2. Kapitel

2213 Worte
Ich und meine Familie hatten noch einen wunderschönen Abend, wie wir ihn lange nicht mehr gehabt hatten. Meine Mutter hatte kurz nachdem Jason und ich bei mir zu Hause ankamen, Jasons Familie auch noch gleich eingeladen, um mit uns zu essen. Nur konnte Jasons grosser Bruder Hektor mit nicht dabei sein. Er hatte ein ziemlich schlechtes Verhältnis zu seiner Familie. Warum wusste niemand von uns so genau. Er war auch fast nie zu Hause. Jedenfalls assen wir, redeten und lachten sehr viel, halt ohne Hektor, was ich schade fand, denn ich kannte Hektor eigentlich ziemlich gut leiden und ich mochte ihn auch. Wir hatten oft zusammen trainiert. Ich musste ihm aber versprechen es nicht seiner Familie und sonst auch niemandem zu erzählen.  Naja. Da Ashley die letzten Hungerspiele gewonnen hatte, wie ich schon erwähnt hatte, konnten wir uns ein richtiges Festmahl leisten. Wir redeten über alte Zeiten, zum Beispiel wie sich unsere Mütter kennengelernt hatten. Das war eine wirklich lustige Geschichte: Sie haben sich in der achten Klasse kennengelernt und mochten sich anfangs überhaupt nicht. Und das hatte damals nur einen einzigen Grund: Ein gewisser Junge namens Mason Kingston. Sie beide waren bis über beide Ohren in ihn verknallt, aber meine Mutter überliess ihn Jasons Mum. Aber nicht etwa, weil ihr ihre Freundschaft wichtiger gewesen war. Nein, nein! Weil sie einen anderen jungen Mann kennengelernt hatte. Meinen Vater.   Und Jasons Mum und Mason hatten sich dann wirklich gefunden. Jedenfalls waren sie noch heute sehr glücklich miteinander. Und bevor irgendwelche Verwirrungen auftreten: Mason ist der Vater von Jason und Hektor. Ich wünschte mir im Moment nichts anderes auf der Welt, als mit Jason genau so glücklich zu werden und mit ihm eine eigene kleine Familie zu gründen. Doch könnte ich es nicht übers Herz bringen, meine Kinder an den Hungerspielen teilnehmen zu lassen. Nach dem Essen kuschelten Jason und ich noch ein wenig auf meinem Bett, als es plötzlich an meiner Zimmertür klopfte und Jasons Mum, nach einen kurzen „Herein!" meinerseits, den Kopf in mein Zimmer streckte:„ Ach du meine Güte seid ihr zwei süss zusammen!", lächelte sie,„ Ich wollte eigentlich nur sagen, dass ich und dein Vater nun nach Hause gehen. Aber wenn du willst, Jasi, kannst du auch hier bei Lucy übernachten." „Danke Mum das würde ich wirklich sehr gerne. Ich brauche sie jetzt gerade besonders." Bei seiner zweiten Aussage sah er mir verliebt in die Augen. Seine Mum nickte und verliess mein Zimmer mit einem weichen aber auch leicht traurigen Blick. „Hast du Angst?", fragte er mich besorgt. Ich gab ein leichtes Nicken von mir. „Keine Sorge, Kleines. Das wird schon gut gehen." „Das hoffe ich Jase. Das hoffe ich....", grummelte ich müde, bevor ich in einen ruhigen traumlosen Schlaf fiel. Tag der Ernte   Langsam öffnete ich meine Augen. Ich spürte einen Arm, der sich beschützend um meine Taille gelegt hatte. Ich schaute auf die Seite und dann direkt in zwei wunderschöne braune Augen. „Morgen Prinzessin", raunte Jason mir ins Ohr. „Morgen", lächelte ich etwas gequält. Schliesslich war heute der Tag der Ernte. „Hast du gut geschlafen, Lu?" „Viel besser als wenn ich alleine gewesen wäre", antwortete ich wahrheitsgemäss,„ Lass uns aufstehen. Wir müssen uns noch für die Ernte fertig machen." Jason zog mich an sich und drückte mir einen federleichten Kuss auf die Lippen, der wieder einmal alle Schmetterlinge in meinem Bauch aus ihren Verstecken holte.   Nachdem wir uns schweren Herzens wieder von einander gelöst hatten, standen wir auf und gingen runter zum Rest meiner Familie. „Ach du liebe Güte! Der Junge hat doch nicht etwa bei dir in deinem Bett übernachtet?!" „Dir auch einen wunderschönen guten Morgen, Oma!" „Lucy Ocean! Ich habe dir eine Frage gestellt! Hättest du das zu meiner Zeit getan, dann wärst du jetzt beim ganzen Distrikt unten durch. Denn so etwas nennt man Unzucht!  Ich seufzte. „ Ach, Oma! 1. Ja er hat bei mir übernachtet. 2. Wir sind nicht in deiner Zeit und 3. Ist ja nichts Weiteres dabei passiert." „Also ich geh dann mal. Wir sehen uns dann gleich später, ja?", mischte sich nun Jason mit ein. „Ja klar ist gut. Tschüss bis später", gab ich leicht traurig zurück.  Jason zog mich an sich und drückte mir noch einen kurzen Kuss auf die Stirn. Dann ging er zur Tür.  „Willst du denn gar nichts frühstücken, mein Junge?", rief jetzt auch noch meine Mutter aus der Küche. „Nein, vielen Dank! Machen Sie sich nicht die Mühe, Annabell. Ich esse zu Hause noch eine Kleinigkeit. Bis später!" Und schon war er weg. „Willst du etwas essen, Schatz? Ashley, Megan und Oma Tilde haben bereits." „Nein danke, Mum, ich habe keinen Appetit. Wo sind Ash und Megie?" „Lucy, du musst doch etwas essen! Ashley und Megan sind in ihren Zimmern und machen sich fertig für die Ernte. Das solltest du übrigens auch machen." Mit einem Nicken verschwand ich wieder nach oben in mein Zimmer. Zurzeit lebten wir noch im Dorf der Sieger, da wir das Kapitol überreden konnten ein Jahr zu Ashley zu ziehen, bis sie sich wieder etwas erholt hatte. Sie war ja bereits älter als 18 Jahre alt und deshalb durften wir eigentlich nicht bei ihr leben. Nach diesen Spielen mussten wir aber sowieso wieder ausziehen. Leider.   Ich ging in mein eigenes Badezimmer und entkleidete mich, um kurz darauf unter die Dusche zu stehen. Ich shampoonierte meine roten Haare und wusch allen Dreck von meinem Körper. Danach trocknete ich mich ab und föhnte meine Haare. Fehlte nur noch mein Erntekleid. Es war genau das Selbe, was ich auch letztes Jahr schon anhatte. Es war ein knielanges grünes Kleid. Unten am Saum des Kleides, war es mit kleinen dunkelgrünen Rüschen dekoriert und um die Taille hatte es eine wunderschöne Schleife. Das Kleid betonte meine rote Haarpracht und ich fand, dass ich darin sehr hübsch aussah.  Meine Haare liess ich einfach in unordentlichen Wellen über meine Schultern fallen und dann schlüpfte ich noch kurz in meine schwarzen Bellerinas. Fertig. Unten wurde ich schon von den anderen vier erwartet und schon konnten wir los zum Justizgebäude, wo die Auslosung stattfand.  Ich nahm Megan an der Hand und führte sie zu den Tischen, wo man uns Blut abnahm, und stellte mich mit ihr zusammen an. Mum und Oma mussten von woanders die Ernte mitverfolgen und Ashley musste zu den anderen Siegern. Sie war dieses Jahr schliesslich Mentorin von den diesjährigen Tributen aus Distrikt 6. Nachdem Megie und mir Blut abgenommen wurde, mussten wir uns trennen, damit sich Megie zu den Mädchen ihrer Altersklasse stellen konnte und ich zu den Mädchen meiner Altersklasse. In den ganzen Getümmel versuchte ich Jason zu finden, der sich bei den 15-jährigen Jungs hingestellt hatte. Als ich ihn schliesslich erblickte, schien er auch gerade nach mir zu suchen, denn sein Blick hellte sich schlagartig auf, als er mich entdeckte. Er lächelte mir aufmunternd zu und formte mit seinem Mund die Worte: „ Es wird alles gut gehen und möge das Glück mit dir sein!" In diesem Moment stöckelte Sephie in ihren viel zu hohen High Heels auf die provisorische Bühne. „Herzlich Willkommen zu den alljährlichen Hungerspielen! Bevor wir aber unsere Tribute auslosen werden, sehen wir uns noch den üblichen kleinen Film an." Und schon begann er, wie jedes Jahr. "Krieg... Ein schrecklicher Krieg erschütterte das Land Panem..."  Von wegen, dass das Kapitol friedlich über die dreizehn Distrikte herrschte, diese aber plötzlich rebellierten und dem Aufstand übten. Das Kapitol hatte zwölf Distrikte besiegt und einen vernichtet. Um solch eine Rebellion zu verhindern, führte das Kapitol die Hungerspiele ein, bei denen ein mutiger junger Mann und eine mutige junge Frau ausgewählt wurden, um für ihr Überleben zu kämpfen. Den Sieger erwartete grosser Ruhm... Bla, bla, bla. Ich hörte gar nicht mehr richtig zu. Ich war zu sehr damit beschäftig, zu beten, damit niemand gezogen wurde, den ich kannte. Aber das Risiko war nicht besonders gross, da ich nicht wirklich Freunde in meinem Alter hatte. Ich war eher mit den älteren Leuten in diesem Distrikt befreundet. Die hörten mir immer so freundlich zu und hatten immer eine gute Geschichte auf Lager, zum Beispiel, wie das Land Panem vor dem Krieg so war. Nach ihren Erzählungen war es wundervoll. Eine Welt in der ich gerne aufgewachsen wäre. Aber dem ist nicht so. Ich war im Distrikt 6 aufgewachsen und stand gerade bei der Ernte. 'So ein Quatsch! Von wegen, die Spiele dienen dem Erhalt des Friedens, pha! Dass ich nicht lache!', dachte ich mir nur.   „Wie ich diesen Film liebe!", kommentierte plötzlich Sephie.  'Schön und wir alle hier hassen ihn!', fügte ich in Gedanken noch hinzu. „Aber kommen wir zum spannenden Teil. Wie immer, Ladies first!" Sephie stöckelte zu der Glaskugel mit den Zetteln, auf denen die Namen der Mädchen standen. Sie machte es genau so möchtegern-spannend wie immer. Es dauerte wieder eine Ewigkeit, bis sie sich endlich für einen Zettel entscheiden konnte, ihn packte und zurück zum Mikrofon lief. Sie öffnete den Zettel: „Oh welch eine Überraschung! Unsere diesjährige Tributin, die Distrikt 6 vertreten wird ist... Megan Ocean! Schon wieder eine Ocean und das auch gleich das zweite Mal in Folge! Wie aufregend! Wo bist du denn Schätzchen?" 'Megan... Ocean... Moment! Das ist meine Megie! Nein! Bitte nicht schon wieder eine meiner Schwestern! Das können sie mir doch nicht antun! Können sie mir wirklich alles nehmen, was ich liebe? Ganz offensichtlich schon.' Ich sah wie sich Megan etwa drei Reihen vor mir in Bewegung setzte und nach Vorne ging.  Konnte ich das wirklich zulassen? Nein, das konnte ich unmöglich! Ich stürzte ebenfalls nach Vorne und schrie: „Nein!... Megie!... Nein!" Ich wollte auf sie zu rennen, doch zwei Friedenswächter versperrten mir den Weg zu ihr. Dann schrie ich genau diese vier Wörter, die man hier im Distrikt nur äusserst selten zu hören bekommt. Vor allem von einer 13-jährigen.   „Ich melde mich freiwillig!"   Jetzt war es raus.   Ich konnte nichts mehr daran ändern. Ich konnte fast hören, wie alle scharf die Luft einsogen und den Atem anhielten. Ich konnte sie verstehen, schliesslich hatte sich letztes Jahr Ashley für mich freiwillig gemeldet und jetzt tat ich das Selbe für Megan. Ich drückte mich an den Friedenswächtern vorbei und rannte auf meine kleine Megie zu, die total geschockt und verstört da stand.  „Megie, geh und such Mum und Oma. Ich komme hier schon zurecht." „Nein! Vergiss es, ich lass dich nicht gehen! Nein!" Ein Friedenswächter zerrte sie von mir, um sie an den Rand zu stellen. Laut schreiend versuchte sich Megie erfolglos zu wehren und es zerriss mir das Herz, sie so zu sehen. „Ich nehme an, dass Distrikt 6 schon wieder eine Freiwillige aus der reizenden Ocean Familie hat!", rief Sephie freudig mit ihrem schrecklichen Kapitolsakzent, „Na komm zu mir auf die Bühne, Kleines." Langsam setzte ich mich in Bewegung Richtung Bühne. Vorsichtig stieg ich die Treppe hoch, wo mich Sephie schon ungeduldig erwartete, um mich gleich zum Mikrofon zu schieben.  „Wie heisst du denn, Liebes? Du bist ziemlich sicher die Schwester von Megan und Ahley, nicht?" Ich nickte. „Mein Name ist Lucy Ocean." „Aber du bist doch das Mädchen, das letztes Jahr schon gezogen wurde, habe ich Recht?" Wieder nickte ich und starrte einfach nur in die Ferne.  'Ich muss in die Spiele.' „Wie aufregend! Dann kommen wir nun zu unserem männlichen Tribut", verkündete Sephie erfreut und lief zu der Glaskugel mit den Namen der Jungs. „Unser männlicher Tribut, der Distrikt 6 bei den 73. Hungerspiele vertritt ist... Jason Kingston!"   Mein Herz blieb schon wieder stehen und jegliche Farbe wich aus meinem Gesicht. Jason? Mein Freund mit mir zusammen in den Hungerspielen? Und nur einer kommt da wieder lebend raus! Ich schrie. Meine Beine konnten mich nicht mehr tragen und ich fiel auf die Knie. Ich fing an bitterlich zu weinen.  Ein aufgeregtes Murmeln ging durch die Menge. Das Traum-Paar zusammen in den Spielen.  Ich hörte nichts mehr, nur vier bestimmte Worte, die meine Lage änderten.  „Ich melde mich freiwillig!" Ich sah auf, um sehen zu können, wer gerade sein Todesurteil, wie ich vorher, unterzeichnet hatte.  Als ich aufsah, stockte mir der Atem. Ziemlich genau an dieser stelle, wo ich mich freiwillig gemeldet hatte, stand Hektor und etwas weiter vorne Jason.  Hektor hatte sich wirklich für seinen Bruder freiwillig gemeldet, obwohl die beiden nicht das beste Verhältnis zu einander hatten.  Er eilte an seinem Bruder vorbei, die Treppe zur Bühne hoch, ignorierte dabei Sephie, kam zu mir, zog mich zurück auf die Beine und nahm mich in den Arm.  Sephie räusperte sich neben uns,„ Wie es aussieht hat Distrikt 6 dieses Jahr gleich zwei Freiwillige! Wie heisst du den mein Junge?"  „Hektor Kingston", antwortete Hektor kalt. „Meine Damen und Herren. Ich präsentiere euch die diesjährigen Tribute aus Distrikt 6. Einen grossen Applaus, bitte!" Einzelne klatschten in die Hände, aber die meisten waren wahrscheinlich noch zu geschockt, von dem, was gerade passiert war.  „Gebt euch die Hand", befahl Sephie Hektor und mir.  Wir gaben uns die Hand. In Hektors Blick lag Trauer, aber er versuchte mich aufmunternd anzusehen. Wie um mir zu sagen, dass alles gut werden würde.   Aber ich wusste, dass das nicht der Fall sein wird.
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