesicht in ihrem Haar vergraben. Der große Wolf sah überhaupt nicht wie der wilde Kommandant vom Schlachtfeld aus. Sein Atem ging langsam und gleichmäßig. Die Anspannung, die ihn seit der Grenze umklammert hatte, war verschwunden.
Merrick lehnte am Türrahmen und beobachtete die beiden lange.
Diese Frau – schlafend, klein im Vergleich zu dem Mann, der sie hielt – hatte geschafft, was keiner von ihnen konnte. Sie hatte Pagans Wut ohne ein einziges Wort besänftigt.
Merrick atmete langsam aus.
Das Band zwischen ihnen pulsierte schwach, ein gemeinsamer Rhythmus, den er selbst von hier aus spüren konnte. Es zog an etwas in seinem Inneren – nicht Eifersucht, nicht Besitzanspruch.
Einfach nur … Bedürfnis.
Leise trat er ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Das Feuer in der Ecke brannte nur noch schwach, Schatten flackerten über das Bett.
Er zog sein Hemd aus, der Stoff noch feucht von Reise und Blut, und überquerte den Abstand zwischen ihnen.
Einen Moment lang stand er einfach da und beobachtete das Heben und Senken ihrer Brust.
Das ruhige, gleichmäßige Atmen, das beide seiner Brüder geerdet hielt.
Dann setzte er sich auf die Bettkante und schlüpfte neben ihr unter die Decke.
Pagan bewegte sich leicht, wachte jedoch nicht auf.
Merrick rückte näher. Seine Hand ruhte leicht an ihrer Hüfte, ihre Wärme sickerte in seine Haut. Er hatte nicht vor zu schlafen. Er musste nur in ihrer Nähe sein – diesen stetigen Puls spüren, diese Erinnerung an die Gefährtin, die sie gefunden hatten, und daran, wie nah sie daran gewesen waren, sie zu verlieren, bevor sie sie überhaupt kannten.
Er ließ seine Stirn auf dem Kissen neben ihrer ruhen.
Ihr Duft – sauberer Schnee und ein Hauch von Zedernholz – erfüllte die Luft zwischen ihnen.
Die Zeit verschwamm.
Die Stille legte sich über alles.
Irgendwann knarrte die Tür erneut.
Lyon trat lautlos ein, seine nackten Füße flüsterten über die Dielen.
Er blieb in der Tür stehen, und sein Blick wurde weicher, als er die Szene vor sich aufnahm – Pagans Arm um sie, Merricks Hand an ihrer Hüfte.
Für einen Augenblick huschte etwas Ungesagtes über sein Gesicht.
Erleichterung vielleicht.
Oder Unvermeidlichkeit.
Dann trat er näher, wortlos. Er zog sein Hemd aus und ließ es über einen Stuhl fallen. Anschließend ging er auf die andere Seite des Bettes und legte sich vorsichtig hin, jede Bewegung bedacht, um sie nicht zu wecken.
Er ließ sich nieder, den Kopf auf ihrem Schoß ruhend, einen Arm locker über ihre Beine gelegt.
Ihr Körper reagierte instinktiv, selbst im bewusstlosen Zustand – ihre Hand glitt in sein Haar.
Merricks Blick traf Lyons über ihr hinweg.
Keine Worte.
Nur Verständnis.
Drei Alphas.
Ein Band.
Das Feuer brannte schwach, und der Wind draußen trug den Duft von Schnee durch die Ritzen des alten Fensters.
Für einen kurzen Herzschlag stand die Welt still.
Merrick spürte erneut das leise Summen ihrer Magie – diesmal nicht chaotisch.
Einfach nur präsent.
Lebendig.
Wärme.
Das war das Erste, was sie spürte.
Nicht Licht.
Nicht Geräusche.
Nur Wärme.
Beständig und fest.
Ein Gewicht, das sie umgab, sanft genug, um sie zu beruhigen, aber schwer genug, um sie an Ort und Stelle zu halten.
Ihr Geist trieb zwischen Schichten dahin – halb Traum, halb Erwachen.
Sie spürte etwas an ihrer Schläfe entlangstreifen, den langsamen Rhythmus eines Atems in ihrem Haar.
Einen Herzschlag, ganz nah.
Dann einen weiteren, langsameren, nahe ihren Beinen.
Sie hätte in Panik geraten sollen. Hätte wachsam sein, sich lösen und weggehen müssen ...
Doch sie tat es nicht.
Etwas hielt sie dort.
Keine Hände, kein Körper, sondern ein Gefühl.
Eine Wärme und Verbundenheit, die sie noch nie zuvor gespürt hatte.
Die Luft roch nach Zedernholz und Rauch und noch etwas anderem – schwach nach Mondstein, nach Silber.
Ihr Körper erkannte es, bevor ihr Verstand es tat.
Dieses Summen unter ihrer Haut.
Das stetige Pochen, das sich wie Fäden ausstreckte und sie an etwas Lebendiges band.
Sie versuchte, sich zu bewegen, doch ihre Glieder fühlten sich schwer und ungehorsam an.
Ihre Kehle war trocken, als sie ausatmete, und das Geräusch blieb schwach hängen.
Die Reaktion kam sofort.
Einer der Körper neben ihr regte sich.
„Charise.“
Die Stimme war tief und rau vom Schlaf.
Pagan Vale.
Er bewegte sich leicht, seine Hand fand instinktiv ihre Seite, sein Daumen strich über ihre Rippen durch die Decke hindurch.
Die Berührung sandte eine Welle durch sie, und das Band flammte sanft auf wie ein Puls aus Wärme.
Ihre Augenlider flatterten.
Die Zimmerdecke kam verschwommen in Sicht – grobe Holzbalken, ein Streifen blassen Lichts, der durch das Fenster fiel.
Sie schluckte schwer.
„Wo ...?“
„In Sicherheit.“
Diesmal war es Merricks Stimme.
Ruhig und tief.
Er war nah – sie konnte ihn spüren, noch bevor sie ihn sah.
Ihr Blick wanderte leicht zur Seite.
Da war er.
Auf der Seite liegend, ihr zugewandt, das Haar zerzaust, unter der Decke ohne Hemd.
Sein Gesichtsausdruck war nicht so undurchdringlich wie damals, als er mit Darius gesprochen hatte.
Er war ruhig.
Wachsam.
Das Nächste, was ihr auffiel, war Lyon – oder vielmehr die Wärme auf ihren Beinen.
Sein Kopf ruhte leicht an ihrem Oberschenkel, ein Arm über ihre Knie gelegt.
Ihr Gehirn brauchte einen Moment zu lange, um zu verarbeiten, was sie sah.
Drei Alphas.
Drei Männer, die sie erst vor wenigen Tagen kennengelernt hatte.
Sie umringten sie.
Hielten sie fest ...
... und sie hatte nichts dagegen.
Sie hasste es nicht.
Sie stieß sie nicht weg.
Sie errötete nicht vor Verlegenheit wegen ihrer Aufmerksamkeit.
Stattdessen sank sie noch tiefer hinein.
Ließ es sich über sie legen, als gehöre sie dorthin.
Ihr Puls beschleunigte sich, doch die Bewegung ließ ihre Brust schmerzen – nicht wirklich Schmerz, eher das Echo tiefer Erschöpfung.
Ihre Magie regte sich schwach.
Das Band flackerte durch ihre Adern wie Fäden aus silbernem Licht.
Pagans Hand zog sich fester um sie.
Ein Anker.
„Du bist ohnmächtig geworden.“
Sie blinzelte zu ihm auf, Verwirrung durchbrach den Nebel.
„Wie lange ...?“
„Seit der Grenze“, sagte Merrick. „Einen ganzen Tag.“
Ein leises Stöhnen entkam ihr.
Sie drehte den Kopf leicht, ihre Wange streifte Pagans nackte Brust.
Sein Herzschlag erfüllte ihre Ohren – gleichmäßig und beruhigend.
Ihre Stimme klang rau.
„Das ist eine Menge auf einmal.“
Lyon lachte leise gegen ihre Beine.
Das Geräusch klang mehr nach Erleichterung als nach Belustigung.
„Wir werden uns daran gewöhnen.“
Sie schloss die Augen wieder und versuchte, die Ereignisse zusammenzusetzen – Bruchstücke des Hinterhalts, das zerbrechende Siegel, die Energie, die durch sie hindurchgerissen war.
Der Geruch von Blut und Rauch.
Dann Schwärze.
Ihre Kehle zog sich zusammen.
„Hat ... hat sonst noch jemand—“
Merrick unterbrach sie sanft.
„Sie leben. Sie ruhen sich aus. Du hast sie gerettet.“
Etwas flackerte in seinem Ausdruck auf – Ehrfurcht und etwas Schwereres.
„Du hast das Siegel gebrochen. Das Band hat sich gebildet. Es gibt kein Zurück mehr.“
Ihr Atem stockte.
Sie konnte es spüren.
Die Verbindung summte unter ihrer Haut, schwach, aber lebendig.
Nicht nur ein Band.
Drei.
Ihr Blick glitt zwischen ihnen hin und her – Pagans markantes Kinn, Merricks ruhige Augen, Lyons stille Gelassenheit.
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
Nicht einmal, wie sie all das begreifen sollte.
Also sagte sie nichts.
Sie erlaubte sich einfach zu atmen.
Während einer langen Phase des Schweigens bewegte sich keiner von ihnen.
Das Morgenlicht floss durch den Raum und malte weiche Linien über Haut und Decken.
Das Feuer im Kamin war zu glühenden Kohlen heruntergebrannt, und ihr leises Knistern war das einzige Geräusch.
Schließlich atmete Pagan aus, und die Spannung verließ seinen Körper.
„Du hast uns verdammt noch mal zu Tode erschreckt, kleiner Sturm.“
Lyon murmelte mit gedämpfter Stimme gegen ihren Oberschenkel:
„Ihn mehr, als er jemals zugeben wird.“
„Lyon“, warnte Pagan.
Doch der scharfe Ton fehlte in seiner Stimme.
Merricks Mundwinkel hoben sich leicht.
Kein richtiges Lächeln.
Aber nah dran.
„Ruh dich jetzt aus. Wir reden, wenn du wieder stärker bist.“
Sie blinzelte ihn an und kämpfte gegen die Schwere an, die sie erneut nach unten zog.
„Wo ... sind wir?“
„Auf halbem Weg in den Norden“, sagte Merrick sanft. „In unserem Territorium.“
Pagans Daumen strich über ihre Hüfte, die Bewegung unbewusst zärtlich.
„Du stehst jetzt unter unserem Schutz, Charise. Du musst nicht mehr kämpfen.“
Ihre Lippen öffneten sich leicht, während sich etwas zwischen Unglauben und Erleichterung in ihrer Brust festsetzte.