Kapitel 1
Elizabeth kehrte nach Hause zurück, nur um eine Szene vorzufinden, die sich seltsam fremd anfühlte. Die Augen ihrer Mutter waren voller Tränen, offensichtlich von etwas tief bewegt.
In der Villa der Familie Greene in der Kaiserstadt stand ein Mädchen in der Mitte des Wohnzimmers – schlicht gekleidet, aber von einer schüchternen Ausstrahlung umgeben. Nervös umklammerte sie einen DNA-Bericht, als hätte sie Angst vor dem, was kommen würde.
Benjamin Greene hielt das Mädchen fest in einer emotionalen Umarmung. „Du bist meine leibliche Tochter! Wahrhaftig mein eigen Fleisch und Blut!“
Emma schob ihn vorsichtig ein Stück zurück. „Das hier ist der DNA-Bericht. Wenn Sie mir nicht glauben, können wir den Test wiederholen. Das ist für mich völlig okay!“ In ihrem Ton schwang Angst mit – sie fürchtete Unglauben, aber sie vertraute den Ergebnissen. Schließlich stammten sie von einem offiziellen Institut; es konnte kein Irrtum vorliegen.
Sie war die wahre Erbin der Greenes, ein rechtmäßiges Kind des Privilegs. Emma war sich der Person, die hinter ihr stand, schmerzlich bewusst: Elizabeth, die derzeitige sogenannte Greene-Erbin. Eine Fälschung. Zwanzig Jahre lang hatte diese Hochstaplerin ihren rechtmäßigen Platz eingenommen. Nun war es an der Zeit, ihren Anspruch geltend zu machen.
Die nackte Wahrheit
Als Emma Norton vor einer Woche aufgetaucht war, hatte Mrs. Greene nicht einmal eine weitere Bestätigung gebraucht – sie spürte eine unerklärliche, sofortige Verbindung, als hätte es in ihrem Inneren klick gemacht. In ihrem Herzen hatte sie bereits beschlossen, ihr zu glauben.
Was die Tochter betraf, die sie all die Jahre aufgezogen hatte? Sie hatte Elizabeth Greene nie wirklich gemocht. Ihr Anblick hatte in ihr stets ein Gefühl von Unbehagen ausgelöst. Nun, da sie die Wahrheit kannte, ergab alles einen Sinn: Sie war gar nicht ihre leibliche Tochter.
Dennoch bestand Mr. Greene darauf, einen Vaterschaftstest zu machen, um absolut sicher zu gehen. Und der Bericht in Emmas Hand war der endgültige Beweis. Als das weiße Papier mit den unbestreitbaren Fakten ausgebreitet wurde, war es offensichtlich: Elizabeth sah der Familie Greene überhaupt nicht ähnlich, während Charlotte Greene – wie Emma nun hieß – eine deutliche Ähnlichkeit aufwies.
Benjamin überflog die klinischen Zahlen: 99,99 % Übereinstimmung.
„Oh, meine Tochter, mein geliebtes Mädchen!“, schluchzte Mrs. Greene und zog Emma in ihre Arme, als würde sie sie nie wieder loslassen. „Du hast so viel durchgemacht! Aber jetzt bist du zu Hause. Du bist endlich zu Hause.“
In Emmas Kopf explodierte ein Feuerwerk. Sie hatte es geschafft. Sie hatte ihre wahre Familie gefunden.
„Ich... Sind Sie wirklich meine Mama und mein Papa?“ Ihre Stimme bebte leicht, vorsichtig und doch hoffnungsvoll. Von diesem Moment an war Emma Norton nicht mehr nur ein Mädchen, das sich irgendwie durchschlug – sie war Charlotte Greene, die lang vermisste Erbin. Eine Zukunft in unvorstellbarem Luxus wartete auf sie.
Der kalte Abschied
„Ja, wir sind deine Eltern. Schatz, du musstest all die Jahre so viel ertragen!“ Mrs. Greene hielt Emma fest, als hätte sie Angst, sie könne sich jeden Moment in Luft auflösen.
Benjamins Gesichtsausdruck war ebenfalls von Kummer gezeichnet. All die Jahre hatte er gefühlt, dass Elizabeth ihm nicht besonders nahestand. Jetzt ergab es Sinn. „Mama, ich habe euch endlich gefunden. Ihr habt ja keine Vorstellung, wie mein Leben all die Jahre war!“, begann Emma ihr Leid zu klagen, obwohl ihr Herz vor Freude Purzelbäume schlug.
„Oh, mein Kind, du hast so gelitten. Es ist gut, dass du zurück bist!“, pflichtete Benjamin eifrig bei. Elizabeth hatte sie nie so umarmt, nicht einmal ansatzweise. „Ich werde später deinen Bruder anrufen“, fuhr er begeistert fort.
„Und was ist mit Miss Greene...?“, begann Emma mit beiläufigem, abfälligem Unterton. Diese Frau musste verschwinden. Schließlich war Emma nun die einzige rechtmäßige Tochter.
„Der Name 'Miss Greene' gehört ab jetzt nur noch dir“, sagte Benjamin hart. „Diese Hochstaplerin soll zurück in ihr verfallenes kleines Zuhause auf dem Land gehen! Sobald sie zurück ist, werfe ich sie hochkant raus. Ihr Zimmer? Das werden wir für dich vergrößern und in eine richtige Prinzessinnen-Suite verwandeln.“
Die Abrechnung
Elizabeth stand still hinter ihnen und beobachtete den freudigen Familienmoment. Ihre Miene verzog sich nicht, nicht ein bisschen. Sie räusperte sich leicht und trat ohne Zögern vor.
„Papa, Mama, ich bin zu Hause“, grüßte sie schlicht, ihr Tonfall ruhig und gefasst.
Benjamins Gesicht verdunkelte sich augenblicklich. „Oh, nenn mich nicht Papa. Dein leiblicher Vater kämpft gegen den Krebs. Warum suchst du ihn nicht stattdessen? Vielleicht erwischst du ihn noch, bevor es zu spät ist.“
„Was meinst du damit?“, fragte Elizabeth mit gleichmäßiger Stimme.
„Du bist kein Mitglied der Familie Greene. Kapierst du das nicht? Dein sogenannter Vater ist nur ein pleitegegangener Verlierer, der mich und meine Tochter 20 Jahre lang getrennt hat. Ab jetzt bist du hier nicht mehr willkommen. Pack deine Sachen und verschwinde“, sagte Benjamin Greene eiskalt.
„Und denk ja nicht daran, die Bankkarte mitzunehmen! Wer weiß, ob du das Geld nicht benutzt, um diesen mittellosen Vater von dir zu unterstützen“, fiel Mrs. Greene mit scharfer, schneidender Stimme ein. „Du darfst nur zwei Kleidungsstücke mitnehmen. Den Rest? Den spende ich lieber, als dass ich dich auch nur mit einem Faden hier rausgehen lasse. Du verdienst es nicht.“
Ein unerwarteter Fürsprecher
Obwohl Elizabeth keine tiefen Gefühle für die Greenes hegte, hatte sie zwanzig Jahre bei ihnen gelebt. Und nun, nur wegen der Worte „nicht biologisch“, wurde alles ausgelöscht?
„Papa, Mama, ist das nicht zu grausam? Elizabeth gehört auch zu unserer Familie!“, warf Ethan ein, der gerade zur Tür hereingekommen war. Er konnte sich nicht dazu bringen, diese neue „Schwester“ zu mögen. „Seit wann seid ihr so hartherzig? Elizabeth hat einen scharfen Verstand für Geschäfte. Unzählige Deals haben wir ihr zu verdanken!“
„Was weißt du schon?!“, schnauzte Benjamin ihn an. „Deine Schwester hat jahrelang gelitten! Soll Elizabeth etwa keine Härte erfahren, nachdem ihr alles in den Schoß gefallen ist? Das ist unsere Entscheidung – misch dich nicht ein! Halt den Mund!“
Elizabeth sah es deutlich – die Gefühle ihres Bruders für sie waren nicht gewöhnlich. Mrs. Greene bemerkte das ebenfalls und wollte Elizabeth so schnell wie möglich weg haben, um ihren Sohn vor einem Mädchen aus „armen Verhältnissen“ zu schützen.
„Mama...“
„Du brauchst nichts zu sagen. Ich gehe“, unterbrach Elizabeth mit kalter Stimme.
Sie ging nach oben und packte lediglich zwei einfache Outfits ein. Als sie wieder herunterkam, öffnete sie den Koffer direkt vor ihnen. „Bitte, kontrolliert ihn. Wenn alles in Ordnung ist, gehe ich sofort.“
Sie hatte den verächtlichen Blick von Emma Norton bemerkt. Anstatt Emma die Genugtuung zu geben, eine Durchsuchung zu fordern, ergriff sie selbst die Initiative. Mrs. Greene ließ die Haushälterin den Koffer sorgfältig durchwühlen. Erst als sie nichts „Belastendes“ fanden, ließen sie sie gehen.
Emma konnte nicht fassen, was sie sah. Es war wahr – sie war jetzt die Tochter der Familie Greene. Nie wieder zurück in dieses elende Leben auf dem Land!