ALISAS SICHT
Das Penthouse hatte sich noch nie so eng angefühlt.
Ich stand an den bodentiefen Fenstern, die Stadtlichter glitzerten wie Diamanten unter mir, und beobachtete den Live-Stream auf jedem Bildschirm im Raum. Kael saß auf dem breiten Sofa hinter mir, eine Hand ruhte auf meiner Hüfte, mit der anderen hielt er mein Handy, damit ich die Feeds klar sehen konnte. Das Band zwischen uns sang leise und gleichmäßig, goldene Fäden pulsierten mit jedem tiefen Atemzug, den er tat. Seine Rippen schmerzten – er hatte es mir flüsternd zugegeben –, aber die Schmerzmittel verhinderten, dass er jedes Mal zusammenzuckte, wenn ich mich bewegte.
„Sieben Minuten“, flüsterte ich und lehnte mich mit dem Rücken an seine Brust. „Sie warten immer noch.“
Blackwoods Stimme knackte über die Lautsprecheranlage in der Ecke. „Wir sind live. Volle Packrats-Übertragung. Viktors Anwalt ist jetzt vor der Kamera. Das Spiel gehört dir, Alisa.“
Ich richtete die Schultern. Das schwarze Kleid, das ich trug, umschmeichelte jede Kurve, die das Band perfektioniert hatte – weich, weiblich, unantastbar. Meine Hand ließ nie die seine los, und durch die Verbindung spürte ich seinen Stolz, seine Angst, seine überwältigende Liebe. *Meins. Beschützen. Beschützen.*
Der Feed öffnete sich auf Viktors Anwalt – einen glatten Beta in maßgeschneidertem Anzug, das Gesicht bereits schweißnass. Er saß an einem polierten Tisch, flankiert von zwei Vollstreckern. Die Kamera schwenkte auf den Rest des Ratssaals – die Hälfte der hochrangigen Alphas war anwesend, manche offen feindselig, andere offen jubelnd. Meine Mutter stand hinten, die Hände fest ineinander gekrampft, die Augen auf mich gerichtet.
Viktors Anwalt beugte sich vor, die Stimme ölig. „Der Deal ist einfach. Übergebt die Schlüssel zum Restaurant. Entschuldigt euch vor der Kamera für die ‚Namenszeremonie‘-Beleidigung. Zieht den Live-Stream zurück. Oder wir veröffentlichen das Lagerhaus-Footage. Die Waffe eurer Mutter. Eure kleine Allianz mit Draven. Das Pack wird euch beide in Stücke reißen.“
Ich spürte, wie Kael hinter mir die Kiefer zusammenbiss. Seine Hand preßte fester auf meine Hüfte.
Ich lächelte in die Kamera, langsam und furchtlos. Das Band loderte heller auf und ließ meine Stimme so tragen, als stünde ich mitten im Raum.
„Entschuldigen? Wofür?“ Meine Stimme klang klar, das Band verstärkte sie, sodass jeder Wolf im Saal sie hören konnte. „Dafür, dass ich mich selbst gewählt habe? Dass ich ihn gewählt habe? Dass ich Stärke über Angst gestellt habe?“ Ich drehte die Kamera auf mich selbst und ließ sie den Claim-Mark auf meiner Schulter sehen, den Ring an meinem Finger, die Art, wie Kael beschützend hinter mir saß. „Viktor Kane, du hast meinen Gefährten bedroht. Du hast mein Zuhause bedroht. Und jetzt willst du, dass ich zurück in den Käfig krieche, in den du mich verkaufen wolltest?“
Der Ratssaal explodierte. Schreie. Flüche. Viktor rutschte auf seinem Sitz hin und her, das Gesicht verzerrt.
Ich trat näher an die Kamera und ließ das Band meinen Duft durch den Feed schieben – warmer Zedernholz und Regen, der Duft einer Frau, die keine Angst mehr hatte. „Mein Name ist Alisa Draven. Ich habe dieses Restaurant mit meinen eigenen Händen gebaut. Ich habe es mit meinen eigenen Krallen verteidigt. Und ich werde es nicht aufgeben. Nicht an dich. Nicht an die Angst. Nicht an Lügen.“
Kaels Atem stockte hinter mir – purer Stolz. Das Band sang so laut, dass ich es in meinem Kern spürte.
Viktors Anwalt grinste höhnisch. „Du glaubst, du bist mächtig? Dravens Vergangenheit—“
Kael fiel ein, die Stimme tödlich. „Meine Vergangenheit endet heute Nacht. Alisas Zukunft beginnt jetzt. Das ist das letzte Mal, dass du meine Frau bedrohst. Verschwinde, oder ich mache dich fertig.“
Die Spannung im Saal verdickte sich wie Rauch. Meine Mutter machte einen Schritt nach vorne.
Ich sah sie noch nicht an. Noch nicht.
Stattdessen lächelte ich in die Kamera, wild und frei. „Das ist *Alisas* Table. Nicht Moretti. Nicht deins. Heute Nacht eröffnen wir es unter meinem Namen in Leuchtschrift. Und wenn irgendein Wolf in diesem Raum versucht, es mir wieder wegzunehmen, werde ich sie alle verbrennen. Angefangen bei dem Mann, der meinen Ehemann angeschossen hat, um mich zu schützen.“
Der Feed hielt auf meinem Gesicht – entschlossen, leuchtend, unaufhaltsam.
Blackwoods Stimme kam über die Leitung. „Schnitt. Jetzt streamen wir es an den gesamten Packrat.“
Der Bildschirm wurde für drei Sekunden dunkel.
Dann flackerte er wieder auf.
Viktors Anwalt war weg. Viktor selbst stand an seiner Stelle, Blut noch verkrustet am Kiefer vom Kampf im Lagerhaus. Seine Augen waren wild, aber seine Stimme zitterte.
„Draven… Moretti. Der Deal ist vom Tisch. Wir sind fertig. Der Packrat hat abgestimmt. Die Blutschuld ist beglichen. Das Restaurant bleibt deins. Alisa… Draven.“
Der Name traf mich wie eine Welle. *Draven.*
Kaels Arme legten sich von hinten um mich, sein Kinn ruhte auf meiner Schulter. Seine Stimme war rau vor Emotion. „Meine Frau. Mein Gleichgestellter. Mein Zuhause.“
Ich drehte mich in seinen Armen und küsste ihn – tief, claimend, den Geschmack von Sieg und dem Band, das uns beide gerettet hatte. Der Packrat brach in Jubel und Gebrüll aus. Meine Mutter trat vor, Tränen liefen ihr über das Gesicht, und umarmte mich fest.
„Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Ich liebe dich. Ich bin stolz auf dich.“
Das Band sang mit einer neuen Art von Frieden – chaotisch, unvollkommen, aber echt.
Später, als wir mit Takeaway auf dem Sofa saßen und die Stadtlichter unter uns funkelten, zog Kael mich auf seinen Schoß und küsste meine Schulter, wo der Biss-Mark noch schwach leuchtete.
„*Alisas* öffnet in sechs Stunden“, murmelte er. „Und heute Nacht… knote ich dich, bis die Sonne aufgeht. Kein Warten mehr. Kein Weglaufen mehr.“
Ich lächelte gegen seinen Hals, das Band loderte heiß und hell auf. „Versprochen?“
Seine Fangzähne streiften meine Haut. „Versprochen.“
Der Kampf war vorbei.
Die Zukunft gehörte uns.
Und zum ersten Mal wartete ich nicht darauf, dass die Freiheit mich fand.
Ich rannte ihr direkt entgegen.
Mit meinem Gefährten.
Für immer.