Ash

1307 Worte
Ich pflückte sie vorsichtig und flüsterte der Pflanze eine Entschuldigung zu, so wie meine Großmutter es mich gelehrt hatte, bevor sie starb. „Danke für deine Schönheit. Ich werde dein Opfer ehren.“ Mein Wolf schnurrte, kaum hörbar, aber immer noch da – und das war die einzige Zeit, in der er es überhaupt noch tat. „Für sie und nur für sie.“ Ich stand auf, hielt die Blume, als wäre sie aus Glas, und begann dann den Rückweg. Der Himmel war jetzt heller, Violett ging in Rosa über, und ich hatte etwa zwanzig Minuten, bevor das Rudel erwachte, bevor die Krieger mit ihren Läufen begannen und bevor sie ihre Tür öffnete. Das Haus des Betas stand getrennt vom Hauptrudelhaus. Es war kleiner, aber unendlich viel schöner. Es war zweistöckig und weiß gestrichen, mit Blumenkästen unter den Fenstern – obwohl diese Blumen (gekauft) waren und nie wild. Ihr Fenster war im zweiten Stock, das dritte von links. Ich wusste es, weil ich gezählt hatte. Ich näherte mich vom Seitengarten aus, meine Schritte lautlos, mein Herz hämmernd. Das war der gefährlichste Teil, denn wenn mich hier jemand in der Nähe des Hauses des Betas sah, konnte allein der Verdacht mir eine Tracht Prügel einbringen. „Warum ist ein Omega in der Nähe von Beta Thorns Haus? Was plant er?“ „Nichts. Ich habe nichts geplant, außer Blumen zu hinterlassen.“ Aber Absicht spielte keine Rolle, wenn man ein Omega war. Ich erreichte den Seiteneingang ihrer Tür, den sie für ihre Morgenläufe benutzte, kniete mich hin und legte die Blume auf die Fußmatte, den Stängel so ausgerichtet, dass sie nicht wegwehen konnte. Notizen konnten zurückverfolgt werden, also hinterließ ich nie eine. Ich stand einfach nur da, warf einen letzten Blick auf die blauen Blütenblätter und— knarr Die Tür öffnete sich. Ich rannte nicht, denn Rennen bedeutete Schuld. Also drehte ich mich langsam um. Und da war sie. Es war Elara Thorn, die Tochter des Betas. Ihr Haar war wie Herbstblätter, ihre Augen wie warmer Honig und ihr Lächeln konnte dich vergessen lassen, dass der Winter überhaupt existierte. Sie stand in der Tür, trug Trainingskleidung, das Haar locker über ihre Schultern fallend, und in ihrer Hand hielt sie die Blume von gestern. Die gelbe, die ich dagelassen hatte. Sie steckte hinter ihrem Ohr. „Du bist es“, sagte sie. Nicht wütend. Nicht verwirrt. Sondern erfreut. Mein Herz blieb einfach stehen. Ich konnte nicht sprechen, weil meine Kehle vergessen hatte, wie das ging. „Ich versuche seit Wochen, dich zu erwischen“, fuhr sie fort und trat auf die Veranda. „Du bist schnell und heimlich.“ Sie grinste. „Sehr omega-mäßig von dir.“ Der Begriff, der sich sonst wie eine Beleidigung anfühlte, klang in ihrer Stimme fast liebevoll. Endlich fand ich Worte. „Ich wollte dich nicht stören.“ „Stören?“ Sie lachte, warm und aufrichtig. „Du machst meine Morgen seit Monaten besser. Ich wollte einfach nur Danke sagen.“ Sie wollte mir, einem Omega, für Blumen danken? Mein Wolf regte sich – vorsichtig, aber neugierig. „Du musst das nicht weiter tun“, sagte sie. Mein Herz sank. „Aber ich hoffe, du tust es trotzdem, denn sie sind wunderschön und es ist süß von dir, daran zu denken.“ Süß. Da war es. Das Wort, das uns definieren würde. Sie trat näher und ich zwang mich, nicht zurückzuweichen. Sie roch nach Morgentau und Kiefernholz und etwas Einzigartigem. Ein Duft, in dem mein Wolf ertrinken wollte. „Wie heißt du?“ fragte sie. „Dein richtiger Name. Nicht dieses Omega-Ding.“ „Ash“, brachte ich hervor. „Ash Veylen.“ „Ash.“ Sie probierte den Namen aus und lächelte. „Ich bin Elara. Aber ich schätze, das wusstest du schon.“ Ich nickte. Sie streckte langsam die Hand aus, als würde sie sich einem wilden Tier nähern, und steckte die blaue Blume von heute hinter mein Ohr. Ihre Finger streiften meine Wange und ich vergaß, wie man atmet. „So“, sagte sie. „Jetzt passen wir zusammen.“ Dann zwinkerte sie, trat wieder hinein und schloss die Tür. Ich stand dort volle fünf Minuten lang. Mit einer Blume hinter meinem Ohr, einem hämmernden Herzen, einem schnurrenden Wolf und einem Gehirn, das komplett abgeschaltet hatte. Und zum ersten Mal in meinem Leben verstand ich, warum die Leute sagten, dass Liebe gefährlich ist. „Denn wenn dieses Gefühl jemals verschwindet“, dachte ich, „wird mich seine Abwesenheit töten.“ Ich ging benommen zurück zu den Omega-Quartieren. Die Sonne ging auf, aber ich spürte die Kälte nicht. Ich schaffte es mit drei Minuten Vorsprung zurück. Die Sonne war jetzt vollständig aufgegangen und tauchte den Hof in Gold- und Bernsteintöne, die alles weicher aussehen ließen, als es wirklich war. Die Illusion hielt nie lange. Schönheit hatte die Angewohnheit zu verblassen, sobald das Rudel erwachte. Ich schlüpfte durch die Tür – vorsichtig, leise, erstarrt. Aber Marcus war bereits wach. Er saß auf seiner Matte und beobachtete mich mit diesen scharfen grauen Augen, denen nichts entging. Mit dreiundvierzig war er das älteste Omega im Silverclaw-Rudel. Die meisten überlebten nicht einmal bis dreißig, weil die Arbeit dich zerbrach und das Rudel keine Ressourcen für Wölfe verschwendete, die nicht mehr arbeiten konnten. Aber Marcus hatte überlebt – durch etwas, das ich noch lernte. Die Kunst, nützlich genug zu sein, um behalten zu werden, und unsichtbar genug, um vergessen zu werden. „Eines Tages wirst du erwischt“, sagte er leise. Seine Stimme war rau und aufgerissen von Jahren, in denen er Schreie hinuntergeschluckt hatte. Ich sagte nichts. Ich ging zu meiner Matte und begann, mich auf den Tag vorzubereiten. „Ich meine es ernst, Ash.“ Er stand auf, seine Gelenke knackten. „Was auch immer du da draußen vor der Morgendämmerung treibst—“ „Ich mache nichts“, log ich. „—es wird dich umbringen“, beendete er. Ich drehte mich zu ihm um. „Alles bringt uns irgendwann um. So kann ich wenigstens entscheiden, wie.“ Sein Ausdruck wurde weicher. Nur ein wenig. Etwas wie Verständnis. Oder vielleicht Mitleid. Ich war mir nicht sicher, was schlimmer war. „Sie ist die Tochter des Betas“, sagte er. Mein Blut wurde eiskalt. „Ich weiß nicht, wovon du—“ „Die Blume hinter deinem Ohr, Junge. Du hast vergessen, sie abzunehmen.“ Er kicherte. Meine Hand flog zu meinem Kopf. Und tatsächlich – die blaue Prunkwinde war noch da, perfekt dort, wo Elara sie platziert hatte. „Idiot. Idiot, Idiot.“ Ich riss sie zu grob heraus. Die Blütenblätter rissen. Marcus überquerte den Raum, nahm die beschädigte Blume aus meinen Händen und betrachtete sie mit überraschender Sanftheit. „Sie ist die Tochter des Betas“, wiederholte er. Diesmal leiser. „Und du bist ein Omega. Das ist keine Liebesgeschichte, Ash. Das ist eine Tragödie mit einem vorherbestimmten Ende.“ „Ich bin nicht in sie verliebt“, log ich. Und die Lüge schmeckte wie Asche in meinem Mund. Marcus gab mir die Blume zurück. „Dann hör auf, die zerbrochenen Blüten anzustarren, als hätte gerade jemand deine Zukunft getötet.“ Und damit ging er weg, bevor ich antworten konnte. Die Morgen­glocke läutete um sechs Uhr (6:00 Uhr). Es war keine echte Glocke – nur Beta Greaves, der mit einem Metallrohr gegen die Außenwand der Omega-Quartiere schlug. Das Geräusch bohrte sich wie ein silberner Dorn durch meinen Schädel. „AUF! JETZT! ARBEIT WARTET NICHT AUF FAULE WÖLFE!“ Wir waren bereits wach. Wir waren immer schon wach. Aber wir beeilten uns trotzdem. Denn Zögern brachte Strafe. Die Zwillinge – die ich später als Lena und Lila kennenlernte – bewegten sich in perfekter Synchronisation. Sie waren bereits angezogen und gingen zur Tür. Finn hinkte hinter ihnen her, immer noch seine Rippen umklammernd.
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