ALISAS SICHT
Der nächste Morgen fühlte sich an wie eine Kriegszone, eingehüllt in Seidenlaken.
Ich wachte auf vom leisen Summen von Stimmen vor der Schlafzimmertür – Blackwoods knappe Befehle, Kaels ruhige Antworten und das scharfe, ungewohnte Knistern von Notfall-Medizin-Scannern, die den Flur entlanggeschoben wurden. Mein Arm pochte, wo die Krallen mich aufgerissen hatten, aber der wirkliche Schmerz saß tiefer: das Echo von Viktors Drohungen, die nackte Angst in den Augen meiner Mutter, als ich Kael über sie gewählt hatte, die Art, wie Jeff sich zu einem Ball zusammengekauert hatte wie ein geschlagener Hund.
Kaels Arm legte sich sofort fester um mich, sein Alpha-Duft flammte auf – Zeder und Sturmwind –, als er die Anspannung in meinem Körper durch die Bindung spürte. „Bleib hier“, murmelte er gegen mein Haar. „Ich kümmere mich darum.“
Aber ich blieb nicht. Nicht, als die Bindung mit einer neuen, wilden Dringlichkeit sang – *schützen, schützen, schützen*. Ich glitt aus dem Bett, ignorierte die frischen Verbände an meinem Arm, zog eines seiner Hemden über und schlich barfuß ins Wohnzimmer.
Blackwood stand am Marmor-Insel, Tablet in der Hand, während zwei von Kaels Betas die Umgebung sicherten. Meine Mutter saß am Rand der Sitzgruppe, Schultern zusammengesunken, Augen geschwollen vom Weinen. Viktor und die übrigen Alphas von gestern Nacht saßen in Handschellen daneben, Gesichter blau und trotzig. Jeff kauerte in der Ecke wie ein getretener Welpe, den Kopf in den Händen.
In dem Moment, als ich ins Licht trat, schoss der Kopf meiner Mutter hoch. „Alisa… du bist verletzt. Lass mich sehen.“
Ich ging durch den Raum und blieb knapp außer Reichweite stehen. „Mir geht’s gut. Du hast mich schon oft genug gesehen.“
Ihre Stimme brach. „Ich weiß, was ich getan habe. Ich habe den Stolz gewählt. Den Ruf des Packs. Ich habe sie über dich gestellt. Ich lag falsch. So falsch.“ Sie streckte die Hand nach mir aus. Diesmal trat ich nicht zurück. Ihre Finger strichen zitternd über meine Wange. „Ich habe versucht, dich zu reparieren. Ich habe versucht, dich glücklich zu machen. Ich wollte nie, dass so etwas passiert.“
Tränen brannten in meinen Augen. Die Bindung pulsierte mit einer seltsamen Mischung – meiner Wut auf sie, meiner Liebe zu der Frau, die sie einmal war, und dem erschreckenden Zug der Familie, die nie wirklich meine gewesen war. „Du hast mich nicht repariert. Du hast mich kaputtgemacht. Und ich gehe nicht zurück in dieses Leben. Nicht einmal für dich.“
Kael erschien wie ein Schatten an meiner Seite, eine Hand legte sich besitzergreifend auf meinen unteren Rücken. Seine Augen wanderten zwischen uns hin und her, schützend und wachsam. „Sie ist stark genug, für sich selbst zu stehen, Mrs. Moretti. Wenn Sie helfen wollen, helfen Sie ihr, *sich selbst* zu wählen.“
Meine Mutter sah ihn an – wirklich an – und etwas in ihrem Gesicht veränderte sich. Nicht Unterwerfung. Anerkennung. „Sie sind der, der sie gerettet hat. Der Mann, der ihr Krallen gegeben hat, während ich ihr Ketten umgelegt habe.“ Sie wandte sich wieder zu mir. „Ich kann die Jahre nicht rückgängig machen. Aber ich kann Verantwortung übernehmen. Die Geschäfte der Familie bröckeln. Ich… werde gegen Jeff aussagen. Gegen Viktor. Wenn du es erlaubst.“
Jeff stieß einen erstickten Laut aus. Ich sah ihn nicht an.
Ich musterte meine Mutter – verblasste Seidenbluse, zitternde Hände, Augen, die mich endlich als Person sahen und nicht als Schachfigur. Die Bindung gab mir die Antwort, bevor mein Verstand sie verarbeiten konnte. *Das ist keine Vergebung. Das ist eine Entscheidung.*
„Okay“, sagte ich leise. „Aber nicht für dich. Für mich. Ich will, dass die Welt erfährt, was passiert, wenn eine Omega endlich beschließt, dass sie mehr wert ist als ein Name. Und wenn du helfen willst, kannst du die Wahrheit vor der Kamera sagen. Keine Lügen. Kein Spin. Nur die Wahrheit.“
Sie nickte, die Kehle arbeitete. „Ich werde es tun. Alles, was du brauchst.“
Kaels Hand drückte meinen Rücken in stiller Zustimmung. Die Bindung sang vor stiller Freude – *meine Frau wird jeden Tag stärker*. Ich lehnte mich an ihn, ließ seinen Duft mich umhüllen wie den sichersten Käfig der Welt.
Blackwood räusperte sich. „Wir haben bereits Viktors volles Geständnis. Das alte Pack bricht auseinander. Die Hälfte des Rates wechselt die Seiten. Jeffs Familie hält gerade eine Notfallsitzung ab, um ihn zu enterben. Aber Viktor droht immer noch dem Restaurant. Hat gesagt, wenn wir die Schlüssel nicht rausrücken, brennt er es heute Nacht ab.“
Mein Magen zog sich zusammen. Das Restaurant – *mein* Restaurant – war zu einem Symbol geworden. Der Ort, an dem ich den ersten echten Geschmack von Freiheit gefunden hatte.
Kaels Augen blitzten bernsteinfarben auf. „Dann handeln wir schnell. Alisa, wir gehen zusammen rein. Du bleibst nicht zurück. Die Bindung sagt, dass du dort stärker bist.“
Ich nickte. „Zusammen.“
Die Fahrt zum Restaurant war still, nur das leise Pulsieren der Bindung zwischen uns. Kaels Hand lag die ganze Zeit auf meinem Oberschenkel, der Daumen strich am Rand des Verbands entlang, als würde er jeden Zentimeter dessen auswendig lernen, was er schützte. Als wir vorfuhren, waren die Eingangstüren bereits von Security flankiert – seinen Männern, Blackwoods und dreien meiner ehemaligen Mitarbeiter, die treu geblieben waren.
Drinnen roch die Luft nach den Gewürzen, die ich kreiert hatte, aber die Spannung knisterte wie statische Elektrizität. Meine Angestellten sahen auf – manche misstrauisch, manche stolz.
Ich trat vor. „Ich bin nicht hier, um irgendetwas zurückzunehmen. Ich bin hier, um es zu beanspruchen.“ Ich ging direkt zum großen Display, hob das Schild, das immer noch *Moretti* in eleganter Schrift trug, und warf es in den Müll. Das Glas zersplitterte. Jeder Kopf drehte sich um.
Kaels leises Lachen war pure Stolz.
Ich drehte mich zum Raum. „Das ist Alisa’s Table. Nicht Moretti. Nicht irgendjemandes. Meins. Gebaut von meinen Händen. Verteidigt von meiner Stärke. Und heute Abend um sieben öffnen wir unter meinem Namen – *Alisa’s*. Keine Ketten mehr.“
Ein Jubel erhob sich unter dem Personal. Eine meiner ehemaligen Sous-Chefs, Lena, wischte sich Tränen aus den Augen und nickte heftig. „Du bist jetzt unsere Omega. Die Starke. Wir stehen hinter dir.“
Die Bindung leuchtete so hell, dass ich sie in meiner Haut spürte.
Später, nachdem der Medienrummel sich gelegt hatte und meine Mutter ihre erste öffentliche Aussage aufgenommen hatte – Blick ruhig, Stimme klar –, fand ich Kael im Büro. Er lag in meinem neuen Schreibtischstuhl, die Füße auf dem Holz. Er sah aus wie der gnadenlose Alpha, der gerade sein Territorium zurückerobert hatte.
Ich kroch in seinen Schoß, ritt ihn und küsste ihn langsam und tief. Seine Hände glitten unter das Hemd, Handflächen heiß gegen meinen nackten Rücken. Die Bindung flammte heiß und bedürftig auf.
„Hab dich vermisst“, knurrte er gegen meine Lippen. „All das Blut und Drama, und ich will dich trotzdem mehr.“
Ich rieb mich an ihm, spürte, wie er unter mir hart wurde. „Dann nimm mich. Hier. Jetzt. Lass das ganze Restaurant hören, wie mein Mate sich um seine Frau kümmert.“
Er stand auf, mich noch immer um ihn geschlungen, und trug mich zum breiten Ledersofa, das wir uns als unseres genommen hatten. Kleidung fiel in einer Spur auf den Boden. Er legte mich hin, schob meine Schenkel auseinander und leckte einen langen, schmutzigen Streifen über meine Mitte. Ich schrie auf, die Finger in seinem Haar vergraben, und er verschlang mich, als würde er verhungern – saugte an meinem Kitzler, stieß zwei dicke Finger in mich, während seine Zunge unablässig kreiste.
Die Bindung explodierte. Ich kam hart, die Wände flatterten, stöhnte seinen Namen. Er richtete sich auf, Augen lodernd, und schob sich in einem tiefen Stoß in mich. Erst langsam – damit ich jeden Zentimeter spürte –, dann härter, tiefer, bis das Sofa knarrte und die Bindung so laut sang, dass ich sie in meinen Knochen fühlte.
Ich begegnete jedem Stoß, die Fersen in seinem Arsch vergraben, flüsterte: „Härter, Ehemann. Verknote mich. Beanspruche mich erneut.“
Er knurrte, die Fangzähne streiften meine Schulter – Warnung, kein Biss – und schnappte mit den Hüften schneller. Der Knoten schwoll an, schloss uns zusammen. Heiße Impulse fluteten mich, während er brüllte: „Mein. Meine Frau. Meine perfekte Mate.“
Wir blieben verknotet, zitternd, atmeten einander ein.
Später, als wir verschlungen und verbunden lagen, mein Kopf auf seiner Brust und seine Finger faule Kreise über den Verband an meinem Arm zogen, flüsterte er gegen mein Haar.
„Viktors Pack zerstreut sich. Jeff ist enterbt. Meine Mutter… sie ist jetzt sicher. Wir haben sie geschützt. Wir haben dich geschützt. Und morgen eröffnen wir *Alisa’s* unter deinem Namen. Kein Moretti mehr. Keine Käfige mehr.“
Ich küsste sein Herz. „Zusammen.“
„Zusammen“, erwiderte er, die Bindung sang weich und ewig.
Draußen flackerten die Lichter der Stadt auf und sahen zu, wie wir gewannen.
Drinnen gewannen wir erneut.