VERRATEN

1473 Worte
MELISSAS SICHT Meine Brust hob und senkte sich vor brennender Wut, als wäre ich vor etwas davongelaufen, das ich nicht hätte entkommen können. Marcels Gesicht ließ mich nicht los—wie sich sein Mund zu einem Lächeln verzogen hatte, als er Linda ansah, wie seine Finger sich in ihre verschränkten, als hätten sie immer dorthin gehört. Dieses Lächeln gehörte früher mir. Diese Berührung hatte früher etwas bedeutet. Jetzt war es nichts als ein Messer, das sich bei jedem Gedanken daran tiefer in mich hineindreht. Der Korridor verschwamm um mich herum, während ich taumelnd vorwärts stolperte, die kalten Steinwände schnitten in meine Handfläche, als ich mich abstützte. Meine Wölfin tobte in mir, rasend, wild, verlangte, dass ich umkehrte. Dass ich diese Türen einriss, ihre Lügen zerschmetterte und ihnen zeigte, wer ich war. Aber wozu? Die Ältesten und das Rudel hatten sich entschieden. Mein Onkel hatte sein Spiel gespielt wie ein verdammter Schachmeister. Und Marcel… dieser Idiot hatte mich verraten. Meine Kehle schnürte sich zu, jeder Atemzug brannte, erstickte fast an dem, was gerade geschehen war—und an dem Schmerz, den es hinterließ. Der Mann, für den ich gekämpft hatte. Der Mann, den ich aus dem Dreck gezogen und zu einem Alpha aufgebaut hatte. Der Abschaum, dem ich mein Herz anvertraut hatte, hat es mir in den Rücken gerammt. Ich dachte, ich würde ihn nie wiedersehen—not nach diesem öffentlichen Schlag in mein Gesicht, der mich vor dem gesamten Rudel erniedrigte. Doch als die Korridore sich leerten und die Diener und Krieger in der Nacht verschwanden, fühlte ich ihn, bevor ich ihn sah. Marcel trat aus den Schatten, seine schwarze Robe trug noch den schwachen Geruch des Thronsaals. „Melissa,“ sagte er, seine Stimme tief, fast sanft. Dieses eine Wort entzündete eine Lunte in mir. All die Wut, die ich hinuntergeschluckt hatte, explodierte. Ich dachte nicht nach; meine Hand flog hoch und krachte gegen seine Wange, so hart, dass meine Handfläche brannte. Der Schlag hallte von den Steinwänden wider, doch Marcel zuckte nicht zurück, er knurrte nicht einmal. Er stand einfach da, seine Wange wurde rot, sein Blick fest auf mich gerichtet—als hätte er längst damit gerechnet. „Das habe ich verdient,“ sagte er leise. Seine Ruhe ließ mich für einen Moment erstarren. Meine Wut flackerte, schwankte, während meine Brust sich hob und senkte und meine Augen sein Gesicht suchten. „Was… was hast du gerade gesagt?“ „Ich habe es verdient,“ wiederholte er, langsamer diesmal. „Für das, was ich dir angetan habe.“ Seine Worte trafen mich hart—dämpften das Feuer in mir, zumindest für einen Atemzug. Wenn er nicht kämpfte, nicht schnappte… vielleicht war das nicht seine Entscheidung gewesen. Ich schluckte, meine Kehle trocken. „Dann sag es mir, Marcel. Warum? Warum sie? Warum Linda, wo du wusstest, dass es ich hätte sein sollen? Ich habe dich gemacht, Marcel. Ohne mich wärst du noch immer ein Niemand, der im Rudel umherkriecht. Ich habe dich auf diesen Thron gesetzt. Mein Vater und ich haben dir alles gegeben.“ Meine Stimme brach, rau und zersplittert. „Warum hast du mich dann weggeworfen, als wäre ich nichts?“ Marcels Kiefer spannte sich an, sein Adamsapfel hob und senkte sich, als würde er an seinen Worten ersticken. Er trat näher, seine Stimme ein raues Flüstern. „Weil Leon mich dazu gezwungen hat.“ Ich taumelte zurück, schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Gib ihm nicht die Schuld. Du bist jetzt der Alpha, Marcel. Du hast geschworen, dich ihm nie zu beugen. Du hast es meinem Vater und mir geschworen.“ „Du glaubst, ich wollte das?“ Seine Stimme brach, verzweifelt, fast flehend. „Du glaubst, ich wollte da stehen, dir in die Augen sehen und dich vor allen brechen? Melissa, ich hatte keine Wahl. Leon hat mir ein Ultimatum gestellt. Wenn ich nicht gehorche, würde er die Ältesten gegen uns hetzen. Das gesamte Rudel wäre über uns hergefallen. Ich hätte alles verloren… und du… du wärst schutzlos gewesen.“ Die Wände rückten näher. Meine Nägel bohrten sich in meine Handflächen, Blut sickerte hervor—der Schmerz hielt mich aufrecht. Ich wollte ihm glauben. Ich wollte es so sehr, dass es wehtat. „Leon,“ flüsterte ich, meine Stimme bebte. „Es ist immer Leon.“ Mein Onkel war der Schatten, der mein Leben verdunkelte, jede Chance vergiftete, die ich hatte. Und jetzt… nicht einmal mein Gefährte war stark genug, gegen ihn zu bestehen. Marcel streckte die Hand nach mir aus, sie zitterte. „Ich schwöre dir, Melissa, ich mache es wieder gut. Ich kann nicht rückgängig machen, was dort passiert ist, aber ich werde dir zurückgeben, was dir zusteht.“ „Zurückgeben?“ Ich lachte—hart, bitter, scharf—und riss meine Hand weg. Tränen brannten in meinen Augen, aber verdammt, ich würde nicht zulassen, dass sie fallen. „Wie? Du hast vor dem gesamten Rudel gestanden und ihr die Krone gegeben. Du hast mich zum Narren gemacht, Marcel. Das kann man nicht reparieren.“ „Doch,“ sagte er, plötzlich dringlich, und trat näher. Seine Hände packten meine Schultern—fest, aber nicht verletzend. „Nicht so, wie wir es wollten… aber es gibt einen Weg. Du kannst trotzdem bei mir sein, Melissa. Nicht als Luna, aber…“ Ich stieß ihn hart weg, sein Rücken schlug gegen die Wand. „Sag diesen Satz nicht zu Ende,“ zischte ich, meine Stimme bebte vor Zorn. Doch er tat es. Er senkte den Blick, Scham in seinen Augen, und seine Stimme zerbrach. „Sei trotzdem bei mir. Sei meine… Geliebte.“ Das Wort war ein brennender Stachel, der sich durch mich fraß. Geliebte. Versteckt. Beschmutzt. Während Linda Königin spielte. Mein Herz raste, Wut und Schmerz rissen mich entzwei. „Meinst du das ernst?“ würgte ich hervor, kaum fähig zu sprechen. „Nach allem, was ich getan habe, nach allem, was ich geopfert habe, bietest du mir… Krümel?“ „Ich versuche, dich zu schützen!“ fuhr er auf, seine Stimme rau, fast manisch. „Ich liebe dich, Melissa. Ich liebe sie nicht. Das habe ich nur getan, um Leon von dir fernzuhalten.“ Ein Schluchzen stieg in mir auf—ich erstickte es. Für einen flüchtigen, erbärmlichen Moment wollte ich ihm glauben. Wollte, dass seine Worte die Splitter meines Herzens zusammenfügten. Doch da ertönte ein scharfes, spöttisches Lachen. „Schützen?“ Lindas Stimme tropfte vor Gift. Sie glitt in den Korridor, ihr Seidenkleid raschelte, ihre Locken wippten wie die einer Königin. Dieses Grinsen im Gesicht—sie hatte gewartet. Jede Sekunde genossen. „Melissa, arme Melissa,“ schnurrte sie, den Kopf schiefgelegt. „Fällst du immer noch auf seine Lügen herein?“ Ich erstarrte, meine Augen brannten vor Zorn. „Verschwinde, Linda,“ fauchte ich. Sie ignorierte mich, strich Marcel mit einer Selbstverständlichkeit über den Ärmel. „Er liebt dich nicht. Hat er nie. Er hat mich gewählt, weil er mich wollte.“ „Lüg nicht,“ presste ich hervor, doch meine Stimme zitterte. Ihr Grinsen wurde breiter. Grausamer. „Ach nein? Hat er dir erzählt, wo er die letzten Monde immer wieder verschwunden ist? Nein? Natürlich nicht. Weil er in meinem Bett war. Bei mir.“ Dann beugte sie sich vor, ihre Augen glitzerten wie Messer. „Und jetzt… bin ich drei Wochen mit seinem Welpen schwanger.“ Die Worte trafen mich wie ein Schlag. Meine Sicht verschwamm. Die Welt kippte. „Nein…“ Meine Stimme war ein zerbrochenes Flüstern. Ich drehte mich zu Marcel, meine Hände zitterten heftig. „Sag mir, dass sie lügt, Marcel. Bitte sag mir, dass sie lügt.“ Er schwieg. Seine Lippen gepresst. Schuld in seinen Augen, so dunkel, dass sie fast brannten. Dieses Schweigen war schlimmer als jedes Geständnis. Schwerer als jeder Verrat. Meine Brust zog sich zusammen, mein Herz riss und riss—jeder Splitter schnitt tiefer als der letzte. „Du…“ Ich trat zurück, den Kopf schüttelnd, Tränen strömten, heiß und unaufhaltsam. „Du hast mich kämpfen lassen. Bluten lassen. Dich zu dem gemacht, was du bist… und du warst bei ihr? Die ganze Zeit?“ „Melissa, bitte…“ Marcels Stimme brach, als er nach mir griff. „Fass mich nicht an!“ schrie ich, meine Wölfin raste, Krallen brannten unter meiner Haut. „Du hast kein Recht, meinen Namen zu sagen. Kein Recht, zu flehen, während du sie krönst, mit ihr schläfst und…“ Ich würgte, unfähig weiterzusprechen. „…und ihr gibst, was eigentlich mir gehörte.“ Linda grinste triumphierend, legte die Hand um Marcels Arm. „Du hättest das kommen sehen müssen, Cousine. Das Rudel braucht Stärke, nicht dein ewiges Jammern. Und Marcel hat Stärke gewählt… und mich.“ Ich schüttelte den Kopf, mein Körper bebte, meine Stimme kam niedrig, gebrochen—doch fest. „Nein. Er hat Schwäche gewählt. Und eine Hure. Er hat gewählt, ein Feigling zu sein.“
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