Ich war die Erste, die schon bereit im Trainingsoutfit, meine rote Haarpracht in zwei zuckersüsse Zöpfchen zusammengebunden, am Frühstückstisch sass. Es grenzte an ein Wunder, dass ich einen so ruhigen Schlaf bekommen hatte. Schliesslich mussten wir eine Woche hier im Kapitol sein und uns auf die 73. Hungerspiele vorbereiten.
Mir graute es schon jetzt davor, in einer halben Stunde die anderen Tribute zu sehen, nicht nur weil ich auch die beiden aus Dustrikt 4 fragen musste, ob sie unsere Verbündete sein wollten, sondern auch, weil ich letztendlich die jüngste Tributin dieses Jahres war. Dieses Jahr nahmen sehr viele ältere Jugendliche an den Spielen teil, was aber nicht bedeutete, dass es für mich schwieriger werden könnte zu gewinnen.
„Ach wie schön, du bist schon wach! Ich wollte dich gerade aus den Federn holen. Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich dir, Liebes!", trällerte Sephie, als sie sich zu mir an den Tisch setzte. „Morgen", brummte ich ihr als Antwort.
Keine 5 Minuten später, waren alle anderen auch anwesend und assen genüsslich das leckere Frühstück. Hektor hatte sich auch bereits das Trainingsoutfit angezogen.
„Also", begann Ashley zu sprechen,„ihr zwei wisst ja schon was zu tun ist. Ihr müsst Deborah und Lucas aus Distrikt vier überzeugen, eure Verbündete zu sein. Am besten geht ihr einfach auf sie zu, stellt euch vor und verbringt etwas Zeit mit ihnen."
Ich und Hektor nickten, um zu zeigen, dass wir verstanden hatten.
Nach dem Frühstück scheuchte uns der alte Alfredo zum Aufzug, um in den Trainingsraum zu gelangen.
Unten angekommen stellten wir fest, dass wir nicht die letzten waren. Die Tribute aus den Distrikten 12, 11, 9, 5 und 4 fehlten noch.
Ich liess meinen Blick über die anderen schweifen. Sie alle trugen dasselbe Trainingsoutfit, einen schwarzen, enganliegenden Overall und an den Oberarmen und am Rücken stand der entsprechende Distrikt des Tributes.
Was mich aber sehr beunruhigte, waren die Karrieros, die die ganze Zeit über zu mir starrten und mich ansahen, als würden sie mich zerbrechen wie einen Streichholz.
'Na wartet! Ich bin nicht so schwach, wie ich vielleicht aussehe! Aber das werdet ihr ganz sicher noch früh genug erfahren.'
Ich spielte ihr kleines Spielchen mit und spielte so die Verängstigte und drückte mich an Hektor. Der bemerkte, meine (gespielte) Nervosität und blickte die Karrieros wütend an.
Wenn Blicke töten könnten!
Die Karrieros schienen nur mässig beeindruckt aber starrten mich wenigstens nicht mehr so unangenehm an.
Nach und nach trafen auch die anderen Tribute im Trainingsraum ein. Unter ihnen die beiden aus Distrikt 4. Als das Mädchen, ich glaubte sie hiess Deborah, zu mir sah, schenkte ich ihr sogar ein freundliches Lächeln.
Als wir vollzählig waren begann eine streng aussehende Frau zu reden:„Also Tribute! Ich werde euch jetzt erklären, wie ihr euch hier im Training zu benehmen habt! Bevor ich damit beginne, wollte ich noch einmal erwähnen, dass ihr hier jetzt eine Woche Zeit habt um euch Vorzubereiten. Immer Vormittags werdet ihr alle zusammen hier trainieren und Nachmittags werden die Einzelstunden sein, bei denen ihr mit euren Mentoren alleine Trainiert. Also: Das allerwichtigste im Training ist, dass es absolut verboten ist gegen andere Tribute zu kämpfen. Dazu habt ihr in der Arena noch genug Zeit. Wenn ihr eine Kampfart üben wollt, dann übt ihr mit den Angestellten hier. Verstanden?
Als zweites könnt ihr überall verschiedene Posten sehen, die euch lebenswichtige Tipps geben, das kann sein, wie man eine gute Falle baut oder auch wie man ein Schwert hält. Natürlich ist es so, dass ihr alle euch jetzt am liebsten auf die Kampfposten stürzen wollt um euch ein Schwert zu nehmen und Köpfe abschlagen. Doch ich rate euch die Überlebensposten nicht zu vernachlässigen. Denn die meisten von den Tributen sterben an natürlichen Ereignissen. 10% an Infektionen, 20% an Wassermangel. Was ihr trainiert ist eure Sache. Ich wünsche euch viel Erfolg!"
Wie ich mir bereits schon gedacht hatte, gingen die Karrieros direkt zu dem Kampfposten.
Die beiden Jungs, Alex und Tyler, nahmen sich sofort beide ein Schwert, während Seraphina, das Mädchen aus Distrikt 1, sich einen Bogen nahm und Dana schnappte sich die Wurfmesser.
Ich hatte keine l**t ihnen zuzusehen. Zum Einen weil ich nicht wissen wollte wie gut sie waren und zum Anderen, weil ich nicht wollte, dass sie denken sie machen mir Angst oder so was.
Deshalb hielt ich einfach nach Deborah und Lucas Ausschau. Als ich sie bei dem Posten entdeckte, wo ein kleiner Wald aufgebaut war, stiess ich Hektor, der den Karrieros abschätzende Blicke zuwarf, den Ellenbogen in die Seite. Als er zu mir herunter sah nickte ich in die Richtung des Waldes. Er verstand sofort und setzte sich in Bewegung. Ich hinterher.
Als wir bei ihnen ankamen, begann ich sofort ein Gespräch, nicht dass Hektor noch auf die Idee kam den Mund aufzumachen und irgend eine doofe unangebrachte Bemerkung von sich gab, wie er das zu Hause meistens machte, wenn er sah, dass die anderen irgendetwas falsch machten.
„Hey! Ihr seid Deborah und Lucas, nicht wahr?", sie nickten leicht irritiert „, Ich bin Lucy und das hier ist Hektor. Eine von unseren Mentoren, meine Schwester um genau zu sein, hat mit euren Mentoren gesprochen und gefragt, ob ihr zwei euch vielleicht mit uns verbünden wollt?"
„Du stehst wohl nicht so auf grossen Smalltalk, was?", lachte Lucas,„ Wir wissen wer ihr seid. Die beiden freiwilligen aus Distrikt 6. Nach den Erzählungen von Finnick seid ihr zwei ein grosses Gesprächsthema im Kapitol. Vor allem mit dem "Mysterium", wie sie es hier nennen, von dem Jungen, der zu erst gezogen wurde."
Sofort sank meine Laune noch tiefer als sie sowieso schon war und ich blickte zu Boden. Den Gedanken an Jason und meine Familie stimmte mich traurig.
„Ja, der Junge, Jason heisst er, ist mein Freund", klärte ich die beiden Unwissenden auf.
„Oh. Das tut mir leid", sagte nun Deborah.
„Ja mir auch", antwortete ich ihr.
„Wie alt seid ihr zwei eigentlich?", wechselte Hektor schnell das Thema und unterbrach so auch die etwas unangenehme Stille, die kurz vorher noch geherrscht hatte.
„Ich bin 17 und Debbie ist 15. Und wie siehts bei euch aus?"
„Ich bin 18 und die Kleine hier ist 13", Hektor zwickte mich spielerisch in die Seite.
„Also erstens bin ich nicht klein! Und zweitens werde ich in zwei Wochen 14!", korrigierte ich Hektor gespielt beleidigt, worauf er lachen musste und auch die anderen beiden lächelten leicht.
„Ihr zwei habt ein sehr enges Verhältnis miteinander, was? Das ist irgendwie wie bei uns. Wie Geschwister", stellte Deborah fest.
„Ja. Wir verstehen uns ziemlich gut. Das liegt aber auch daran, dass wir uns schon länger kennen", bestätigte ich und Hektor nickte zustimmend.
„Also dann, lasst uns eine Strategie überlegen, wie wir die Karrieros wenigstens eine Zeit lang überleben!", sagte Deborah sogar etwas freudig an.
„Heisst das, ihr seid ab jetzt unsere Verbündeten?", hackte Hektor nach.
„Ich glaube euch kann man vertrauen. Und Finnick hat ziemlich von deiner Schwester geschwärmt, Lucy", bestätigte Lucas lächelnd.
„Ja die zwei kennen sich auch schon ziemlich gut", lächelte ich zurück.
Ich war froh, dass wir diese zwei als Verbündete hatten. Ich mochte sie auf jeden Fall jetzt schon.
Wir machten uns auf den Weg zu dem Pflanzen-Posten, wo man lernt, welche Pflanzen man essen kann und welche nicht. Wir merkten, dass das gar nicht so schwer ist und nach ungefähr einer Stunde wussten wir bereits alles.
„Könnt ihr zwei eigentlich schwimmen?", fragte plötzlich Deborah.
Hektor nickte machte aber dazu das "Solala"-Zeichen mit seiner Hand, was bedeuten sollte, dass er nicht der beste Schwimmer war. Ich jedoch schüttelte den Kopf. Ich hatte eine schreckliche Angst vor dem Meer oder auch vor Seen. Ich mied es so gut es ging und in Distrikt 6 ging das sehr gut, da wir da weder ein Meer noch einen grossen See hatten. Nur einen Fluss, aber da gehe ich nur bis knapp zum Bauchnabel rein.
„Ich habe gehört, dass es einen Stock tiefer noch ein Schwimmbad gibt. Wir könnten morgen uns ja dort unten treffen und dann könnten wir euch das Schwimmen beibringen", schlug Lucas vor.
Ich nickte etwas unbehaglich, denn ganz wohl war mir bei der Vorstellung, schwimmen zu lernen, nachdem ich das grosse Wasser fast 14 Jahre erfolgreich gemieden hatte, nicht wirklich.
„Gehen wir zu einem der Kampfposten?", fragte ich die anderen nachdem ich die Stille, die herrschte, nicht mehr ertragen konnte.
„Klar!", antworteten mir die anderen im Chor.
„Also! Bogenschiessen, Messerwerfen, Schwertkampf oder Speerwurf?", wollte ich als nächstes wissen.
Sofort meldete sich Lucas und rief wie ein kleines Kind:„Speerwurf! Speerwurf! Speerwurf!"
Wir anderen lachten bloss und gingen zu dem Speerwurfposten, wo Lucas bereits freudig einen Speer in die Hand nahm und ihn auf die Zielscheibe, die eine Form von einem Menschen hatte, zu schleuderte. Ich staunte nicht schlecht und mein Unterkiefer klappte nach unten, als ich sah, dass er mitten ins 'Herz' getroffen hatte und der Speer hatte sogar ein Loch in der Zielscheibe hinterlassen. Ich guckte mich um, um herauszufinden, wer das alles noch gesehen hatte. Ich entdeckte die Karrieros nicht weit von uns, die uns oder besser gesagt Lucas verdutzt anstarrten.
Deborah klatschte in die Hände:„Das war ein genialer Wurf, Lucas! Ich wette das war der Beste dieses Jahres!"
Lucas lächelte zufrieden.
Als nächstes nahm sich Hektor einen Speer. Ich wusste, dass auch er sehr gut damit umgehen konnte und als er warf, traf er ebenfalls ins Schwarze.
Auch Deborah konnte damit umgehen. Sie traf zwar nicht in der Mitte aber immerhin blieb er auf der Zielscheibe stecken und sie sah auch zufrieden aus.
'Ich würde sagen für eine 15-jährige nicht schlecht!'
„Na los, Lucy! Du bist dran!", riss mich Hektor aus meinen Gedanken.
„Aber das kann ich doch nicht! Ich wette der Speer fliegt nicht einmal die halbe Strecke bis zur Zielscheibe!", meckerte ich ihn an.
„Na komm schon! Übung macht den Meister!", munterte Lucas mich auf.
Ich schnaubte einmal kurz und dann nahm ich mir einen Speer. Ich schaute mich um und sah, dass die Karrieros mich beobachteten.
Ich brachte den Speer in Position und versuchte ihn mit aller Kraft auf die Scheibe zu schleudern, was mir kläglich misslang. Er flog nämlich nicht nur die halbe Strecke, sondern auch noch gleich fünf Meter in die falsche Richtung.
Als ich sah, wo er gelandet war, nämlich zehn Meter neben meinem Ziel, brach ich in schallendes Gelächter aus. Die anderen schienen ziemlich verwirrt, auch die Karrieros, so wie ich das aus dem Augenwinkel beobachten konnte.
„Schaut euch an, wo der liegt! Manomann ich kann nicht mehr! In der Arena wäre der sicher noch weiter daneben gegangen so nervös wie ich wäre!", lachte ich noch immer weiter.
Gleich darauf erfolgte eine Durchsage, dass jetzt Mittagspause war und am Nachmittag die Einzeltrainings ablaufen würden.
Hektor und ich verabschiedeten uns von den anderen beiden und machten uns auf den Weg in unser Stockwerk. Ich merkte erst jetzt wie hungrig ich doch war nach dem Training.
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Nach dem Mittagessen, das absolut köstlich war, machten Hektor, Ashley und ich uns auf den Weg zurück in die Trainingshalle, da wir jetzt dran waren mit Einzeltraining. Hektor und ich entschieden uns das Einzeltraining zusammen zu machen, da wir sowieso Verbündete und Freunde waren und so hatten wir auch die doppelte Zeit zur Verfügung.
„Also schön. Du ,Hektor, kannst kämpfen das weiss ich schon und das ist super. Aber was wir mit dir machen, Lu, ist mir noch ein Rätsel." Anstelle auf die Aussage meiner grossen Schwester zu antworten, lief ich zu dem Wurfmesser Posten, nahm mir fünf Stück und schleuderte sie der Reihe nach auf fünf verschiedene Zielscheiben. Bei allen traf ich genau in die Mitte.
Ich drehte mich um und antwortete Ashley:„Ich weiss nicht, aber wie wäre es mit trainieren? Ich musste mich jetzt einen ganzen Morgen zusammenreissen nicht richtig zu trainieren!"
„So kenn' ich meine Lucy!", rief Hektor aus.
Meine Schwester schien aber sichtlich verwirrt.
„A- aber ich dachte, du kannst nicht kämpfen oder sonst etwas!"
„Genau das ist das Problem: Du dachtest! Schon einmal etwas von einer Strategie gehört, Schwesterherz?"
Ashley nickte.
„Gut. Denn das ist meine."
Den beiden stand die Verwirrung regelrecht ins Gesicht geschrieben. Deshalb begann ich zu erklären:„Also, dann hört mir jetzt gut zu! Ich bin die Jüngste in diesen Spielen und daher für viele Tribute uninteressant, da alle denken werden, dass ich im Blutbad oder spätesten bei der ersten Begegnung mit einem anderen Tribut sterben werde. Deshalb tue ich so, als könnte ich weder kämpfen noch mich verteidigen oder sonst irgendetwas. So interessieren sich die anderen Tribute, vor allem die Karrieros noch weniger für mich und zusätzlich denken sie ich wäre eine Art Behinderung für Hektor, da er mich ja um jeden Preis beschützen will."
Eine kurze Zeit lang sagte niemand etwas.
„Ganz ehrlich, Schwesterchen, du bist ein Genie! Warum sind wir nicht auf diese Idee gekommen? Genial! Meine Schwester ist genial! Wichtig ist jetzt einfach, dass das unter uns bleibt. Niemand sonst darf etwas davon erfahren! Verstanden?" Wir nickten eifrig.
„Na dann, lasst uns trainieren!"
Das liessen Hektor und ich uns nicht zwei Mal sagen und legten sofort los.
Die Stunde, die wir zur Verfügung hatten war rasend schnell um und wir begaben uns ins 6. Stockwerk zurück.
Jetzt hiess es ausruhen, essen und dann ab ins Bett.