Kapitel 10

2031 Worte
Wynta Sie saß immer noch an ihrem Schreibtisch und arbeitete, als ihr Name plötzlich in einem Ton ertönte, den sie als ungeduldig und verärgert empfand. Sie richtete ihren Blick auf die Uhr auf ihrem Laptop. Es war zwanzig vor fünf. Dann schaute sie, wer nach ihr verlangte. Nicht viele im Büro würden auf diese Weise nach ihr rufen. Ihre Augen wanderten über den großen, dunkelhaarigen Mann, der in ihr Büro stürmte und sie sehr verärgert ansah. Sie erkannte an seinem Geruch, dass er ein Werwolf war, und einen Moment später wurde ihr klar, dass er Jared Hayes sein musste. Der Mann, der ihr gesagt hatte, dass er sie nicht abholen würde. „Aufstehen! Wir werden zu spät kommen“, sagte er ihr in einem festen Ton. Sie wollte sich gerade in ihrem Stuhl zurücklehnen und ihn fragen, was er überhaupt hier machte, als er sie einfach aus ihrem Stuhl zog und ihr einen Kleidersack entgegenhielt. Sie runzelte die Stirn, als sie erkannte, dass es tatsächlich ihre Kleidung war. Auf dem Kleidersack befand sich das Logo des Designers. Er konnte unmöglich wissen, was sie tragen würde. Sie öffnete den Mund, um zu fragen, was los war, aber er sprach direkt weiter: „Wir müssen uns beeilen! Sonst gibt es Ärger von meinem Vater!“, sagte er zu ihr. Dann schob er sie einfach aus ihrem Büro und sah sich um, bevor er ihr sagte, dass sie sich schnell umziehen sollte. Sie ging in die Damentoilette und stand vor dem Spiegel. Sie hatte kaum ein Wort herausgebracht. „Aufdringlicher, fordernder Alpha“, dachte sie sich mit einem Kopfschütteln. Wollte sie das wirklich tun? Mit ihm zu dieser Veranstaltung fahren, nachdem er ihr jene Textnachricht geschickt hatte? Sie fragte sich, ob er bereits beim Rudel gewesen war und Edward gesehen hatte, dass sie nicht bei ihm war. Dann war Edward vielleicht ausgerastet und hatte ihn zurückgeschickt, um sie abzuholen. Sie schnaubte ein wenig bei dem Gedanken daran. Obwohl sie unglücklich darüber war, dass Jared offensichtlich in ihre Wohnung eingebrochen war, ihr Kleid geholt und es ihr gebracht hatte. Sogar ihre Schuhe waren da. Allerdings fehlte ihre Handtasche und die Einladung des Rudels. Sie stand seufzend vor dem Spiegel. Er konnte jetzt verdammt nochmal warten, bis sie ihre Haare gemacht hatte. Sie hatte schließlich auch auf ihn gewartet. Sie stand da und betrachtete ihre Haare. Sie hatte einige Zeit damit verbracht, sie perfekt in der Mitte zu scheiteln und dann einen Abschnitt zurückzudrehen, um einen hübschen Knoten hoch auf dem Hinterkopf zu machen und den Rest zu locken, damit er lose über ihren Rücken fiel. Obwohl es relativ simpel war, fand sie, dass es gleichzeitig schön aussah. Abgesehen vom Flechten oder Hochbinden ihrer Haare in einem Pferdeschwanz, war sie keine Frau, die im Büro etwas Ausgefallenes mit ihren Haaren anstellte. Ihre Frisur sollte einfach nur ordentlich aussehen und sie nicht bei der Arbeit behindern. Sie trat aus der Damentoilette und Jared sah sie mit einem Nicken an. Es schien, als wäre er mit ihrem Aussehen zufrieden. Dann legte er seine Hand auf ihren Arm und marschierte durch das Büro, sodass sie ihm folgen musste. Sie konnte sehen, wie ihr ganzes Team zusah, wie sie praktisch von diesem Mann mitgezogen wurde. Sie stemmte die Absätze in den Boden und veranlasste ihn zum Stehenbleiben. „Könntest du das lassen! Ich mag es nicht, wenn man so an mir zieht!“, schnauzte sie ihn an, woraufhin ihr Team schnaubte. Sie alle kannten ihr Temperament gegenüber Männern. Als Jared dann zu ihnen hinübersah, vergruben sie schnell wieder ihre Gesichter in der Arbeit. Er runzelte die Stirn, sah auf sie herab und ließ dann los. „Dann trödele nicht!“, sagte er und sie musste ihm nachlaufen. „Ich muss noch meine Jacke holen!“ „Mein Auto steht in der Tiefgarage. Du wirst sie nicht brauchen“, erwiderte er, ohne anzuhalten. Sie holte tief Luft und sah, wie Tallah ihre Hand nach dem Kleidersack ausstreckte. „Danke“, sagte Wynta und gab ihr den Sack. „Ich lege ihn in dein Büro.“ Sie stieg gemeinsam mit Jared in den Aufzug und sah seinen ungeduldigen Blick, während er die Türen für sie offenhielt. Sie war generell schon nicht gerade klein und trug nun auch noch Absätze, die drei Zentimeter hoch waren. Sie war nun etwas über 1,80 Meter groß. Aber dennoch war es ein Kampf, mit ihm Schritt zu halten. Die Türen des Aufzugs schlossen sich und er fauchte sie an. „Warum hast du deine Wohnung verlassen? Dass ich nun extra ins Büro kommen musste, hat nur noch mehr Zeit verschwendet. Du kannst dich glücklich schätzen, dass ich in deine Wohnung gegangen bin und dein Kleid geholt habe. Sonst würdest du mich noch mehr Zeit kosten.“ Sie starrte ihn verdutzt an. War er etwa dumm? Er war doch derjenige, der ihr gesagt hatte, dass er sie nicht abholen würde und dass niemand sie vermissen würde. Sie drehte sich einfach um und schaute mit einem leichten Kopfschütteln nach vorne. Wynta wollte sich nicht auf eine Auseinandersetzung mit ihm einlassen. Es hatte ihrer Meinung nach keinen Sinn. „Ich war spät dran, ich verstehe es. Aber mich dazu zu bringen, dich, eine Abtrünnige, überall suchen zu müssen, ist einfach respektlos. Du hättest einfach in deiner Wohnung bleiben und warten sollen, wie es abgesprochen war“, sagte er ihr in diesem Ton, der klarstellte, dass er der Alpha war, und nicht sie. Sie presste die Lippen zusammen und weigerte sich erneut, ihm zu antworten. „Verdammt, antworte mir!“, rief er, als sich der Aufzug zum Parkhaus öffnete. Sie trat hinaus und sagte: „Wenn man nichts Nettes zu sagen hat, sollte man lieber gar nichts sagen.“ Sie wollte ihn einen arroganten Schnösel nennen, unterließ es aber. Sie wollte ihm auch jene Nachricht zeigen, sie ihm am liebsten direkt ins Gesicht halten und herauspressen: „Warum zum Teufel hätte ich das tun sollen, wenn du doch gar nicht kommen wolltest, um mich abzuholen?“ Aber das tat sie nicht. Alphas waren alle gleich. Sie taten einfach, was sie wollten, um zu bekommen, was sie wollten. Wynta stieg in das Auto, wie er es ihr gesagt hatte, schnallte sich an und saß dann einfach still da, während sie die vorbeiziehenden Straßen beobachtete. Sie musste nicht mit ihm reden und sie wusste, wie man still saß und unsichtbar blieb. Das hatte sie damals in ihrem Heimatrudel gelernt. Er sagte lange Zeit nichts, aber dann stieß er so etwas wie einen Seufzer aus. „Entschuldigung, dass ich zu spät war, um dich abzuholen. Mein Flug hatte Verspätung und die Straßen waren überschwemmt. Ich musste mehrere Umwege nehmen.“ Sie schüttelte fast den Kopf. Warum machte er sich die Mühe, ihr seine Verspätung zu erklären? Sie verstand es nicht. Er war der Alpha, er musste das nicht tun. Für ihn war sie nur eine Abtrünnige, die niemand vermissen würde. Sie schaute weiter aus dem Fenster und eine halbe Stunde später war der Wolkenbruch abgeklungen und der Regen hatte sich normalisiert. Dann hörte es komplett auf zu regnen, als sie die Autobahn verließen und eine Straße in die Berge hinauffuhren. „Endlich“, murmelte er. Doch als sie in den Himmel schaute, dachte sie nicht, dass es vorbei war. Der Regen nahm sich wahrscheinlich nur eine kurze Auszeit. „Du redest nicht viel, oder?“, murmelte er. „Ich, eine Abtrünnige, möchte nicht respektlos zu dir sein, Alpha-Blut“, murmelte sie und benutzte dabei die Terminologie der Abtrünnigen für jemanden wie ihn. Sie würde ihn nicht Alpha nennen. Sie konnte seinen Blick auf ihrer Haut spüren, als sie sprach. Aber sie ignorierte es und schaute weiter aus dem Fenster. Dann klingelte sein Handy und er nahm es zu ihrem Ärger entgegen. Wie hoch war wohl die Strafe für die Benutzung eines Handys während der Fahrt? Er stellte den Anruf auf Lautsprecher und legte das Handy auf die Konsole zwischen ihren beiden Sitzen. „Was ist los, Lotti?“, fragte er und klang genauso genervt und ungeduldig mit ihr wie mit Wynta. „Bist du schon in der Nähe des Rudels? Ich bin in den Sturm geraten und jetzt ist mein Auto von der Straße abgekommen. Es tut mir so leid, Jared. Aber wenn du noch nicht dort bist, könntest du mich vielleicht auch abholen?“ Wynta schaute ihn an, als er das Auto plötzlich anhielt. „Ich bin einen Kilometer vom Tor entfernt.“ Er seufzte und Wynta sah, wie er sich mit einem Stirnrunzeln nach vorne lehnte und in den Himmel starrte. „Jared, ich möchte wirklich nicht zu spät kommen und Ärger bekommen. Könntest du bitte herkommen und mich abholen? Ich weiß, dass du dann vielleicht ebenfalls zu spät kommst, aber ...“ Sie beendete den Satz nicht. „Wo genau bist du denn?“, murmelte Jared. „Ich bin nicht weit entfernt. Nur unten in der Nähe des Hintereingangs vom Rudel. Es war ziemlich viel Wasser auf der Straße. Ich bin ins Schleudern geraten und in einem Graben gelandet. Es war ziemlich beängstigend“, fügte Lotti hinzu. Jared schaute auf seine Uhr, dann gen Himmel und schließlich zu Wynta. Dann stieß er einen Seufzer aus: „Fang an, in meine Richtung zu laufen! Lass das verdammte Auto dort stehen, Lotti! Es kann morgen abgeholt werden. Du hättest heute das Rudel überhaupt nicht verlassen sollen. Du kennst doch die Konsequenzen.“ „Ich musste, ähm, ich musste aber noch das Geschenk für Raelynn abholen. Es war erst heute fertig“, murmelte sie entschuldigend. „Das ist mir egal“, sagte Jared und beendete das Telefonat. Dann wandte er sich an Wynta: „Es ist ein circa zehnminütiger Spaziergang diesen Weg entlang. Zeig dem Torwächter einfach deine Einladung und er wird dich reinlassen.“ „Ist das dein Ernst?“ Sie starrte ihn an. Es war verdammt kalt da draußen und er hatte ihr nicht die Zeit gegeben, ihre Jacke zu holen. Denn er hatte gesagt, dass sie sie nicht brauchen würde. „Ja, wenn du bis sechs im Rudel bist, vermeidest du eine Bestrafung. Ich versuche nur, dir zu helfen, das zu vermeiden“, sagte er, während er sich über sie lehnte, am Türgriff ihrer Tür zog und sie mit einer Hand öffnete, während seine andere ihren Sicherheitsgurt löste. Sie presste ihre Lippen vor Wut zusammen, als er sie anwies, aus seinem Auto auszusteigen. Ihre Einladung war in der Clutch, die wahrscheinlich noch auf ihrem Bett in ihrer Wohnung lag. Ihre Augen waren auf ihn gerichtet und sie war mehr als wütend, während sie ihn anstarrte. Das würde ihm nicht entgehen. „Steig aus!“, sagte er. „Oder wir werden alle bestraft.“ „Was für ein unglaublicher Gentleman du bist“, sagte sie scharf und stieg aus dem Auto. Er starrte sie mehr als schockiert über ihre Reaktion an und sie beobachtete, wie sein Mund sich öffnete und wieder schloss, da er anscheinend keine Worte fand. Sie schlug die Tür vor seiner Nase zu und er funkelte sie einen Moment lang an, bevor er sich abwandte, den Wagen in den Rückwärtsgang schaltete und davonfuhr. Der Wind peitschte ihr Haar um ihr Gesicht und sie umarmte sich selbst, während sie zusah, wie er einfach wegfuhr und sie dort stehen ließ. Wenn er ein Gentleman gewesen wäre, hätte sie im Auto bleiben dürfen. Oder er hätte sie bis zum Tor gefahren und jemanden gebeten, sie abzuholen. Es war schließlich nur ein Kilometer, wie er Lotti gerade mitgeteilt hatte. Aber nein, sie war für ihn nur eine Abtrünnige. Also hatte er ihr keine Wahl gelassen, sie einfach aus dem Auto gedrängt und ihr gesagt, sie solle einen Kilometer den Hügel hinaufgehen. In Absatzschuhen auf dem nassen Gehweg und ohne Jacke, um sich vor der Kälte zu schützen. „Ein toller Alpha wirst du werden. Ich hoffe, Lance bekommt bald Welpen und erreicht einhundert Jahre, bevor du deine Gefährtin findest“, murmelte sie, während sie zusah, wie sein Auto außer Sichtweite um die Kurve fuhr. Sie seufzte vor sich hin, während sie sich umsah. Vor Kälte hatte sie bereits am ganzen Körper Gänsehaut.
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