Wynta
Sie hatte die letzten Wochen damit verbracht, online und auch in verschiedenen Läden nach einem Kleid zu suchen. Sie nahm sich Zeit, ein Kleid für den Anlass auszuwählen. Sie hatte sich dann letztlich für ein schönes ärmelloses Kleid in der Farbe Königsblau entschieden. Obwohl es ein Ombré-Stil war, lief die Farbe nur am unteren Rand aus und wurde dort zu einem sanften Blau.
Sie hatte es mit einem einfachen Paar königsblauer Pumps mit einem drei Zentimeter hohen Absatz kombiniert, in denen sie relativ leicht laufen konnte. Sie hatte nicht vor, in einem Paar Stilettos herumzulaufen und sich zu blamieren, indem sie überall herumwackelte.
Sie hatte jedoch im Kleidergeschäft gestanden, das Kleid an sich betrachtet und ein wenig für sich selbst gelächelt. Sie mochte es tatsächlich. Obwohl sie nie die Neigung gehabt hatte, zweitausend Euro für ein Kleid auszugeben, dachte sie, dass sie dieses zu vielen verschiedenen Anlässen tragen könnte. Sie würde es behalten, anstatt es zu verkaufen. Es würde nämlich auch ein schönes Neujahrskleid abgeben.
Sie wusste, dass die Firma einen Neujahrsempfang veranstalten würde. Es sollte ein großes, schickes Event für die Mitarbeiter werden, an dem auch Wynta teilnehmen sollte, ebenso wie alle Manager und Abteilungsleiter. Sie könnte dieses Kleid auch zu diesem Anlass tragen.
Die Verkäuferin hatte ihr einen sehr hübschen funkelnden Gürtel angeboten, der wie eine Million winziger Kristalle glitzerte. Sie musste zugeben, dass er das Kleid noch weiter aufwertete. Aber sie wollte keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen oder von der Luna ablenken. Etwas so Funkelndes könnte ihr wohlmöglich Ärger einbringen. Daher lehnte sie den Gürtel höflich ab und sagte: „Ich möchte nicht riskieren, der Braut die Show zu stehlen.“
Sie hätte das Kleid auch in Schwarz genommen, aber es war bereits ausverkauft. Sie wollte einfach in der Menge untergehen. Schwarz wäre dafür besser gewesen. Sie hatte sich ein Kleid gekauft, das sie für einfach und elegant hielt, aber das auch nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Da sie eine Abtrünnige war, würde ihr Geruch schon genug Blicke auf sich ziehen. Es sei denn, Edward würde im Rudelhaus auf sie warten, um sie mit seinem zeremoniellen Dolch sofort in sein Rudel aufzunehmen.
Sie würde es ihm zutrauen, so auf sie zu warten. Und das würde auch dafür sorgen, dass von ihr kein Abtrünnigengeruch ausginge, der die Luna an ihrem großen Tag wahrscheinlich stören würde. Sie wusste, dass Edward diesen Ärger wahrscheinlich vermeiden wollte. Und so würde sie wahrscheinlich direkt in sein Büro eskortiert werden. Sie konnte sich schon bildlich vorstellen, wie Edward sie triumphierend anlächeln würde.
Sie war zurück im Büro und besprach mit ihrem Team, welche Art von Boutiquen und Restaurants am besten für jene Erdgeschossflächen geeignet wären. Das Café war bereits vermietet und das Design und die Renovierung waren im vollen Gange. Aber ein Restaurant war nur dann erfolgreich, wenn es die passende Küche für den jeweiligen Standort anbot und dann die besten Köche und einen qualitativ hochwertigen Service bot.
Sie schaute auf, als sie das Klopfen an ihrer Bürotür hörte und sah Chester, den Gamma des Rudels, sie anlächeln. Sie verengte ihre Augen auf ihn, als er den Raum betrat und die Tür hinter sich schloss. Es würde ein privates Gespräch werden. Ihre Augen wanderten zu ihrem Team und alle starrten sie an. Wynta schloss normalerweise nie ihre Tür.
„Was kann ich für dich tun, Chester?“, fragte sie ihn ganz direkt. Die beiden duzten sich schon seit mehreren Jahren.
Er ging hinüber und setzte sich in einen der beiden Stühle, die vor ihrem Schreibtisch standen, und sah sich im Raum um. „Du hast dein Büro nicht sonderlich persönlich gestaltet, oder? Du bist jetzt doch schon seit einem Jahr hier“, bemerkte er.
Sie schaute auf die Holzböden und ihren sauberen Schreibtisch, dann zu den Pinnwänden an der Wand zu ihrer Linken, die Marketingdetails für die Projekte enthielten, an denen sie und ihr Team arbeiteten. Auf den Regalen hinter ihr standen auch keine persönlichen Gegenstände. Es gab keine Familienfotos oder Kunstwerke in diesem Raum. Zu ihrer Rechten war ein schön großes Fenster, das ihr das Wetter draußen und das Gebäude auf der anderen Straßenseite zeigte.
„Ich sehe keinen Grund, das zu tun. Es ist ein Büro, in dem ich arbeite. Es ist ja nicht mein Zuhause“, antwortete sie einfach.
„Sogar dein Team hat dort draußen Fotos von ihren Familien, ihren Haustieren, lustige Memes ...“, stellte er fest.
„Ja, das haben sie, Chester. Was ist dein Punkt?“, fragte sie schlicht.
„Du bist seit fünf Jahren hier. Aber wenn du heute die Firma verlassen würdest, würde niemand wissen, dass das einmal dein Büro war.“
„Das ist mir bewusst. So sollte ein Büro aussehen. Es würde nur eine Minute dauern, meine Aktentasche zu nehmen und zu gehen, wenn ich gefeuert werde“, antwortete sie.
„Geht es dir echt darum? Edward wird dich nicht feuern. Dein Team macht einen sehr guten Job, du arbeitest selbst auch sehr hart. Du bleibst sogar oft länger und machst Überstunden.“
„Überwacht ihr etwa alle eine einzelne Abtrünnige?“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Ich dachte, ihr hättet mich inzwischen einfach in Ruhe gelassen.“
„Mm, Edward ist genauso stur wie du.“ Chester lächelte sie an. „Und da wir gerade beim Thema sind: Der Alpha hat mich geschickt, um mit dir über die bevorstehende Luna-Zeremonie zu sprechen.“
„Warum?“, fragte sie direkt zurück. „Er hat mich überlistet und ich habe jene Einladung unterschrieben. Jetzt ist es meine Pflicht, dort zu erscheinen.“
Chester kicherte. „Ja, das war ziemlich schlau. Aber ich glaube, es war eigentlich Marian, die diese Lösung für Edwards Problem gefunden hat.“
„Weißt du, Chester, ich sehe es eigentlich nicht als freiwilliges Betreten des Territoriums, wenn ich gezwungen werde, an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Also wird es keine Aufnahme in euer Rudel während der Veranstaltung geben.“ Sie lächelte ihn direkt an und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
Er runzelte für einen Moment die Stirn und fragte dann: „Muss ich dich zum Kleiderkauf begleiten oder hast du dir schon selbst ein Kleid gekauft?“
„Glaubst du, ich bin unfähig, ein formelles Kleid für diesen Anlass zu kaufen?“, fragte sie.
„Hast du?“, wiederholte er.
„Ja, Chester! Ich habe mir ein Kleid und sogar passende Schuhe gekauft“, erwiderte sie mit einem sarkastischen Unterton. „Wenn du es genau wissen willst, es ist königsblau. Und ich habe das den Veranstaltern auch bereits mitgeteilt, wie von mir erwartet wurde.“
„Super. Dann bist du also bereit, unser Rudelgebiet zu betreten und an der Zeremonie teilzunehmen.“ Er lächelte sie direkt an und lachte dann über das Stirnrunzeln, das ihr Gesicht zierte. „Ich bin jetzt voll im Bilde und du bist verärgert, dass der Alpha dich in deinem eigenen Spiel geschlagen hat.“ Er lachte noch einmal. „Also werde ich ihm mitteilen, dass du nun ins Rudel aufgenommen werden kannst.“
Ihre Augen verengten sich auf ihn. „Warum bist du eigentlich hier, wenn du bereits wusstest, dass ich teilnehmen werde?“, fragte sie. Chester war nicht nur hier, um herauszufinden, wie verärgert sie war, weil sie dazu gebracht wurde, das Territorium des Rudels zu betreten.
„Eine neue Regel wurde eingeführt und ich bin hier, um dich darüber zu informieren. Es gab eine Ankündigung im ganzen Rudel, aber du ...“ Er zuckte mit den Schultern. „Weigerst dich, Mitglied des Rudels zu sein. Also bin ich hier, um es dir persönlich zu sagen. Alle Gäste müssen eine Stunde vor Beginn der Zeremonie ankommen und ihre Plätze einnehmen.“
„In Ordnung“, entgegnete sie mit einem Nicken.
„Es gibt Konsequenzen, wenn du nicht früh genug ankommst. Edward möchte jedoch, dass du etwas früher als die meisten kommst, damit er dich vorher noch ins Rudel aufnehmen kann. Danach kannst du dir etwas Zeit nehmen, um dich im Rudel umzusehen, bevor die Zeremonie beginnt. Natürlich nur, wenn du möchtest.“
„Okay“, seufzte sie. „Wie früh wird das sein? Ich muss mir noch einen Fahrer organisieren“, seufzte sie.
„Oh, du fährst immer noch nicht selbst, oder?“
„Nein, es gibt keinen Grund dazu. Ich wohne ja nur fünf Querstraßen von hier entfernt.“ Sie schüttelte den Kopf und sah keinen Grund, Geld für ein Auto auszugeben, das sie selten fahren würde. Außerdem müsste sie die Versicherung, Registrierung und Parkgebühren bezahlen und vor allem erst einmal einen Führerschein machen. Das war nicht nötig. Es dauerte nur dreißig bis vierzig Minuten, um jeden Tag zur Arbeit zu laufen.
„Vielleicht könnten wir arrangieren, dass ein Rudelmitglied dich abholt.“
„Ich verkehre nicht mit den Mitgliedern des Rudels.“ Sie schüttelte den Kopf.
„Edward hat schon bemerkt, dass du es immer wieder schaffst, jeder Rudelveranstaltung auszuweichen, zu der er oder seine Luna dich persönlich einladen.“ Chester nickte. „Das ärgert sie beide übrigens sehr.“
Jetzt war sie an der Reihe zu schmunzeln. „Hm, na ja, ich darf meinen Urlaub nehmen, wann ich will. Und auf die Termine der Konferenzen habe ich ja keinen Einfluss.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Manchmal lässt es sich einfach nicht vermeiden, dass ich nicht verfügbar bin.“
Er nickte. „Wynta, du hättest schon lange einmal kommen sollen. Obwohl es mich amüsiert, dass du es geschafft hast, die Aufnahme in den letzten fünf Jahren aufgrund deiner Vereinbarung mit Edward zu vermeiden. Das muss wirklich gelöst werden …“ Sie beobachtete, wie er eine Hand hob und seine Augen glasig wurden.
Nach ein paar Minuten war er auch geistig wieder anwesend. „Edward hat entschieden, dass absolut nichts schiefgehen soll, wenn du in das Rudel kommst. Also hat er mich gebeten, dir mitzuteilen, dass er einen Fahrer für dich schicken wird.“
„Ich brauche keinen Fahrer. Ich werde mir einen Wagen buchen, der mich hin- und zurückbringt“, erinnerte sie ihn.
„Hm, das kannst du stornieren. Es soll die ganze Woche über regnen und Autos von Menschen werden an den Toren des Rudels sowieso nur abgewiesen werden. Edward hat mir gerade mitgeteilt, dass sein Sohn Jared an diesem Tag selbst vom Flughafen kommt und dich abholen wird.“
Wynta zog jetzt eine Augenbraue hoch. „Das ist wirklich nicht notwendig.“ Sie wollte weder mit dem ältesten Sohn des Alphas zum ersten Mal beim Rudel ankommen, noch brauchte sie eine Mitfahrgelegenheit. So wollte sie sich dort nicht präsentieren.
„Ich habe gehört, Jared war darüber auch nicht besonders glücklich. Hat etwas gesagt wie, er sei kein Chauffeur für seinen eigenen Vater“, schnaufte Chester. „Edward hat sich in dieser Angelegenheit dann aber als Alpha durchgesetzt. Es wird für alle eine interessante Nacht werden, nehme ich an.“ Er stand auf, um zu gehen.
„Du wirst noch eine E-Mail mit der Uhrzeit bekommen, wann Jared bei dir sein wird, um dich abzuholen“, sagte Chester, als er zur Tür ging. Dann drehte er sich um und sah sie an. „Ich würde ein Zeitfenster von zehn bis fünfzehn Minuten einplanen. Jared ist, wie soll ich es sagen, manchmal ein ungeduldiger Mann. Er wird es nicht gutheißen, falls du noch nicht bereit bist, wenn er dich abholt. Also, Wynta, wenn du dafür sorgen könntest, dass du bereit bist, bevor er ankommt, wäre das wirklich von Vorteil. Oh, und noch eine Sache! Edward hat gesagt, er würde es als persönliche Beleidigung auffassen, wenn du sein Angebot ablehnst. Da er sich extra die Mühe gemacht hat, das für dich zu arrangieren.“ Chester lächelte sie an und verließ dann schmunzelnd das Büro.