Kapitel Eins
Der Nebel in Oakhaven hing nicht nur in der Luft; es klebte wie ein nasses Leichentuch an der Haut. Jane zog den Kragen ihrer dünnen Jacke höher, ihre Turnschuhe knirschten über den feuchten Mulch des Reservats. Sie kannte die Regeln.
Jeder in Oakhaven kannte die Regeln: Bleiben Sie dem Wald fern, nachdem die Straßenlaternen zum Leben erwacht sind. Aber die Spätschicht im Diner war zu Ende, und die fünf Kilometer lange Wanderung rund um den Wald hätte eine Stunde gedauert, die ihr nicht zur Verfügung stand.
Ihr Herz hämmerte in hektischem Rhythmus gegen ihre Rippen. Im Reservat war es zu still. In diesen Wäldern war Stille kein Frieden; Es war der Atem, der angehalten wurde, bevor ein Raubtier zum Angriff überging.
Ein Geräusch durchbrach die Stille. Es war nicht das Knacken eines Zweiges oder das Rascheln eines Eichhörnchens. Es war ein nasses, reißendes Geräusch, gefolgt von einem leisen, vibrierenden Knurren, das das Mark in Janes Knochen zu erschüttern schien.
Sie erstarrte. Jeder Instinkt, den sie als Pflegekind geschärft hatte, die Fähigkeit, unsichtbar zu werden und den Atem anzuhalten, bis ihre Lungen brannten, trat auf Hochtouren. Sie kauerte hinter einer massiven, moosbedeckten Eiche und grub ihre Finger in die raue Rinde.
Als sie um den Kofferraum spähte, stockte ihr der Atem.
In der Mitte einer kleinen Lichtung, beleuchtet von einem dünnen Mondlicht, das durch das Blätterdach drang, stand ein Albtraum. Aber der Albtraum trug eine Collegejacke.
Es war Isaak. Der Isaak. Der Goldjunge der Oakhaven High, der Quarterback, dessen Lächeln das Herz eines Mädchens zum Stillstand bringen könnte. Nur lächelte er jetzt nicht. Er war vornübergebeugt und seine Wirbelsäule krümmte sich in einem unnatürlichen, ekelerregenden Winkel. Das Geräusch sich bewegender Knochen erfüllte die Lichtung, eine Abfolge von Rissen, als würde trockenes Holz unter einem Stiefel brechen.
„Isaak?“ Sie atmete, der Name war kaum eine Vibration in der Luft.
Er hörte sie nicht, oder wenn doch, war er zu weit weg. Seine Kleidung zerfetzte, der teure Stoff seiner Letterman-Jacke gab einer plötzlichen, heftigen Muskeldehnung nach. Seine Haut schien sich zu kräuseln und zu verdunkeln, entlang seiner Schultern ragte raues Fell hervor. Als er den Kopf zurückwarf, war es kein Schmerzensschrei, der seine Kehle verließ, sondern ein Heulen, das sich wie ein körperlicher Schlag auf Janes Brust anfühlte.
Er war nicht allein. Eine andere Gestalt lag regungslos im Dreck. Der Gestank von kupferdickem, süßlichem Blut stieg Jane in die Nase.
Angst, Kälte und Lähmung durchbrachen schließlich ihren Stillstand. Sie musste umziehen. Wenn sie blieb, war sie Zeugin. Wenn sie in Oakhaven Zeugin war, war sie ein Geist.
Jane trat einen Schritt zurück, ohne den massigen Umriss aus den Augen zu lassen, der nicht mehr Isaac war. Ihre Ferse fand einen trockenen Ast.
Schnapp.
Auf der Lichtung blieb das Biest stehen. Das leise Knurren verstummte. Der schwere, schnaufende Atem der Kreatur verstummte.
Jane wartete nicht. Sie drehte sich um und rannte davon. Es war ihr egal, dass die Dornen ihre Jeans zerrissen oder die tief herabhängenden Zweige ihr ins Gesicht schlugen. Sie rannte mit der Verzweiflung einer Person, die zum letzten Mal die Sonne untergehen sah. Hinter sich hörte sie das schwere, rhythmische Aufschlagen von vier Pfoten auf der Erde. Es war nicht das Geräusch eines Hundes. Es war das Geräusch von etwas Schwerem, Kraftvollem und Schnellem.
Er kommt.
Die emotionale Last der Erkenntnis traf sie härter als die körperliche Erschöpfung. Sie hatte drei Jahre an der Oakhaven High verbracht und Isaac vom hinteren Teil des Klassenzimmers aus beobachtet. Sie hatte gesehen, wie er seine Freunde ansah und wie er die Erwartungen seiner Familie wie eine Krone trug. Als er ihr einmal in der Bibliothek die Tür aufgehalten hatte, hatte sie sogar einen schwachen, flackernden Anflug von Schwärmerei verspürt.
Der Junge war weg. Die Welt, in der sie glaubte, in einer Welt voller Notendurchschnitte und Hochschulbewerbungen zu leben, war eine Lüge. Der echte Oakhaven hatte rote Zähne und Klauen.
Ihre Lunge brannte. Direkt vor uns lag der Waldrand, und der flackernde gelbe Schein einer fernen Straßenlaterne war ein Zeichen der Sicherheit. Wenn sie nur den Bürgersteig erreichen könnte, wenn sie nur die Wohnstraßen erreichen könnte, könnte sie verschwinden.
Sie stürmte durch die letzte Baumreihe und ihre Füße berührten den Asphalt der alten Anliegerstraße. Sie stolperte, ihre Knie berührten den harten Boden, brennend und wund.
Jane rappelte sich auf, schnappte nach Luft und drehte sich wieder um, um zur Baumgrenze zu blicken.
Nichts. Der Wald war eine schwarze Wand.
Sie stand einen Herzschlag lang da, ihre Brust hob und senkte sich, und das Adrenalin begann sich in einem zitternden, ekelerregenden Zittern zu verflüchtigen. Vielleicht hatte sie es geschafft. Vielleicht hatte er ihr Gesicht nicht gesehen. Vielleicht hatte der Nebel sie verborgen.
Ein Schatten bewegte sich nach links.
Bevor sie schreien konnte, prallte eine Hand, die zu groß, zu heiß und mit einer seltsamen, schrecklichen Energie vibrierend war, gegen die Ziegelwand des Wirtschaftsschuppens neben ihr.
Jane wirbelte herum und stieß mit dem Rücken gegen den kalten Ziegelstein.
Es war Isaak. Er war wieder ein Mensch, aber kaum. Sein Hemd war verschwunden, seine Brust voller Schmutz und … etwas Dunklerem. Seine Augen waren nicht so blau, wie sie es aus den Fluren kannte. Sie leuchteten in einem tödlichen, räuberischen Gold, und die Iris blutete ins Weiße.
Er sah sie nicht mit dem Mitleid oder der Langeweile an, die er normalerweise Menschen wie ihr gegenüber aufbrachte. Er sah sie an, als wäre sie das Einzige auf der Welt.
„Du hättest nicht dort sein sollen, Jane“, krächzte er. Seine Stimme war schroff, tiefer, als sie sein sollte, und vibrierte vor Hunger, der ihre Knie weich werden ließ.
„Ich habe nichts gesehen“, log sie mit brüchiger Stimme. „Isaac, bitte. Ich werde es niemandem erzählen.“
Er trat näher und drang in ihren Raum ein, bis sie die Hitze spüren konnte, die seine Haut ausstrahlte. Es war, als stünde man neben einem Ofen. Er beugte sich nach unten, sein Gesicht war nur Zentimeter von ihrem entfernt. Er sah nicht so aus, als ob er sie töten wollte. Er sah aus, als wollte er sie verzehren.
Er streckte die Hand aus, seine Finger strichen über ihren Hals und folgten ihrem Puls. Seine Berührung fühlte sich wie ein elektrischer Schlag an, ein schrecklicher Zug, der ihr Herz einen Schlag aussetzen ließ, während ihr Verstand schrie, sie solle weglaufen.
„Ich kann dich jetzt nicht gehen lassen“, flüsterte er und seine goldenen Augen hefteten sich auf ihre. „Du hast meinen Geruch bei dir. Und das Rudel … sie verfolgen ihn bereits.“
Janes Atem stockte, als er sich näher zu ihr beugte und seine Lippen ihre Ohrmuschel berührten.
„Wenn ich dich jetzt nicht beanspruche, Jane, wirst du den Sonnenaufgang nicht mehr erleben.“
Aus den Tiefen des Waldes hinter ihnen ertönte dieses Mal ein Chor von Heulen, das von blutrünstiger Absicht erfüllt war. Isaacs Griff um ihren Arm wurde fester, seine Nägel gruben sich gerade so weit in ihre Haut, dass ein einziger Tropfen Blut herausfloss.
„Lauf“, zischte er und zog sie zu seinem im Schatten geparkten Truck. „Oder sterben. Wählen.“