Emma - Der Abschied

916 Worte
"Emma bitte sei vorsichtig und pass gut auf dich auf. Ich habe kein gutes Gefühl, dich alleine reisen zu lassen!" "Mom bitte, ich bin schon fast siebenundzwanzig und weiß bereits länger, dass ich keine Süßigkeiten von Fremden annehmen soll.", scherzte ich und rollte mit den Augen. "Es sei denn, ein scharfer Fremder gibt sie dir, dann greif zu!", gab Tamy ihren Senf dazu, während wir in lautem Gelächter ausbrachen. Das war typisch Tamy. Ach, wie würde ich die beiden vermissen! "Letzter Aufruf für Flug M320 nach Moskau Gate sechzehn.", ertönte es erneut aus dem Flughafenlautsprecher. Ich zog beide ein letztes mal in eine feste Umarmung und verabschiedete mich mit Tränen in den Augen. "Ich melde mich sobald ich gelandet bin, versprochen! Ich liebe euch!", rief ich ihnen zu, und eilte Richtung Gate sechzehn. Während des Fluges war ich in Gedanken versunken und hoffte, dass in Moskau alles so war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ob meine neuen Kollegen und Schüler alle nett waren? Ich hoffte natürlich, dass ich leicht zurecht käme und vielleicht auch bald neue Freunde finden würde. Meine schlechten Russisch-Kenntnisse, könnten mir anfangs vielleicht ein wenig im Wege stehen, da ich die Sprache nicht beherrschte. Ich hatte in der Schule ein Jahr Russisch als Nebenfach, aber viel Wissen ist davon nicht hängengeblieben. Aber ich würde es bestimmt schnell lernen, da war ich mir sicher. Ausserdem war ich ja in der Schule als 'Native English Teacher' angestellt und nicht als Russisch-Lehrerin. Und auf englisch könne ich mich anfangs gut verständigen, versicherte mir der Direktor Mr. Ivanowitsch, da die meisten mit der Sprache gut betraut waren. Der Flug verlief ohne Komplikationen und ich hatte den Großteil davon sogar verschlafen. Nach der Landung verließen alle Passagiere das Flugzeug, während sich die Stewardessen verabschiedeten und uns einen angenehmen Aufenthalt wünschten. Ich wartete mit circa hundertfünfzig anderen Passagieren bei der Gepäcksausgabe, als sich das Fliesband endlich in Bewegung setzte und sich die ersten Koffer Richtung deren Besitzer bewegten. Es war ein ziemliches Durcheinander und ein hektisches Gedränge, denn jeder wollte seine Gepäckstücke so rasch als möglich zurückbekommen. Nach ein paar Minuten erspähte ich meinen riesigen und bestimmt zentnerschweren Koffer. Warum musste ich auch so viel einpacken? Da kam auch schon meiner angerollt. Ich griff nach dem schweren Koffer und zog ihn mühevoll vom Band. Als ich ihn am Boden abgestellt hatte und mich umdrehte um zum Ausgang zu gehen, stieß ich prompt mit jemanden zusammen. Ach herrje! "Warum so stürmisch junge Dame?", Kam mir direkt entgegen. Es war eine tiefe maskuline Stimme, mit einem starken russischen Akzent. Vom rauen Klang seiner Stimme zog es mir im selben Augenblick eine Gänsehaut auf. Und dieses Parfüm! Terres d'Hermes... Eindeutig, unverkennbar! Ich hatte damals neben meinem Studium in einem Parfumgeschäft gearbeiten und das war eines meiner liebsten Herren Parfums. "Bitte entschuldigen Sie.", entgegnete ich rasch. Ich ließ meinen Blick langsam nach oben schweifen und musste meinen Kopf sogar nach hinten legen, um ihn ansehen zu können, so groß war dieser Mann. Mein Herz blieb bei seinem Anblick beinahe stehen. Er war der attraktivste und zugleich furchteinflößendsten Mann, den ich jemals gesehen hatte. Seine schwarzen Augen hielten mich gefangen, fast so, als würden sie etwas suchen. Seine Gesichtszüge waren kantig und absolut maskulin. Sein Dreitagebart wirkte verrucht. Ich bekam auf der Stelle weiche Knie. Er war bestimmt schon Mitte, Ende dreißig und fast zwei Köpfe großer als ich. Trotz der dicken Lederjacke sah man, dass er muskulös war. Und waren das Tattoos an seinem Hals? Hilfe! Wer lässt sich denn seinen Hals tätowieren?! Seine äußere Erscheinung schrie förmlich nach Gefahr! Von so einem Mann hielt man sich besser fern, das wusste ich sofort. Der war von der üblen Sorte und fiel wohl in eine ganz neue Kategorie. 'Schöner Fremder, von dem man keinesfalls Süßigkeiten annehmen sollte. "Hast du dich verletzt?", fragte er mich plötzlich. "Ähm nein, es geht mir gut,... denke ich." Er schüchterte mich mit seinem Äußeren dermaßen ein, dass ich nochmals fast ängstlich flüsterte "Bitte entschuldigen Sie,... ich, ich habe nicht aufgepasst wo ich hinlaufe." Er fixierte mich mit seinen dunklen Augen, ließ mich keine Sekunde unbeobachtet, als er plötzlich fragte: "Sind sie sicher, dass es Ihnen gut geht? Ich helfe ihnen mit ihrem Gepäck. Ich möchte sicher sein, dass sie gut in Ihrer Unterkunft ankommen." Hilfe! Was hatte er vor? Seine Angebot hörte sich für mich keinesfalls hilfsbereit an, sondern löste vielmehr alle Alarmglocken aus und ich war mir sicher, dass er es bemerkte. Bei ihm verspürte ich den Drang wegzulaufen und mich zu verstecken! Ich dachte sofort an den Film 'Taken'. Beruhige dich Emma! Es waren bestimmt nur die Nerven, die aufgrund der Nervosität mit mir durchgingen. Ruhig Emma. Er hatte lediglich seine Hilfe angeboten. Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und sagte dennoch etwas unsicher: "Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ich schaffe das schon, vielen Dank." Gut gemacht Emma, ein ganzer Satz ohne zu stottern oder in Panik auszubrechen! Ich klopfe mir innerlich selbst auf die Schulter. "Ich muss dann auch noch wohin. Ähm ich meinte, ich muss los." Ich griff mir etwas zu hektisch meinen Koffer und eilte in Richtung Toiletten. Oh Gott wie peinlich! Hatte ich ihm grad ernsthaft durch die Blume gesagt, dass ich noch aufs Klo muss? Mir war so schnell keine bessere Ausrede eingefallen. Zum Glück musste ich diesen Mann nicht wieder sehen! Ich versteckte mich bestimmt zwanzig Minuten bei den Toiletten, bis ich mich beruhigt hatte und mir sicher war, dass der Russe über alle Berge war.
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN