Das Mädchen, das vor Tagesanbruch aufwachte
Iva erwachte um vier Uhr morgens durch das schrille, gnadenlose Klingeln ihres Weckers, dessen Ton die stille Dunkelheit ihres Zimmers durchdrang, und für eine kurze, törichte Sekunde wünschte sie sich, sie könnte sich das Kissen über den Kopf ziehen und so tun, als wäre sie nicht die Tochter des Gamma, als würde nicht von ihr erwartet, die Erste beim Training zu sein, als wäre sie nicht die ständige Enttäuschung, die ihr Vater wie eine unvermeidbare Last behandelte.
„Komm schon, Iva, beweg dich“, sagte sie sich, als sie die Beine aus dem Bett schwang und gegen die kalte Luft blinzelte, die an ihren nackten Armen zerrte.
„Es ist ja nicht so, als würde er auf magische Weise stolz auf dich sein, wenn du hier liegen bleibst.“
Sie zog sich schnell an – schwarze Leggings, ein eng anliegendes Trainingsshirt und Stiefel, die schon zu viele harte Morgen hinter sich hatten – und band ihr langes aschbraunes Haar zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen, wobei sich einige Strähnen um ihr sanftes Gesicht schlichen.
Ihre Haut hatte diesen schwachen silbernen Schimmer, der in ihrem Rudel üblich war, und ihre warmen haselnussbraunen Augen strahlten immer noch jene Sanftheit aus, die sie so sehr zu verbergen versuchte, denn Sanftheit war keine Eigenschaft, die unter Kriegern geschätzt wurde, schon gar nicht unter denen, von denen man erwartete, dass sie führen würden.
Sie hatte ihre Wölfin noch nicht – kein Achtzehnjähriger hatte ihn vor der Nacht seines Geburtstags –, doch in letzter Zeit hatte sie einen seltsamen Druck unter ihrer Haut gespürt, eine unruhige Vorfreude, die sie fragen ließ, ob ihre Wölfin ruhig oder wild, sanft oder ungezähmt sein würde, oder vielleicht, so dachte sie an ihren schlimmsten Tagen, würde ihre Wölfin für ihren Vater genauso enttäuschend sein wie sie selbst.
„Denk nicht darüber nach“, tadelte sie sich sanft, als sie aus dem Haus in die kühle Luft vor Sonnenaufgang schlüpfte und sich mit einer Geschwindigkeit bewegte, von der sie hoffte, dass sie ihre Gedanken vertreiben würde.
„Du gibst dein Bestes. Eines Tages wird er das erkennen. Vielleicht.“
Das Trainingsgelände erstreckte sich hinter den Hauptgebäuden des Rudels, beleuchtet von grellen Flutlichtstrahlern, die lange Schatten über den Boden warfen.
Das Silvercrest-Rudel war eines der mächtigsten in der Region, respektiert wegen seiner Größe und gefürchtet wegen seiner Krieger, und die Linie ihres Alphas herrschte seit Generationen mit eiserner Stärke und unerschütterlicher Disziplin über diese Lande.
Iva entdeckte ihren Vater sofort – Gamma Rhys, eine große und imposante Gestalt mit fest hinter dem Rücken verschränkten Armen, dunklem Haar, das an den Schläfen silbern schimmerte, und einem Blick, der selbst erfahrene Kämpfer dazu bringen konnte, sich unwillkürlich aufzurichten.
Sie näherte sich leise, ihr Herz zog sich bei der vertrauten Mischung aus Hoffnung und Furcht zusammen.
„Guten Morgen, Vater“, sagte sie leise.
Er warf ihr kaum einen Blick zu, nickte nur ganz knapp, bevor er sich abwandte, als würde ihn jede weitere Anerkennung in Verlegenheit bringen.
„Klar... wie immer“, dachte sie und schluckte den Stich hinunter. „Warum hast du es überhaupt versucht?“
Das Training war gnadenlos, ihre Muskeln schrien vor Schmerz, während sie sich über die Erschöpfung hinwegquälte, Schläge austeilte und Angriffe abwehrte – mit einer Entschlossenheit, die nach Verzweiflung schmeckte.
Sie wartete ständig auf ein einziges Wort der Anerkennung von ihrem Vater, selbst wenn es nur ein kleines wäre, doch er korrigierte immer wieder ihre Haltung mit knappen, kalten Anweisungen, die keinerlei Wärme ausstrahlten.
Bei Sonnenaufgang zitterte sie vor Erschöpfung, obwohl sie es gut verbarg, denn Schwäche war einfach nicht erlaubt – weder von ihrem Vater noch nach den Maßstäben des Rudels.
Sobald das Training beendet war, eilte sie unter die Dusche, ließ heißes Wasser über ihren schmerzenden Körper strömen und atmete langsam aus, in der Hoffnung, das Wasser könnte die Schwere von ihrer Brust spülen.
„Nur noch ein paar Wochen“, ermahnte sie sich, während sie sich für die Schule Jeans und einen weißen Pullover anzog.
„Die Highschool abschließen, deine Wölfin bekommen, deinen Geburtstag überstehen, und vielleicht ändert sich dann endlich etwas.“
Als sie aus dem Schulbus des Rudels stieg, war der Schulhof voller Geschwätz, und ihr Blick fiel sofort auf ihn, ihren Schwarm aus Kindertagen – Nick Blackthorn, den zukünftigen Alpha-König, umringt von einer Gruppe Mädchen in der Nähe des Brunnens.
Er wirkte mühelos beeindruckend, selbst in Zivil, mit seinem dunklen, zerzausten Haar, der markanten Kinnlinie und den sturmblauen Augen, die die Aufmerksamkeit auf sich zogen, ohne sich auch nur anzustrengen. Die Mädchen um ihn herum lachten über alles, was er sagte, und hingen an seinen Worten, als wären sie ein Privileg und nicht einfach nur Geräusche in der Luft.
Iva nahm ihren Mut zusammen, ging an ihm vorbei und schenkte ihm ein höfliches Lächeln.
„Guten Morgen, Nick.“
Er sah sie nicht an, nickte nicht, gab nicht einmal den geringsten Hinweis darauf, dass sie existierte – außer bei offiziellen Anlässen, wenn sie mit ihrer Familie zusammen war.
Eines der Mädchen warf Iva ein spöttisches Grinsen zu, flüsterte etwas hinter ihrer manikürten Hand, und die anderen Mädchen kicherten auf diese schneidende Art, die Iva kleiner fühlen ließ, als sie zugeben wollte.
„Warum versuchst du es immer wieder mit ihm?“, fragte sie sich bitter, als sie davonging.
„Er hat dich nie gesehen. Er wird es auch nie tun.“
Der Unterricht zog sich den ganzen Vormittag quälend hin, jede Minute fühlte sich lang und schwer an, doch sie wurde – wie immer – von dem einen Lichtblick in ihrem Leben gerettet.
Lori ließ sich auf ihren Platz neben ihr gleiten, die Haare zu einem unordentlichen Dutt zusammengebunden, die Augen vor Schalk funkelnd und mit einem Grinsen, das jeden Tag erträglich machen konnte.
„Bitte sag mir, dass wir den Geschichtsunterricht überstehen, ohne dass ich wieder an deiner Schulter einschlafe“, flüsterte Lori theatralisch.
„Wir können’s versuchen“, lachte Iva und spürte, wie sich Wärme in ihrer Brust ausbreitete. „Keine Versprechen.“
Lori stupste sie an und flüsterte ihr fast die ganze Stunde lang Witze und Klatsch zu, und für eine kurze Weile vergaß Iva den Stich von Nicks Kälte, vergaß das Schweigen ihres Vaters, vergaß die Last, fast achtzehn zu sein und noch keine Ahnung zu haben, wer sie wirklich war oder was sie in Zukunft tun würde.
Doch jedes Mal, wenn ihre Gedanken abschweiften, spürte sie wieder dieses seltsame innere Ziehen, dieses leise Kribbeln unter ihrer Haut, das ihr zuflüsterte, dass sich alles – absolut alles – bald ändern würde.
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In der Cafeteria herrschte reges Treiben, als Iva und Lori sich an ihren üblichen Tisch neben den großen Fenstern setzten. Das Sonnenlicht strömte fast schon etwas zu hell herein, als wolle es einem Raum voller Klatsch, Cliquen und dem ständigen Hin und Her von Wölfen, die so taten, als wären sie wegen des Schulabschlusses nicht gestresst, Fröhlichkeit aufzwingen.
Lori packte gleichzeitig ihren Salat und ihre Notizen zur medizinischen Anatomie aus – wie immer im Multitasking-Modus –, während Iva mit abwesendem Interesse in ihrem Essen herumstocherte und ihr Blick über die Menge schweifte.
Lori, die Tochter des Rudelarztes, hatte bereits damit begonnen, sich auf die Bewerbung an medizinischen Fakultäten vorzubereiten; ihre Träume waren so klar und zielstrebig wie ihr Verstand, und sie hob den Blick von ihren Notizen mit einem leisen Seufzer.
„Also... hast du schon darüber nachgedacht, wo du dich bewerben willst? Oder was du studieren möchtest? Denn die Bewerbungsfristen rücken immer näher, und du weißt ja, dass die Akademien auf niemanden warten.“
Iva schüttelte langsam den Kopf und drehte ihre Gabel zwischen den Fingern, während sich die vertraute Schwere auf ihren Schultern niederließ.
„Ich hab versucht, mit meiner Mama darüber zu reden“, murmelte sie, „und sie sagte, sie würde mich bei allem unterstützen, wofür ich mich entscheide, aber wir wissen beide, dass sie nicht der entscheidende Faktor ist.“
Die Bitterkeit schlich sich in ihre Stimme, obwohl sie sich bemühte, sie sanft klingen zu lassen.
„Ich hab auch versucht, mit meinem Vater zu reden... aber du weißt ja, wie mein Vater mich gerne ignoriert oder kritisiert, egal wie vorsichtig ich meine Worte wähle.“
Lori runzelte die Stirn, beugte sich vor und kniff frustriert die Augen zusammen.
„Was hat er diesmal gesagt?“
Iva stieß ein leises, humorloses Lachen aus.
„Als ich das Thema College zur Sprache brachte, hat er nur gespottet. Im wahrsten Sinne des Wortes gespottet. Er sagte, es wäre ‚Geldverschwendung‘, und ging dann weg, ohne mir auch nur einen einzigen konstruktiven Rat zu geben.“
Sie zuckte schwach mit den Schultern. „Also... da stehe ich nun.“
„Das ist nicht nur unfair“, murmelte Lori und stach mit unnötiger Wucht mit der Gabel in ihren Salat, „es ist völlig bescheuert. Du bist klug und engagiert, du hast gute Noten. Du musst dich schon jetzt bewerben, Iva. Und du weißt nicht einmal, ob deine Familie dich unterstützen wird oder nicht – wie sollst du da so etwas überhaupt planen?“
„Ich weiß“, flüsterte Iva und atmete tief aus, sodass sich ihre Brust senkte, und in dem Moment, als sie aufblickte, fiel ihr Blick – ungewollt – auf Nick auf der anderen Seite der Cafeteria.
Er stand mit seinem üblichen Kreis von Bewunderern da, lachte über irgendetwas, seine Haltung war entspannt und selbstbewusst, so wie er es schon seit seiner Kindheit war – die Haltung von jemandem, der mit dem Wissen aufgewachsen war, dass er eines Tages ganze Rudel anführen würde.
Etwas in ihr zog sich zusammen. Warum er? Warum immer er?
Lori folgte ihrem Blick und stöhnte.
„Oh, sag mir bloß nicht, dass du ihn schon wieder anstarrst. Iva, komm schon. Du hast es doch schon versucht...“
„Ich starre nicht“, murmelte Iva defensiv, obwohl ihr Blick trotzdem dort verweilte.
„Ich... schaue nur hin.“
„Das ist doch dasselbe.“
Iva wollte wegsehen, aber ihre Erinnerungen ließen ihre Brust schmerzen.
Sie erinnerte sich an letztes Jahr – wie viel Mut es gekostet hatte, auf ihn zuzugehen, wie ihre Hände zitterten, obwohl sie versuchte, es zu verbergen, wie ihre Stimme brach, als sie ihm die Gefühle gestand, die sie seit ihrer Kindheit in sich getragen hatte. Sie erinnerte sich an den Schock in seinem Gesicht, der in Belustigung überging, boshafte Belustigung, und daran, wie er vor allen gelacht hatte.
Bügelbrett.
Das Wort brannte immer noch unter ihrer Haut, genauso schlimm wie seine Zurückweisung und sein Spott.
Er hatte es mit einem Grinsen gesagt, als wäre ihr athletischer Körper – der durch jahrelanges hartes Training geformt worden war – etwas, über das man sich lustig machen könnte, nur weil sich ihre Brust nicht so entwickelt hatte wie die der anderen Mädchen. Während diese früh zur Blüte kamen, blieb sie eine Spätentwicklerin, flach in all den Bereichen, in denen Teenager-Wölfe am härtesten urteilten.
Ein weiterer Grund zur Enttäuschung, dachte sie bitter und wünschte sich, die Erinnerung würde nicht immer noch so wehtun wie damals.
Lori streckte die Hand über den Tisch aus und drückte sanft ihre Hand.
„Iva... vergiss ihn. Im Ernst. Ja, er ist der zukünftige Alpha, aber er ist auch irgendwie ein Arsch. Eigentlich kein ‚irgendwie‘ – er ist ein totaler Arsch.“
Iva schnaubte leise.
„Vielleicht... aber er ist ein Arsch, der nächstes Jahr die Militärakademie für Werwölfe besuchen wird – während ich nicht mal weiß, ob ich überhaupt irgendwo hingehen darf.“
„Dann bewirb dich“, sagte Lori bestimmt, ihre Stimme ließ keinen Raum für Zweifel. „Bewirb dich trotzdem. Nur für den Fall, dass dein Vater – Gamma Rhys, der König der emotionalen Verstopfung – sich endlich entscheidet, den Kopf aus dem Hintern zu ziehen und dich deine Träume verfolgen lässt.“
Iva blinzelte, dann lachte sie trotz des Schmerzes in ihrer Brust. „Lori...“
„Ich hab recht, und das weißt du auch. Gib dir wenigstens die Chance, Iva. Halte dir Optionen offen.“
Iva zögerte, starrte auf ihr Tablett hinunter, bevor sie langsam nickte.
„Okay... vielleicht hast du recht. Ich werde... ich werde mich bewerben, nur für den Fall.“
Obwohl tief in ihrem Inneren eine leise Stimme flüsterte, dass Hoffnung gefährlich sei, besonders für jemanden wie sie.
Lori lächelte triumphierend und widmete sich wieder ihren Notizen, während Iva versuchte, sich auf ihr Essen zu konzentrieren, doch ihr Blick wanderte erneut zu Nick – dem schönen, grausamen, unerreichbaren Nick – und sie fragte sich, ob er sie jemals mit etwas anderem als Ärger oder spöttischer Belustigung ansehen würde.
Sie bezweifelte es.