ENIDS SICHT
David und ich standen Schulter an Schulter, die Stille zwischen uns war zum Greifen nah. Immer wieder rief er Alex' Namen, doch der arrogante Alex antwortete nicht, nur das Echo seiner eigenen Stimme hallte im Flur wider.
Dann hörte man das Knurren eines Motors, quietschende Reifen auf dem Kies und das brutale Dröhnen eines Wagens, der vom Anwesen raste.
Alex war weg.
Enttäuschung blitzte in Davids Augen auf, gefolgt von einem Anflug von Verlegenheit. Ich sah, wie er die Faust ballte und die Zähne zusammenbiss. Ich merkte, wie sehr er das hasste – wie sehr er es hasste, vor einer Fremden die Kontrolle zu verlieren.
„Enid“, sagte er. Seine Stimme war sonst immer rau, klang aber plötzlich leiser, gebrochen von der Frustration, die in ihm brodelte. „Lass uns reden.“
„Selbstverständlich, Sir.“ Ich sprach leise, fast demütig, und unterdrückte den Kloß in meinem Hals, während ich ihm folgte. Mein Blick verweilte in dem verwüsteten Zimmer – umgestürzte Möbel, verstreute Papiere wie gefallene Soldaten –, bevor ich die Tür mit einem leisen Klicken hinter mir schloss.
Wir gingen die Treppe hinunter, meine Handfläche sanft auf dem Marmorboden. Er führte mich auf den Balkon im ersten Stock, wo das Morgenlicht die Landschaft erhellte. Ich blieb wie angewurzelt stehen – die Bäume ragten weit auseinander, die Blumen blühten in leuchtenden Farben, die Vögel zwitscherten, als wäre nichts auf der Welt zerbrochen. Für einen Herzschlag erleichterte sich meine Brust.
„Setz dich“, befahl David und ließ sich in einen Stuhl fallen. Ich nahm den neben ihm, nah genug, um die Anspannung zu spüren, die von ihm ausging.
„Alles klar?“, fragte er und sah mich mit den Augen an, als suche er nach einem Anzeichen von Schwäche.
„Mir geht’s gut“, log ich und zuckte gezwungen mit den Achseln. Doch sein Blick wich nicht.
„Nein, das tust du nicht.“ Seine Stimme wurde leiser, schwer von Warnung. „Und deshalb sage ich dir alles, was du brauchst, um in diesem Haus zu überleben.“
Nicht schon wieder?!
Ich verdrehte verstohlen die Augen. Wie viele Leute wollen mir in diesem Gefängnis von einem Haus die Regeln erklären? „Sag schon“, sagte ich, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
Er beugte sich vor, die Ellbogen auf der Stuhllehne. „Niemand will dich hier, Ethan. Nicht eine einzige Seele. Also musst du vorsichtig sein.“
Ich nickte langsam und bedächtig und ließ die Worte wie Steine auf mich wirken.
„Dein Verlobter?“ Er lachte bitter auf. „Alex ist eine tickende Zeitbombe. Versuche, alles zu vermeiden, was für Aufsehen sorgen könnte. Ich kann nicht zulassen, dass dir etwas passiert.“ Er begann.
Mir wurde übel vor Ekel. Was bildet sich dieser Alex eigentlich ein, dass er alle in Panik versetzt? „So schlimm?“, fragte ich, eine offensichtliche Frage.
„Schlimmer noch. Er respektiert mich nicht einmal – seinen eigenen Vater. Er macht, was er will.“ Davids Finger trommelten auf der Armlehne und verrieten die Ruhe, die er zu wahren suchte. „Kannst du damit umgehen?“
„Ja“, sagte ich und sah ihm in die Augen. Doch Zweifel huschte über seinen Blick.
„Ich verliere mein Erbe, wenn ich es nicht tue.“
„Es geht ums Überleben, Enid. Ein Krieg, für den du dich nicht gemeldet hast.“ Er atmete scharf aus. „Du musst noch mehr über Alex wissen.“
„Zum Beispiel?“
„Er hat einen Freund. Raymond. Sie wollten sich nur wenige Tage verloben, bevor du aufgetaucht bist.“
Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, als ich alles neu ordnete. „Deshalb hasst er mich also“, fragte ich.
„Besessen“, fügte David hinzu. „Sie sind besessen. Selbst nach der Hochzeit kann alles passieren. Deshalb bereite ich dich jetzt schon darauf vor.“
Ich starrte ihn an, mir wurde heiß. „Die beiden sind immer noch zusammen? Nach unserer Hochzeit?“
„Eigentlich sollten wir den Kontakt abbrechen. Aber Alex hält sich nicht an Regeln.“ Er rieb sich die Schläfen. „Pass einfach auf dich auf.“
Ich schluckte schwer. „Sonst noch jemand?“
„Die beiden, die du gestern Abend getroffen hast – die arroganten Teenager? Das sind Ross’ Nichte und Neffe. Ihre Mutter ist tot, ihr Vater völlig am Ende. Sie wohnen erst mal hier. Ignorier sie einfach. Alles, was sie sagen, alles, was sie tun – es ist nur Aufmerksamkeit. Gib sie ihnen nicht.“ Er erklärte es.
Ich erinnerte mich an ihr höhnisches Grinsen, wie sie mich wie eine Beute musterten. Und an dieses arrogante Mädchen.
„Was ist, wenn sie mich respektlos behandeln?“, fragte ich neugierig.
„Dann kannst du dich auf die richtige Art und Weise mit ihnen auseinandersetzen“, erklärte David, während ich nur nickte.
„Und Ross“, fuhr David mit leiserer Stimme fort. „Alex’ Mutter. Sie ist Gift. Ignorier sie auch.“
Ich nickte wieder, diesmal langsamer. „Verstanden.“
Und jetzt, wo ich es gesehen habe, wirkt David nicht mehr wie der skrupellose Mann, für den sie ihn hielten. Er ist … anders.
„Sie und Ross haben nichts Persönliches miteinander zu tun“, sagte er und stand auf. „Sobald Sie verheiratet sind, ziehen Sie und Alex in das andere Penthouse, wo Sie beide getrennte Leben führen und nach eigenen Regeln leben können.“
Erleichterung und Entsetzen vermischten sich in mir. „Danke, Sir. Ich werde Ihre Worte beherzigen“, sagte ich und stand ebenfalls auf.
„Wenn Sie etwas brauchen – Geld, Hilfe –, sagen Sie es den Dienstmädchen. Oder kommen Sie zu mir.“ Er grunzte und drehte sich bereits um. „Ich kümmere mich darum.“
„Danke“, murmelte ich und verbeugte mich leicht, als er wortlos wegging.
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Ich atmete tief und zitternd aus und umklammerte das Balkongeländer, bis meine Knöchel weiß wurden.
Das war erst der Anfang.
Mein Erbe, mein Leben – alles hing von diesem perversen Horrorspiel ab.
Ich durfte nicht scheitern. Nicht jetzt.
Nicht, als der Haken schon in meiner Kehle steckte.
Ich richtete mich auf, die Kiefer angespannt, die Entschlossenheit durchdrang die Angst.
Ich würde kämpfen, und ich würde gewinnen.