Eine Ohrfeige

1275 Worte
Phillips Worte hallten in meinen Ohren nach, scharf und unerbittlich. Dein Mann und deine Schwester respektieren dich überhaupt nicht. Je öfter ich sie in meinem Kopf wiederholte, desto tiefer nagten sie an mir, bohrten sich wie ein Splitter in meine Gedanken. Ich versuchte, sie wegzuschieben, mich selbst zu überzeugen, dass es nicht stimmte. Vielleicht war es nicht so, wie es schien. Vielleicht würde alles wieder normal werden, wenn ich still blieb und den Frieden bewahrte. Vielleicht waren Desmond und Tila wirklich nicht so. Vielleicht… vielleicht. Doch gerade, als ich den Mut gesammelt hatte, ihnen entgegenzutreten, tauchte eine Frau in einem satten grünen Kleid vor mir auf und versperrte mir den Weg. Sie war groß und elegant, eine Frau, die Aufmerksamkeit auf sich zog, ohne ein Wort zu sagen. „Entschuldigen Sie, junge Dame“, sagte sie mit klarer, bestimmender Stimme. „Ich suche nach Frau Josey, aber sie scheint nirgendwo zu sein. Können Sie mir helfen?“ Ich zwang mich zu einem höflichen Lächeln, obwohl mein Herz noch immer vom gerade erlebten Vorfall raste. „Natürlich. Wobei kann ich Ihnen helfen?“ Die Frau deutete auf ein Gemälde in der Nähe, das eine ruhige Berglandschaft im Sonnenaufgang zeigte. „Dieses Stück hat meine Aufmerksamkeit erregt. Können Sie mir mehr darüber erzählen?“ Ich blickte auf das Gemälde, atmete tief ein, um mich zu sammeln. „Es heißt Golden Peaks“, erklärte ich ruhig, trotz des Sturms in mir. „Es gehört zu einer limitierten Kollektion. Der Künstler wollte die unberührte Schönheit der Natur einfangen. Das Werk ist sehr begehrt.“ Die Frau betrachtete das Gemälde, ihre Augen verengten sich, während sie es eingehend prüfte. Ich spürte ein seltsames Unbehagen, als ich sah, wie sie das Werk so genau musterte. Sie bewertete es, prüfte seinen Wert. Schließlich sprach sie wieder. „Und wie viel ist es wert?“ Ihr Ton war berechnend, als hätte sie schon eine Vorstellung, wollte aber Bestätigung. Ich zögerte, antwortete dann vorsichtig. „Es gehört zu den höherpreisigen Stücken. Die Werke des Künstlers gewinnen mit der Zeit an Wert.“ Die Frau summte nachdenklich, ihre Augen funkelten. „Es gefällt mir. Ich werde bieten.“ Erleichtert, dass sich unser Gespräch von meinem inneren Aufruhr entfernt hatte, nickte ich. „Wenn Sie weitere Fragen haben, zögern Sie bitte nicht, sie zu stellen.“ Sie lächelte kurz, ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf den Mann hinter ihr. Er trug einen eleganten Anzug und Handschuhe, sein Blick war auf ein anderes Gemälde gerichtet. Anders als die anderen Gäste, die die Kunstwerke bewunderten, schien er sie zu analysieren, jeden Detail zu prüfen, fast so, als würde er ihren Wert kritisch messen. Ich runzelte leicht die Stirn, aber bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, ertönte die Stimme des Auktionators durch den Raum. „Meine Damen und Herren, die Auktion beginnt! Bitte nehmen Sie Ihre Plätze ein.“ Die Frau in Grün nickte ihrem Begleiter zu, und sie gingen zu den Plätzen, während ich ihnen neugierig und mit einer Mischung aus Unbehagen nachsah. Ich wandte mich wieder Desmond und Tila zu, mein Blick glitt fast automatisch zu ihnen. Sie standen jetzt näher beieinander, lachten zusammen, als könnte nichts in der Welt ihre kleine Blase stören. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, aber ich zwang mich wegzusehen und mich auf die Auktion zu konzentrieren. Es war das Einzige, was ich gerade kontrollieren konnte. Die Auktion begann, die ersten Stücke wurden schnell verkauft. Die Aufregung im Raum war greifbar, die Bieterhände schossen hoch, der Auktionator rief Zahlen mit präziser Geschwindigkeit aus. Doch als Golden Peaks präsentiert wurde, hob die wohlhabende Frau in Grün sofort ihr Bietholz. „Fünfzigtausend Dollar. Höre ich sechzig?“ rief der Auktionator. Ich hielt den Atem an, als eine weitere Hand hochschnellte, das Bieten stieg mit jedem neuen Gebot. Die Zahlen kletterten immer höher, und mein Herz raste. Ich wusste, wie wichtig dieses Stück für Josey war. Ein hoher Verkaufspreis bedeutete für sie einen riesigen Gewinn – ein Sieg in ihrem endlosen Streben nach Status und Reichtum. Aber was bedeutete das für mich? Schließlich hob die Frau in Grün erneut ihr Bietholz. „Hundertfünfzigtausend Dollar“, rief sie mit fester Stimme. Eine Stille legte sich über den Raum. Der Auktionator blickte in die Menge, suchte nach Konkurrenzgeboten. „Hundertfünfzigtausend, einmal, zweimal… Verkauft!“ rief er und schlug mit dem Hammer zu, das Echo hallte durch den Raum. Höflicher Applaus folgte, aber die Frau in Grün hob erneut die Hand, ihr Lächeln streng kontrolliert. „Bevor ich bezahle, möchte ich das Gemälde authentifizieren lassen.“ Ein Unbehagen überkam mich. Ihr Tonfall machte klar, dass sie nicht locker lassen würde. Der Raum schien den Atem anzuhalten, wartete auf das, was nun kommen würde. Josey trat schnell vor, ihr selbstsicheres Lächeln blieb unerschüttert, obwohl die Spannung spürbar wuchs. „Das ist nicht nötig, meine Dame“, sagte sie glatt. „Wir verkaufen nur echte Werke. Unser Ruf ist tadellos.“ Das Lächeln der Frau blieb kalt, ihr Blick durchdringend. „Davon bin ich sicher“, antwortete sie, ihre Stimme von Skepsis durchzogen. „Aber ich bin lieber vorsichtig. Bitte, kommen Sie mir entgegen.“ Der Mann mit den Handschuhen trat vor, seine Bewegungen bedacht, und zog eine kleine Lupe hervor. Er begann, das Gemälde genau zu untersuchen, fuhr mit den Fingern über die Rahmenkante, als suche er nach einem versteckten Fehler. Der Raum beobachtete gespannt, jedes Auge auf die Szene gerichtet. Joseys Ausdruck verfinsterte sich. „Das ist völlig unnötig“, sagte sie, ihre Stimme verlor die übliche Glätte. „Das Gemälde ist authentisch.“ Der Mann antwortete nicht. Er trat nur einen Schritt zurück und flüsterte etwas der Frau in Grün zu. Mein Magen verkrampfte sich, als ich sah, wie ihr Gesicht dunkler wurde, ihre Lippen sich zu einer schmalen, missbilligenden Linie verzogen. „Dieses Gemälde ist eine Fälschung“, sagte sie laut, ihre Stimme schnitt wie ein Messer durch den Raum. Ein erschrockenes Raunen ging durch die Menge. Für einen Moment schien die Luft zu gefrieren, und ich konnte kaum atmen. Joseys Gesicht wurde blass, ihre Maske der Selbstsicherheit zerbrach vollständig. „Das ist unmöglich!“ stotterte sie. „Sie müssen sich irren.“ Die Frau trat näher, ihr Blick eisig. „Beleidigen Sie nicht meine Intelligenz. Die Farbe ist billig, die Striche ungenau, und der Rahmen schlecht verarbeitet. Sie dachten, Sie könnten mich täuschen?“ Josey wollte etwas sagen, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Bevor sie es beenden konnte, hob die Frau ihre Hand und schlug ihr mit einem scharfen Knall ins Gesicht, der durch den Raum hallte. Der Raum war wie erstarrt. „Wie wagen Sie es, mir eine Fälschung zu verkaufen?“ zischte die Frau, ihre Stimme tief und gefährlich. „Sie haben sich vor allen hier blamiert.“ Joseys Hand flog zu ihrer Wange, ihre Augen weit vor Unglauben. Sie konnte nicht sprechen. Die Menge blieb still, niemand wagte ein Geräusch, während die Spannung in der Luft wuchs. Die Frau wandte sich an die Menge, ihre Stimme laut und bestimmt. „Lasst dies eine Lehre sein. Wisst immer, was ihr kauft. Und an alle, die diese Auktion leiten – verbessert eure Arbeit, sonst werde ich sicherstellen, dass euer Ruf ruiniert wird.“ Damit drehte sie sich um, ihr Begleiter folgte ihr aus dem Raum. Die Menge blieb noch einen Moment wie erstarrt, bevor sich Flüstern erhob, Gäste deuteten auf Josey und murmelten hinter ihren Händen. Ich stand wie angewurzelt, mein Herz raste, während ich zusah, wie die Demütigung meiner Stiefmutter vor mir ablief. Sie stand da, die Augen weit aufgerissen, ihre Fassung völlig zerstört, während das Murmeln der Menge lauter und spitzer wurde. -
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