Der erste Schritt ins Tal fühlte sich an wie das Betreten eines lebendigen Atems. Der Wind, der eben noch scharf und kalt gewesen war, wurde plötzlich weich, fast streichelnd. Der Schnee unter ihren Stiefeln gab nach, wurde zu feuchter Erde, die nach Moos und Harz roch. Vor ihnen öffnete sich das Tal wie eine riesige Schale aus Grün und Grau, umgeben von steilen, bewaldeten Wänden, die so hoch aufragten, dass die Gipfel in tief hängenden Wolken verschwanden. Quellen dampften an mehreren Stellen, kleine silberne Fäden, die sich durch das Gras zogen. Bäume standen dicht, ihre Nadeln dunkelgrün, als hätte der Winter sie nie berührt.
Phoebe blieb stehen. Das Band pulsierte in ihrer Brust, nicht alarmiert, sondern wachsam, wie ein Tier, das Witterung aufnimmt. George spürte es ebenfalls. Seine Hand schloss sich fester um ihre.
„Es atmet“, flüsterte sie.
Er nickte nur.
Cates trat neben sie, die Augen weit. „Ich habe nie etwas Ähnliches gesehen. Es ist... lebendig.“
Torin, der mit dem Bogen in der Hand hinter ihnen stand, schnupperte. „Kein Rudelgeruch. Kein Blut. Kein Rauch von Feuern. Aber etwas ist hier. Etwas Altes.“
Die Kinder klammerten sich an die Mütter. Eines der Mädchen zeigte mit dem Finger auf einen der dampfenden Teiche. „Da ist Licht unter dem Wasser.“
Alle drehten sich um.
Tatsächlich. Tief unten im klaren Wasser schimmerte ein schwaches, pulsierendes Blau, wie ein Herzschlag aus purem Licht. Es war nicht gleichmäßig. Es schwoll an und ab, als würde es atmen.
Mara hatte recht gehabt. Das Tal prüfte.
George sprach leise, ohne den Blick vom Wasser zu nehmen. „Wir gehen nicht blind hinein. Wir lagern hier am Rand. Beobachten. Verstehen.“
Sie schlugen das erste Lager auf einer flachen Erhebung auf, von der aus sie das Tal überblicken konnten. Torin und die beiden jüngeren Männer sammelten trockenes Holz, das seltsamerweise überall lag, als hätte jemand es absichtlich hingelegt. Cates half den Kindern, kleine Schutzwälle aus Steinen zu bauen. Phoebe und George suchten nach Spuren.
Sie fanden keine Pfotenabdrücke. Keine zerrupften Kadaver. Keine abgebrochenen Zweige, die auf Kämpfe hindeuteten. Stattdessen fanden sie Zeichen. Kreise aus weißen Steinen, die in perfekter Symmetrie angeordnet waren. In der Mitte jedes Kreises lag ein einzelner Knochen, blank poliert, als hätte ihn jahrelang der Wind geleckt.
Phoebe kniete sich vor einen der Kreise. Der Knochen war kein Tierknochen. Zu lang. Zu gerade. Ein Unterarmknochen. Menschlich.
„Jemand war hier“, sagte sie. „Und hat nicht überlebt.“
George hockte sich neben sie. Seine Finger berührten den Knochen nicht. „Oder jemand hat überlebt und diese Zeichen hinterlassen. Als Warnung. Oder als Willkommensgruß.“
Das Band zog plötzlich scharf. Nicht in Phoebes Brust, sondern tiefer, in ihrem Bauch. Sie keuchte auf, presste die Hand dagegen.
George war sofort bei ihr. „Was ist?“
„Ich weiß nicht. Es fühlt sich an wie... ein Ruf. Aber nicht von dir.“
Er legte seine Hand über ihre. Das Band summte, doch diesmal mischte sich ein zweiter Ton hinein, tiefer, älter, wie das Grollen eines fernen Donners.
„Es ist das Tal“, sagte er. „Es spricht.“
Die Nacht fiel schnell. Kein allmähliches Verdunkeln wie draußen in den Bergen. Hier kippte die Welt einfach in Dunkelheit, als hätte jemand eine Decke über das Tal geworfen. Das blaue Leuchten aus den Teichen wurde stärker, warf gespenstische Reflexe auf die Baumstämme. Die Kinder weinten leise. Die Mütter sangen alte Wiegenlieder, um sie zu beruhigen.
Phoebe konnte nicht schlafen. Sie saß am Rand des Lagers, den Dolch ihrer Mutter in der Hand, und starrte ins Tal hinunter. George kam irgendwann zu ihr, setzte sich schweigend neben sie.
„Du spürst es auch“, sagte sie.
„Seit wir den ersten Fuß hineingesetzt haben.“
„Es will etwas von uns.“
Er schwieg lange. Dann: „Es will wissen, warum wir hier sind. Ob wir würdig sind. Oder ob wir nur fliehen.“
Phoebe drehte den Dolch in ihrer Hand. Die Mondsichel am Griff fühlte sich wärmer an als zuvor. „Und wenn wir nicht würdig sind?“
„Dann lässt es uns nicht bleiben.“
Ein Windstoß fuhr durch das Tal. Nicht kalt. Warm. Zu warm. Er trug einen Geruch mit sich, den Phoebe nicht einordnen konnte. Süßlich. Metallisch. Wie Blut, das in Honig getaucht worden war.
Plötzlich stand Cates hinter ihnen. Ihr Gesicht war bleich im blauen Schein.
„Ich habe geträumt“, flüsterte sie. „Von einem Wolf. Schwarz. Größer als Kael. Er stand am Rand eines Teichs und sah mich an. Er sagte... er sagte, dass einer von uns gehen muss. Freiwillig. Sonst nimmt er sich alle.“
Phoebe spürte, wie George erstarrte.
„War es ein Traum?“, fragte sie.
Cates schüttelte den Kopf. „Ich bin wach geworden, weil ich seinen Atem im Nacken gespürt habe. Er war echt.“
George stand auf. „Wir gehen morgen früh weiter. Tief hinein. Wir finden die Quelle des Lichts. Dort liegt die Antwort.“
Phoebe nickte, doch in ihrem Inneren ballte sich Angst zusammen. Nicht um sich selbst. Um die Kinder. Um Cates. Um George.
Der Morgen kam ohne Sonne. Stattdessen ein graues, diffuses Licht, das von überall und nirgends zu kommen schien. Sie brachen das Lager ab und marschierten tiefer ins Tal.
Je weiter sie gingen, desto stiller wurde es. Kein Vogelruf. Kein Rascheln im Unterholz. Nur ihre Schritte und das leise Plätschern der Quellen.
Nach zwei Stunden erreichten sie den ersten großen Teich. Das Wasser war so klar, dass man bis auf den Grund sehen konnte. Dort unten lag etwas. Ein Kreis aus Knochen. Genau wie die Zeichen oben am Rand. Nur größer. Und in der Mitte des Kreises schwebte eine Kugel aus blauem Licht, pulsierend wie ein Herz.
Torin trat näher. „Das ist keine natürliche Formation.“
George hielt ihn zurück. „Nicht anfassen.“
Doch es war zu spät.
Eines der Kinder, das kleine Mädchen, das Torin früher auf den Schultern getragen hatte, riss sich von ihrer Mutter los und rannte vorwärts. „Es singt!“, rief sie. „Es singt für mich!“
„Nein!“, schrie die Mutter.
Das Mädchen streckte die Hand aus.
Ihre Finger berührten die Wasseroberfläche.
Das blaue Licht explodierte.
Ein Schrei, der nicht menschlich war, hallte durch das Tal. Der Boden bebte. Wasser schoss in die Höhe wie eine Fontäne. Das Mädchen wurde zurückgeschleudert. Sie landete hart, reglos.
Phoebe rannte zu ihr. George war schneller. Er hob das Kind hoch. Es atmete noch, aber flach. Die Augen waren weit offen, starrten ins Leere.
Die Mutter fiel schluchzend neben ihnen auf die Knie.
Cates kniete sich daneben, legte die Hände auf die Brust des Mädchens. „Sie ist kalt. Zu kalt.“
George sah Phoebe an. Das Band brannte jetzt, heiß und fordernd.
„Es hat sie berührt“, sagte er. „Es hat in sie hineingesehen.“
Phoebe legte ihre Hand über die des Kindes. Sofort spürte sie es. Ein Sog. Etwas zog an ihr. Nicht gewalttätig. Fragend. Wer bist du? Warum bist du hier? Was gibst du mir?
Sie schloss die Augen.
„Ich bin Phoebe“, flüsterte sie in Gedanken. „Ich bin gekommen, weil ich Liebe gefunden habe. Weil ich fliehen musste vor dem, was mich zerstören wollte. Ich will ein Zuhause. Für uns alle.“
Das Blau in ihrem Inneren flackerte.
Dann eine Stimme. Nicht laut. Nicht in Worten. In Bildern. In Gefühlen.
Zeig mir.
Phoebe öffnete die Augen. Das Tal hatte sich verändert. Die Bäume bewegten sich nicht im Wind. Sie beugten sich. Zu ihnen. Als wollten sie zuhören.
„Ich zeige dir alles“, sagte sie laut.
Sie stand auf. Ging zum Teich. Niemand hielt sie zurück.
Sie kniete sich ans Ufer. Tauchte beide Hände ins Wasser.
Kälte explodierte in ihren Adern. Doch es war keine gewöhnliche Kälte. Es war Erinnerung. Ihre eigene. Und die des Tals.
Sie sah Bilder.
Alte Rudel, die hierherkamen. Stolz. Gierig. Sie wollten das Tal beherrschen. Das Tal nahm sie. Ließ sie verschwinden. Knochen blieben zurück.
Dann andere. Verletzte. Verstoßene. Sie kamen mit leeren Händen. Mit Hoffnung. Das Tal ließ sie bleiben. Aber nur, wenn sie gaben.
Blut. Wahrheit. Einen Teil von sich.
Phoebe spürte, wie das Band sich öffnete. Nicht nur zu George. Zu allen. Zu Cates. Zu Torin. Zu den Kindern. Es floss durch sie hindurch wie ein Fluss.
„Ich gebe“, flüsterte sie.
Sie zog den Dolch. Schnitt tief in ihre Handfläche. Blut tropfte ins Wasser. Das Blau leuchtete heller.
Doch es reichte nicht.
Das Tal wollte mehr.
Es wollte George.
Sie spürte seinen Widerstand durch das Band. Er wollte nicht. Er fürchtete, dass es ihn zerbrechen würde. Dass es ihn zurückverwandeln würde in den, der er gewesen war. Den kalten Prinzen. Den Mörder.
„George“, sagte sie leise.
Er trat neben sie. Sah sie an. In seinen Augen lag Angst. Echte Angst.
„Ich kann nicht“, sagte er. „Wenn es mich nimmt... was bleibt dann von mir?“
„Was immer du wählst zu sein“, antwortete sie.
Er schloss die Augen. Atmete tief ein.
Dann kniete er sich neben sie. Zog sein eigenes Messer. Schnitt sich in die Handfläche. Tiefer als sie. Blut floss reichlich. Er presste die Hand ins Wasser.
Das Tal erzitterte.
Ein Windstoß fuhr über sie hinweg. Bäume bogen sich so tief, dass Nadeln wie Regen fielen.
Dann Stille.
Das blaue Licht zog sich zusammen. Wurde zu einem Strahl. Schoss aus dem Teich heraus. Traf Phoebe und George gleichzeitig.
Schmerz.
Blendendes Licht.
Dann Wärme.
Als Phoebe wieder sehen konnte, lag das Mädchen in den Armen seiner Mutter. Es atmete ruhig. Die Augen klar.
Das Tal hatte genommen. Und gegeben.
Doch es war nicht vorbei.
Ein tiefes Grollen rollte durch den Boden. Nicht von einem Wolf. Von etwas Größerem.
Aus dem Schatten der Bäume trat eine Gestalt.
Ein Wolf. Schwarz. Riesig. Größer als Kael je gewesen war. Die Augen glühten nicht rot. Sie glühten blau. Dasselbe Blau wie das Wasser.
Er blieb stehen. Sah sie an.
Cates keuchte auf. „Das war er. Aus meinem Traum.“
Der Wolf bewegte sich nicht. Doch seine Stimme erklang. In ihren Köpfen. Tief. Alt.
Ihr habt gegeben. Blut der Liebe. Blut der Freiheit. Blut des Opfers.
Doch das Tal verlangt immer mehr.
Ein Preis bleibt.
Einer muss gehen. Freiwillig. In die Tiefe. Um das Gleichgewicht zu halten.
Sonst nimmt es alle.
Phoebe spürte, wie das Band sich zusammenzog. Wie eine Faust.
George trat vor.
„Ich gehe.“
„Nein“, sagte Phoebe sofort.
Er drehte sich zu ihr um. „Es muss einer sein. Ich bin der Stärkste. Ich habe am meisten genommen. Im Leben. Im Tod.“
„Du gehst nirgendwohin.“
Cates trat vor. „Wenn jemand geht, dann ich. Ich war die Luna, die sie wollten. Ich trage immer noch die Schuld.“
Torin schüttelte den Kopf. „Keiner von euch. Ich habe nichts mehr zu verlieren.“
Die Mutter des Mädchens stand auf. „Ich gehe. Sie hat mich gerettet. Ich schulde es.“
Stimmen erhoben sich. Alle redeten durcheinander. Jeder wollte gehen. Niemand wollte bleiben und zusehen.
Der Wolf wartete.
Phoebe spürte, wie das Band vibrierte. Es war kein Zwang mehr. Es war eine Frage.
Sie schloss die Augen.
„Ich gehe“, sagte sie laut.
George fuhr herum. „Phoebe!“
„Ich gehe“, wiederholte sie. „Weil ich die Erste war, die das Band gewählt hat. Weil ich die Letzte sein werde, die es hält.“
Das Band schrie in ihrer Brust. Schmerzhaft. Verzweifelt.
George packte sie an den Schultern. „Nein. Ich lasse dich nicht.“
„Du lässt mich nicht. Ich wähle es.“
Tränen liefen über ihr Gesicht. „Ich habe dich gefunden. Ich habe alles riskiert. Wenn das Tal mich nimmt, dann weiß ich, dass ihr lebt. Dass die Kinder lachen können. Dass Cates frei ist. Dass du... dass du weiteratmest.“
Er schüttelte den Kopf. „Ohne dich atme ich nicht.“
Der Wolf bewegte sich. Kam näher.
„Die Zeit läuft“, sagte seine Stimme.
Phoebe löste sich sanft aus Georges Griff. Ging auf den Wolf zu.
Jeder Schritt fühlte sich an wie ein Abschied.
Doch das Band hielt sie.
Es summte.
Es sang.
Es weigerte sich zu brechen.
Als sie nur noch wenige Schritte entfernt war, blieb sie stehen.
„Ich gebe mich“, sagte sie. „Aber nicht als Opfer. Als Wahl.“
Der Wolf neigte den Kopf.
Dann teilte sich sein Körper.
Nicht brutal. Sanft.
Aus dem schwarzen Fell löste sich eine zweite Gestalt. Eine Frau. Groß. Mit silbernem Haar. Das Mondsichelmal leuchtete hell auf ihrer Stirn.
Sie lächelte traurig.
„Ich bin das Tal“, sagte sie. „Oder das, was davon übrig ist. Die erste Luna, die hierherkam. Die nie wieder ging.“
Phoebe starrte sie an.
„Du hast gegeben“, sagte die Frau. „Mehr als je jemand zuvor. Du hast das Band nicht nur gewählt. Du hast es geteilt. Mit allen.“
Sie legte die Hand auf Phoebes Brust.
Das Band explodierte in Licht.
Nicht schmerzhaft.
Heilend.
„Ich nehme nichts“, sagte die Frau. „Ich gebe.“
Sie wandte sich an George. „Du hast getötet. Du hast gehasst. Du hast gefürchtet. Doch du hast auch geliebt. Das reicht.“
Dann an Cates. „Du hast gedient. Du hast geschwiegen. Nun sprich. Lebe.“
An Torin. „Du hast geschmiedet. Nun baue.“
An die Kinder. „Ihr seid das Morgen.“
Der Wolf verschwand.
Die Frau verschwand.
Das blaue Licht zog sich zurück ins Wasser.
Stille.
Dann ein Seufzen. Als würde das Tal ausatmen.
Phoebe drehte sich um.
George rannte zu ihr. Schlang die Arme um sie. Hielt sie so fest, dass sie kaum atmen konnte.
„Ich dachte...“, flüsterte er.
„Ich weiß.“
Cates kam hinzu. Umarmte sie beide.
Torin nickte nur, doch seine Augen glänzten.
Die Kinder lachten plötzlich. Hell. Frei.
Das Tal hatte gesprochen.
Und es hatte sie angenommen.
Sie gingen weiter.
Tiefer hinein.
Wo das Gras höher wurde.
Wo die Quellen sangen.
Wo neue Kreise aus weißen Steinen warteten.
Doch diesmal legten sie keine Knochen hinein.
Sie legten Blumen.
Versprechen.
Zukunft.
Und Phoebe wusste:
Sie hatten nicht nur überlebt.
Sie hatten begonnen.
Der Wind sang leise.
Die Bäume neigten sich zum Gruß.
Und das Tal flüsterte:
Willkommen.