Das ist, was ich bin.
Aus der Sicht der dritten Person
Der Regen prasselte unaufhörlich auf die Erde nieder. Die Luft war so eisig wie stechendes Eis. Es war spät in der Nacht. Die Dunkelheit hatte alles in der Umgebung verschlungen.
Ein Mädchen in einem Brautkleid saß am Straßenrand unter einem Baum und umklammerte die Knie.
Sie zitterte am ganzen Leib.
Ihr Körper war vor lauter Kälte taub geworden.
Ihre Augen waren noch immer ausdruckslos. In diesem Moment wirkte sie zerbrechlich und schutzlos.
Tränen liefen ihr unaufhörlich über das Gesicht, wurden jedoch vom Regenwasser fortgespült. Sie verspürte keinerlei Verlangen, sich vor diesem eisigen Regen und der Kälte in Sicherheit zu bringen.
Ihr Herz war vollkommen gebrochen. Sie hatte jede Hoffnung verloren und wollte nicht mehr weiterleben. Plötzlich hielt ein Auto ein Stück entfernt von ihr an; ein Mann in den Fünfzigern und eine Frau Ende vierzig stiegen aus. Sie rannten auf das Mädchen zu und ließen sich vor ihr auf die Knie fallen.
„Oh mein Gott, Maggi … Du hast uns zu Tode erschreckt!“ Der Mann schloss sie rasch in seine Arme und legte sein Kinn auf ihren Scheitel. Die Frau wickelte Maggi sogleich in eine Decke, die sie mitgebracht hatte.
„Maggi … Liebling … Komm mit uns … wir müssen jetzt los“, flehte die Frau sie an, und gemeinsam halfen der Mann und die Frau ihr auf die Beine. Ihr Körper war kalt und taub. Sie stand auf, brach jedoch sofort wieder zusammen, da ihre Beine sie in diesem Moment nicht tragen wollten.
„Vorsicht, Liebling. Wir haben dich“, sagte der Mann zu ihr, während er sie behutsam auf den Arm nahm – wie eine Braut. Sie lehnte ihren Kopf an seine Brust und klammerte sich an sein Hemd, als hinge ihr Leben davon ab.
Die Frau rannte voraus und öffnete die hintere Wagentür. Er legte sie behutsam hinein und deckte sie erneut mit einer anderen, trockenen Decke zu.
„Schlaf jetzt, meine Liebe. Du brauchst dringend Ruhe.“ Er streichelte ihr sanft über den Rücken und schloss dann die Tür.
Die Frau blickte ihn an, und in ihren Augen spiegelte sich tiefer Schmerz wider. Er seufzte und zog sie in seine Arme. „Was haben wir nur getan, Rey?“, sagte sie schluchzend. „Ich weiß, Liebling. Ich weiß. Wir müssen damit fertigwerden.“ „Wir werden bald einen Weg finden“, tröstete er sie und blickte dabei ins Leere vor sich. Sein Blick war ausdruckslos. Er wusste nicht, was er nun tun sollte.
Sie saßen wieder im Auto und blickten zurück. Maggi schlief inzwischen. Ihr Gesicht war von Schmerz gezeichnet. Sie sahen einander an und seufzten. Er fuhr mit dem Wagen von jenem Ort davon.
7 Jahre später:
Er betrachtete das Titelblatt des neuesten Wirtschaftsmagazins. Sein eigenes Foto zierte das Cover.
„Der begehrteste und attraktivste Milliardär des Jahres“ – er schmunzelte über diesen Kommentar. Er zählte zu den fünf erfolgreichsten Geschäftsleuten des Landes. Ein Jahr zuvor, nach Abschluss seines Masterstudiums in Betriebswirtschaftslehre, hatte er das Unternehmen seines Vaters übernommen und war damit an die Spitze aufgestiegen.
Er war scharfsinnig, intelligent und weitsichtig; er ging bis ans Äußerste, um Erfolg zu erlangen. Er war Theo Turner. Er war der CEO von „Rey & Chris Enterprises“ – benannt nach seinen Eltern. Er war 27 Jahre alt und noch immer Junggeselle. Er legte das Magazin auf dem Tisch ab und erhob sich von seinem Platz.
Er verließ sein Herrenhaus. Er wohnte noch immer bei seinen Eltern. Das Verhältnis zu ihnen war jedoch angespannt – aufgrund eines vergangenen Ereignisses, das ihre Beziehung für immer verändert hatte.
Sie sprachen nur selten mit ihm, obwohl er ihr einziger Sohn war. Er nahm auf dem Fahrersitz seines neuesten Modells der BMW 8er-Reihe Platz. Er liebte sein Auto. Autos waren seine große Leidenschaft.
Er betrat sein Büro. Die Empfangsdame erhob sich von ihrem Platz und begrüßte ihn: „Guten Morgen, Mr. Turner.“ Er nickte, erwiderte jedoch nichts.
Er steuerte direkt auf den privaten Aufzug zu, der ihn in sein Stockwerk führte.
Sein persönlicher Assistent begrüßte ihn, als er sein Stockwerk erreichte. „Guten Morgen, Sir“, sagte sein Assistent Aiden und reichte ihm dabei das Tablet mit seinem heutigen Terminplan.
„Guten Morgen, Aiden. Hast du alles für das heutige interne Meeting vorbereitet?“, fragte er ihn, während er auf sein Büro zuging.
„Ja, Sir. Ich habe bereits gestern, bevor ich das Büro verlassen habe, eine Erinnerung an alle Abteilungen verschickt. Ich habe sie über die Inhalte des heutigen Meetings informiert“, teilte er ihm mit. Theo nickte und betrat sein Büro, dicht gefolgt von Aiden.
„Das ist gut. Stell sicher, dass die Abteilungsleiter an diesem Meeting teilnehmen.
Im Anschluss daran organisierst du bitte ein separates Meeting mit unserer PR- und Strategieabteilung – und danach eines mit der Finanzabteilung. Ich muss etwas mit ihnen besprechen“, wies Theo Aiden an, und dieser notierte sich die Anweisungen rasch.
Nachdem er die Anweisungen erhalten hatte, verließ Aiden das Büro, um die Vorbereitungen zu überprüfen.
Theos Sicht der Dinge
Ich zog mein Sakko aus und hängte es über meinen Stuhl. Ich trug nicht gerne ständig Anzüge. Sie schränken die Bewegungsfreiheit ein, und ich arbeite am liebsten als Freigeist.
Ich klappte meinen Laptop auf und ging meine E-Mails durch. Ich rief nach Aiden und bat ihn, mir meinen Kaffee zu bringen.
Alle fragten mich immer, warum ich einen männlichen persönlichen Assistenten habe, wo ich mir doch auch eine Assistentin einstellen könnte. Die Antwort lautet: Ich habe keine Lust auf diese Schlampen in meiner Umgebung.
Als ich anfing zu arbeiten, hatte ich durchaus einige Assistentinnen – doch sie waren allesamt Schlampen. Sie warfen sich mir förmlich an den Hals, und das verabscheue ich aus tiefster Seele.
Also beschloss ich, einen männlichen Assistenten einzustellen – nachdem ich innerhalb eines einzigen Monats fast zehn Frauen gefeuert hatte.
Ich hörte ein Klopfen an der Tür und bat die Person herein. Ein Mitarbeiter aus der Büroküche trat mit meinem Kaffee ein, grüßte mich und reichte mir das Tablett. Ich grüßte lächelnd zurück, woraufhin er den Raum wieder verließ.
Ihr fragt euch sicher, warum ich den Empfang nicht gegrüßt habe, diesen jungen Mann aber schon. Die Antwort ist simpel: Auch sie ist so eine Schlampe, die sich für Macht und Geld an jeden heranwerfen würde.
Das Einzige, was bisher für sie spricht, ist die Tatsache, dass sie sich – zumindest hier im Büro – noch nie wie eine Schlampe aufgeführt hat.
Ich nahm das Tablet mit meinem Terminplan zur Hand und las ihn noch einmal durch. Ich hatte fünf Besprechungen hintereinander, die bis 16 Uhr dauerten. Es würde ein arbeitsreicher Tag für mich werden.
Ich hörte erneut das Klopfen und gab die Erlaubnis zum Eintreten. Es war Aiden. „Sir, alle haben sich im Besprechungsraum versammelt. Es ist so weit“, informierte er mich, und ich nickte.
Ich erhob mich von meinem Stuhl, nahm jedoch nicht mein Sakko von der Stuhllehne. Jeder wusste, dass ich im Büro keinen Anzug trug.
Wir schritten beide zügig auf den Besprechungsraum zu. Als ich den Raum betrat, erhoben sich alle von ihren Plätzen und begrüßten mich.
Mein Blick fiel sofort auf die Person, die ich so verzweifelt sehen wollte. Sie stand ein Stück von mir entfernt und blickte zu Boden. Sie sah mich kein einziges Mal an. Ich wünschte mir so sehr, sie würde mich wenigstens ein einziges Mal ansehen.
Sie war stellvertretende Leiterin in der Finanzabteilung. Es war Maggi Collins.