Der instabile Alpha
Alpha Klaus Reinhardt schlug mit der Faust gegen den Ratstisch, bevor er es überhaupt bemerkte.
Das Geräusch hallte wie eine Warnglocke durch den Flur. Alle erstarrten. Die Ältesten starrten ihn alle an, ihre Gesichter angespannt, die Lippen zusammengepresst, regungslos.
Nur das flackernde Fackellicht spiegelte sich in ihren kalten, berechnenden Augen.
"Du bist zu aggressiv", sagte Ältester Matthias ruhig, fast lächelnd. "Zu unberechenbar. Zu... unberechenbar."
Klauss Kiefer spannte sich an. "Ich bin jung, ja, aber ich bin jetzt der Alpha. Das Blut meines Vaters, des ehemaligen Alphas, floss in meinen Adern, und deshalb verdiene ich Respekt", sagte er mit tiefer, fester und gefährlicher Stimme.
"Du sprichst, als wüsstest du, welches Gewicht ich trage", sagte Klaus im gleichen Ton. "Ich habe mein Rudel in jedem Gefecht geführt. Ich habe jeden Wolf in diesem Raum beschützt. Und doch nennst du mich instabil?"
Matthias lehnte sich in seinem Stuhl zurück, ruhig wie Stein. "Stabilität bedeutet nicht gewonnene Schlachten, Alpha Reinhardt. Stabilität bedeutet Gleichgewicht. Kontrolle. Führung. Und Führung erfordert eine Luna."
Klauss Hand zuckte an seiner Seite. Das Wort brannte in ihm wie Säure. Luna. Er hatte nie um eine Luna gebeten. Er brauchte keinen. Sein Vater, der verstorbene Alpha, ist erst vor ein paar Monaten gestorben, und doch hatte der Rat schon lange vor dem Gedanken beschlossen, dass kein Alpha ohne Luna stark sein konnte.
Dass eine Luna den Wolf temperieren, das Biest kontrollieren und den Alpha vervollständigen würde.
"Ich brauche keine Luna", sagte Klaus, seine Stimme jetzt schärfer. "Ich brauche niemanden, der mich temperiert. Mein Wolf gehört mir, und ich kontrolliere ihn, und ich habe meinen Partner noch nicht gefunden."
Ältester Matthias' Lächeln wurde breiter. Ein Schlangenlächeln. "Du kontrollierst es, ja? Warum sehen wir dann, dass du bei kleineren Streitigkeiten fast den Verstand verlierst? Warum flüstert das Rudel von deinem Temperament? Warum hören wir von Gefechten, die fast im Chaos enden?"
"Du hast letzte Woche fast einem Krieger die Kehle aufgerissen", sagte Matthias ruhig.
"Er hat meine Autorität infrage gestellt, und jeder, der das tut, wird denselben Glauben treffen." sagte Klaus kalt.
Klauss Zähne knirschten aufeinander. Er spürte den Wolf unter seiner Haut, das Knurren baute sich auf, heiß und schwer in seiner Brust. Seine Krallen juckten. Seine Nägel strichen über den Tisch.
Jeder Instinkt in ihm schrie danach, auszurasten. Aber er tat es nicht. Noch nicht. Er konnte nicht, nicht jetzt, er wollte ihnen keine weiteren Gründe geben, seine Autorität zu hinterfragen, er hatte bereits vermutet, dass einer von ihnen am Tod seines Vaters beteiligt war, und bis er es herausgefunden hat, muss er ruhig bleiben.
"Du kannst nicht ohne Luna führen,"
"Wenn du deinen Wolf nicht kontrollieren kannst, kannst du dieses Rudel nicht kontrollieren."
fuhr Matthias fort. "Und du kannst nicht gegen die Traditionen deines Rudels argumentieren.
Die Mondgöttin hat uns gezeigt, dass Helena Blutrosedeine Gefährtin sein soll. Das Schreinritual bestätigt es. Nimm es an, Alpha Reinhardt, und sichere deinen Platz."
Helena. Ihr Name schwirrte wie Feuer in seinem Kopf. Helena Blutrose. Schön, darauf trainiert, Luna zu sein, die perfekte politische Partie. Die Tochter eines mächtigen verbündeten Alphas.
Jeder Älteste hatte ihren Namen geflüstert, als wäre er heilig, als wäre es unvermeidlich.
Klauss Faust ballte sich erneut, diesmal ohne nachzudenken.
Der Tisch bebte. Alle zuckten zusammen. Die Fackeln flackerten. Die Luft im Flur schien sich zu engen. Sein Wolf regte sich heftig, spürte Gefahr, spürte Druck, spürte die Lüge, die die Ältesten ihm aufzwingen wollten.
"Sie kann nicht meine Gefährtin sein, ich spüre die Verbindung nicht", sagte Klaus, jedes Wort leise, bedacht. "Ich fühle es nicht bei Helena. Hast du keine Angst, dass die Wahl des falschen Gefährten die Tradition zerstören und zerstören könnte? Das Rudel. Und alle?"
murmelte der Rat. Manche schockiert, andere genervt. Die Gesichter der Ältesten verdunkelten sich. Matthias' Lächeln schwankte.
"Sie ist nicht die falsche Wahl, Alpha. Wir werden nicht zulassen, dass der Alpha von Silberkamm aus Gefühlen statt aus Pflicht handelt." sagte Matthias. Seine Stimme hallte durch den Flur.
"Du vergisst, was es heißt zu führen. Du vergisst das eigentliche Fundament dieses Rudels. Macht ist nichts ohne Gleichgewicht. Stärke ist nichts ohne Kontrolle. Eine Bindung zu einer Luna geht nicht ums Fühlen, Alpha Reinhardt. Es geht darum, seinen Wert zu beweisen. Deine Stärke. Deine Stabilität."
"Ich brauche deine Zustimmung nicht", sagte Klaus kalt. "Und ich lasse mich nicht zu einer Bindung mit jemandem zwingen, den ich nicht wähle. Wenn die Mondgöttin sie als meine Gefährtin gewählt hat, dann muss sie mir das Gefährtenband spüren lassen."
Eine lange Stille legte sich. Die Ältesten beugten sich vor, ihre Finger trommelten auf das schwere Holz des Ratstisches. Sie flüsterten miteinander. Klaus hielt seinen Blick auf Matthias gerichtet, blinzelte nie, sah nie weg.
Schließlich lehnte sich Matthias zurück, die Hände gefaltet. "Sehr gut", sagte er langsam. "Wenn du Helena nicht akzeptierst, werden wir die Stärke deiner Wahl testen. Wir werden ein Schreinritual abhalten. Die Mondgöttin wird urteilen. Und wenn sie euch nicht beide markiert, dann ist es vielleicht an der Zeit, dass wir überlegen... andere Optionen."
Der Raum spannte sich an. Andere Optionen. Klauss Kiefer spannte sich an. Er wusste genau, was Matthias meinte. Ein vom Rat genehmigtes Luna könnte aufgezwungen werden, oder schlimmer noch, seine Führung in Frage gestellt werden. Sein Vater hatte ihn vor solchen Räten gewarnt.
Über Älteste, die Macht in Flüstern und Schatten ausübten.
Klaus erhob sich von seinem Stuhl. Der Raum fühlte sich plötzlich kleiner an, die Fackeln zu hell, die Luft zu schwer. Er spürte das Gewicht jedes Blicks auf sich. Einige sahen ihn zweifelnd an. Manche mit Angst. Manche aus Neugier.
Er richtete seinen Blick auf die Flurtüren und spürte eine Bewegung direkt draußen. Ein sanftes Rühren, ein Flüstern von etwas anderem. Er wusste es noch nicht, aber etwas im Silberkamm-Gebiet stand kurz davor, sich zu verändern.
"Bereitet den Schrein vor", sagte Matthias, seine Stimme scharf und durchbrach die Spannung. "Wir werden sehen, ob die Mondgöttin den Alpha bevorzugt oder ob sein Widerstand diesem Rudel den Untergang bringt."
Klauss Hände ballten sich zu Fäusten. Er spürte, wie der Wolf in ihm vor Energie vibrierte, bereit zu schnappen, bereit zuzuschlagen. Er brauchte keine Luna. Noch nicht. Nicht jemand, den sie ihm aufzwingen würden.
Er hatte Angriffe auf seine Grenzen und Verrat im Schatten überlebt. Er könnte das auch überleben.
Und doch schlich sich zum ersten Mal in seinem Leben ein Samen des Zweifels ein.
Was, wenn sie recht hatten? Was, wenn das Fehlen einer Luna ihn tatsächlich schwächer machte? Was, wenn die Ablehnung von Helena nicht nur seine Position, sondern auch die Sicherheit jedes Wolfes in seinem Revier gefährdete?
Er schüttelte den Gedanken ab. Er durfte nicht zulassen, dass Schwäche sich einschlich. Nicht jetzt. Niemals.
Klaus wandte seinen Blick wieder dem Rat zu. "Wenn die Mondgöttin urteilen soll", sagte er mit leiser und gefährlicher Stimme, "dann lass sie. Ich werde nicht knien. Ich werde mich nicht einer Partnerbindung unterwerfen, die ich nicht gefühlt habe. Und ich werde dieses Rudel weiterhin führen, bis ich meinen einen wahren Gefährten finde. Dieses Rudel wird nicht fallen, weil die Ältesten die Wahrheit der Stärke nicht sehen können."
Matthias' Lächeln wurde breiter, fast zufrieden. "Sehr gut", sagte er. "Bereitet den Schrein vor. Das Ritual findet morgen im Alten Wolfsschrein statt.
Das Rudel wird es miterleben. Lass die Mondgöttin markieren, wen auserwählt wird – oder sie soll diejenigen verfluchen, die sich ihrem Willen widersetzen."
Ein Murmeln ging durch den Saal. Flüstern, angespannt und leise. Jeder Wolf spürte die Spannung. Jeder Wolf kannte die Geschichte des Schreins. Jeder Wolf wusste, dass es heilig war. Und jetzt würde es Klauss Stärke beurteilen.
Klaus lehnte sich zurück, aber sein Wolf beruhigte sich nicht. Es kreiste unter seiner Haut, angespannt, hungrig, unruhig. Er spürte die Blicke des Rates, des Rudels, der Geschichte selbst auf sich lasten.
Er spürte das Gewicht von Silberkamm auf seinen Schultern, schwerer als je zuvor.
Klaus wusste es noch nicht, aber das Gleichgewicht seines Rudels würde auf eine Weise herausgefordert werden, die niemand erwartet hatte.
Matthias beugte sich ein letztes Mal vor. "Ruhe dich heute Nacht aus, Alpha Reinhardt. Morgen wird die Mondgöttin entscheiden."
Klauss Zähne knirschten aufeinander. Ruhe dich aus. Schlaf. Frieden. Worte, die sich jetzt unmöglich anfühlten. Sein Geist raste mit Strategien, mit Fragen, mit Herausforderungen. Er brauchte niemanden. Er brauchte keine Luna.
Aber er konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass sich alles verändern würde.
Und als er in jener Nacht die Augen schloss, klang das Heulen des Windes draußen vor der Halle fast wie eine Warnung.
Ein Flüstern von Feuer, von Blut, von Macht – wartend.
Etwas kam. Und Klaus Reinhardt, der junge Alpha, würde sich dem stellen.
Morgen würde die Mondgöttin entscheiden.
Und Klaus Reinhardt hatte keine Ahnung, wie wenig Kontrolle er wirklich hatte.