Wir wurden ins Justizgebäude geführt und jeder von uns in ein anderes kleines Zimmer gesteckt.
Ich musste nicht lange warten, und da kam auch schon meine Familie ins Zimmer gestürzt. Megan rannte sofort auf mich zu um mich ganz fest zu umarmen.
„Du darfst nicht gehen, Lu! Bitte!"
„Es tut mir wirklich aufrichtig Leid aber ich muss! Ich kann es nicht mehr ändern", sagte ich ihr traurig.
„Nein! Das lass ich nicht zu!", schrie sie.
„Du musst es zulassen. Ich komme ja blad wieder nach Hause. Ich gehe nur kurz Präsident Snow 'Hallo' sagen. Dann bin ich wieder da", versuchte ich meine kleine Schwester zu beruhigen mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen.
„Versprochen?"
„Versprochen!"
Ich schob Megan von mir, um noch kurz meine Mum und Oma Tilde zu umarmen.
„Ich schaff' das schon. Keine Sorge. Und ausserdem ist Ashley ja bei mir. Sie wird auf mich aufpassen und bestimmt wird sie alles tun, um mir in der Arena zu helfen, wenn es nötig ist."
Meiner Mum liefen die Tränen über die Wangen, aber trotzdem versuchte sie stark zu bleiben und nickte.
„Ja das schaffst du, meine kleine Enkeltochter! Du hast das Potenzial dazu. Wir erwarten dich in wenigen Wochen wieder hier. Hast du mich verstanden?", mischte sich meine liebevolle Grossmutter ein. Ich nickte, sogar etwas belustigt.
In dem Moment kamen zwei Friedenswächter herein und schleiften meine überallesgeliebte Familie hinaus und weg von mir.
„Ich werde gewinnen! Ich verspreche es!"
Und schon wurde die Tür zugeschlagen. Im nächsten Moment ging sie aber wieder auf und Jason kam hereingestürmt. Er nahm mich in den Arm und drückte mir einen schnellen Kuss auf die Stirn.
„Du kannst das gewinnen! Mit der richtigen Strategie ist das ganz einfach für dich. Dafür haben wir doch jeden Tag trainiert", redete Jason drauf los. Mir liefen Tränen über die Wangen und ich schüttelte den Kopf.
„Nein, Jason, ich kann das nicht gewinnen! Ich habe nicht den Hauch einer Chance. Ich meine, sie mich an! Ich bin ein kleines 13-jähriges Mädchen, das niemand in der Arena auch nur ansatzweise ernst nehmen wird."
„Nutze genau das zu deinem Vorteil! Du kannst kämpfen und was weiss ich noch alles. Und ausserdem glaubt der ganze Distrikt an dich. ICH glaube an dich!"
„Hast du dich schon von Hektor verabschiedet?", wechselte ich schnell das Thema. Ich wusste, das ich das nicht schaffen kann. Ich habe mir zwar immer eingeredet, dass das ein Kinderspiel für mich sein würde, aber meine Schwester hatte sie auch nur knapp überleben können und sie war damals 18!
Jason schüttelte den Kopf.
„Was?! Jason! Das bist du ihm verdammt noch einmal schuldig! Ich meine er hat sich für dich freiwillig gemeldet! Er hat es für uns beide getan. Damit wir noch eine klitzekleine Chance haben könnten, um zusammen glücklich zu werden."
Er überlegte ganz kurz.
„Du hast Recht! Ich muss mich sofort verabschieden, bevor es zu spät ist!" Jason zog mich an sich und drückte mir ein letztes Mal seine wundervollen weichen Lippen auf meine.
„Du schaffst das, Lucy. Ich weiss es!" Mit diesen Worten verliess er den Raum.
Ich soll es zu meinem Vorteil nutzen, dass mich in der Arena niemand ernst nehmen wird? Wie, bitte schön, sollte ich das genau machen?!
Doch da kam mir die rettende Idee. Ein Geistesblitz, konnte man sagen.
Ja, von da an wusste ich, was zu tun war.
Keine Minute später kam ein Friedenswächter in den Raum und orderte mich dazu an ihm zu folgen, was ich natürlich auch tat, auch wenn ich ihn am liebsten angeschrien hätte. Aber ich wollte ja nicht noch mehr Ärger bekommen und wenn ich hier jetzt einen Aufstand gemacht hätte, dann wären die auf den Rest meiner Familie losgegangen, da sie mich nicht noch mehr bestrafen konnten.
Im Korridor des Justizgebäudes traf ich dann auf Hektor und Sephie, die jetzt wohl oder übel unsere Betreuerin war.
„Wo ist Ashley?", fragte ich sofort, nachdem ich die beiden erreicht hatte.
„Die Sieger sind bereits im Zug und erwarten euch, um euch kennenzulernen und um euch lebensrettende Tipps zu geben, meine Kleine", antwortete mir Sephie. Wie ich diesen Kapitolsakzent verabscheue! Auch Hektor verzog ein bisschen das Gesicht bei ihrer piepsigen Aussprache.
„Na dann, lasst uns von diesem stinkigen Distrikt Abschied nehmen und ins Glänzende Kapitol gehen!", verkündete Sephie voller Freude.
Sie lief voran nach Draussen zu einem kleinen Fahrzeug, das uns wahrscheinlich zum Zug brachte und Hektor und ich hinterher.
Von allen Seiten wünschte man uns Glück für die Spiele. Und genau das brauchten wir dringend.
Hektor, wusste ich vom Trainieren, konnte sehr gut mit Schwert und Speer umgehen. Mit einem Speer konnte ich herzlich wenig anfangen, denn ich konnte ihn nicht einmal richtig in der Hand halten.
Ich merkte erst ein paar Minuten später, dass wir bereits in diesem Fahrzeug sassen und die Umgebung des Distrikts an uns vorbei rauschte. Vielleicht sah ich meinen Heimatsdistrikt gerade das letzte Mal. Vielleicht war das heute mein letzter Tag hier in 6.
Das seltsame Gefährt hielt an und Sephie schubste uns schon fast raus, als wir plötzlich vor dem Zug standen. Ich sah in mir an und ich schaute nach drinnen, doch ich traute mich nicht wirklich einzusteigen. Ich hatte zu grossen Respekt davor. Klar, dieser Zug war mir nicht neu, schliesslich hatten ihn die Leute hier gebaut. Aber die Tatsache, dass er vom Kapitol "geschickt" wurde um uns hier abzuholen, bereitete mir ein flaues Gefühl in der Magengegend.
„Hallo?! Panem an Lucy Ocean, bitte melden!" Ich sah in Sephies leicht gestresstes Gesicht. „Wir wollen heute noch losfahren können, damit wir morgen im Kapitol ankommen!" „'schuldigung", nuschelte ich und stieg endlich in dieses Blechmonster von einem Zug ein.
Drinnen sah es unglaublich aus. Einfach nur 'Wow!'. Hektor war bereits vor mir in den Zug eingestiegen und machte sich bereits übers Essen her. Ich aber war noch zu sehr damit beschäftig meine neue Umgebung zu bestaunen. Im Speisepavillon, in welchem wir uns gerade befanden, hatte es einige Tische und dazu natürlich Stühle, dann hatte es auch eine kleine Sofaecke, die richtig gemütlich aussah. Alle Möbelstücke waren aus reinem Eichenholz und künstlerisch mit Gold dekoriert. Das Ganze hatte einen richtig majestätischen Touch. Und das Essensbuffet erstmals! Das war der absolute Oberhammer! Mir lief schon nur vom schauen das Wasser im Mund zusammen. Von kleinen frischen Brötchen bis hin zu kleinen Süssigkeiten war alles zu haben.
Ich setzte mich an einen Tisch direkt neben Hektor, der bereits genüsslich sein fünftes Bröttchen verdrückte. Ich schaute ihm zu bis plötzlich die automatische Schiebetür aufging und sechs Personen den Speisepavillon betraten.
Ich kannte nur zwei von ihnen und das waren Sephie und Ashley. Die anderen vier waren mir fremd. Unter ihnen waren ein etwas älterer Mann, der schon weisse Haare hatte und eine sehr hübsche Frau, die ungefähr im mittleren Alter zu sein schien. Sie hatte eine wundervolle braune Haarpracht mit niedlichen braunen Rehaugen. Sie sah sehr sympathisch aus. Dann war da noch ein Mann, der so um 50 Jahre alt war. Und er hatte... eine Augenklappe?! Ähm... Schräg? Ich hatte so das Gefühl, dass ich da noch dahinter kommen würde. Und der Letzte im Bunde war ein etwas jüngerer Mann, ich schätzte ihn so auf die 25 Jahre alt. Er war ein richtiger Schönling, konnte man sagen.
Ashley kam sofort auf mich zu und nahm mich in den Arm. Ja, genau das brauchte ich jetzt gerade. Ich erwiderte diese herzliche aber auch traurige Umarmung und drückte meine grosse Schwester an mich.
„Schon wieder eine Ocean! Das Kapitol wird es lieben! Schätzchen, du hast Glück. Deine Schwester wird nämlich vom Kapitol vergöttert und das heisst für dich, dass du bereits einen kleinen Familienvorteil haben wirst", erklärte Sephie völlig aus dem Häuschen.
„Sephie hat Recht. Obwohl ich das ja nur ungern zugebe. Wenn du jetzt auch noch so kämpfen kannst wie Ashley, so hast du das Ding bereits so gut wie in der Tasche", meldete sich die sympathische Brünette zu Wort.
Nutze es zu deinem Vorteil, nicht ernstgenommen zu werden.
Jasons Worte schwirrten mir im Kopf herum und meine selbstüberlegte Strategie ebenfalls.
„Tut mir sehr leid, aber ich kann nicht einmal annähernd irgendetwas. Sei es nun ein Feuer zu machen oder einen Speer zu werfen", startete ich meine Strategie.
„Aber...", meldete sich mein Mittribut.
Verdammt! Hektor hatte ich in meinem Plan überhaupt nicht mit eingedacht. Er wusste natürlich ganz genau, was für eine Kampfmaschine ich war. Wenn er denen jetzt die Wahrheit erzählte, so konnte ich meine brillante Strategie vergessen!
„Aber Hektor kann super gut mit Schwert und Speer umgehen!", versuchte ich das Ganze noch zu retten. Als sich jetzt alle zu Hektor umdrehten, um ihn zu fragen, wie gut er war, schaute er mit einem fragenden Blick zu mir. Er begriff zu Recht nicht, warum ich hier alle anlog. Ich formte mit meinem Mund nur das Wort 'Später'. Hektor verstand anscheinend und nickte mir zu.
Erst jetzt bemerkte ich, dass ich immer noch vier Personen hier im Raum nicht kannte. Deshalb fragte ich: „Sagt mal: Wer seid ihr eigentlich?"
„Ach, wie unhöflich von uns! Mein Name ist Alexis. Ich bin die Siegerin der 55. Hungerspiele", stellte sich die sympathische Brünette vor.
„Das hier ist der liebe Alfredo. Er ist der Sieger der 30. Hungerspiele", Alexis zeigte auf den etwas älteren Mann, welcher bereits weisse Haare hatte.
„Ich bin Markus. Der Sieger von den 41. Hungerspiele", stellte sich der Typ mit der Augenklappe vor.
„Was ist mit deinem Auge passiert?", fragte nun Hektor.
„Der Junge aus Distrikt 2 hatte es mir damals beim Finale ausgestochen. Und als Rache habe ich ihm mein Messer in den Bauch geschoben. HAHAHA", lachte Markus. Aber das war kein echtes Lachen. Mehr so ein verrücktes oder irres Lachen.
„Und wer bist du?", wechselte ich das Thema und nickte auf den Schönling.
„Mein Name, meine Liebe, ist Jake. Sieger der 64. Hungerspiele."
„Wie schön", gab ich leicht ironisch zurück.
Das schien Sephie überhaupt nicht zu gefallen. Jedenfalls, bevor sie mich zusammenstauchen konnte, schritt meine Schwester ein und schlug vor:„Lucy, Schatz, wieso gehst du nicht in dein Zimmer und duschst dich erstmal? Du hast einen langen Tag hinter dir. Wir können später noch etwas plaudern, ja?" Widerwillig nickte ich und machte mich auf den Weg in mein Zimmer.
Dort angekommen bestaunte ich es erst einmal ausgiebig. Es sah richtig aus wie ein Prinzessinnen-Schlafzimmer. Nur ohne den ganzen Kitsch. Und es war auch nichts pink. Es hatte ein wunderschönes Himmelbett mitten drin, das geradezu einlud, dass man sich hineinlegte. Gegenüber von dem Bett hatte es einen Fernseher, der richtig teuer aussah. Ich wettete, der war etwa zehn Mal teurer als der, den wir zu Hause stehen hatten.
Ich ging ins Badezimmer, und... oho! Das war der Hammer! Es war alles sehr hell gehalten, so wie eigentlich in den meisten Badezimmern. Es war aber nicht so grell und abweisend, dass wenn man es sah, gleich wieder weglaufen wollte. Nein, es war sogar sehr einladend. Und die Dusche erst!
Sofort entkleidete ich mich und sprang unter die Dusche. Aus Gewohnheit drückte ich auf einen grünen Knopf. Zu Hause war der grüne Knopf nämlich dafür da, die Dusche anzustellen und so kam einfach nur gewöhnliches warmes Wasser. Hier war es leider nicht so.
Sofort wurde ich von einen grünen Nebel und grünem Schaum umgeben. Ich machte die Augen zu, aus Angst, dass mir das Zeug in die Augen kommt.
Als ich davon überzeugt war, dass es aufgehört hatte, machte ich sie wieder auf, stieg aus der Dusche und was ich dann im Spiegel sah, liess mich zusammenzucken. Ich sah einen Zombie! Ach nein. Korrigiere. Ich sah mich in grüner Version! Ich schaute an mir herunter, um zu überprüfen, dass der Spiegel wirklich nicht kaputt war. Tatsächlich, ich war grün! Grün wie eine verdammte Gurke!
Sofort stieg ich wieder unter die Dusche und drückte dieses Mal auf einen gelben Knopf, weil ich es ganz logisch fand, dass dann so ein gelbes Shampoo kam, das meine Haut wieder normal werden liess. Doch falsch gedacht! Schon wieder!
Denn stattdessen kam eine gliberige Masse auf mich herab, die mir sofort die Sicht versperrte.
Sofort sprang ich aus der Dusche hervor, packte mir einen Bademantel und tapste blind zu meiner Zimmertür. Ich öffnete sie und versuchte den Weg zu Speisepavillon zu finden. Ich brauchte unbedingt Hilfe. Sonst erstickte ich noch an irgendetwas seltsamen, das hier aus der Dusche lief.
Ich hörte Stimmen und versuchte nur dem Klang von ihnen zu folgen. Ich hörte wie sich eine Tür öffnete und voilà, schon war ich wieder bei den anderen. Als ich den Pavillon betrat, wurde es schlagartig still.
„Äh... Hallo? Seid ihr noch da?", fragte ich leicht irritiert,„Ich könnte eventuell etwas Hilfe gebrauchen."
„Hahaha! Ou weiha! Ist das etwa Honig? Ich kann nicht mehr! Süsse, du bist der Brüller!" Das war 100%ig Jake!
„Ja ich brüll gleich, wenn mir jetzt nicht jemand aus diesem Schlamassel hilft!", schrie ich ihn an.
„Warte Schwesterherz, ich helfe dir", bot meine Schwester an und eilte zu mir,„Hast du dir deine Haut etwa grün gefärbt?"
„Denkst du das wollte ich?! Ich habe wie immer auf den grünen Knopf gedrückt und dann ist das passiert." Ich zeigte auf meinen grünen Arm.
Ich hörte schallendes Gelächter. „Sie hat auf den grünen Knopf gedrückt! GRÜN! Hahaha" Ich konnte dieses Gelächter niemandem zu ordnen, deshalb versuchte ich es einfach zu ignorieren.
„Also komm. Lass uns das abwaschen." Sogar meine Schwester fand das lustig! Ich hörte sie ganz genau schmunzeln! Naja eigentlich war es ja wirklich lustig und die Vorstellung, wie ich gerade aussah, so mit grüner Haut und voller Honig, ist schon sehr witzig. So musste auch ich lachen.
Ashley führte mich zurück in mein Zimmer und ich hörte noch wie sich Sephie furchtbar über die Schweinerei aufregte, die ich wahrscheinlich verursacht hatte.
Im Badezimmer angekommen, reichte mir meine Schwester ein Handtuch, damit ich mein Gesicht damit abwaschen konnte, um wenigstens etwas sehen zu können. So war es definitiv schon viel besser! Ich sah zu meiner Schwester die mich liebevoll, aber auch irgendwie gebrochen ansah.
„Na sieh es mal positiv: Jetzt hast du eine witzige Geschichte, die du Ceasar beim Interview erzählen kannst", witzelte sie.
„Hihi. Ja du hast Recht", lachte ich zurück.
Ashley zeigte mir bei der Dusche einen Knopf, der mich wieder saubermachen sollte und verschwand wieder aus dem Badezimmer.
Ich duschte mich erneut und... oh wunder! Ich wurde tatsächlich wieder sauber!
Nach dem vierten Duschgang dieses Tages zog ich mir ein bequemes Top und eine noch bequemere Hose an und band meine Haare zu einem lockeren Dutt.
Danach ging ich wieder in den Essenspavillon und war gespannt, was da für einen interessanten Abend auf mich zukommen würde.