Kapitel 11

2223 Worte
Jared Es war ihm mehr als unangenehm, mit dieser abtrünnigen Wölfin auf dem Beifahrersitz zu fahren. Es war offensichtlich, dass sie schmollte, weil er sie getadelt hatte. Ja, er war übermäßig hart zu ihr gewesen, das wurde ihm jetzt klar. Wie lange sollte man eigentlich warten, bis jemand einen abholen würde? In der Menschenwelt hatte er sowohl Männer als auch Frauen gesehen, die nach zwanzig Minuten Wartezeit Cafés und Restaurants verlassen hatten. Er wusste nicht genau, wie lange sie gewartet hatte. Aber offensichtlich lange genug, um die Hoffnung aufzugeben, dass er noch auftauchen würde. Er fragte sich, was sein Vater davon halten würde. Also entschuldigte er sich nach ein paar Minuten bei ihr, auch um sich zu beruhigen. Sie waren auf dem Weg und würden es rechtzeitig schaffen. Er verstand jetzt, dass dies die Wölfin war, die sein Vater seit fünf Jahren in sein Rudel zu holen versuchte. Und nun hatte er Jared damit beauftragt, sie ins Rudel zu bringen. Er hatte nicht gewusst, dass sie ein Abtrünnige war, weil sein Vater diesen Teil weggelassen hatte. Doch er hatte gehört, dass sie bis heute nicht einmal einen Fuß in das Rudel gesetzt hatte. Diese Veranstaltung heute war wahrscheinlich die einzige Gelegenheit, bei der sein Vater es geschafft hatte, sie zu überzeugen, ins Rudel zu kommen. Er hatte wahrscheinlich eine hinterhältige Taktik angewandt, um das zu erreichen, da er ihre Sturheit zuvor nie hatte überwinden können. Jared sah sie ein paar Mal vom Fahrersitz aus an. Sie war mehr als hübsch, obwohl er das schon gewusst hatte, da er ihr Arbeitsfoto gesehen hatte. Sie war nicht daran interessiert, mit ihm zu reden, saß einfach da und starrte aus dem Fenster. Sie hatte nicht einmal seine Entschuldigung angenommen. Er glaubte nicht, dass er sie bezaubern konnte. Nicht nach all den Dingen, die heute bereits passiert waren. Das würde jetzt ein Job für Dwane werden. Er würde diese Aufgabe direkt an seinen Beta weitergeben. Er hatte auch keine andere Wahl, denn er bekam nicht mal eine Reaktion von ihr. Sein Ärger über Lotti war deutlich hörbar gewesen. Er konnte allerdings nicht anders, weil das Mädchen immer völlig unverantwortlich war. Aber er konnte nicht zulassen, dass die jüngste Stieftochter des Betas gezüchtigt werden würde, weil ihr Auto von der Straße gerutscht und in einen Graben gefahren war. Es regnete derzeit nicht und er kannte Lotti gut genug, um zu wissen, dass sie einen bockigen Wutanfall bekommen würde, wenn sie in ein Auto mit einer Abtrünnigen steigen müsste. Geschweige denn, dass diese Abtrünnige vorne sitzen würde und sie auf der Rückbank Platz nehmen müsste. Sie war gemeinsam mit ihrer Mutter in das Rudel gekommen, obwohl es nicht nötig gewesen wäre. Sie war schließlich bereits alt genug und hätte in ihrem Heimatrudel bleiben können. Aber das hatte sie natürlich nicht gewollt. Denn dadurch, dass sie nun mit ihrer Mutter im Rudel lebte, war sie in den Beta-Rang aufgestiegen. Sie war die ganze Zeit über ein verwöhntes, egoistisches Gör gewesen und benahm sich wie eine Sechzehnjährige, obwohl sie bereits siebenundzwanzig Jahre alt war. Sie war jetzt seit sechs Jahren Teil des Rudels, aber ihr Verhalten hatte sich nicht zum Positiven gewandt. So hatte Dwane es ihm zumindest erzählt. Glücklicherweise mussten weder er noch sie etwas mit ihr zu tun haben. Aber er wollte trotzdem nicht, dass Lotti auf dem Rücksitz saß und Kommentare über den Geruch im Auto machte und Wynta ohne Grund beleidigte. Denn er wusste, dass sie das definitiv tun würde. Er hatte sie bei Videoanrufen gesehen und leider hatte sie ihn auch letztes Jahr in Europa besucht. Also hatte er sich bereits selbst ein Bild machen können. Er ließ Wynta aus dem Auto aussteigen. Es gab einen gut gepflegten Fußweg entlang der Straße und er wusste, dass der Torwächter ein Auto zum Tor rufen würde, um sie abzuholen und zum Rudelhaus zu bringen. Es würde nur maximal fünfzehn Minuten dauern. Es würde ihr nicht schaden. Sie könnte es wahrscheinlich in nur zwei oder drei Minuten schaffen, wenn sie ihre Wolfsgeschwindigkeit nutzte. Er war mehr als schockiert über ihre heftige Reaktion und starrte sie irgendwie an, ohne zu wissen, was er sagen sollte. Dann schlug sie ihm einfach die Tür vor der Nase zu. Er durfte sich darüber aber keine allzu großen Gedanken machen. Sie war zu diesem Zeitpunkt schließlich kein Rudelmitglied und Abtrünnige konnten schwer zu handhaben sein. „Fünf Jahre lang hat sie sich geweigert, aufgenommen zu werden. Sie ist eine echte Herausforderung“, dachte er sich gedankenverloren, während er davonfuhr. Seine Augen wanderten zu ihr im Rückspiegel, während sie dort am Straßenrand stand. Sie sah irgendwie kalt aus mit ihren Armen um sich geschlungen. Er schüttelte den Gedanken ab, bog um die Ecke und Wynta verschwand aus seinem Blickfeld. Wölfe kümmerten sich normalerweise nicht um die Kälte. Es sei denn, es schneite. Jared trat aufs Gas und raste die Bergstraße hinunter, während er erneut auf die Uhr schaute. Dann sah er Lottis Auto halb im Graben, direkt neben dem Hintereingang des Rudels. Es war ein alter Pfad, der nur in Notfällen genutzt wurde. Sie hatte das Auto nicht verlassen und wartete einfach auf ihn. Er hatte ihr eigentlich gesagt, dass sie sich bereits auf den Weg machen sollte. Er nutzte die Zufahrtsstraße des Rudels, um ein Wendemanöver zu machen, und hielt neben ihr an. Sie trug einen langen Mantel und hielt eine weiße Geschenktüte in der Hand. Dann sprang sie in sein Auto. „Danke, dass du mich abgeholt hast, Jared! Du bist so ein Schatz!“, sagte sie und er fuhr wieder los. Dann hörte er sie einatmen und murmeln: „Was stinkt denn hier so in diesem Auto?“ „Halt den Mund, Lotti! Ich tue dir einen Gefallen und mein Vater wird mich windelweich prügeln, wenn Wynta Morgan es nicht ins Rudel schafft.“ „Ich verstehe nicht, was an dieser Abtrünnigen so besonders sein soll. Er hat sie fünf Jahre lang in der Firma arbeiten lassen, Jared. Wusstest du, dass sie meinen Job bekommen hat? Den, für den ich so hart gearbeitet habe! Und dann hat sie letztes Jahr auch noch meine Beförderung bekommen“, behauptete sie, wobei sie gleichzeitig verärgert und trotzig klang. „Hat sie? Ich erinnere mich nicht daran, dass Dwane mir gesagt hat, dass du irgendeinen Abschluss in Marketing hast“, erwiderte er einfach. „Ich sollte ein Volontariat machen und vor Ort lernen. Sie hat mir das alles weggenommen, nur weil dein Vater sie ins Rudel aufnehmen will und sie sich weigert. Sie ziert sich und dein Vater verschafft ihr alle möglichen Vorteile. Alles nur, um sie zu besänftigen, in der Hoffnung, dass sie sich eines Tages doch noch ins Rudel aufnehmen lässt. Sie zieht das nur in die Länge, um mehr Geld aus ihm herauszuquetschen. Sie hat jetzt ein größeres Büro und er hat ihr sogar eines der neuen Penthouse-Apartments angeboten.“ Jared verdrehte die Augen ein wenig. Da war sie, die Eifersucht. Dieses Mädchen tat nichts, erwartete aber, alles zu bekommen. „Also, was hast du denn so in den letzten fünf Jahren gemacht? Hast du deinen Marketingabschluss gemacht? Hast du studiert und dann gezeigt, dass du den Job selbst machen kannst? Oder hast du die letzten fünf Jahre nur damit verbracht, zu jammern, dass sie dir etwas gestohlen hat?“, fragte er direkt. „Ich habe Wyntas Lebenslauf gesehen. Er ist voller Erfolge und ihre harte Arbeit hat sich ausgezahlt. Das ist alles, was ich gesehen habe. Aber nicht nur das. Sie hat auch noch ihr ganzes Team mitgenommen, das ist überhaupt nicht egoistisch“, sagte er. Er konnte Lottis Augen auf sich spüren. „Du stehst auf ihrer Seite und nicht auf meiner? Sie ist eine dreckige Abtrünnige! Das ist ...“ Er unterbrach sie. „Pass auf deinen Ton und deine Worte auf! Ich könnte meinem Vater erzählen, dass du dich von ihm ungerecht behandelt fühlst. Dann wirst du bestraft und ...“ Seine Worte verstummten abrupt, als er auf die Straße vor sich blickte und eine große Menge Wasser sah. „Sturzflut“, murmelte Lotti. „Genau das ist mir passiert.“ Er nickte und zog das Auto ganz an den Straßenrand, um dem Wasser auszuweichen. Dann bog er auf die Rudelstraße ab. Der Torwächter lächelte ihn an. „Du hast es gerade noch geschafft, Alpha Jared.“ Er winkte sie durch, runzelte aber die Stirn, als er Lotti auf dem Sitz neben ihm sah. „Es gibt eine Sturzflut in der Nähe des Eingangs zur Rudelstraße“, sagte Jared. „Ich habe sie gehört, bevor ich sie gesehen habe“, nickte er und zeigte auf den Wald, wo der Bach entlang der Rudelgrenze überlief. „Er hat irgendwie die Straße durchschnitten und ist dann darüber gespült worden. Das Wasser scheint sich jetzt aber wieder in den Bach zurückgezogen zu haben. Wahrscheinlich ist da draußen etwas eingestürzt und dadurch wurde das Wasser zurückgedrängt.“ „Gibt es Verletzte im Rudel?“, fragte Jared. „Bis jetzt nicht. Auch alle Grenzpatrouillen sind in Ordnung. Wir mussten aber Alarm schlagen“, berichtete der Wächter. „Gut.“ Jared nickte und trat aufs Gas, um die Rudelstraße hinaufzufahren. Er hielt sein Auto direkt vor dem Rudelhaus an und stieg aus. Er nahm sich nicht einmal seine Tasche, sondern rannte direkt durch die Vordertüren in das Rudelhaus. „Beinahe nicht geschafft“, lachte Dwane ihn an. „Gib Lotti die Schuld!“, sagte er und rannte mit voller Wolfsgeschwindigkeit die Treppe hinauf in seine Suite. Er machte sich nicht die Mühe, zu duschen, sondern zog einfach den formellen Anzug an, der schon bereit lag. Dann fuhr er sich mit den Händen durch die Haare, bevor er wieder die Treppe hinunter in den Ballsaal lief, um sich direkt neben seinen Vater zu stellen. „Du bist zu spät, Jared.“ „Bin ich nicht“, sagte er und schaute auf seine Uhr. „Ich habe noch fünfzig Sekunden übrig.“ „Wo ist Wynta? Du bist zu spät, weil du sie bereits vor Stunden in mein Büro bringen solltest. Ich will sie endlich ins Rudel aufnehmen.“ Sein Vater lächelte ihn an. „Endlich ist sie hier.“ Jared schaute sich um. „Sie muss irgendwo hier sein. Ich habe sie vor etwa fünfundzwanzig Minuten abgesetzt“, sagte er. Sein Vater schaute ihn direkt an und hatte ein tiefes Stirnrunzeln auf seinem Gesicht. Dann atmete er ein. „Du hast sie abgesetzt? Wo genau? Denn ich kann sie hier nicht riechen!“ „Lottis Auto ist von der Straße abgekommen. Also habe ich Wynta an der Rudelstraße abgesetzt und bin zurückgefahren, um Lotti abzuholen. Ich habe ihr den Weg zu den Toren erklärt.“ „Du hast Wynta außerhalb des Rudels gelassen? In der eisigen Kälte?“ Sein Vater schnauzte ihn an. „Wir Wölfe spüren die Kälte doch nicht wirklich.“ Obwohl er sich daran erinnerte, dass sie aussah, als ob sie fror. „Sie hat keinen Wolf, Jared! Hast du das nicht bemerkt?“ „Oh“, murmelte er. Er hatte es nicht bemerkt und ehrlich gesagt nicht einmal in Betracht gezogen. Sie roch nach Wolf und Abtrünniger. Er hatte nicht überprüft, ob sie überhaupt einen Wolf hatte. Warum hätte er das auch tun sollen? „Ich wusste es nicht. Ich habe einfach angenommen, dass sie einen Wolf hat.“ „Du hattest nur einen einzigen verdammten Job, Jared! Weißt du, wie schwer es war, diese Frau auf das Rudelterritorium zu bekommen? Ich kann sie nur aufnehmen und ihr Rudelschutz anbieten, wenn sie freiwillig einen Fuß auf dieses Territorium setzt! Das war unsere Vereinbarung. Fünf verdammte Jahre des Versuchs, aber du hast es in nur einem Tag vermasselt!“ „Sie ist hier doch irgendwo“, sagte Jared erneut. „Ich denke, ich würde es wissen, Jared, wenn eine Abtrünnige sich auf meinem Territorium aufhalten würde!“ Sein Vater knurrte ihn an und ging davon. Dwanes Hand fiel auf seine Schulter. „Keine Abtrünnige hat das Rudel betreten, Jared.“ „Es war doch alles in Ordnung. Ich habe sie auf dem Weg zum Rudel abgesetzt“, murmelte er und runzelte dann die Stirn, als er eine Gedankenverbindung in seinem Kopf spürte. Er fragte den Torwächter: „Kam gerade eine hübsche, abtrünnige Wölfin in einem blauen Kleid zum Tor und fragte, ob sie zur Zeremonie kommen dürfte?“, fragte er. „Nein, Alpha. Nur du und Lotti nach dem Hochwasser“, antwortete der Torwächter. Jared unterbrach die Verbindung, weil ihm etwas klar wurde. „Oh, Papa wird stinksauer sein“, murmelte er und schaute in Richtung der Türen zum Ballsaal, in den sein Vater gegangen war. „Verdammt!“ „Jared, was ist los?“, fragte Dwane ihn. „Als ich Lotti zum Rudel gefahren habe, sah ich auf der Straße noch Überreste einer Sturzflut. Verdammt, Wynta hat keinen Wolf und hätte es nicht hören, riechen oder ...“ Er verstummte, während er versuchte, nicht daran zu denken, dass sie weggespült worden sein könnte. „Sie hätte nicht wie ein Werwolf ausweichen können“, murmelte Dwane. Jared schloss die Augen und rieb sich die Nasenwurzel. Er hatte es wirklich gründlich vermasselt und wusste das auch. Er würde mehr als nur einen Peitschenhieb bekommen. Es würden wahrscheinlich zehn oder zwanzig werden.
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