Kapitel Eins: Das Gewicht des Goldes.
Die Seide brachte ihn fast um.
Es war ein schweres, erstickendes Gewebe aus Sonnensträngen, durchwirkt mit mikroskopisch kleinen Glassplittern, die das Licht der Oberlichtfenster der Hohen Kathedrale einfingen. Jedes Mal, wenn Elian atmete, scheuerte der Kragen an seinem Hals – eine ständige, schmerzhafte Erinnerung daran, dass sein Körper nicht ihm gehörte. Er gehörte der Liturgie. Er gehörte dem Volk von Aethelgard.
Er stand auf dem Altar der Morgenröte, die Arme weit ausgebreitet in einer gespielten Kreuzigung der Anmut. Unter ihm verschwammen Tausende von Gesichtern zu einem Meer aus Grau und Braun – die Pilger aus dem Silt-Viertel, die zehntausend Stufen erklommen hatten, nur um einen Blick auf den „Sonnengezeichneten Jungen“ zu erhaschen.
„Seht“, dröhnte die Stimme des Hohen Prälaten Valerius, verstärkt durch die silberne Akustik der Kuppel. „Das Gefäß eurer Erlösung. Derjenige, der das Licht trägt, damit ihr nicht in der Dunkelheit zugrunde geht.“
Elians rechte Handfläche begann zu jucken. Es war ein tiefes, bis in die Knochen gehendes Pochen, das immer dann einsetzte, wenn Valerius log. Das Mal – eine wirbelnde, goldene Narbe, die seit seiner Geburt in seine Haut eingraviert war – begann, mit einem schwachen, rhythmischen bernsteinfarbenen Licht zu pulsieren. Für die Menge war es ein Wunder. Für Elian fühlte es sich wie Fieber an.
Schau nicht den Prälaten an, sagte sich Elian. Schau sie an.
Er senkte den Blick auf die erste Reihe. Eine Frau hielt ein Kind im Arm, dessen Haut sich in das aschblaue der Schattenkrankheit verwandelt hatte. Die Frau betete nicht zu einem Gott; sie starrte Elian mit einem erschreckenden, verzweifelten Hunger an. Sie glaubte, dass die Dunkelheit zurückweichen würde, wenn er nur herabsteigen und ihren Sohn berühren würde.
Elians Finger zuckten. Er wollte sich bewegen. Er wollte von dem Marmorpodest springen, die mit 20.000 Goldfäden bestickte Robe zerreißen und seine Hand auf die Stirn des Kindes pressen.
„Bleib ruhig, Kleine Sonne“, flüsterte Valerius und beugte sich unter dem Vorwand eines Segens nah zu ihm hin. Der alte Mann roch nach Weihrauch und Verwesung. „Das Ritual erfordert Stille. Zerstöre nicht die Illusion der Göttlichkeit um eines sterbenden Balgs willen.“
Der emotionale Konflikt loderte in Elians Brust wie eine Flamme. Illusion. Das Wort schmeckte nach Kupfer. Neunzehn Jahre lang hatte man ihm gesagt, er sei der Schild der Stadt, doch nie hatte man ihm erlaubt, auch nur eine einzige Seele zu beschützen.
Während der Weihrauch in dichten, erstickenden Wolken aufstieg, tat Elian etwas Verbotenes. Er schloss seine Hand. Er ballte sie zur Faust und verbarg das leuchtende Mal.
Die Menge schnappte nach Luft. Der Rhythmus des Gebets stockte. Die Handfläche eines Propheten sollte immer offen sein, eine Einladung an das Licht. Indem er sie schloss, hatte er ein Ende signalisiert.
Die Zeremonie endete in einem Wirrwarr aus gezwungenem Lächeln und panischen Akolythen. Augenblicke später wurde Elian in sein „Sanctum“ gestoßen – einen Raum aus weißer Seide und Blattgold, der sich eher wie eine gepolsterte Zelle anfühlte.
„Du hast den Orden heute blamiert“, sagte Valerius, der an der Tür stand. Er sah jetzt nicht mehr wie ein heiliger Mann aus; er sah aus wie ein Vermieter, dessen bester Mieter gerade ein Fenster zerbrochen hatte.
„Das Kind in der ersten Reihe ist inzwischen tot, nicht wahr?“, fragte Elian mit brüchiger Stimme. Er kämpfte mit den schweren silbernen Verschlüssen seiner Robe, seine Finger zitterten. „Die Aegis … du sagst, sie braucht Zeit zum Aufladen. Aber die Stadt verrottet gerade. Warum warten wir?“
Valerius trat in den Raum, sein Blick wurde kalt. „Wir warten auf die Göttliche Stunde, Elian. Du bist eine Batterie, kein Mensch. Denk daran, und vielleicht wird deine nächste ‚Heiligung‘ weniger … schmerzhaft sein.“
Die schwere Eichentür schlug zu. Der Riegel glitt in seine Verriegelung.
Elian entkleidete sich. Er zerriss die Seide, bis sie in Fetzen lag, und trat den mit Goldfäden durchzogenen Haufen in die Ecke. Er stand nackt in der Mitte des Raumes und zitterte trotz der Wärme der Kathedrale. Er blickte auf seine Handfläche. Das Mal leuchtete heller, als er es je gesehen hatte – nicht mit einem sanften, heiligen Licht, sondern mit einem zerklüfteten, wütenden violetten Schimmer.
Er ging zu dem bodentiefen Spiegel. Er sah keinen Retter. Er sah einen jungen Mann mit hohlen Augen und einem Körper, der durch Verwöhnung zur Schwäche verkommen war.
Dann hörte er es. Ein Geräusch, das im Hohen Heiligtum nicht existieren sollte.
Kratz. Kratz. Knack.
Eine Diele unter seinem Bett verschob sich. Elian erstarrte und griff nach einem schweren silbernen Kerzenhalter. Eine kleine, rußverschmierte Hand tauchte aus der Dunkelheit unter dem Bettrahmen auf, gefolgt von einem Gesicht, das aussah, als wäre es aus den Schatten der Stadt geschnitzt worden.
Es war ein Mädchen, nicht älter als sechzehn, mit Augen, die sich wie die eines Vogels bewegten. Sie sah Elian nicht mit Ehrfurcht an. Sie sah ihn mit Mitleid an.
„Der Prophet ist nackt“, flüsterte sie mit rauer Stimme, die den Akzent des Silt-Distrikts trug. „Und ich dachte, du würdest auch goldene Unterwäsche tragen.“
„Wer bist du?“, zischte Elian und richtete den Kerzenhalter auf sie. „Wie bist du an den Wächtern vorbeigekommen?“
„Die Wächter bewachen die Türen, Shiny. Sie bewachen nicht die Lüftungsschächte, in denen die Ratten leben“, sagte sie und kroch unter dem Bett hervor. Sie warf ein schweres, blutbeflecktes Lederbuch auf seine Seidenlaken. „Ich habe das im Aktenvernichter des Prälaten gefunden. Ich habe eine Woche gebraucht, um die Seiten wieder zusammenzukleben. Du bist der ‚Auserwählte‘, richtig? Du solltest wahrscheinlich wissen, wofür sie dich auserwählt haben.“
Elian ließ den Kerzenhalter fallen. Er erkannte das Siegel des Prälaten auf dem Einband. Er schlug das Buch in der Mitte auf, und ihm stockte der Atem.
Es war kein Gebetbuch. Es war eine Skizze.
Sie zeigte die Solare Ägide – den legendären Schild. Aber das Diagramm zeigte nicht den Schild, der Aethelgard beschützte. Es zeigte Energielinien, die aus den Wohnvierteln der Stadt gezogen, durch die Kathedrale geleitet wurden und in einer Reihe von Glasfläschchen mit der Aufschrift „Anima Harvest“ endeten. Darunter standen in Valerius’ scharfer, arroganter Handschrift die Worte: Letzte Ernte geplant für die Mondfinsternis. Die Lebenskraft des Propheten wird als letztes Siegel dienen. Das Gefäß danach entsorgen.
Elian sah das Mädchen an. „Sie retten die Stadt nicht.“
„Sie verschlingen sie“, sagte sie. „Und du bist der Löffel.“
Ein plötzlicher, heftiger Knall erschütterte die Kathedrale. Die Glocken begannen zu läuten – nicht der rhythmische Ruf zum Gebet, sondern der hektische, klirrende Alarm eines Einbruchs.
„Sie haben mich gefunden“, sagte das Mädchen und riss die Augen auf. „Hör mir zu, Shiny. Wenn du hier bleibst, stirbst du in drei Tagen. Wenn du mit mir kommst, bist du ein Dieb, ein Verräter und ein wandelnder Toter. Aber zumindest wirst du noch laufen können.“
Die Tür zum Heiligtum ächzte, als eine schwere Axt sich durch das Holz fraß. Die Wächter kamen, um ihre Investition zu „beschützen“.
Elian blickte auf die zerfetzte Seide in der Ecke, dann auf das dunkle, schmale Loch unter seinem Bett. Er streckte seine gezeichnete Hand aus – die Hand, die die Welt retten sollte – und ergriff die schmutzigen, schwieligen Finger des Mädchens.
„Ich bin kein Prophet“, sagte Elian, und seine Stimme wurde hart wie Eisen. „Sag mir, wie wir fliehen können.“
Die Tür sprang auf. Der Raum wurde von Licht und Stahl überflutet.
Elian tauchte in die Dunkelheit.