Kapitel 115

1193 Worte
Ihre Augen trafen seine, dann Lyons, dann Merricks – drei Gesichter, drei Pulse schützender Hitze, die sie banden. Die Verbindung hüllte sie ein wie ein Schild, subtil, beharrlich. Die rohen, wilden und berechnenden Kräfte der drei Alphas drangen in ihr Bewusstsein, versuchten, sie durch die Spirale zu tragen, die sie an ihren Eingeweiden kratzen spürte. „Ich …“, flüsterte Charise erneut, kaum hörbar, die Worte so zerbrechlich, wie sie über ihre Lippen zitterten. „Ich … ich wollte … das alles nicht …“ „Du hast es nicht gewollt“, sagte Lyon fest und strich eine Strähne aus ihrer Wange. Sein Daumen verharrte dort, streichelte die weiche Haut, erdend. „Nichts davon lastet auf dir. Du bist nicht schuld an der Grausamkeit eines anderen. Du bist nicht schuld an Darius. Oder seinen Plänen. Oder der Hexe.“ Pagan zog sie einmal fester an sich, besitzergreifend und beschützend. „Hör ihm zu“, murmelte er leise und rau. „Wir alle – wir sind hier. Du hast den Krieg nicht in diesen Raum gezerrt. Du hast ihn nicht zu uns gebracht. Du bist bei uns in Sicherheit.“ Charise atmete zittrig aus, ließ die Worte über sich hinwegspülen, ließ die Wärme ihrer Gegenwart in die kalten, wunden Ränder ihrer Schuld sickern. Ihr Wolf summte leise unter ihren Rippen, ein sanfter Stoß der Beruhigung: Du bist nicht allein. Du bist nicht schuld. Wir sind hier. Der Raum fiel in eine spröde Stille, sobald Charise dem Schlaf nachgab, das Gewicht ihres Zusammenbruchs drückte stärker auf sie als das Bett selbst. Pagan bewegte sich zunächst nicht, seine Arme blieben locker um sie geschlungen, auch als ihr Körper sich in die Bewusstlosigkeit entspannte. Er konnte jeden flachen Atemzug spüren, jedes Muskelzucken, und sein Kiefer spannte sich an, als Wut und Hilflosigkeit sich wie ein Sturm in seiner Brust zusammenballten. „Sie kann nicht so bleiben“, murmelte Pagan, die Stimme tief und rau vor zurückgehaltener Wut. Er verlagerte sich leicht, um sicherzustellen, dass sie sicher an ihm blieb, eine Hand strich sanft über ihre Seite, als könnte die kleinste Bewegung sie in Sicherheit erden. „Nach dem, was sie gerade – nach dem, was sie uns erzählt hat … Wir können sie nicht einfach so abdriften lassen.“ Lyon kniete in der Nähe, die blassen Hände auf die Matratze gedrückt, und beobachtete sie mit dieser stillen, ruhigen Intensität, die ihn selbst in der Ruhe gefährlich machte. Seine Brust hob und senkte sich in gemessenen Atemzügen, doch seine grau-grünen Augen schimmerten vor zurückgehaltener Wut und Sorge. „Pagan“, sagte er leise, die Stimme gleichmäßig, aber scharf wie eine Klinge, „du darfst es nicht … in sie hineinfließen lassen. Sie schläft. Wir müssen es eindämmen, sonst spürt sie es durch die Verbindung.“ Pagan knurrte leise, die Augen nie von ihrem Gesicht abwendend. „Ich lasse meinen Zorn nicht an sie heran. Nicht dadurch. Aber sie hat das hierhergebracht … sie –“ Seine Hand spannte sich um ihre Seite, gerade fest genug, um sich selbst zu erden, nicht sie. „…wir können es nicht ignorieren.“ Merrick, der am Fußende des Bettes stand, die Arme verschränkt, lehnte sich leicht nach vorne, die Stimme leise, aber angespannt vor Kalkulation. „Wir brauchen Perspektive“, sagte er. „Sie ist erschöpft. Ausgelaugt. Die Vision allein hätte die meisten Menschen gebrochen. Aber ihr Verstand rast. Sie weiß zu viel, und wir können uns keinen Fehler leisten – keiner von uns.“ Seine blassgrauen Augen huschten zu Lyon, dann zu Pagan. „Diese Frau … die Hexe, was auch immer sie ist – sie ist mächtig. Und sie ist sich Charise bewusst. Das ist keine einfache Rückholaktion. Das ist eine gezielte Extraktion.“ Pagans leises Brummen der Frustration vibrierte durch die Verbindung. „Ich werde ihn töten, wenn er es versucht“, murmelte er, eher zu sich selbst als zu den anderen. „Ich werde ihn töten, bevor er sie berührt.“ Sein Kiefer arbeitete sichtbar, sein Wolf lauerte unter der Oberfläche, kaum zurückgehalten. Lyons Hand zuckte zu ihrer hinüber, schwebte über der Decke. Er berührte sie nicht – konnte noch nicht –, aber seine Magie summte leise, fädelte sich durch die Verbindung, beruhigte sie, verhinderte, dass sie auf Pagans Reaktion aufflammte. „Wir werden sie beschützen“, sagte er, sein Ton trügerisch sanft. „Das werden wir. Aber zuerst müssen wir den Umfang verstehen. Darius handelt nicht allein. Diese Hexe … sie kann mehr manipulieren als nur Visionen. Wenn sie so bewusst ist, könnte sie direkt an ihrer Magie ziehen. Oder schlimmer – sie benutzen, um an uns heranzukommen.“ Merricks Stimme war flach, präzise, aber von derselben Anspannung durchzogen. „Wir brauchen Pläne. Notfallmaßnahmen. Verteidigung, Extraktionspunkte, Schutzzauber, alles. Charise darf das nicht allein verarbeiten, wenn sie aufwacht. Wir treffen die Entscheidungen jetzt, damit sie, wenn sie wieder bei Bewusstsein ist, beschützt ist und nicht von unseren Reaktionen verängstigt wird.“ Pagans Blick wanderte zurück zu ihr, ruhte auf der Kurve ihrer Schulter, der weichen Linie ihrer Wange, ihren Wimpern, die das Kissen streiften. „Ich will nicht, dass sie meinetwegen Angst hat“, gab er leise zu, fast verschluckt von der dunklen Anspannung des Raumes. „Ich will, dass sie in Sicherheit ist. Und ich will, dass jeder, der kommt, sich daran erinnert, dass er sie berührt hat und dafür bezahlt hat.“ Lyons Finger krallten sich in die Matratze, ruhten nur Zentimeter von ihrer Hand entfernt. „Dann machen wir es klug“, sagte er. „Zusammen. Ruhig. Taktisch. Wild, wenn nötig – aber diszipliniert. Charise muss unsere Angst nicht sehen. Oder unsere Wut.“ Merrick atmete langsam aus, seine Augen folgten ihr weiter, während er sprach. „Die Verbindung wird uns leiten. Wir werden sie festhalten, auch wenn sie es nicht weiß. Jeder Gedanke, jeder Puls, jeder Herzschlag – wir beschützen sie dadurch, bis sie wieder voll bei Bewusstsein ist.“ Pagans Knurren war leise, tief, dröhnte durch die Matratze und die Verbindung gleichermaßen. „Sie wird aufwachen und sehen, dass wir ihr keine Schuld geben. Dass … dass wir für sie kämpfen. Dass sie uns gehört und nichts sie uns nehmen wird.“ Lyons Blick wurde etwas weicher, auch wenn die Schärfe nie verschwand. „Wir sorgen dafür“, sagte er. Und in der Stille des Raumes, mit Charise schlafend und zerbrechlich im Auge des Sturms, den sie in ihr Leben gebracht hatte, saßen die drei Alphas in angespannter Wacht – Plan, Verbindung und Versprechen um sie geschlungen wie ein Schild. Die Nacht dehnte sich lang. Jeder Schattenflackern, jedes leise Knarren des Anwesens flüsterte potenzielle Bedrohungen. Und doch waren sie zusammen unerschütterlich. Wochen später Das Anwesen hatte sich in einen Rhythmus eingefunden, der sich weniger wie Frieden anfühlte denn wie die Pause vor dem Krieg. Die Dämmerung schnitt dünn und kalt über die Trainingsplätze, tauchte alles in ein bleiches Licht, das den Frost wie Asche glitzern ließ. Pagans Atem bildete Nebel in der Luft, während er seine Fäuste wieder und wieder und wieder in den Übungspfosten trieb – jeder Schlag landete mit einem dumpfen, strafenden Aufprall, der das Holz weiter splittern ließ.
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