Kapitel 8

1639 Worte
Wynta Sie hatte am Morgen der Luna-Zeremonie noch gearbeitet, da diese am Abend stattfand und sie erst um halb drei abgeholt werden sollte. Sie kam während ihrer Mittagspause nach Hause, duschte, machte sich sorgfältig die Haare und schminkte sich. Sie hielt das Make-up natürlich, um nicht aufzufallen. Sie benutzte einen Lippenkonturenstift, Eyeliner und trug Mascara auf. Aber das war es dann auch schon. Sie verbrachte keine Stunden damit, es perfekt aussehen zu lassen, das war nicht ihr Ding. Sie trug einen rötlichen Lidschatten mit etwas Glitzer und einen passenden Lipgloss dazu auf. Die Farbe sollte ihre grünen Augen etwas mehr zur Geltung bringen. Sie hatte sich dann im Spiegel betrachtet und war mit sich zufrieden. Es war mal etwas anderes als ihr üblicher braun-goldener Lidschatten, den sie im Büro trug, um es natürlich aussehen zu lassen. Sie sah ein wenig anders aus, als sie ihre Haare hochgesteckt und alles gelockt hatte. Sie lächelte sich selbst leicht im Spiegel an und sagte mit einem Nicken: „Nicht schlecht!“ Sie wollte nicht glamourös aussehen, sondern einfach und passend für den Anlass. Dann saß sie in ihrer Wohnung und drehte Däumchen, während sie wartete. Sie war gut zwanzig Minuten vor der festgelegten Abholzeit fertig, lud dann ihr Handy auf und las ein Buch, während sie sich an das Kopfteil ihres Bettes lehnte, um zu warten. Jared war nun bereits eine Stunde zu spät. Sie wusste, dass er wahrscheinlich mehr Zeit brauchte, um anzukommen, wegen des Sturms, der draußen tobte. Draußen wehte ein wilder Wind, den sie tatsächlich heulen hören konnte. Sie versuchte, nicht ungeduldig zu werden. Denn bei solch einem schlechten Wetter war der Verkehr wahrscheinlich schrecklich. Plötzlich wurde es in ihrer gesamten Wohnung dunkel und sie schnaubte, als sie merkte, dass nun auch noch der Strom ausgefallen war und sie jetzt im Dunkeln sitzen musste. Zumindest war ihr Handy voll aufgeladen und sie konnte weiterhin lesen. Sie saß einfach weiter auf ihrem Bett in der stromlosen Wohnung und las. Es gab eh nichts anderes, was sie tun konnte. Obwohl sie jetzt nur versuchte, sich nicht über Jareds Verspätung zu ärgern. Sie war pünktlich fertig gewesen, wie Chester es ihr gesagt hatte, weil Jared angeblich ein ungeduldiger Mann war. Sie schaute auf die Benachrichtigung, die fünfzehn Minuten später auf ihrem Handy erschien. Es war eine unbekannte Nummer, aber sie gab ihre Nummer nicht einfach an Fremde weiter. Das Büro hatte sie und ihr Vermieter. Sie dachte, es könnte der Vermieter sein, aber warum würde dann eine unbekannte Nummer angezeigt werden? Doch die Worte, die sie in der Benachrichtigung lesen konnte, brachten sie dazu, die Nachricht zu öffnen. Sie deuteten darauf hin, dass sie tatsächlich für sie war: „Ich habe mich verspätet, also ...“, waren die Worte, die auf der Leiste aufblitzten. Sie öffnete die Nachricht, um den gesamten Text zu lesen, und vermutete, dass sie von Jared war, da er noch nicht aufgetaucht war und sie immer noch auf ihn wartete. Doch sie fragte sich, wie lange man eigentlich warten sollte, bis man abgeholt wird. Ab wann wäre es angebracht, einfach ohne ihn zu gehen? Sie wusste, dass die Feier erst um sieben Uhr beginnen würde und sie eigentlich nur eine Stunde früher dort sein mussten. Jetzt war es allerdings noch nicht mal halb vier. „Ich habe mich verspätet, also werde ich dich nicht abholen. Eine Abtrünnige wird bei der Zeremonie eh nicht vermisst werden.“ Wynta saß da und starrte auf die Nachricht. Dann seufzte sie schwer und schüttelte leicht den Kopf. Es schien, als hätte Jared gerade herausgefunden, dass sie eine Abtrünnige war. Entweder war er nicht interessiert daran oder es gefiel ihm überhaupt nicht, dass er als Chauffeur für sie fungieren sollte. Das machte ihr aber nichts aus. Es gab schließlich viele in der Firma, die die Nase über sie rümpften und es nicht mochten, dass sie eine Abtrünnige war. Was machte da schon einer mehr, der das tat, während er zu Besuch war? Wynta versuchte, sich ein Taxi zu rufen, um zum Rudel zu gelangen. Das hatte sie eigentlich ja sowieso geplant gehabt, bevor ihr gesagt worden war, dass sie ihre Pläne ändern sollte, weil Jared sie abholen würde. Jetzt wünschte sie, dass sie einfach bei ihrem ursprünglichen Plan geblieben wäre. Doch egal wo sie anrief, sie bekam immer dieselbe Antwort. Es gab wegen der Straßensperrungen und Überschwemmungen durch den Sturm keine Möglichkeit ein Taxi oder Ähnliches zu bekommen. Sie warf ihr Handy aufs Bett. Sie hatte versucht, alleine dorthin zu gelangen, und das war alles, was sie tun konnte. Es war nicht ihre Schuld, dass der Sohn des Alphas zu stolz war, um eine Abtrünnige abzuholen und zu seinem Vater ins Rudel zu bringen. Obwohl sein eigener Vater ihm den Auftrag gegeben hatte, sie abzuholen. Außerdem lag ihre Wohnung auf dem Weg vom Flughafen und es wäre kein großer Umweg gewesen. Zehn Minuten mehr, vielleicht noch weniger. Sie ließ sich für einen Moment aufs Bett plumpsen und starrte an die dunkle Decke. Dann fragte sie sich aber, ob das ihr Ausweg war, um nicht in dieses Rudel aufgenommen zu werden. Sie war eh überlistet worden, um an dieser Veranstaltung teilnehmen zu müssen. Aber jetzt schien das Schicksal auf ihrer Seite zu sein und sie davon abzuhalten, einen Fuß in dieses Rudel zu setzen. Ein Teil von ihr lächelte innerlich: „Armer Edward. All deine Mühe war wieder einmal umsonst. Wir werden jetzt wieder nach meinen Regeln spielen. Denn ich werde nicht erneut so dumm sein, etwas zu unterschreiben, das mit dem Rudel zu tun hat, ohne vorher zu fragen, ob das Unterschreiben bedeutet, dass ich mich zu irgendetwas verpflichte.“ Sie lachte leise vor sich hin und stand dann auf. Darüber würde sie sich nicht aufregen. Es bedeutete nur, dass sie ihr Leben weiterhin ohne jemanden führen konnte, der über sie herrschte. So mochte sie es sowieso lieber. Sie zog ihre Schuhe aus, streifte das Kleid ab, warf es aufs Bett und zog einen Hosenanzug aus dem Schrank, um sich erneut für die Arbeit anzuziehen. Zumindest würde es im Büro Strom und eine Heizung geben. Dort wäre es nicht so kalt wie hier in ihrer Wohnung, die langsam immer kälter wurde. Und im Büro konnte sie sich Kaffee machen und ein Sandwich toasten oder eine Tasse Instant-Nudeln zubereiten. Sie brauchte wirklich etwas Warmes zu essen. Sie griff nach einem Haarband und drehte alle ihre Locken zu einem Dutt. Dann zog sie sich ihren Wintermantel und ihre Arbeitsschuhe an, die ihre Füße trocken halten sollten. Sie nahm ihren Regenschirm und machte sich auf den Weg ins Büro. Sie hatte genug Arbeit und konnte sich damit beschäftigen. Sie würde später den Vermieter anrufen und fragen, ob der Strom wieder funktionierte, und nur zurückkehren, wenn alles repariert wäre. Jared konnte seinem Vater und Alpha erklären, warum sie nicht bei der Luna-Zeremonie erschienen war. Sein Sohn wusste wahrscheinlich nicht, dass dies der einzige Weg war, wie Edward sie ins Rudelgebiet bringen konnte, um sie ins Rudel aufzunehmen. Er wusste wahrscheinlich nichts von dem Deal, den sie mit Edward gemacht hatte. Er wusste nicht, dass er ihr einen Ausweg verschafft und die Pläne seines Vaters durchkreuzt hatte. Sein eigener Sohn hatte das ganz alleine vermasselt. Sie fragte sich, wie verärgert Edward darüber sein würde, wenn er herausfinden würde, was passiert war. Aber das betraf sie eigentlich überhaupt nicht. Ihr Leben würde einfach unverändert bleiben und sie würde Edward, Ernesto, Chester oder Luther einfach anlächeln, wen auch immer er am nächsten Arbeitstag zu ihr ins Büro schicken würde. Sie hatte auf ihre Mitfahrgelegenheit gewartet und erfahren, dass er nicht kommen würde. Dann hatte sie mehrere Optionen ausprobiert, um zur Veranstaltung zu gelangen. Auf ihrem Handy hatte sie Beweise für all das. Als sie die Marketingabteilung betrat, hielt ihr gesamtes Team inne und starrte sie an. Sie waren überrascht, sie wieder im Büro zu sehen. Das war ihr natürlich bewusst. Sie wussten alle, dass sie zu jener Veranstaltung eingeladen worden war und hatten sie sogar gefragt, wie sie die Einladung erhalten hatte. Sie hatte es einfach abgetan. Aber sie hatten über die Jahre gesehen, wie Chester in ihrem Büro ein- und ausging und es wahrscheinlich darauf zurückgeführt. „Gab es nicht eine Veranstaltung, zu der du gehen wolltest?“, fragte Tallah, die Leiterin ihres Teams. Sie war eine große, dunkelhaarige Frau mit braunen Augen, die sich jetzt in ihrem Stuhl zurücklehnte und Wynta ansah. „Mm, ich schaffe es aber nicht dorthin. Das Wetter ist einfach zu schlecht“, antwortete sie und zuckte dann nur mit den Schultern, während sie zu ihrem Büro ging, ihren Mantel auszog und ihr Haar aus dem Dutt löste, den sie nur hochgesteckt hatte, damit es im Wind nicht unordentlich wurde. Sie startete ihren Laptop und ging dann in den Pausenraum. „Du hättest einfach den Nachmittag zu Hause bleiben sollen“, sagte Monica zu ihr. „Das hätte ich zumindest getan.“ „Mein Strom ist ausgefallen“, antwortete sie. „Ich kann dort nicht einmal Kaffee kochen. Also bin ich hergekommen. Außerdem habe ich ja auch ziemlich viel zu tun“, antwortete sie ihnen. „Ah, also wohnst du hier in der Nähe?“, fragte Howie und nickte. „Ja, nur ein paar Straßen entfernt“, bestätigte sie. „Na ja, du siehst auf jeden Fall bezaubernd aus.“ Tallah lächelte sie an. „So schön zurechtgemacht.“ „Danke“, nickte sie. Es war unwahrscheinlich, dass sie sie jemals mit solchem Make-up gesehen hatten, und es ließ sie sich hübsch fühlen. Sie fand, dass es ein nettes Kompliment war, und sie konnte es akzeptieren. Sie machte sich einen Kaffee und kehrte in ihr Büro zurück, um etwas Arbeit zu erledigen. Sie hielt die Kaffeetasse mit beiden Händen fest und ließ sie ihre Hände und ihren Körper wärmen, während sie die heiße Flüssigkeit trank.
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