Kapitel 116

1235 Worte
Er hörte nicht auf, bis seine Knöchel aufplatzten. Er bemerkte das Blut erst, als es auf den Boden tropfte. „Pagan.“ Merricks Stimme drang vom Rand des Feldes herüber, ruhig und tief, aber fest genug, um den Nebel zu durchdringen. Er blickte nicht auf. „Fang nicht damit an“, murmelte Pagan, packte einen weiteren Pfosten und richtete ihn auf. Die Muskeln in seinen Schultern spannten sich, Schweiß durchnässte den Rücken seines Hemdes trotz der Kälte. „Ich wollte gar nicht“, sagte Merrick, trat näher, seine Stiefel knirschten über den Frost. „Du würdest mich sowieso ignorieren.“ Pagan grunzte, rammte seine Ferse in den Pfosten, um ihn festzuklemmen. „Warum bist du dann hier?“ Merrick atmete aus und beobachtete ihn einen Moment. „Weil du nicht schläfst. Weil die Späher Nachricht von der nördlichen Kammlinie gebracht haben – drei Dörfer wurden über Nacht angegriffen. Es fängt an, Pagan. Genau wie sie gesagt hat.“ Das ließ ihn innehalten. Der Pfosten kippte, schwankte, bevor er ihn auffing. Er blickte auf, den Kiefer angespannt. „Irgendwelche Überlebende?“ „Einige. Sie ziehen nach Süden. Wir haben sie jetzt unter Schutz.“ Merricks Ton blieb gleichmäßig, obwohl seine Augen mehr sagten. „Wer auch immer sie anführt, kennt unsere Patrouillenrouten. Sie testen uns.“ Pagan antwortete nicht sofort. Die Stille dehnte sich aus, unterbrochen nur von seinem Atem – gleichmäßig, erzwungen, die Art von Atem, die ein Mann benutzt, wenn er versucht, nichts kaputt zu machen. Er drehte sich um und nahm seine abgelegten Klingen vom Gestell, fuhr mit dem Daumen über eine Schneide. „Dann schlagen wir härter zurück.“ Merricks Blick glitt über den zerstörten Pfosten. „Das tust du bereits.“ Pagan ging nicht darauf ein. Er schnallte die Klinge an seinen Unterarm und sagte leise: „Wir hätten früher bereit sein sollen.“ Merrick trat nah genug heran, dass Pagan ihm in die Augen sehen musste. „Fang nicht an, das mit dir herumzutragen. Nichts davon lastet auf dir.“ „Tut es das nicht?“ Pagans Stimme klang rau und tief. „Wir sollten sie beschützen. Sie in Sicherheit halten. Und jetzt läuft sie hier herum und sieht aus, als würde sie die ganze Welt auf ihren Schultern tragen, während wir trainieren und planen und –“ Er unterbrach sich selbst und schüttelte den Kopf. „Und es reicht immer noch nicht.“ Merrick zuckte nicht zurück. Er hatte diesen Ton schon früher gehört – den, der direkt kam, bevor Pagan etwas Unüberlegtes tat. „Sie läuft wieder“, sagte er sanft. „Das ist deinetwegen.“ Pagan gab ein kurzes, humorloses Lachen von sich. „Denkst du, sie sieht mich so an, weil sie dankbar ist?“ Er blickte endlich hinauf zur Burg, wo das Sonnenlicht gerade begann, über die Fenster zu kriechen. „Sie hat Angst, Merrick. Und jedes Mal, wenn sie mich sieht, sieht sie, wie die Verbindung mit jedem Gramm meiner Wut aufflammt, die ich nicht –“ Er hielt sich erneut zurück, der Kiefer spannte sich an. „Lyon ist der Einzige, der in ihrer Nähe sein kann, ohne dass es schlimmer wird.“ Merricks Miene verdunkelte sich. „Lyon tut, was er kann, um ihre Magie stabil zu halten. Aber das heißt nicht, dass sie dich nicht braucht.“ „Tut sie nicht“, sagte Pagan diesmal leiser. „Sie braucht Frieden. Den kann ich ihr nicht geben.“ Einen Moment lang antwortete Merrick nicht. Dann, in einem Ton, der das Gewicht eines Befehls trug, sagte er: „Du solltest besser lernen, wie. Denn das hört nicht auf. Die Hexe – wer auch immer sie ist – drückt jede Nacht diese Woche gegen Lyons Schutzzauber. Er sagt, er kann sie spüren. Sie sucht wieder nach Charise.“ Das traf wie eine Klinge in die Brust. Pagans Puls schnellte in die Höhe, sein Wolf knurrte tief unter seiner Haut. „Wenn sie sie findet –“ „Das wird sie nicht“, schnitt Merrick scharf ein. „Nicht durch die Schutzzauber. Nicht, solange Lyon atmet.“ Pagan wandte sich ab, unfähig, ihn anzusehen, und konzentrierte sich stattdessen auf das Feld. „Ich verdopple die äußeren Patrouillen. Die Abtrünnigen könnten als Nächstes den westlichen Pass versuchen.“ „Ich habe bereits zwei Teams geschickt.“ Merricks Stimme wurde etwas weicher. „Pagan … geh zu ihr. Sie hat nach dir gefragt.“ Pagan erstarrte. Das Wort „gefragt“ löste etwas Enges und Schmerzhaftes in ihm aus. „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“ Merrick seufzte und rückte den Riemen seines Umhangs zurecht. „Wenn du dir das noch lange genug einredest, wird sie anfangen, es zu glauben.“ Danach ging er davon, seine Stiefel verhallten über dem gefrorenen Boden und ließen Pagan erneut allein im Halblicht zurück. Der Wind trug den Geruch von Rauch aus den Schmieden heran, Eisen und Kiefer und schwache Spuren von ihr – Charises Duft, der wie eine Erinnerung verweilte. Er zerrte an ihm. Er blickte noch einmal hinauf zur Burg, den Kiefer hart angespannt. Von hier aus konnte er beinahe ihr Fenster sehen, die schwache Bewegung darin – ihre Silhouette im Licht. Er wollte zu ihr gehen. Sein ganzer Körper schmerzte vor Verlangen danach. Aber stattdessen drehte er sich zurück zum Übungspfosten, die blutigen Hände ballten sich zu Fäusten. Und als er erneut zuschlug, war es nicht Holz, das er sich zerbrechen vorstellte. ** Das Anwesen hatte sich in den folgenden Wochen in einen seltsamen Rhythmus eingefunden. Die Patrouillenrotationen änderten sich täglich. Besprechungen zogen sich bis Mitternacht. Und irgendwo dazwischen begann Charise wieder zu laufen. Ihre ersten Schritte außerhalb ihres Zimmers hatten sich fremd angefühlt – als wäre die Luft selbst schwerer, sich ihrer bewusst. Die Flure waren an diesem Morgen still, und Sonnenlicht fiel gedämpft durch hohe Glasfenster, die über die weitläufigen Anlagen blickten. Jeder Atemzug, den sie nahm, trug den schwachen Beigeschmack von Regen und Zeder, jene Art von Duft, die an diesem Ort wie eine Erinnerung haftete. Sie war ohne nachzudenken zum Innenhof getrieben worden, mehr aus Gewohnheit als mit Absicht. Die steinerne Terrasse öffnete sich zu den Gärten – halb gepflegt, halb wild –, wo Efeu sich an den Rändern des Springbrunnens entlangrankte und die Winterrosen trotz der Kälte noch Farbe behielten. Es war ihre kleine Ecke der Stille geworden. In einen grauen Pullover gehüllt, der nicht ihr gehörte – einer, der immer noch schwach nach Pagans Zeder und Rauch roch –, saß sie am Rand des Springbrunnens und zog eine einzelne Welle über das Wasser. Der Wind spielte mit ihren Haaren und trug das leise Summen der Schutzzauber heran, die Lyon entlang der Grundstücksgrenze verstärkt hatte. Sie konnte sie jetzt in ihren Knochen spüren, wie einen zweiten Puls. „Du solltest immer noch ruhen.“ Lyons Stimme war glatt, jene sorgfältige Ruhe, die er immer trug, selbst wenn sein Gesicht von schlaflosen Nächten gezeichnet war. Sein helles Haar fing den matten Morgenglanz ein, silbrig umrahmt. Er hatte seine Jacke abgelegt – nur ein weißes Hemd, das bis zu den Unterarmen hochgekrempelt war, schwache Tinten- und Zaubermale unter der Haut sichtbar, Beweis der langen Stunden, die er gearbeitet hatte. „Ich ruhe mich aus“, sagte Charise, ohne aufzublicken. „Ich sitze.“ Lyons Lippen zuckten, als er sich zu ihr an den Rand des Springbrunnens setzte. „Das ist nicht dasselbe.“
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