Der Morgengrauen der Omegas

1242 Worte
Die Kälte weckte mich, bevor es die Sonne tat. Ich lag auf meiner Matte (sie ein Bett zu nennen wäre großzügig) und starrte an die Decke. Risse zogen sich wie Spinnweben über den Beton, als hätte die Mondgöttin selbst versucht, hindurchzubrechen und es auf halbem Weg aufgegeben. Es war bereits (5 Uhr morgens). Ich brauchte keine Uhr, um es zu wissen, denn mein Körper wusste es bereits. Er hatte diesen exakten Moment über tausend identische Morgen hinweg auswendig gelernt – den Moment vor der Pflicht, vor der Demütigung und bevor das Rudel sich daran erinnerte, dass ich existierte. Ich schloss die Augen und zählte langsam meine Herzschläge. Eins, zwei, drei. Irgendwo oben im Hauptrudelhaus schliefen Wölfe in warmen Betten. Alphas und Betas und Krieger, die sich nie fragten, ob sie etwas zu essen bekommen würden und nie zusammenzuckten, wenn sich Schritte näherten. Sie berechneten nie den genauen Winkel, in dem sie ihre Augen senken mussten, um eine Tracht Prügel zu vermeiden. Vier, fünf, sechs. Mein Wolf regte sich kaum – ein schwaches, erbärmliches Flattern in meiner Brust, wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln, der sich daran zu erinnern versucht, wie Fliegen funktioniert. „Erbärmlich“, dachte ich, und mein Wolf widersprach nicht. (Er tat es nie.) Ich setzte mich langsam auf, während mein Körper auf diese entfernte Hintergrundweise schmerzte, die mich inzwischen nie ganz verließ. Ich war siebzehn Jahre alt (17), aber ich bewegte mich wie siebzig. Werwolfheilung sollte eigentlich wundersam sein – gebrochene Knochen sollten in Tagen heilen und Schnitte sich in Stunden schließen. Doch wenn man ein Omega war, heilte dein Körper gerade langsam genug, um sich an jede Verletzung zu erinnern, und gerade schnell genug, dass die Leute erwarteten, dich sofort wieder bei der Arbeit zu sehen. Ich war einfach schwach genug, dass es nie aufhörte zu schmerzen. Also fuhr ich mit meiner Hand über meine linke Schulter und über die Narbe. Selbst durch mein Hemd konnte ich das erhabene Gewebe fühlen, d**k und seilartig. (Silberverbrennungen heilten nicht sauber.) Aber sie blieben, damit ich mich erinnerte. Meine Finger zeichneten das Muster nach – drei parallele Linien wie Krallenabdrücke, die sich von meinem Schulterblatt bis zu meinem Schlüsselbein zogen. Fünf Jahre alt und immer noch empfindlich. „Es war es wert“, sagte ich mir. (Ich sagte mir das immer.) Und ich war mir nicht mehr sicher, ob ich es noch glaubte. Die anderen Omegas schliefen noch. Sechs von ihnen lagen im Raum verstreut wie weggeworfene Wäsche. Marcus schnarchte nahe der Tür, während zwei Zwillingsmädchen, deren Namen ich nie gelernt hatte, sich in der Ecke aneinander kuschelten, um warm zu bleiben. Ein älterer Mann namens Finn klammerte sich selbst im Schlaf an seine Rippen – ein Erbe von gestern’s „Trainingsunfall“. Hier bekamen wir keine Namen. Nicht wirklich. Wir waren „Omega Marcus“, „Omega Finn“ und „Omega Ash“. „Omega“ war unser Vorname und unsere Identität ein nachträglicher Gedanke. Ich stand vorsichtig auf und vermied dabei die knarrende Diele – die dritte von meiner Matte entfernt. Ich hatte ihre genaue Position vor zwei Jahren gelernt, nachdem Beta Greaves im Morgengrauen hereingestürmt war, so wütend, dass irgendein Omega ihn mit seinem Lärm geweckt hatte. Am Ende hatte er Marcus blutig geschlagen, weil Marcus nicht wach gewesen war, als er hereinstürmte. Jetzt kannte ich jedes Geräusch, das dieser Raum machen konnte. Jede Diele, die ächzte. Jedes Scharnier, das quietschte. Und jeden Schatten, der sich bewegte, wenn der Mond durch das einzige vergitterte Fenster fiel. Ich nahm meine Arbeitskleidung vom Boden – dieselbe wie gestern, dieselbe wie morgen. Graue Hemden und graue Hosen, beide mit Flecken, die ich längst aufgehört hatte zu identifizieren. Das Rudel verschwendete kein Geld für Omega-Garderoben. „Trag es, bis es verrottet – und dann trag es noch weiter.“ Das hatte Beta Greaves einmal gesagt. Ich zog mich im Dunkeln an und ließ meine Hände von der Erinnerung führen. Dann kniete ich neben meiner Matte nieder und griff darunter. Meine Finger fanden den losen Stein, den ich vor sechs Monaten herausgehebelt hatte. (Es war mein Versteck.) Ich zog den Stein heraus und holte die einzigen Dinge hervor, die ich besaß. Ein kleines Tagebuch, dessen Seiten vom wiederholten Lesen weich geworden waren. Es war gefüllt mit meinen Gedanken, Plänen, Beobachtungen und Dingen, die ich nicht laut sagen konnte. Und zweitens: getrocknete Wildblumen, zwischen Wachspapier gepresst. Blaue Blütenblätter und zarte Stängel. Die erste, die ich jemals für sie gepflückt hatte. Ich starrte länger auf die Blume, als ich sollte. „Es sind schon 287 Morgen“, flüsterte mein Verstand. „Du hast das 287 Mal getan.“ Mein Wolf regte sich wieder, diesmal beharrlicher. Nicht glücklich, nicht aufgeregt – nur wach. Ich steckte das Tagebuch und die Blume wieder zurück und setzte den Stein an seinen Platz. Dann stand ich auf. Das Rudelhaus war still, als ich hinaus schlich. Der Morgen war noch nicht angebrochen, doch die Welt befand sich in diesem seltsamen Moment, in dem die Nacht noch nicht ganz aufgegeben hatte, aber der Morgen bereits seine Krallen schärfte. Der Himmel war tief violett, mit Sternen, die wie sterbende Glut verblassten. Und bei der Mondgöttin – ich liebte diese Zeit. Bevor das Rudel erwachte. Bevor das Schreien, die Befehle und die beiläufige Grausamkeit mit dem Sonnenlicht kamen. Mein Atem bildete Nebel in der kalten Luft, als ich den Hof überquerte. Das Hauptrudelhaus ragte zu meiner Linken auf – drei Stockwerke hoch, mit warmem Licht in einigen Fenstern und Rauch, der aus den Schornsteinen aufstieg. Die Kriegerbaracken lagen zu meiner Rechten, dunkel und still. Vor mir erstreckten sich die Trainingsplätze – leer, bis auf die Dummys und die Geister der Gewalt von gestern. Ich ging an all dem vorbei. In Richtung Wald. In Richtung der Wiese. In Richtung ihr. Der Wald war im fast-Morgen anders. Geräusche trugen sich anders. Jeder gebrochene Zweig, jedes raschelnde Blatt schien verstärkt. Meine Schritte waren trotz meiner Größe lautlos. Schließlich lernten Omegas früh, sich zu schleichen. „Wenn sie dich nicht hören können, können sie dich nicht schlagen.“ Daran erinnerte ich mich. Ich kannte diesen Weg auswendig. Jede Wurzel. Jeden Stein. Jeden niedrigen Ast. Ich könnte ihn sogar blind gehen, ohne zu stolpern. Denn ich war ihn 287 Mal gegangen. Die Wiese erschien allmählich. Die Bäume lichteten sich. Das Unterholz wurde weicher. Und plötzlich öffnete sich der Raum. Wildblumen wuchsen hier in trotziger Fülle und gediehen irgendwie in Erde, die das Rudel als „für Landwirtschaft nutzlos“ bezeichnet hatte. Ich hatte diesen Ort vor drei Jahren zufällig entdeckt, während ich vor einer Tracht Prügel davonlief, die mir zwei gebrochene Rippen und einen zerstörten Stolz eingebracht hatte. Ich war hier zusammengebrochen – blutend, weinend und mich selbst für beides hassend. Die Blumen hatten mich nicht verurteilt. Sie hatten einfach existiert. Schön. Gleichgültig. Frei. Ich war am nächsten Tag zurückgekommen. Und am nächsten. Und dann hatte ich gelernt, dass sie Wildblumen liebte. Und plötzlich wurde diese Wiese der wichtigste Ort meiner Welt. Ich kniete mich in das vom Tau feuchte Gras und ignorierte die Kälte, die durch meine Hose sickerte. „Blau“, entschied ich. „Gestern trug sie Blau, also heute Blau.“ Ich suchte sorgfältig nach dem perfekten Exemplar. Es dauerte sieben Minuten, bis ich es fand. Eine blaue Prunkwinde – ihre Blütenblätter entfalteten sich gerade erst. Ihre Farbe war tief wie die Dämmerung und der Stängel stark, ohne Makel auf den Blättern. „Perfekt“, sagte ich.
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