Kapitel 1: Der Vertrag
„Sie haben nur noch achtundvierzig Stunden.“
Die Worte des Arztes ließen Mathildas Welt in sich zusammenfallen. Sie starrte auf den Behandlungsplan, der zwischen ihnen auf dem Schreibtisch lag, doch die Zahlen verschwammen vor ihren Augen. Achtundvierzig Stunden. So viel Zeit blieb ihr, um eine Summe aufzubringen, die sie selbst in mehreren Jahren ehrlicher Arbeit niemals verdienen konnte. Langsam hob sie den Blick. „Bitte... gibt es wirklich keinen anderen Weg?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Der Arzt atmete schwer aus. „Wenn es einen gäbe, würde ich ihn Ihnen nennen. Ohne die Operation wird sich der Zustand Ihrer Pflegemutter weiter verschlechtern.“ Er schob die Akte vorsichtig zur Seite. „Es tut mir leid.“
Mathilda nickte stumm. Sie wusste, dass Mitleid keine Rechnungen bezahlte. Mit zitternden Händen verließ sie das Büro und blieb einen Moment vor der Tür stehen. Tief durchatmen. Nicht weinen. Nicht jetzt. Erst als sie das Krankenzimmer betrat, zwang sie sich zu einem Lächeln.
„Da bist du ja“, sagte ihre Pflegemutter leise. Trotz der Schläuche an ihrem Arm lächelte sie warm. „Der Arzt hat bestimmt wieder versucht, dir Angst zu machen.“
Mathilda setzte sich an das Bett und nahm ihre Hand. „Er macht sich nur Sorgen. Mehr nicht.“
„Du kannst mich nicht täuschen.“ Die ältere Frau betrachtete sie lange. „Du hast seit Tagen kaum geschlafen.“
Mathilda senkte den Blick. „Ich finde eine Lösung. Das verspreche ich.“
„Versprich mir lieber, dass du dich selbst nicht verlierst.“
Für einen kurzen Moment konnte Mathilda nichts sagen. Diese Frau hatte sie großgezogen, als wäre sie ihre eigene Tochter. Sie hatte ihr Liebe geschenkt, obwohl sie selbst nie viel besessen hatte. Jetzt war sie diejenige, die nichts zurückgeben konnte.
Auf dem Weg nach draußen klingelte ihr Telefon. Der Name ihrer Vermieterin erschien auf dem Display. Noch bevor Mathilda etwas sagen konnte, erklang die scharfe Stimme am anderen Ende.
„Heute ist der letzte Tag. Wenn die Miete morgen nicht da ist, räumen Sie die Wohnung.“
„Bitte... nur noch ein paar Tage.“
„Ich habe lange genug gewartet.“
Die Verbindung wurde beendet.
Mathilda ließ das Handy langsam sinken. Es fühlte sich an, als würde das Leben ihr Stück für Stück alles nehmen. Trotzdem ging sie weiter zur Arbeit. Vielleicht wartete dort wenigstens etwas Hoffnung auf sie.
Doch kaum hatte sie das Büro betreten, bat der Geschäftsführer sie in sein Zimmer. Sein Gesichtsausdruck verriet bereits, dass nichts Gutes folgen würde.
„Es fällt mir nicht leicht“, begann er, ohne sie anzusehen. „Aber wir müssen Personal abbauen.“
Mathilda spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Sie verlieren Ihren Arbeitsplatz.“
Mehr hörte sie nicht. Wenige Minuten später stand sie mit einem kleinen Karton vor dem Gebäude. Darin lagen ihre Kaffeetasse, ein paar Unterlagen und ein altes Foto von ihr und ihrer Pflegemutter. Sie blickte auf das Bild und fragte sich, wie ein einziger Tag so viele Katastrophen bereithalten konnte.
„Fräulein Greifenwald?“
Sie drehte sich überrascht um. Neben einer schwarzen Limousine wartete ein Mann in einem makellosen Anzug.
„Ja?“
„Mein Name ist Jonas Becker. Ich arbeite für Herrn Konstantin Falkenstein.“
Mathilda runzelte die Stirn. Den Namen kannte jeder. Konstantin Falkenstein war einer der jüngsten und erfolgreichsten Unternehmer Deutschlands. Menschen wie er lebten in einer Welt, die mit ihrer nichts gemeinsam hatte.
„Warum sucht er mich?“
Jonas reichte ihr eine schlichte schwarze Karte. „Herr Falkenstein bittet Sie um ein persönliches Gespräch. Heute Abend. Neunzehn Uhr.“
„Das muss ein Irrtum sein.“
„Herr Falkenstein irrt sich nicht.“
Bevor sie weitere Fragen stellen konnte, stieg Jonas wieder in die Limousine. Das Fahrzeug verschwand lautlos im Verkehr und ließ Mathilda mit mehr Fragen als Antworten zurück.
Den ganzen Nachmittag über rang sie mit sich. Jeder vernünftige Gedanke sagte ihr, die Einladung zu ignorieren. Doch jedes Mal erinnerte sie sich an das Gesicht ihrer Pflegemutter, an die Krankenhausrechnung und an die drohende Räumung ihrer Wohnung.
Um Punkt neunzehn Uhr betrat sie schließlich das Hauptgebäude der Falkenstein-Gruppe. Ein Mitarbeiter führte sie direkt in das oberste Stockwerk. Dort öffnete sich lautlos eine schwere Tür.
Der Mann am Fenster drehte sich nicht einmal um.
„Sie sind pünktlich“, sagte er ruhig.
Mathilda blieb stehen. „Sie wollten mich sprechen.“
Er wandte sich langsam zu ihr. Sein Blick war kühl, seine Haltung selbstsicher. Ohne Zeit zu verlieren, legte er einen Vertrag auf den Schreibtisch und schob ihn in ihre Richtung.
„Lesen Sie ihn.“
Sie warf einen kurzen Blick auf die erste Seite. Ihre Finger erstarrten.
Vertrag über eine Ehe auf Zeit.
Ungläubig sah sie zu ihm auf.
„Das ist ein Scherz.“
„Nein.“
„Sie kennen mich nicht einmal.“
Konstantins Gesicht blieb regungslos.
„Das muss ich auch nicht.“
Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und sprach den nächsten Satz mit derselben Ruhe, als würde er über das Wetter reden.
„Heiraten Sie mich, Mathilda Greifenwald. Im Gegenzug bezahle ich jede Rechnung, die Ihr Leben gerade zerstört.“