Ich muss das durchstehen.
Saras Sicht
Ich starrte das Mädchen im Spiegel in ihrem Brautkleid an. Es war ein wunderschönes, himmelblaues, bodenlanges Kleid mit aufwendiger Netzstickerei an den Schultern. Das Mädchen, das da vor mir im Spiegel stand, war der Traum eines jeden Jungen. War ich etwa dasselbe Mädchen? Ich stellte mir diese Frage zum x-ten Mal, fand aber keine Antwort. Ich seufzte laut und legte den Schleier von meinem Gesicht, um meine Selbstverachtung zu verbergen.
Ich blickte in den leeren Raum, während alle hinausgingen, um die Gäste und den Bräutigam zu begrüßen. In wenigen Stunden würde ich einen Frauenschwarm heiraten, den perfekten Junggesellen, so wie ihn die Klatschpresse beschrieben hatte. Diese Ehe würde mein Verhängnis sein. Ich würde als Sara White Geschichte sein und der Welt als Sara Patrick Warner begegnen, dem Namen, den ich am meisten verabscheute.
Ich schloss die Augen, um die Tränen meiner Niederlage zurückzuhalten.
„Sara … es ist so weit“, hörte ich die Stimme meiner besten Freundin und blickte auf. Iris stand strahlend vor mir. Ich schenkte ihr ein gezwungenes Lächeln und ging auf sie zu. Ich wollte am liebsten von hier weglaufen, aber ich konnte nicht. Ich konnte den Ruf meiner Familie nicht ruinieren, und genau das hatte mich gezwungen, diesen Kerl als Ehemann zu akzeptieren.
„Er sieht so heiß aus, so lecker … Oh, Sara … ich bin so neidisch auf dich“, kreischte Iris mit verträumten Augen, und ich spürte einen Stich im Herzen. Ich wollte schreien, dass ich ihn nicht wollte, aber niemand war da, der mir zuhörte. Niemand war da, der mir den Blick zuwarf, der mir zeigte, wie sehr mich diese Beziehung verletzte.
Ich blinzelte unter meinem Schleier, um die Tränen zurückzuhalten.
„Hey … Sara … hörst du mir überhaupt zu?“ Iris rüttelte mich heftig und riss mich aus meinen Gedanken. „Äh … Entschuldigung … ich war abgelenkt“, sagte ich leise, woraufhin sie frustriert schnaubte.
Ich lächelte meine Freundin an, die immer so fröhlich und optimistisch war. Ich wünschte, ich hätte auch nur halb so viel Lebensfreude.
„Hier ist meine Prinzessin“, hörte ich Davids Stimme und sah vor mir auf. In seinem schwarzen Dreiteiler sah er wie immer umwerfend und gut aus. Iris reichte ihm meine Hand, und ich legte meinen Arm um seinen. Mein Vater wollte mich nicht zum Altar begleiten, deshalb war David hier.
„Bereit, Prinzessin?“ Er fragte mich erneut mit sanfter Stimme, und ich sah in seine durchdringenden, elektrisch blauen Augen.
Bin ich bereit dafür? Meine Seele schrie aus Leibeskräften „Nein“.
„Ja“, hauchte ich und umklammerte seinen Arm fest, als hinge mein Leben davon ab. Wir blickten beide nach vorn, und gleichzeitig öffnete sich die Tür für uns. Ich wurde von einem großen Applaus aller Anwesenden in der großen Halle empfangen, in der ich in wenigen Minuten mein Leben opfern würde.
„Du weißt genau, dass ich immer für dich da bin, nicht wahr?“, hörte ich Davids sanfte Stimme wieder, und ich nickte nur, da ich zu überwältigt war, um etwas zu sagen. Meine Sicht war diesmal verschwommen, und ich war völlig darauf angewiesen, dass David mir half, sicher zu gehen, ohne über mein Kleid zu stolpern.
„Du schaffst das, Prinzessin. Vertrau dir“, hörte ich David wieder und sah ihn an. Gleichzeitig nahm er meine Hand in seine und hob sie ein Stück von uns weg, und ich folgte seinem Blick.
Mir stockte der Atem, als meine Augen auf seine smaragdgrünen trafen.
Seine Augen waren kalt, völlig emotionslos.
Er hielt meine weiche Hand in seiner großen Handfläche, und mir sank das Herz in die Hose.
Das war's. Ich konnte jetzt nicht mehr fliehen. Ich war verloren, es gab kein Entrinnen mehr für mich.
Patrick half mir, zu dem Gang zu gehen, wo der Polizist auf uns wartete.
Ich stand wie angewurzelt da und blickte in eine Richtung, ich wusste nicht wohin, aber nicht zu ihm. In meinem Kopf tobte ein Sturm. Ich tat alles wie ein Roboter, der nur für eine bestimmte Aufgabe programmiert war. Alles verschwamm vor meinen Augen, und mein Verstand nahm nichts mehr wahr.
„Willkommen in meiner Hölle, Prinzessin … du bekommst alles, nur mich nicht“, hörte ich seine finstere Stimme, und da begriff ich, was geschehen war. Sein heißer Atem streifte meine Lippen. Bevor er sich von mir entfernen konnte, packte ich ihn am Kragen. Ich wusste nicht, wann ich meine Hände auf seine Brust gelegt hatte. Ich zog ihn ein Stück näher an mich heran, auf denselben Abstand wie zuvor, und sagte, ihm direkt in die Augen sehend:
„Behalte deine Worte für den Rest unseres Lebens im Gedächtnis, Liebling … Ich will alles, nur dich nicht.“ Sein Gesichtsausdruck fühlte sich an wie der Triumph des Tages.
Ich ließ langsam seinen Mantel los und schenkte ihm ein verschmitztes Lächeln.
Er war von meinen Worten überrascht, und innerlich klopfte ich mir auf die Schulter, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben für mich selbst eingestanden war.
Ich hatte diese rebellische Seite nie gezeigt und wusste nicht, was in mich gefahren war, aber ich war zufrieden mit meinem Erfolg.
Dieses liebevolle Wort war allerdings überflüssig.
Ich erwachte aus meiner Trance, als ich den Jubel und die Rufe der anderen hörte.
Er legte seinen Arm um meine Taille und zog mich an sich.
Ich legte meine Hand auf seine Brust, direkt über sein Herz, und lächelte alle an.
Wir kamen beide vom Gang herunter, und alle begannen, uns zu gratulieren.
Ich setzte ein aufgesetztes, aber charmantes Lächeln auf und bedankte mich bei allen, die zu uns gekommen waren.
„Willkommen in der Familie, Liebes“, lächelte ich meiner Schwiegermutter, Frau Naomi Winter, aufrichtig zu.
Sie war eine bezaubernde Frau mit einer mütterlichen Ausstrahlung, und ich liebte sie.
Ich umarmte sie und schloss die Augen, um ihren angenehmen Duft einzuatmen, der meine angespannten Nerven beruhigte.
„Ich schätze, meine Tochter hat jetzt eine andere Mutter, was?“, hörte ich die Stimme meiner Mutter und öffnete die Augen.
Ich schenkte ihr ein schwaches Lächeln und ging auf sie zu, nachdem ich die Umarmung von meiner Schwiegermutter gelöst hatte.
Ich umarmte sie ein letztes Mal.
Meine Mutter, Mrs. Janet White, der Fels in meinem Leben, die mich immer vor jedem Unglück bewahrt hatte, das mir begegnete, aber mich nicht vor diesem Unglück meiner Ehe retten konnte.
„Es tut mir leid, Liebes … es tut mir so leid für …“ Ich unterbrach sie sofort und löste unsere Umarmung.
„Schon gut, Mama … Du warst immer für mich da, und ich bin froh, dass ich dich habe“, sagte ich mit erstickter Stimme, und diesmal ließ ich meinen Tränen freien Lauf.
Sie umarmte mich sofort wieder, und diesmal ließ ich meine Schutzmauer fallen.
In ihrer Umarmung konnte ich das zerbrechliche Mädchen sein, das ich gerade bin.
Ich spürte die dritte Umarmung um uns herum und lächelte, denn ich wusste, dass ich jetzt eine zweite Mutter hatte, die ganz sicher für mich da sein würde, wann immer ich sie brauchte.
„Komm, Sara, wir gehen zum Eröffnungstanz“, hörte ich Iris' Stimme wieder, und wir lösten uns aus der Umarmung.
Ich atmete tief durch, und meine Mutter wischte mir vorsichtig die Tränen ab, ohne mein perfektes Make-up zu ruinieren.
„Komm, Liebes“, sagte meine Mutter mit schwacher Stimme, und ich setzte wieder mein aufgesetztes, charmantes Lächeln auf.
Wenn ich diese Situation überstehen wollte, musste ich so stark sein wie immer.