"Die neue Lieferung wird voraussichtlich erst nächste Woche Donnerstag eintreffen.", berichtete mir mein Freund und rechte Hand Sergej, bei unserer wöchentlichen Besprechung.
"Sie sollte bereits am Freitag kommen. Wo liegt das Problem?", fragte ich mürrisch mit hochgezogener Augenbraue. "Der Transporteur wurde angehalten und wartet auf grünes Licht von der Behörde, um weiterfahren zu können. Entweder sie wollen fürs Durchwinken mehr Kohle, oder der Kurier wurde von einem Neuling festgehalten, der noch nicht versteht wie der Hase läuft.", antwortete Sergej.
"Ich erwarte die Lieferung freitags, keinen Tag später! Alles andere ist inakzeptabel. Bring das in Ordnung mein Freund!" Zeit ist Geld. Und ich hasste es, auf Grund von Unfähigkeit welches zu verlieren.
"Das wird kein all zu großes Problem sein. Wir werden ihnen sofort einen Besuch abstatten. Betrachte es als erledigt!" Trotz meiner strengen Führung, schätzten und respektierten mich meine Männer. Ich war hart aber fair. Erfolg wird einem nicht umsonst auf einem Silbertablett serviert. Es bedarf Konsequenz und Härte. Für ihre effiziente und oft blutige Arbeit wird jeder einzelne meiner Männer auch mehr als großzügig entlohnt. Geld hatte in unserem Geschäftsbereich noch nie eine Rolle gespielt, denn davon haben wir mehr erarbeitet, als wir ausgeben können.
"Gut." sagte ich, lehnte mich zurück und blätterte auf die nächste Seite der Agenda.
"Nächster Punkt. Wie entwickeln sich die Umsätze im neuen Club?"
"Knapp 780.000 Rubel mehr als im Vormonat." antwortet Sergej". "Akzeptabel, wenn man bedenkt, dass er erst seit zwei Monaten geöffnet ist", fügte ich hinzu.
"Was sollen wir mit den beiden Nutten aus dem "Red Lantern" machen, die Geld geklaut haben Boss?"
"Bring sie Popow zurück. Er soll sie für das Doppelte auslösen, wegen der Unannehmlichkeiten die wir mit seiner Ware hatten." antworte ich ohne jegliche Emotionen.
"Ich schicke Artur, um das zu erledigen. Alle anderen Clubs laufen wie üblich von selbst. Stabiler Umsatz.", berichte Sergej.
"Gut. Nächster Punkt.... Die Amerikaner wollen mehr Waffen. Die sollen sie bekommen. Nächste Woche wird ein Treffen stattfinden, um die Details zu besprechen. Ich will, dass du und Boris dabei seid und das Organisatorische im Auge hehaltet. Es soll wie immer alles reibungslos über die Bühne gehen.
"Geht klar Boss.", antwortete Sergej.
"Das wars von meiner Seite. Hast du noch etwas zu besprechen?", wollte ich von Sergej wissen. Dieser grinste blöd. Das tat er immer, wenn er etwas Dummes im Schilde führte. Ich wartete genervt, was es diesmal war und überflog nebenbei die Umsätze der anderen Clubs.
"Ja, auf jeden Fall solltest du einen Blick auf die neue amerikanische Aushilfslehrerin der Mittelschule werfen. Mein Cousin ist dort fürs Personal zuständig und hat mir, nett wie er ist, gleich ein Foto geschickt. Eine echt heisse Braut! Wären meine Lehrerinnen damals so scharf gewesen, hätte ich wohl freiwillig die Schulbank gedrückt."
"Das hätte dir mit Sicherheit nicht geschadet.", sagte ich ihm trocken, ohne von meinen Unterlagen aufzublicken.
"Ich habe dir das Foto extra groß ausgedruckt.", scherzte er mit einem Zwinkern. Als er mir die Mappe reichte, und ich in die Unterlagen blicke, blieb mir beim Anblick dieser Frau beinahe der Atem weg. Ihre Schönheit war unbeschreiblich. Große smaragtgrüne Augen sahen mich aus einem filigranen Gesicht an, welches ich noch nicht gesehen hatte. Mit ihrer kleinen Stupsnase wirkte sie konträrerweise frech. Lange braune Haare, umrandeten ihr Gesicht wie ein Gemälde. Bei Gott, ich kannte unzählige Frauen, aber ich hatte noch keine wie sie gesehen! Jeder Versuch ihre Schönheit zu beschreiben, würde ihrer nicht gerecht werden. Ich musste mich wieder sammeln, was mir nur schwer gelang.
Ich ließ mir nichts von meiner Überraschtheit anmerken, blätterte kurz weiter zu ihrer Bewerbung und ermahnte Sergej, sich besser auf das Wesentliche zu konzentrieren, wie zum Beispiel die gefährdete Freitagslieferung. Schwer schnaubend erhob er sich und ging langsam Richtung Tür meines Büros. Auch wenn Sergej sich oft kindsköpfig benahm, schätzte ich seine Loyalität und vertraute ihm blind. "Die Jungs und ich treffen sich später im 'Red Lantern'. Du solltest dir auch wieder mal ein wenig Spaß gönnen.", verabschiedete sich Sergej.
"Ich werde darüber nachdenken."
Als Sergej mein Büro verlassen hatte, sah ich mir ihr Foto erneut an.
'Emma Green', war in Großbuchstaben auf der Rückseite des Fotos geschrieben.