Nach dem Training gingen wir wieder nach Oben.
Ich verschanzte mich sofort in meinem Zimmer und machte den Fernseher an, der direkt neben meinem schönen Himmelbett stand.
Es wurden gerade die Familien und Freunde der jeweiligen Tribute interviewt.
Gerade war Seraphinas Familie dran, doch ich hörte kaum zu und döste ein, so erschöpft war ich vom heutigen Training.
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„Nun kommen wir zu der Familie von unseren jüngsten Tributin, Lucy Ocean!"
Langsam erwachte ich wieder aus meinem kleinen Schläfchen, doch als ich meinen Namen hörte, war ich hellwach und ganz Ohr. Die Interviews waren doch tatsächlich noch am Laufen und die waren erst bei Distrikt 6 angekommen!
Meine Grossmutter, Tilde, wurde eingeblendet und irgendeine Person, wahrscheinlich der Moderator, fragte:„Sie sind die Grossmutter von unseren süssen Ocean-Schwestern. Ihr älteste Enkelin hatte hat die Spiele bereits gewonnen und was denken Sie, wird es Lucy auch schaffen?"
„Ich bitte Sie! Sehen Sie sie an: ein kleines 13-jähriges Mädchen, das weder zu kämpfen, noch sich zu verteidigen weiss. Und haben Sie gesehen, wie mager das Mädchen ist! Meine Güte! Ein anderer Tribut könnte sie geradewegs wegpusten! Nein, nein, Lucy hat so gut wie verloren."
'Danke Oma, es ist immer wieder schön, zu erfahren, dass du hinter mir stehst!', dachte ich mir, natürlich sarkastisch.
„Was für ein interessanter Beitrag! Vielen Dank!
Gehen wir weiter zu Lucys Mutter, Annabell Ocean!
Was denken Sie, schafft es Lucy? Wird sie gewinnen?"
„Ich würde ja gerne sagen, dass sie es ganz sicher schaffen wird, aber ich kann nicht. Sehen Sie sie an, sie ist so ein zartes, kleines, unschuldiges Mädchen. Ich glaube sie könnte nicht einmal eine Eidechse töten oder ihr etwas zu Leide tun", antwortete meine Mutter wahrheitsgetreu und bei ihrem Anblick stiegen mir die Tränen in die Augen. Wie ich sie vermisste!
„Hallo Megan, du bist also die kleine Schwester von Lucy. Wie hast du dich gefühlt, als sie sich für dich freiwillig gemeldet hatte?"
„Ich... Weiss nicht... Ich war schon irgendwie erleichtert aber ich bin auch traurig, weil niemand der Meinung ist, dass sie es schaffen kann! Ich bin der Meinung sie schafft das! Ich weiss nicht wie, aber sie findet IMMER eine Lösung. Für alles!"
„Wie herzallerliebst! Vielen Dank für deinen Beitrag, Megan. Wir wünschen Lucy natürlich ganz viel Glück!
Jetzt begrüssen wir noch einmal Jason Kingston, der bereits ein Interview über seinem Bruder Hektor Kingston gegeben hat!"
Jason wurde im Bild eingeblendet. Seine Augen wirkten traurig, ja, fast verzweifelt. Es tat weh ihn so zusehen und vermissen, tat ich auch ihn schrecklich, wie der Rest meiner Familie.
„Kann es sein, dass du und Lucy ein sehr enges Verhältnis habt?", fragte der Moderator.
„Ja das haben wir, aber ich werde jetzt nicht weiter auf dieses Thema eingehen. Das ist mir zu Privat und ausserdem bin ich der Meinung, dass sie es euch selbst erzählen soll, vorausgenommen sie will", antwortete Jason.
'Schämt er sich für mich, dass er nicht sagen will, dass wir ein Paar sind? Oder ist es ihm wichtig, dass ich entscheide, ob dies an die Öffentlichkeit geht oder nicht?'
„Na schön, dann werde ich jetzt nicht nachhacken", der Moderator machte eine kleine Pause und dann fragte er:„Was denkst du, wird Lucy die Spiele gewinnen? Kann sie die erste 13-jährige Siegerin werden in der Geschichte der Hungerspiele?"
'Was wenn er jetzt etwas verrät? Dann ist meine Strategie zerstört! Er weiss wie gut ich wirklich kämpfen kann und auch, dass ich nicht so schwach bin wie ich tue. Andererseits war es seine Idee dieses Spiel so zu spielen. Wenn er sich noch daran erinnert, dann wird er doch nichts verraten. Oder doch?'
„Davon bin ich überzeugt!", sagte schliesslich mein Freund überzeugt.
'Oh nein! Mann Jason! Nichts verraten!'
„Und warum bist du so davon überzeugt, wenn ich fragen darf?"
„Das werden sie schon sehen! Lucy ist das bezauberndste, intelligenteste und hübscheste Mädchen in GANZ Panem. Sie werden sie lieben, so wie ich es auch tue. Das schwöre ich!"
„Jetzt sind wir aber alle neugierig! Erzähl uns mehr!", verlangte der Moderator.
„Tut mir sehr leid aber mehr verrate ich nicht", beendete Jason sein Interview mit einem geheimnisvollen Lächeln.
„Dann kommen wir nun zu den Tributen aus Distrikt 7, der Holzverarbeitung..."
Mehr bekam ich nicht mehr mit, da es gerade an meiner Tür klopfte und Ashley mich zum Essen holte.
Während wir zu Abend assen, passierte nichts weiteres mehr, das von grösserer Bedeutung gewesen war.
Meine Schwester blickte mich immer wieder besorgt an, Jake und Alexis gaben Hektor Tipps, wie er beim Kapitol gut ankam, Sephie, Alfredo und Markus unterhielten sich über die gerade angesagten Themen im Kapitol, wo ich auch einmal darin vorkam.
Ich aber stocherte nur etwas in meinem Essen rum und a*s zwischen durch auch ein paar Bissen.
Nach dem Abendessen wünschte ich den anderen eine gute Nacht und ging ich zurück in mein Zimmer.
Kaum lag ich in meinem schönen weichen Himmelbett, übermannte mich auch schon der Schlaf.
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'Ich rannte und rannte über eine blumenlose Wiese. Hinter mir die vier Karrieros, die allesamt bewaffnet waren und neben mir meine drei Verbündeten. Wir alle vier waren unbewaffnet und rannten direkt auf einen riesengrossen See zu. Das Mädchen aus Distrikt 1, Seraphina, legte einen Pfeil an ihren Bogen und schoss ihn während dem Rennen ab. Und traf Lucas im Rücken. Hektor und ich rannten eiskalt weiter, doch Deborah drehte sich schreiend um und wollte ihn verteidigen, rannte auf ihn zu. Doch Tyler, der Junge aus 2, schlug ihr mit einer riesigen Geschwindigkeit den Kopf mit seinen Schwert ab. Ich hörte weit hinter mir wie ihr Kopf mit einem dumpfen Aufschlag zu Boden fiel und dann ein scheussliches Echo, das nicht aufhörte. Wir rannten weiter, bis Dana eines ihrer Messer warf und aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund bei der Distanz zwischen uns Hektor am rechten Bein traf. Er fiel zu Boden und überschlug sich, ich hielt sofort an und wollte umdrehen. Doch Hektor rief mir zu:„Geh! Lauf und bring dich in Sicherheit! Du hast es bald geschafft! Geh alleine weiter du schaffst das!..." Mehr konnte er nicht sagen, da Alex auch ihm den Kopf abschlug. „Nein!", schrie ich verzweifelt und die Karrieros fixierten mich mit ihren Blicken und sprinteten auf mich zu. Ich machte sofort auf dem Absatz kehrt und rannte zum See. Als ich am Ufer stand, blieb ich ruckartig stehen und sah nach links und rechts. Nichts als Wasser!
„Lucy! Beeil dich! Das hast es gleich geschafft! Komm zu uns!" Ich hörte und sah meine ganze Familie auf der anderen Seite des Sees. Sie streckten die Arme nach mir aus und sahen mich verzweifelt an. So nah war ich ihnen, doch ich konnte nicht zu ihnen! Überall dieses viele Wasser! Man könnte meinen, ich dachte nicht nach und stürmte vorwärts, doch die Angst vor dem grossen Nass siegte. Mich überkam Panik und ich drehte mich zurück zur Wiese, um zu sehen, wie lange ich noch Zeit hatte, bis die Karrieros mich erreicht hatten. Mir blieb jedoch nicht genug Zeit zum Schauen, denn das letzte was ich sah, waren die Wut- und zu Fratzen verzerrten Gesichtern der Karrieros, die einen halben Meter vor mir standen. Und dann noch das teuflische Lächeln von Dana, bevor sie mit einem Messer ausholte und es mir mitten ins Herz stiess.'
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Schreiend fuhr ich hoch. Ich war schweissgebadet.
'Alles gut, Lucy. Es war nur ein Albtraum. Nichts weiter, nur eine böser Traum. Hektor gehts bestimmt gut und ich lebe auch noch', versuchte ich mich selbst zu beruhigen, doch mein Herz schlug mir bis zum Hals. Es hatte sich so real angefühlt, dass es richtig Angst machte!
Ich drehte meinen Kopf zur Seite, warf einen kurzen Blick auf die Uhr und sah, dass es bereits bald Frühstück gab.
Ich stand auf und ging zum Kleiderschrank, um mir das passende Outfit zum Schwimmen herauszusuchen. Mir graute es jetzt schon vor der Vorstellung, dass ich heute schwimmen lernte.
Im Kleiderschrank, der übrigens riesig war, fand ich einen schwarzen Ganzkörperanzug, den man auch brauchte beim Tauchen. Ich zog ihn mir an, nachdem ich mir eine ausgiebige Dusche gönnte und schlenderte ins Esszimmer, wo ich feststellte, dass ich die Erste war. Ich setzte mich an den grossen Tisch und wartete auf die anderen.
Nur wenige Minuten später kam auch schon Hektor dahergelaufen. Auch er hatte denselben schwarzen Ganzkörperanzug an wie ich es hatte. Natürlich ein paar Nummern grösser.
„Na, bereit um das Schwimmen zu erlernen?", fragte er mich freudig.
„Naja geht so. Ich brenn nicht gerade darauf, aber wer weiss, vielleicht wird es in den Spielen einmal noch nützlich sein, wenn ich es kann."
Ich versuchte so relaxt und cool wie möglich zu klingen, damit er mir nicht anmerkte, dass ich richtig Angst davor hatte. Meine Bemühungen waren jedoch für die Katz, da Hektor mich ungläubig ansah.
„Das glaube ich dir nicht, Ocean."
„Was? Dass ich nicht darauf brenne schwimmen zu lernen? Doch, das darfst du mir glauben, Kingston."
„Du weisst genau was ich meine! Ich kauf dir diese 'es-lässt-mich-eiskalt' Nummer einfach nicht ab! Ich weiss, dass du dich nicht darauf freust und glaub mir, es wird garantiert viel weniger schlimm als du es dir wahrscheinlich vorstellst", erklärte mir Hektor liebevoll.
Ich nickte nur, wie meistens, wenn ich nicht so ganz weiss, was ich sagen soll.
„Und wenn es doch so schlimm werden sollte, so bin ich da und rette dich!", fügte er noch als kleiner Witz hinzu, der mich zum Lächeln brachte.
„Guten Morgen ihr zwei! Schon so früh aus den Federn?", begrüsste uns meine Schwester, die wahrscheinlich gerade erst aufgestanden war.
Ich murmelte ein einfaches „Morgen"
„Was habt ihr heute so vor?", fragte Ashley eher an Hektor gewandt.
„Deborah und Lucas wollen uns beibringen, wie man schwimmt", erklärte er ihr.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie mir Ashley einen kurzen besorgten Blick zuwarf. Sie wusste genau, was für eine Angst ich für offenes Gewässer empfand.
„Na dann, wünsche ich euch viel Glück!"
Damit war das Gespräch beendet und wir begannen zu essen, da der Rest nun auch eingetroffen war und sich zu uns an den Tisch setzte.
Ich versuchte so viel wie nur möglich in mich hinein zu stopfen, bis mir schlecht war. Schliesslich wusste ich ja nicht ob ich in der Arena immer etwas zu Essen hatte. Da ist es schon besser, wenn ich mir ein kleines Fettröllchen zu a*s.
„Na, bereit?", fragte mich Hektor nach dem Essen und streckte mir seine Hand entgegen.
„Bereit, wenn du es bist", antwortete ich und nahm seine Hand.
Zusammen gingen wir zum Aufzug, um zum Training zu gelangen.
Als wir unten im Bad ankamen, wurden wir bereits von unseren Verbündeten erwartet.
„Guten Morgen ihr zwei! Seid ihr auch schon da!", begrüsste uns eine gutgelaunte Deborah.
„Ja Lucy brauchte Starthilfe. Ihr müsst wissen: Sie ist nicht gut auf offenes Gewässer oder sonstiges in dieser Art zu sprechen", erklärte Hektor den beiden aus Distrikt 4 und ich nickte.
„Ach so. Na keine Sorge! Das kriegen wir schon hin! Ich schwörs dir, schwimmen macht richtig Spass!", versuchte Lucas mich aufzumuntern.
„Darüber reden wir in der Arena noch einmal, wenn wir von den Karrieros wegschwimmen müssen!", gab ich spitz und auch etwas zickig zurück.
„Okay! Dann lasst uns beginnen", kündigte nun Deborah freudig an und sprang ohne zu zögern ins Becken. Ihr folgte Lucas und Hektor und ich standen unschlüssig was wir tun sollten, am Rand und starrten die beiden an.
„Wollt ihr da Wurzeln schlagen oder wie siehts aus? Wenn ihr schwimmen wollt, dann müsst ihr schon ins Wasser kommen!"
„Die bist ja so witzig, Lucas! Wir sind nicht alle solche Wasserraten wie du! Nicht wahr Hektor?"
„Ach komm schon Lucy. Das ist sicher nur halb so schlimm!", antwortete mir Hektor und sprang ebenfalls ins Wasser. Etwas vorsichtiger als die anderen zwei, versteht sich.
Deborah und Lucas jubelten, als Hektor wieder an der Oberfläche auftauchte, kamen ihm aber sofort zu Hilfe, als er gleich wieder nach unten sank.
Ich stand am Rand, schaute dem Geschehen zu und schüttelte den Kopf.
'So ein Holzkopf! Springt der doch tatsächlich ins Wasser und vergisst dabei, dass er erst in der kommenden Zeit schwimmen lernen wird!'
Als Hektor sich am Beckenrand festklammerte und Lucas sich noch einmal vergewisserte, dass er nicht mehr unterging rief mir Deborah zu:„Komm schon Lucy! Wir wollen dir doch nur helfen und ich verspreche dir, dass du bei uns in guten Händen bist. Wir lassen dich schon nicht absaufen!"
Langsam ging ich auf den Rand zu. Ich kniete mich hin und versuchte mich so langsam wie nur irgend möglich ins Wasser gleiten zu lassen.
Als ich darin war wollte ich mich richtig hinstellen und liess deshalb den Rand des grossen Beckens los, was sich als riesengrosser Fehler herausstellte. Denn erst zu spät merkte ich, dass der Boden unter mir, viel weiter unten war als ich dachte, sodass ich wie ein Stein unterging.
Ich bekam Panik und fing an wie Wild zu strampeln, um irgendwie wieder an die wunderbare Luft zu kommen. Doch vergebens. Ich kam einfach nicht mehr hoch und so langsam ging mir die Luft aus und schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen.
Gerade als ich aufhörte mich zu bewegen, weil ich aufgab, packten mich zwei starke Hände und zogen mich nach oben, wo ich begann gierig den schönen Sauerstoff in meine Lunge zu pumpen.
„Hm. Ich glaube wir haben mehr Arbeit vor uns als ich gedachte habe", überlegte Deborah laut.
„Das kannst du wohl laut sagen, Debbie!", pflichtete Lucas ihr bei, während er mich immer noch fest in den Armen hielt.
„Na schön. Am besten gehen wir etwas weiter nach vorne. Dort ist es weniger tief und wir können mit einfachen Dingen beginnen."
So lautete Deborahs Plan und wir gehorchten ihr. Hektor tat sich ziemlich schwer mit dem lernen, aber ich war noch viel schlimmer. Es verging fast eine Stunde, bis ich mich dazu aufraffen konnte den Rand überhaupt loszulassen.
Wir übten den gesamten Morgen und am Mittag konnte ich sogar eine ganze 50 Meterstrecke ohne Pause zurücklegen! Ich war richtig stolz auf mich, obwohl ich ein paar kleinere Anfangsschwierigkeiten hatte.
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Am Ende des Tages war ich einfach nur noch erschöpft. Nicht nur, wegen dem Schwimmunterricht am Vormittag, sondern auch bei unseren Einzelstunden mit Ashley.
Sie konnte eine ganz schön anstrengende Mentorin sein, wenn sie sich etwas in den Kopf setzte.
Trotzdem schien sie zufrieden mit mir zu sein, da ich sie in einem Schwertkampf geschlagen hatte. Und das hiess etwas! Denn jeder im Kapitol wusste, dass das Schwert die Waffe meiner Schwester war.
Jedenfalls war ich froh, auch diesen Tag überstanden zu haben und endlich in meinem schönen weichen Himmelbett liegen zu können.
So schlief ich mit dem Gedanken ein, vielleicht doch eine richtige Chance zu haben diese Spiele zu gewinnen.