Einleitung.-2

2043 Worte
Sie sprechen nur von rohen Gesellen, von Bauern, die, wie ich zugeben will, im Banne ständiger Mordlust stehen ... Aber es ist nicht möglich, daß Sie dieselben Beobachtungen an »kultivirten Geistern«, an »polizeilich geschulten Naturen,« an Mitgliedern der guten Gesellschaft zum Beispiel, gemacht haben, die in jeder Stunde ihres Daseins Siege über den Urinstinkt und die wilden Gelüste des Atavismus davon tragen. Darauf antwortete unser Philosoph lebhaft: – Gestatten Sie ... Was sind denn eigentlich die Gewohnheiten und die bevorzugten Vergnügungen der Leute, die Sie »kultivirte Geister und polizeilich geschulte Naturen« nennen, mein Lieber? Das Fechten, das Duell, wilde Sports, das schändliche Taubenschießen, Stierkämpfe, die verschiedenen Übungen des Patriotismus, die Jagd ... alle diese Dinge sind in Wirklichkeit nur Rückschritte zur Epoche des antiken Barbarenthums, als der Mensch – wenn man sich so ausdrücken darf – im Punkte seiner moralischen Kultur mit den riesigen Raubthieren, denen er nachstellte, auf gleicher Stufe stand. Man braucht sich übrigens nicht darüber beklagen, daß die Jagd die ganze schlecht umgeformte Überlieferung alterthümlicher Sitten überlebt habe. Sie ist eine bedeutende Ableitung, durch die die »kultivirten Geister und polizeilich geschulten Naturen,« all' dem was in ihnen noch immer an Zerstörungslust und blutiger Leidenschaft besteht, ohne uns damit größeren Schaden zuzufügen, freien Lauf lassen. Sonst könnten Sie versichert sein, daß »die kultivirten Geister« statt den Hirsch zu hetzen, das Wildschwein abzufangen und unschuldiges Geflügel in den Kleefeldern niederzumetzeln, auf unsere Spuren ihre Meute hetzen und daß uns die »polizeilich geschulten Naturen« lustig mit Flintenschüssen niedermachen würden, welche Bethätigung sie nie verfehlen, wenn sie durch irgend eine Art und Weise zur Macht gelangt sind; sie thun dies mit mehr Entschlossenheit und – wir müssen das freimüthig anerkennen – mit weniger Heuchelei, als die auf niedrigerer Stufe stehenden ... Ach, hoffen und wünschen wir, daß das Wildpret nie aus unsern Haiden und Wäldern verschwände! ... Es ist unsere Schutzwache und gewissermaßen unser Lösegeld ... An dem Tage, da es plötzlich verschwinden würde, müßten wir rasch zu dem heiklen Vergnügen »der kultivirten Geister« seine Stelle einnehmen. Der Fall Dreyfus stellt uns ein bewunderungswürdiges Beispiel dafür vor, ich glaube: nie wurde die Lust am Morde und die Freude an der Jagd auf Menschen so vollkommen und cynisch offen gezeigt ... Unter den außergewöhnlichen Vorkommnissen und scheußlichen Thaten, zu denen sie täglich seit Jahresfrist Anlaß gaben, bleibt die Verfolgung des Herrn Grimaux durch die Straßen von Nantes der charackteristische Zug, der den »kultivirten Geistern und polizeilich geschulten Naturen« alle Ehre macht, die diesen großen Gelehrten, dem wir die hervorragendsten Untersuchungen in der Chemie verdanken, schmählichst beschimpften und mit dem Tode bedrohten ... Man muß sich stets daran errinnern, daß der Bürgermeister von Clisson, auch ein »kultivirter Geist«, in einem offenen Briefe Herr Grimaux das Betreten seiner Stadt verbot und sein Bedauern darüber aussprach, daß die modernen Gesetze ihm nicht gestatten, ihn »hoch und kurz zu henken« wie es Gelehrten in den schönen Zeiten der früheren Monarchien zukam ... Darin wurde der ausgezeichnete Bürgermeister von allem unterstützt, was Frankreich an entzückenden »Mitgliedern der guten Gesellschaft« zählt, die, wie unser Wirth sagt, in jeder Stunde ihres Daseins Siege über den Urinstinkt und die wilden Gelüste des Atavismus davontragen. Bemerken Sie übrigens auch, daß sich aus den Reihen der kultivirten Geister und polizeilich geschulten Naturen fast ausschließlich die Offiziere rekrutiren, daß heißt Leute, die weder schlechter noch dümmer als die andern sind und sich frei ihren – übrigens allgemein geachteten – Beruf wählten, bei dem die ganze geistige Anstrengung darin besteht, an einer menschlichen Person die verschiedensten Vergewaltigungen vorzunehmen, die vollständigsten, die sichersten Mittel für Raub, Zerstörung und Mord zu entfalten und zu vervielfachen ... Gibt es nicht Krigsschiffe, die man mit den durchaus loyalen und der Wahrheit entsprechenden NamenDevastation (Verwüstung) ... Furor ... Terror ... ausgestattet hat? ... Und ich selbst? ... Ja sehen Sie! ... ich habe die Gewißheit, daß ich kein Scheusal bin ... Ich glaube ein normaler Mensch zu sein, mit zärtlichen Neigungen, höheren Gefühlen, überlegener Kultur und dem Raffinement der Civilisation und Geselligkeit ... Na also, und wie oft habe ich in meinem Innern die gewaltthätige Stimme des Mordes knurren hören! ... Wie oft fühlte ich aus der Tiefe meines Lebens in einem Blutstrome nach meinem Hirn das Verlangen, das wilde, heftige und fast unbesiegliche Gelüst zu tödten, steigen! ... Glauben Sie nicht, daß dieses Gelüst sich in einer leidenschaftlichen Krise offenbart habe, von überlegtem Jähzorn begleitet worden sei, oder sich durch niedrige Habsucht entwickelt habe .... Nichts von alledem ... Dieses Gelüst entsteht plötzlich, kraftvoll, ohne Rechtfertigung in mir, aus keinerlei Ursache und bei keinerlei Anlaß ... Auf der Straße zum Beispiel, vor dem Rücken eines unbekannten Spaziergängers ... Ja, es gibt Rücken auf der Straße, die den Dolch herbeirufen ... Weshalb? ... Nach diesem unvorhergesehenen Geständnis verstummte der Philosoph einen Augenblick lang und sah uns mit furchtsamer Miene an ... Dann begann er von Neuem: – Nein, sehen Sie, die Moralisten können gut reden, der Drang zum Tödten wird im Menschen zugleich mit dem Drange zu essen geboren, und verschmilzt mit diesem ... Diesen instinktiven Drang, der der Motor aller lebenden Organismen ist, entwickelt die Erziehung, statt ihn einzuschränken, die Religionen heiligen ihn, statt ihn zu verfluchen; alles verbündet sich, um aus ihm die Achse zu machen, um die sich unsere bewunderungswürdige Gesellschaft dreht. Sowie der Mensch zum Bewußtsein erwacht, wird ihm der Geist des Mordes ins Hirn gehaucht, der Mord bis zur Pflicht erhoben, bis zum Heldenthum popularisiert, wird ihn durch alle Etappen seines Dasein's begleiten. Man wird ihn barocke Götter, tobsüchtige Götter anbeten lassen, die nur an Sündfluthen Gefallen finden und in reißender Wildheit Menschenleben verschlingen, Völker gleich Getreidefeldern niedermähen. Man wird ihn nur Helden achten lehren, diese ekelhaft rohen Kerle, die mit Verbrechen beladen und über und über roth von menschlichem Blute sind. Die Tugenden und Fähigkeiten, durch die er sich über seines Gleichen erheben und Ruhm, Vermögen und Liebe erringen kann, stützen sich einzig und allein auf Mord ... Er wird im Kriege die höchste Form des ewigen und allgemeinen Mordwahnsinnes finden, des regelmäßigen, in Regimenter eingetheilten obligatorischen Mordes, der eine nationale Pflicht ist. Wohin er auch geht, was er auch thut, stets wird er das Wort: Mord unsterblich auf dem Schilde dieses weiten Schlachthofes, der die Menschheit ist, angeschrieben sehen. Weshalb soll also dieser Mensch, dem man von frühester Kindheit an Nichtachtung des menschlichen Lebens eingeprägt hat, den man dem gesetzlichen Morde weihte, vor einem Todtschlag zurückschrecken, wenn er dabei Nutzen oder Zerstreuung findet? Im Namen welchen Gesetzes will die Gesellschaft Mörder verurtheilen, die in Wirklichkeit sich nur den menschenmordenden Gesetzen, die sie gegeben, anpassen, und den blutigen Beispielen, die sie ihnen geliefert, folgen? ... »Wie, könnten eines Tages die Mörder sagen, Ihr nöthigt uns einen Haufen von Leuten, gegen die wir keinerlei Haß spüren, die wir ja nicht einmal kennen, niederzumetzeln; jemehr wir tödten, in desto reicherem Maaße bedeckt Ihr uns mit Anerkennung und Ehren! ... Eines anderen Tages, Eurer Logik vertrauend, unterdrücken wir Wesen, die uns unbequem sind, und die wir verabscheuen, weil wir ihr Geld, ihr Weib, ihre Stellung begehren, oder auch einfach nur, weil es uns Freude bereitet sie zu unterdrücken: All' das sind genaue, annehmbare und menschliche Begründungen und da kommt uns der Gensdarm, der Richter und Henker in die Quere! ... Das ist eine haarsträubende Ungerechtigkeit, die sich mit dem gesunden Menschenverstande nicht vereinen läßt!« Was könnte darauf die Gesellschaft zur Antwort geben, wenn ihr auch nur das Mindeste an Logik gelegen wäre? Ein junger Mann, der bisher noch keinen Ton von sich gegeben hatte, bemerkte nun: – Ist dies wohl die richtige Erklärung der seltsamen Mordmanie, von der wir, wie Sie behaupten, ausnahmslos, von Natur aus und in der That befallen sind? ... Ich weiß es nicht und will es auch gar nicht wissen. Das befriedigt in höherem Grade meine geistige Faulheit, die davor zurückscheut soziale und menschliche Probleme zu lösen, die übrigens ja nie gelöst werden, und das bestärkt mich in dem Gedanken, in den ausschließlich poetischen Gründen, durch die ich alles, was ich nicht begreife, zu erklären oder vielmehr nicht zu erklären versucht bin ... Sie haben uns, verehrter Meister, soeben ein schreckliches Geständnis gemacht und uns Eindrücke beschrieben, die, wenn sie eine active Form annehmen würden, Sie weit führen könnten und mich desgleichen, denn ich habe diese Eindrücke auch oft genug erhalten und erst vor ganz kurzer Zeit unter folgenden, sehr banalen Verhältnissen ... Aber gestatten Sie mir vorher die Bemerkung, daß ich diesen abnormalen Geisteszustand vielleicht der Umgebung verdanke, in der ich aufgewachsen bin, sowie den täglichen Einflüssen, die ohne mein Wissen auf mich wirkten ... Sie kennen meinen Vater, den Doctor Trepan. Sie wissen, daß es keinen geselligeren, keinen liebenswürdigeren Menschen als ihn gibt. Es gibt aber auch keinen Menschen, aus dem sein Beruf einen rücksichtsloseren Mörder gemacht hätte ... Oft genug habe ich diesen wundervollen Operationen, die ihn in der ganzen Welt berühmt gemacht haben, beigewohnt ... Seine Verachtung des Lebens hat etwas wirklich Grandioses an sich. Einmal hatte er in meiner Gegenwart einen sehr schwierigen Schnitt in der Weichengegend einer Patientin ausgeführt, als er plötzlich die Kranke, die noch im Chloroformschlafe lag, nochmals genau untersuchte und vor sich hinmurmelte: »Diese Frau muß eine Affection am Magenmunde haben ... wie wäre es, wenn ich ihr den Magen öffnete ... Ich habe ja Zeit genug dazu.« Darauf nahm er die Operation vor; aber die Kranke hatte dort nichts. Da begann mein Vater die unnütze Wunde zuzunähen, während er bemerkte: »So habe ich mir wenigstens Gewißheit verschafft.« Diese Überzeugung war umso werthvoller, als die Patientin noch am selben Abend verschied ... Ein anderesmal besuchten wir in Italien, wohin er wegen einer Operation gerufen worden war, ein Museum ... Ich war begeistert. »Ach Du Dichter! ... Du Dichter, rief mein Vater, der sich keinen Augenblick lang für die Meisterwerke, die mich in wahres Entzücken versetzten, interressirte ... Die Kunst! ... die Kunst! ... Das Schöne! ... Weißt Du was das ist? ... Na also, mein Junge, das Schöne ist ein geöffneter, blutüberströmter Frauenbauch, mit Pinzetten darin! ...« Aber ich philosophire nicht, ich erzähle nur ... Sie können aus dem Bericht all die anthropologischen Folgen ziehen, die er enthält, wenn er überhaupt welche enthält ... Der junge Mann hatte eine Sicherheit in seinem Auftreten, einen schneidenden Ton in der Stimme, der uns förmlich schaudern ließ. – Ich kam aus Lyon zurück, begann er von Neuem, und befand mich allein in einem Coupé erster Klasse. In irgend einer Zwischenstation, ich weiß nicht mehr in welcher, stieg ein Reisender ein. Der Ärger darüber, in seiner einsamen Beschaulichkeit gestört zu werden, kann wohl eine geistige Verfassung von größter Heftigkeit veranlassen, und Einen zu bedauerlichen Thaten geneigt machen, das will ich gerne zugeben ... Aber ich empfand nichts dergleichen ... ich langweilte mich dermaßen allein, daß das zufällige Herbeikommen eines Gesellschafters mir anfänglich geradezu angenehm war. Er ließ sich mir gegenüber nieder, nachdem er behutsam sein kleines Gepäck in dem Tragnetz untergebracht hatte ... Er war ein dicker Mensch von gewöhnlichem Benehmen, dessen fette und glänzende Häßlichkeit mir ohne Verzug antipathisch wurde ... Nach Verlauf von wenigen Minuten fühlte ich, wenn ich ihn ansah, etwas wie unüberwindlichen Ekel ... Er war schwerfällig auf den Kissen niedergesunken und streckte die Beine auseinander, während sein riesiger Bauch bei jedem Stoß des Zuges gleich einem gemeinen Gelatinpacket zitterte und wogte. Da ihm augenscheinlich warm war, nahm er seinen Hut ab und wischte sich schmutzig die Stirn ab, eine niedrige, runzlige, knotige Stirn, die gleich Aussatz von kurzen, spärlichen, klebrigen Haaren zerfressen wurde. Sein Gesicht war nur eine Häufung von Fettklumpen; sein dreifaches Kinn, diese feige Kravatte weichlichen Fleisches, baumelte auf seine Brust herab. Um diesen unangenehmen Eindruck zu vermeiden, entschloß ich mich die Gegend zu betrachten und gab mir Mühe von der Gegenwart dieses peinlichen Gefährten vollkommen abzusehen. Eine Stunde verging ... und als die Neugierde, die stärker als mein Wille war, meine Blicke wieder auf ihn gerichtet hatte, sah ich, daß er in niedrigen, tiefen Schlaf versunken war. Er schlief, in sich selbst zusammengesunken, der Kopf hing herab und baumelte auf den Schultern, seine dicken aufgedunsenen Hände lagen offen auf den Beinen. Ich bemerkte, daß seine runden Augen unter den geschlossenen Lidern zitterten, in deren Mitte, wie in einem Riß, ein Stückchen bläulicher Pupille gleich einem Eitergewächs auf einem Fetzen welken Fleisches erschien. Welch' plötzlicher Wahnsinnsgedanke durchzuckte mir das Gehirn, ich weiß es wahrhaftig nicht ... Denn wenn ich mich auch oft zur Mordlust gereizt gefühlt hatte, blieb dies doch stets im keimartigen Zustande des Verlangens und hatte noch nie die bestimmte Form einer Geberde oder einer That angenommen ... Kann ich glauben, daß nur die niedrige Häßlichkeit dieses Menschen diese Geberde und diese That herausforderte? ... Nein, es lag noch ein tieferer Grund vor, dessen ich mir nicht genau bewußt bin ... Ich stand behutsam auf und näherte mich dem Schläfer mit ausgestreckten, verkrampften und gewaltthätigen Händen, als ob ich ihn erwürgen wollte ...
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN