Kapitel 21

1139 Worte
Der Innenhof roch nach Öl, Stahl und Winter. Frost überzog die Steine, dünn und glitzernd unter dem verblassenden Licht, während der letzte Teil ihres Konvois vorbereitet wurde. Motoren liefen im Leerlauf mit einem tiefen, stetigen Summen — ein Geräusch, das durch die Luft vibrierte, unruhig, wartend. Lyon stand ein paar Schritte vom führenden SUV entfernt, die Hände auf die Motorhaube gestützt, die Augen folgten der Linie des Horizonts jenseits der Anwesenmauern. Die Berge wurden vom Nebel verschluckt, schwere Wolken versprachen Schnee. Die Art von Wetter, bei der die Welt den Atem anhielt. Hinter ihm durchschnitt Pagans Stimme den Wind, scharf wie immer. „Sind wir bereit oder nicht? Wir könnten schon halb dort sein.“ Merrick blickte nicht einmal von dem Tablet in seiner Hand auf. Er überprüfte die Route erneut, ganz der Stratege. „Wenn du den Konvoi hätte fertig beladen lassen, bevor du wie ein eingesperrtes Tier auf und ab läufst, wären wir schneller unterwegs“, sagte er milde. Pagan knurrte — ein tiefes, ungeduldiges Geräusch, das das Echo seines Wolfs trug. „Wir verschwenden Tageslicht.“ Lyon drehte sich daraufhin um und musterte seine ‚Brüder‘. Pagan stand nahe der offenen Fahrzeugtür, groß und breitschultrig, jeder Zentimeter von ihm auf Bewegung ausgerichtet. Sein dunkles Haar war vom kalten Wind zerzaust, sein Kiefer angespannt. Merrick hingegen war eine Wand aus Kontrolle — schwarzer Mantel zugeknöpft, Haltung bewusst, Miene unergründlich bis auf die leichte Falte zwischen seinen Brauen. Es war immer so, bevor sie das Zuhause verließen — Pagan drängte vorwärts, Merrick bremste ihn, Lyon irgendwo dazwischen gefangen. „Die Abtrünnigen gehen in den nächsten fünf Minuten nirgendwohin“, sagte Lyon, die Stimme leise, aber tragend. „Lass sie die Kommunikationsausrüstung fertig sichern.“ Pagan warf ihm einen ausdruckslosen Blick zu. „Du spürst es nicht?“ Lyon zögerte. Sein Wolf spürte es — einen Puls am Rand seiner Sinne, das ferne Summen von etwas Falschem. Die Luft war in letzter Zeit dicker gewesen, belastet mit Spannung, sogar jenseits ihrer Grenzen. Aber er würde Pagans Feuer nicht weiter anfachen. „Was ich spüre“, sagte er schließlich und begegnete dem Blick seines Bruders, „ist, dass, wenn wir in Wintercrest halb-wild auftauchen, Alpha Darius das als Schwäche auffassen wird.“ Das brachte ihm ein kurzes, bellendes Lachen von Merrick ein. „Er hat nicht unrecht.“ Lyon lehnte sich gegen den SUV zurück, sein Blick wanderte zu den Türmen des Anwesens hinauf. Wachen waren entlang der oberen Wehrgänge postiert, Gewehre geschultert, Atem kondensierte in der Kälte. Unten bewegten sich Rudelmitglieder schnell durch den Innenhof — Soldaten, Späher, Techniker, alle effizient und still. Alles am Lunaris-Rudel war geordnet. Struktur. Einheit. Und doch spürte Lyon unter allem ein subtileres Beben — etwas, das sich unter der Oberfläche verschob. Er blickte zu Merrick, als sein Bruder das Tablet schloss und dem Wachhauptmann ein scharfes Nicken gab. „Wir fahren die Nacht durch“, sagte Merrick. „Wir erreichen die Grenze von Wintercrest bis morgen Mittag. Wenn Darius klug ist, wird er uns auf neutralem Boden treffen, bevor wir in sein Territorium eindringen.“ Pagan schnaubte. „Klug ist nicht das Wort, das ich für ihn benutzen würde.“ Lyons Blick verweilte auf der untergehenden Sonne, der Horizont verblasste in Kupfer und Grau. „Vorsichtig vielleicht“, sagte er leise. „Aber etwas hat seine Grenzen aufgewühlt. Die Berichte, die wir in den letzten Wochen bekommen haben — er verliert die Kontrolle über seine Abtrünnigen.“ Merricks Miene spannte sich an, das kurze Aufflackern von Unruhe war kaum sichtbar. „Er verliert mehr als die Kontrolle. Jede Nachricht, die ich von seinem Beta erhalten habe, stinkt nach Panik, die als Frieden getarnt ist. In diesem Rudel stimmt etwas nicht.“ „Oder jemand“, murmelte Pagan. Lyon antwortete nicht, doch die Worte setzten sich tief in seinem Bauch fest, wie eine Vorahnung. Sein Wolf regte sich unter seiner Haut, unruhig, die Luft um ihn herum wellte sich schwach mit zurückgehaltener Energie. Es war keine Angst. Es war etwas anderes — ein Sog, den er nicht benennen konnte. Er schloss die Augen für einen Herzschlag, stabilisierte sich und spürte das Summen des Rudels durch die Verbindung in seinem Geist. Tausende Wölfe, verbunden durch geteilten Instinkt, geteilten Zweck — doch sein Wolf drängte darüber hinaus, griff weiter, suchte nach etwas, das er nicht verstand. „Lyon?“ Merricks Stimme holte ihn zurück. Lyon blinzelte, stieß sich vom SUV ab und ging zur Beifahrerseite. „Mir geht’s gut“, sagte er und wischte den Moment beiseite. Merrick beobachtete ihn einen Moment länger als sonst — als hätte er die Veränderung bemerkt —, bevor er wieder zu den Fahrzeugen blickte. „Wir brechen auf.“ Pagan saß bereits hinter dem Lenkrad des führenden SUVs, das Grinsen scharf, der Motor heulte auf wie ein Knurren. Lyon stieg in das zweite Fahrzeug neben Merrick. Der Konvoi begann sich aufzustellen, Wachen schlugen Türen zu und nahmen Positionen ein. Die Luft vibrierte vor zurückgehaltener Bewegung, die Ruhe eines Raubtiers vor der Jagd. Als sie aus dem Tor des Innenhofs rollten, knarrten die massiven Eisentore auf — das Rudelwappen fing das letzte sterbende Licht ein. Lyon blickte einmal zurück, das Anwesen verschwand hinter ihnen, dann nach vorn auf die Strecke aus Wald und Schatten vor ihnen. Sein Wolf regte sich erneut, ein Puls in seinem Blut, uralt und sicher. Etwas wartete auf sie jenseits dieser Bäume. Er wusste nicht, was. Aber es rief. Motoren dröhnten lauter, Scheinwerfer schnitten durch die Dämmerung wie zwei Speere aus Licht. Die Lunaris-Alphas verließen die Sicherheit ihrer nördlichen Festung — unterwegs nach Wintercrest und dem Schicksal, das keiner von ihnen bisher verstand. Der Konvoi schnitt durch den Bergpass wie eine Linie aus bewegten Schatten. Scheinwerfer durchschnitten den Nebel, hell gegen die tintenschwarze Strecke, die sich zwischen endlosen Kiefern wand. Schnee trieb in trägen Flocken über den Asphalt, die Luft so kalt, dass sie silbern unter dem Mondlicht schimmerte. Vom zweiten SUV aus konnte Lyon die Rücklichter von Pagans Fahrzeug vor ihnen sehen — zwei brennende rote Augen in der Dunkelheit. Hinter ihnen folgte der Rest ihres Konvois: bewaffnete Wachen, Versorgungslaster, die Sanitätseinheit. Ihr Rudelwappen glänzte schwach auf jeder Fahrzeugtür, das Zeichen von Lunaris schwarz auf Stahl. Das Summen des Motors erfüllte die Stille, ein tiefer mechanischer Herzschlag. Neben ihm scrollte Merrick durch eine holografische Karte, die von seinem Handgelenk-Kommunikator projiziert wurde, die Augen huschten zwischen der Straße und dem Satellitenfeed hin und her. Seine Konzentration war präzise, abgemessen — typisch Merrick. Lyon stützte seinen Ellbogen gegen das Fenster, der Blick wanderte zwischen den vorbeifliegenden Bäumen hin und her. Der Wald war hier dicht — uralte Kiefern, die sich zur Straße neigten wie stille Zeugen. Ab und zu sammelte sich Nebel zwischen ihren Stämmen, formte sich zu schwachen, menschlichen Gestalten, bevor er sich wieder in nichts auflöste.
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