GEBROCHEN

2058 Worte
MELISSAS SICHT Ein Stich von triumphierender Freude durchfuhr mich, als ich sah, wie Lindas Gesicht bei meinen Worten für einen Moment vor Scham und Wut aufglühte. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Marcel übertönte sie, seine Stimme heiser. „Schwanger? Linda, was zur Hölle redest du da? Das höre ich zum ersten Mal,“ sagte er, seine Augen weit aufgerissen. Ich erstarrte, mein Herz stolperte. Für einen flüchtigen Augenblick flackerte Hoffnung in meiner Brust auf. Vielleicht log sie. Vielleicht war das nur eines ihrer grausamen, verdrehten Spiele, um mich zu brechen. Doch Lindas Grinsen wurde nur breiter, ihr Kinn hob sich mit dieser selbstgefälligen, unantastbaren Arroganz, die meine Wölfin dazu brachte, sich danach zu sehnen, ihr die Kehle herauszureißen. „Du glaubst mir nicht?“ sagte sie, ihre Stimme triefend vor falscher Süße. „Gut. Dann klären wir das. Wir gehen sofort zum Rudelarzt und lassen es bestätigen.“ Ich wollte schreien, die Marmormauern mit bloßen Händen einreißen. Doch meine Füße begannen sich von selbst zu bewegen, und ich folgte ihnen zum Krankenhaus, jeder Schritt riss ein größeres Loch in meine Brust. Ich brannte, erstickte—doch ich konnte nicht stehenbleiben. Als wir das Rudelkrankenhaus erreichten, empfing uns der übliche Duft von Kräutern, vermischt mit einem stechenden, erdrückenden Geruch von Desinfektionsmitteln, der an allem haftete. Der Arzt verneigte sich tief, als Linda hereinschwebte, ihre Hand noch immer um Marcels Arm geschlungen, als würde er ihr gehören. Ich blieb zurück, die Arme fest über der Brust verschränkt, mein Herz pochte so heftig, dass ich dachte, es würde meine Rippen sprengen. Das Warten war Folter, Minuten dehnten sich zu Stunden. Der Arzt tastete, prüfte, kritzelte Notizen, sein Gesicht ausdruckslos. Schließlich blickte er auf, seine Augen wanderten zu mir, dann zu Marcel, bevor sie bei Linda landeten. „Glückwunsch, Luna Linda,“ sagte er mit flacher Stimme. „Sie sind seit einigen Wochen schwanger.“ Die Welt drehte sich; mein Magen sackte ab, als wäre ich von einer Klippe gestoßen worden. Schwanger! Das Wort krallte sich in mein Gehirn, scharf und unaufhaltsam, riss alles in Stücke, woran ich festgehalten hatte. Mein Herz brach nicht nur… es zerbarst in tausend winzige Teile. Marcels Gesicht wurde weiß wie Kreide, als hätte er einen Geist gesehen. „Nein… das kann nicht…“ Seine Stimme zitterte, gefangen zwischen Schock und Schuld. „Linda, du und ich… wir haben doch nicht…“ Sie schnitt ihm das Wort ab, mit einem harten, kalten Lachen, und schlang ihren Arm noch fester um seinen. „Oh doch, Marcel. Immer wieder. Oder hast du das schon vergessen? Soll ich dir die Nächte in Erinnerung rufen?“ Sie beugte sich zu ihm, ihre Lippen streiften sein Ohr, ihre Stimme ein grausames Flüstern. „Oder soll ich es Melissa bildlich beschreiben?“ Ich konnte nicht atmen. Ich wollte mir die Ohren abreißen—alles, nur um ihre Stimme nicht mehr hören zu müssen. Ich wandte mich Marcel zu, flehte mit jedem Stück von mir, dass er etwas sagte—irgendwas—um zu beweisen, dass alles gelogen war. Doch er stand nur da, schweigend, seine Augen dunkel vor Schuld, die er nicht verbergen konnte. Dieses Schweigen traf härter als jeder Schlag, schnitt tiefer als jede Kralle. Er hatte mich nicht nur im Gerichtssaal verraten. Er hatte mich im Dunkeln verraten. Heimlich. Nacht für Nacht. „Melissa,“ sagte er schließlich, seine Stimme rau, flehend, als er auf mich zuging. Seine Hände streckten sich nach mir aus, als könnte er mich vom Abgrund zurückholen. „Bitte, hör zu. Es muss nicht so enden. Ich will dich immer noch. Du kannst immer noch mir gehören, nicht als Luna, aber…“ Dieses eine Wort—Geliebte—ließ etwas in mir zerreißen. Ich lachte, ein roher, gebrochener Laut, der meine Kehle aufschürfte. „Deine Geliebte? Nach allem, was ich für dich getan habe? Ich habe für dich gekämpft, Marcel. Meine Liebe zu dir war größer als alles, was ich kannte. Ich habe dich aus dem Nichts zu allem gemacht, was du heute bist—und du glaubst, ich krieche in deinen Schatten, während sie meine Krone trägt?“ Meine Stimme brach, laut und wild. „Leck mich.“ Lindas Nägel bohrten sich in seinen Arm, ihre Augen flackerten giftig. „Kommt nicht infrage,“ fauchte sie. „Ich teile ihn nicht. Weder mit dir noch mit irgendjemandem. Du warst nie Luna-Material, Melissa. Du bist erbärmlich—du jagst etwas, das nie dir gehört hat.“ Ich fuhr zu ihr herum, Tränen brannten in meinen Augen, aber ich weigerte mich, sie fallen zu lassen. „Ich werde niemals seine Geliebte sein, Linda. Niemals.“ Meine Brust hob sich heftig, jedes Wort bebte vor Wut. „Spiel ruhig Königin—für jetzt. Aber hör gut zu, ihr beide. Ich komme für diesen Thron. Er gehört mir, und ich werde ihn zurückholen. Und wenn ich das tue, werde ich euch alle niederbrennen.“ Lindas Lachen war schrill, zerschnitt die sterile Luft des Krankenhauses wie ein Messer. „Du? Seinen Thron nehmen?“ Sie verzog die Lippen zu einem spöttischen Grinsen, ihre Augen glitzerten vor Gift. „Du bist nur eine Frau, Melissa. Schwach. Das Rudel würde eher einem Straßenköter folgen als einer weiblichen Alpha.“ Ihre Worte sollten mich zerbrechen—und verdammt, sie taten weh. Doch tief darunter regte sich etwas—etwas Glühendes, Gefährliches. Ein Feuer, das ich seit Jahren nicht mehr gefühlt hatte. Hungrig. Lebendig. Später, allein in meinem Zimmer, brach das ganze Gewicht der Wahrheit über mir zusammen. Ich fiel auf mein Bett, die Laken trugen noch immer seinen schwachen Duft, und ich zerbrach. Leise, herzzerreißende Schluchzer rissen durch meinen Körper, bis ich kaum noch atmen konnte. Der Mann, den ich geliebt hatte, der Mann, in den ich meine Seele gegossen hatte, hatte mich zerstört. Und das Schlimmste? Selbst jetzt sehnte sich mein dummes Herz noch immer nach ihm. „Nicht mehr,“ flüsterte ich heiser, als würde ich zu der Bindung selbst sprechen, die meine Seele an Marcels gefesselt hielt. Die Bindung—oh, diese verfluchte Gefährtenbindung—fühlte sich an wie eine Kette aus geschmolzenem Eisen in meinen Adern. Jeder Gedanke an Marcel zog und riss an mir, verlangte, dass ich ihm vergebe, verlangte, dass ich zu ihm zurückkrieche, mich wieder in die Rolle der Närrin zwinge, die ihn verehrte. „Nein,“ wisperte ich, obwohl meine Stimme bebte. „Nein. Ich werde nicht… ich kann nicht.“ Meine Wölfin jaulte in meinem Kopf, drängte mir Bilder von Marcel auf: die Wärme seiner Hand, die Sicherheit seines Duftes, die Gewissheit seiner Nähe. Es war Folter—Verrat, vervielfacht und verstärkt durch die Bindung, die sich weigerte, mich loszulassen. Mein Atem wurde ungleichmäßig. Mein Körper zitterte, zerrissen zwischen meiner Wut und dem Schmerz, der mich zurück zu ihm ziehen wollte. „Wenn er sie nicht ehrt,“ brachte ich heiser hervor, „dann zerreiße ich sie selbst.“ Die Worte hatten kaum meine Lippen verlassen, da flog die Tür auf. Clara stürzte herein, ihre Röcke rauschten, ihr dunkles Haar wild um ihr Gesicht. Clara war mein Dienstmädchen—und meine Schwester in allem außer im Blut. Ihre Augen weiteten sich, als sie mich auf dem Boden liegen sah, mein Kleid verdreht, meine Wangen von Tränen gezeichnet. „Meine Lady!“ rief sie und fiel neben mir auf die Knie. „Was haben sie dir angetan? Sag es mir!“ Ich schüttelte heftig den Kopf, klammerte mich mit zitternden Fingern an ihr Handgelenk. „Er… er hat Linda gewählt.“ Meine Stimme brach in einem Schluchzer. „Clara, er… er hat sie mir vorgezogen!“ Claras Gesicht verlor jede Farbe. „Nein… nein, das würde er nicht.“ „Hat er!“ fauchte ich, Schmerz schäumte über in Wut. „Er hat sie seine Luna genannt, Clara. Nach allem, nach der Krönung, nach allem, was ich ihm gegeben habe—als wäre ich nichts für ihn. Nichts!“ Clara zog mich in ihre Arme, wiegte mich an ihrer Brust wie ein Kind, obwohl sie nur ein Jahr älter war als ich. Ihre Wärme presste sich an meine fiebernde Haut, doch ich spürte sie kaum. Mein Körper bebte zu heftig, Hitze brannte durch meine Adern, als würde meine Wölfin mich von innen zerreißen. „Ich halte das nicht aus,“ keuchte ich. „Diese Bindung… bei jedem Atemzug zieht sie mich zurück zu ihm. Ich verliere den Verstand, wenn sie bleibt.“ „Melissa…“ Claras Stimme bebte, ihre Augen füllten sich mit Angst. „Sag so etwas nicht. Du weißt, was es bedeutet, eine Bindung zu zerreißen. Wölfe sind daran gestorben. Du wirst krank werden… vielleicht für immer.“ „Ich sterbe lieber frei, als so weiterzuleben!“ schrie ich und stieß sie von mir. Zitternd kam ich auf die Knie. Meine Finger krallten sich in den Stoff meines Kleides über meiner Brust. Meine Wölfin knurrte, widersetzte sich, doch mein Entschluss brannte heißer als ihre Angst. Ich schloss die Augen, griff nach innen—nach dem silbernen Faden, der mich an Marcels Herz fesselte. Dieses verfluchte Seil aus Feuer, das tief in meiner Seele verankert war. Ich muss es durchtrennen—schwor ich. Mein ganzer Körper bog sich zurück, als würde mich ein Blitz durchbohren. Ein Schrei brach aus meiner Kehle—roh, tierisch. Der Schmerz explodierte in mir, weißglühend, sengte jede Nervenbahn. Meine Wölfin heulte in mir, ihr Schrei so durchdringend, dass Clara sich die Ohren zuhielt. „Melissa! Hör auf, bitte!“ Clara schluchzte, packte meine Arme, während mein Körper krampfte. „Er ist dein Leben nicht wert!“ Aber ich konnte nicht aufhören. Ich würde nicht. Tränen verschwammen meine Sicht, mein Kiefer verkrampfte gegen die Qual. „Ich… verstoße… die Bindung!“ stieß ich hervor, jedes Wort blutig an meiner Kehle. Die Luft im Raum knisterte vor übernatürlicher Energie. Für einen Moment fühlte es sich an, als strömte reiner Blitz durch meine Adern. Dann— riss der Faden. Der Schmerz danach war jenseits aller Worte. Jede Erinnerung, jede Berührung, jedes Flüstern von Marcel wurde aus mir herausgerissen—brutal, gewaltsam—ließ mich hohl zurück, roh, innerlich blutend. Mein Körper fiel nach vorn, bebend, nach Luft ringend. Meine Wölfin stieß einen letzten, zerrissenen Laut aus—dann Stille. Kaltschweiß klebte an meiner Haut. Mein Magen krampfte, Galle stieg mir hoch. Meine Glieder wurden schwer—nutzlos. Clara fing mich auf, zog mich in ihren Schoß. Ihre Hände zitterten, als sie mein Haar aus meinem schweißnassen Gesicht strich. „Du törichte, mutige, wunderschöne Seele,“ flüsterte sie unter Tränen. „Was hast du dir angetan?“ Ich versuchte zu lächeln, obwohl meine Lippen zitterten. „Ich bin frei,“ hauchte ich so schwach, dass ich nicht sicher war, ob sie mich hörte. Und dann verschluckte mich die Dunkelheit. SPÄTER Als ich wieder zu mir kam, war es der kühle Druck eines Tuchs auf meiner Stirn. Claras Hände waren ruhig, ihre Stimme leise, summte ein altes Wiegenlied aus unserer Kindheit. Mein ganzer Körper brannte und fror zugleich, geschüttelt von Krämpfen. Die Wolfs-Krankheit hatte mich fest im Griff. Jeder Atemzug war schwer, mein Herzschlag langsam und müde. Manchmal wimmerte ich Marcels Namen—trotz allem. Manchmal verfluchte ich ihn mit zusammengebissenen Zähnen, zitterte voller Wut sogar im Fieber. Ich hatte keine Kontrolle mehr über meine Zunge; das Zerreißen der Bindung hatte mich aufgeschlitzt, Körper und Seele. Clara wich nicht von meiner Seite. Sie drückte mir Wasser an die Lippen, wischte den Schweiß fort, murmelte zu mir, als könnte allein ihre Stimme mich ins Leben zurückziehen. „Halte durch,“ flüsterte sie. „Lass das nicht dein Ende sein. Du bist stärker als er, Melissa. Stärker als sie alle.“ Ich wollte antworten. Ihr sagen, dass ich es versuchte. Doch das Fieber zog mich immer wieder unter—Wellen der Übelkeit, die mich kraftlos in ihren Armen zurückließen. Im Morgengrauen, als das erste Licht durch die Vorhänge sickerte, wurde mein Atem ruhiger; noch flach, aber regelmäßiger. Clara sackte erschöpft zusammen, lehnte ihre Stirn an meine Hand. Ihre Tränen tropften auf meine Haut—warm, echt. „Du wirst das überleben,“ sagte sie heftig, als würde sie es erzwingen. „Du wirst leben. Und eines Tages wird er sehen, was er verloren hat.“ Ich konnte meine Augen noch nicht öffnen, doch tief in mir regte sich etwas—ein schwaches, müdes Knurren meiner Wölfin, ein Zeichen, dass sie noch da war.
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