Einleitung.-3

1676 Worte
Darauf machte er als ein Erzähler, der mit seinen Wirkungen wohl hauszuhalten weiß, eine Pause ... Dann fuhr er mit sichtlicher Befriedigung fort: – Trotz meiner unansehnlichen Gestalt bin ich mit bedeutender Kraft begabt, mit einer seltenen Geschicklichkeit der Muskeln, mit außergewöhnlicher Spannkraft, und in diesem Augenblicke verdoppelte eine seltsame Hitze die Wirkungfähigkeit meiner körperlichen Eigenschaften ... Meine Hände näherten sich ganz von selbst dem Nacken dieses Mannes, ganz von selbst, ich versichere Sie, eifrig und schrecklich ... ich fühlte in mir nur eine Leichtigkeit, eine Elastizität, einen Strom nervöser Wellen, etwas gleich dem starken Rausche geschlechtlicher Wollust ... Ja, ich kann das, was ich empfand, mit gar nichts besserem vergleichen ... In dem Augenblick, als meine Hände, gleich einer unlösbaren Zwinge, diesen fettigen Hals umschlingen wollten, erwachte der Mann ... Er erwachte mit Entsetzen im Blicke und stammelte: »Was denn? ... Was denn? ... Was? ...« Und das war alles! ... Ich sah wohl, daß er noch weiter wollte, aber er vermochte es nicht ... Sein rundes Auge zitterte gleich einem Flämmchen, das vom Winde bewegt wird. Dann starrte er mich unbeweglich, voll Entsetzen an ... Ohne ein Wort zu sagen, ohne eine Entschuldigung oder Erklärung zu suchen, durch die dieser Mensch beruhigt worden wäre, ließ ich mich ihm gegenüber nieder und entfaltete mit ruhiger Gewandtheit, die mich heute noch Wunder nimmt, eine Zeitung, die ich übrigens nicht las ... Mit jeder Minute wuchs das Entsetzen in den Augen des Menschen, die sich nach und nach verdrehten, ich sah wie sein Gesicht rothe Flecken annahm, sich dann bläulich färbte und starr wurde ... Bis Paris behielt der Blick des Mannes diese entsetzliche Starrheit ... Als der Zug anhielt, stieg der Mann nicht aus ... Der Erzähler zündete eine Zigarette an der Flamme einer Kerze an, und erklärte, nachdem er den Rauch vor sich hingeblasen, mit phlegmatischer Stimme: – Ich glaube es gern! ... Er war todt! ... Ich hatte ihn durch einen Gehirnschlag getödtet ... Dieser Bericht rief ein großes Unbehagen unter uns hervor und wir sahen uns verblüfft an ... War der seltsame junge Mann aufrichtig, hatte er uns zum Besten haben wollen? ... Wir erwarteten eine Erklärung, einen Kommentar, einen Schnörkel ... aber er schwieg ... Er rauchte ernst und bedächtig weiter und schien jetzt an etwas anderes zu denken ... Die Unterhaltung wurde von diesem Augenblick an regellos, ohne Stimmung fortgesetzt und verweilte tändelnd bei tausend unnützen Dingen in erschlaffendem Tone ... Da sagte ein Mann mit verwüstetem Gesicht, gekrümmtem Rücken, trüben Augen, vor der Zeit ergrautem Haar und Bart, mit zitternder Stimme, indem er mühsam aufstand: – Sie haben bisher von allem gesprochen, außer von Frauen, was mir bei einer Frage, in der sie die größte Wichtigkeit besitzen, wirklich unbegreiflich erscheint. – Sehr richtig! ... Wir wollen jetzt von den Frauen sprechen, stimmte der berühmte Schriftsteller bei, der sich nun wieder in seinem Lieblingselement befand, denn er galt in der Litteratur als jener merkwürdige Dummkopf, den man einen feministischen Meister nennt ... Es war wirklich die höchste Zeit, daß ein wenig Frohsinn diese blutigen Traumgebilde verscheuchte ... Sprechen wir von der Frau, meine Freunde, da wir in ihr und durch sie unsere wilden Instinkte vergessen, lieben lernen und uns bis zur höchsten Erkenntnis des Mitleids und Ideals erheben. Der Mann mit dem verstörten Gesicht lachte kurz auf, in seinem Lachen kreischte Ironie, gleich einer alten Thür, deren Angeln verrostet sind. – Die Frau als Erzieherin zum Mitleid! ... rief er ... ja ich kenne diese Melodie ... sie ist sehr im Schwunge in einer gewissen Litteratur und in den Collegien von Salonphilosophie ... Doch ihre ganze Geschichte und nicht allein ihre Geschichte, sondern auch ihre Rolle in der Natur und im Leben strafen diese durchaus romantische Behauptung Lügen ... Denn weshalb drängen sich sonst die Frauen zu blutigen Schauspielen, mit der gleichen Verzückung, wie beim Wollustrausche? ... Weshalb strecken sie, wie man sich stets überzeugen kann, auf der Straße, im Theater, in den Gerichtssälen und vor der Guillotine den Hals nach Folterscenen aus, reißen gierig die Augen auf und empfinden bis zum Ohnmächtigwerden, schändliche Freude am Tode? ... Weshalb läßt sie schon der Name eines großen Mörders bis in die tiefsten Tiefen ihres Leibes in einer Art von köstlichem Entsetzen erschaudern? ... Sie schwärmen alle, oder beinahe alle von Pranzini! ... Weshalb? ... – Ach was! ... rief der berühmte Schriftsteller aus ... Das sind doch Dirnen ... – Nicht im Geringsten, erwiderte der Mann mit dem verstörten Gesicht, auch große Damen und Bürgerfrauen ... Das kommt ganz aufs gleiche heraus ... In Bezug auf Frauen gibt es keine moralischen Kategorien, es gibt nur soziale Kategorien, es sind eben Frauen ... Die Frauen aus dem Volke, aus dem hohen und kleinen Bürgerstande, ja aus den höchsten Kreisen der Gesellschaft stürzen sich lüstern auf jene scheußlichen Todtenkammern und absurden Verbrechermuseen, die die Feuilletons des Petit Journal sind. Weshalb? ... Das kommt daher, weil die großen Mörder auch stets schreckliche Liebhaber waren ... Ihre geschlechtliche Kraft entspricht ihrer verbrecherischen Kraft ... Sie lieben wie sie tödten! ... Der Mord wird aus der Liebe geboren und die Liebe erhält ihre höchste Spannkraft durch den Mord ... Es ist dies die gleiche physiologische Erregtheit ... Es sind die gleichen erstickenden Geberden, die gleichen Bisse ... Und häufig fallen dabei auch die gleichen Worte in der identischen Verzückung.. Er sprach mühsam, während ein leidender Zug bei ihm bemerkbar wurde ... Je länger er sprach, desto trüber wurden seine Augen, desto deutlicher traten die Runzeln seines Gesichtes hervor ... – Das Weib als Spenderin des Ideals und Mitleids! ... begann er vom Neuen ... Aber die schändlichsten Verbrechen sind fast stets das Werk des Weibes ... Das Weib denkt sie aus, entwickelt sie, bereitet sie vor und leitet sie ... Wenn die Frau diese Thaten nicht mit eigener, oft zu schwächlicher Hand ausführt, kann man doch in allen diesen Verbrechen ihren Charakter voll reißender Wildheit, ihre Unerbittlichkeit, ihre Geistesgegenwart, ihren Gedanken, ihr Geschlecht wiederfinden ... »Cherchez la femme!« sagt der weise Kriminalist ... – Sie verleumden das Weib! ... widersprach der berühmte Schriftsteller, der eine entrüstete Geberde nicht zurückhalten konnte. Sie stellen uns hier als Grundsatz auf, was doch nur in sehr seltenen Ausnahmen der Fall ist ... Entartung, Neurose, Neurasthenie ... alle Wetter! ... Das Weib ist gleich dem Manne gegen seelische Krankheiten nicht gefeit ... Obwohl bei ihm diese Krankheiten eine reizende und rührende Gestalt annehmen, die uns nur noch besser die Zartheit seines köstlichen Gefühllebens begreifen läßt. Nein, mein Herr, Sie befinden sich in einem bedauerlichen, und wenn ich mich so ausdrücken darf, verbrecherischen Irrthume ... Was man am Weibe bewundern muß, ist im Gegentheil der große Sinn, die große Liebe, die es für's Leben hat, und die, wie ich vorhin sagte, ihren endgiltigen Ausdruck im Mitleid findet ... – Litteratur! ... Das ist Litteratur, mein Herr! ... Und zwar die denkbar schlimmste. – Das ist Pessimismus, mein Herr! ... Blasphemie!.. Unvernunft! – Ich glaube, Sie täuschen sich alle beide, warf ein Arzt ein ... die Frauen sind weit raffinirter und verwickelter als Sie annehmen ... sie sind unvergleiche Virtuosen, großartige Künstler des Leidens und deshalb ziehen sie das Schauspiel des Schmerzes dem des Todes, die Thränen dem Blute vor. Und dies ist eine bewunderungswürdige amphibologische Thatsache, wobei jeder seine Rechnung findet, denn jeder kann daraus sehr verschiedene Schlußfolgerungen ziehen, das Mitleid der Frau übertreiben, oder ihre Grausamkeit verfluchen, gestützt auf gleich unangreifbare Begründungen kann ihr Jeder, wie er nun gerade im Augenblick gelaunt ist, Erkenntlichkeit oder Hatz zuwenden ... Und dann: wozu dienen denn alle diese unfruchtbaren Streitigkeiten? ... Da wir doch in dem ewigen Kampfe der Geschlechter stets die Besiegten sind und nichts dagegen thun können ... und da wir doch, ob wir nun Weiberfeinde oder Feministen sind, bis jetzt zur Wollust und zur Fortpflanzung kein vollkommeneres Vergnügungsinstrument und kein anderes Zeugungsmittel, als das Weib, gefunden haben? ... Aber der Mann mit dem verstörten Gesichte machte eine heftig verneinende Bewegung: – Hören Sie mich an, sagte er: Die Zufälligkeiten des Lebens – und was für ein Leben war das meine! ... haben mich nicht einer Frau ... sondern der Frau gegenübergestellt. Ich habe sie gesehen, frei von allem Kunstwerk, von all den Heucheleien, mit denen die Civilisation ihre wahre Seele, wie mit einen Lügenschmuck verhüllt ... Ich habe sie gesehen, ihrer Laune allein überlassen, oder wenn Sie das vorziehen, unter der alleinigen Herrschaft ihrer Instinkte, in einer Umgebung wo allerdings nichts sie zügeln konnte, wo sich im Gegentheil alles verschwor, um sie aufzuregen ... Nichts verbarg mir sie, weder Gesetze, noch Moral, noch religiöse Vorurtheile,noch soziale Convenienz ... Ich habe sie in ihrer ganzen Wirklichkeit, in ihrer ursprünglichen Nacktheit, zwischen Gärten und Qualen, zwischen Blut und Blumen gesehen ... Als sie mir erschien, war ich zur niedrigsten Stufe menschlicher Herabgekommenheit gesunken – wenigstens glaubte ich es. Da schrie ich vor ihren Augen voll Liebe, vor ihrem Munde voll Mitleid, hoffend auf, und glaubte ... ja ich glaubte, daß ich durch sie gerettet werden würde. Nun also, die Dinge nahmen einen fürchterlichen Verlauf! ... Die Frau hat mich Verbrechen kennen gelehrt, die ich noch nicht kannte, Schatten, in die ich noch nicht herabgestiegen war ... Sehen Sie meine erstorbenen Augen an, meinen Mund, der nicht mehr zu sprechen weiß, meine zitternden Hände ... weil ich sie gesehen habe! ... Aber ich kann ihr nicht fluchen, ebensowenig wie ich dem Feuer fluche, das Städte und Wälder verheert, dem Wasser, das Schiffe scheitern läßt, dem Tiger, der die blutige Beute in seinem Rachen nach der Tiefe des Dschungel schleppt ... Die Frau hat in sich die weltumspannende Kraft der Elemente, einen unüberwindlichen Zerstörungsdrang, gleich der Natur ... Sie ist ganz allein an sich schon die ganze Natur! ... Da sie die Gebärmutter des Lebens ist, ist sie auch gleichfalls die Gebärmutter des Todes ... Da durch den Tod, das Leben unablässig wiedergeboren wird ... Und da den Tod abschaffen auch das Leben in seiner einzigen Fruchtbarkeitsquelle tödten hieße ... – Und was beweist das? ... bemerkte der Arzt, achselzuckend. Jener antwortete einfach: – Das beweist nichts ... Müssen denn die Dinge, um dem Leide oder der Freude anzugehören, bewiesen werden? ... Sie müssen gefühlt werden ... Dann zog der Mann mit dem verstörten Gesicht schüchtern und – o, Allmacht der menschlichen Eigenliebe! – mit sichtlicher Befriedigung über sich selbst, eine Papierrolle aus der Tasche, die er sorgsam entfaltete: – Ich habe den Bericht dieses Theils meines Lebens niedergeschrieben, sagte er.. Lange zauderte ich ihn zu veröffentlichen und zaudere heute noch. Ich möchte ihn aber Ihnen vorlesen, da Sie Männer sind und nicht in die ärgste Finsterniß menschlicher Geheimnisse einzudringen fürchten ... Ach, daß Sie dennoch den blutigen Schrecken dieses Berichtes ertragen könnten! ... Er betitelt sich: Der Garten der Qualen... Unser Wirth ließ noch Zigarren und Getränke herbeischaffen ...
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