Kapitel 25

1508 Worte
ALISAS SICHT Die Sonne ging über der Stadt auf, als hätte sie genau auf diesen Moment gewartet. Ich stand um 6:47 Uhr auf dem Dach von *Alisas Table*, dem Restaurant, das jetzt vollständig mir gehörte – mein Name in fetten, eleganten Leuchtbuchstaben, die A-L-I-S-A über die gesamte Frontfassade spannten. Die Bindung zwischen Kael und mir summte so laut, dass ich sie in meinen Knochen spürte, goldene Fäden, die warm und endlos pulsierten. Er stand hinter mir, die Arme um meine Taille geschlungen, das Kinn auf meiner Schulter, die frischen Narben an seinen Rippen verborgen unter einem schwarzen Hemd, das noch nach Krankenhaus-Antiseptikum und nach ihm roch. „Sechs Minuten“, flüsterte ich und drückte mich an seine Brust. Die Bindung sang mit einer Mischung aus Nervosität und wilder Freude. Meine Wölfin hatte die ganze Nacht unruhig hin und her gependelt, doch jetzt war sie still, zufrieden, bereit, unsere Zukunft zu bewachen. Kaels Lippen streiften mein Ohr. „Du strahlst. Meine Frau. Meine Gefährtin. Meine perfekte Omega, die gerade den gesamten Ruderrat dazu gebracht hat, zu betteln.“ Ich drehte mich in seinen Armen und küsste ihn – langsam, tief, schmeckte Kaffee und den Sieg, den wir im Morgengrauen errungen hatten. Seine Hände glitten meinen Rücken hinab, besitzergreifend und ehrfürchtig, und die Bindung loderte so heiß auf, dass mir die Knie weich wurden. „Ich strahle nicht“, murmelte ich gegen seinen Mund. „Ich bin *wir*. Und heute Abend öffnen wir diese Türen gemeinsam. Kein Verstecken mehr. Keine Angst mehr.“ Das Restaurantpersonal begann einzutreffen – Lena, meine Sous-Chefin, die Kellner, sogar ein paar neue Mitarbeiter, die die Geschichte von Blackwood gehört hatten. Sie bewegten sich zielstrebig, spannten Feenlichter auf, die zu denen der Penthouse-Zeremonie passten. Meine Mutter stand am Eingang, Klemmbrett in der Hand, und wies mit ruhiger Autorität die Tische an. Seit der Abstimmung des Rates hatte sie nicht aufgehört zu weinen, doch ihre Augen waren jetzt fest. Nicht gebrochen. *Verändert*. Kaels Hand verließ nie meine Hüfte. „Wir machen das richtig“, sagte er leise. „Wieder Live-Stream. Vollständige Rudersendung. Keine geheimen Deals mehr. Die ganze Stadt sieht, wie wir unter deinem Namen eröffnen. Sie werden sehen, wie ein Paar Schicksalsgefährten aussieht, wenn sie einander wählen.“ Ich nickte, das Herz raste. Die Bindung pulsierte mit seinem Stolz, seiner Liebe, seinem rohen, unerschütterlichen Bedürfnis, der Welt zu zeigen, dass ich durch ihn stärker war. Und das war ich. Der Kampf im Lagerhaus, der Schuss, der Verrat meiner Mutter – all das hatte mich nur noch wilder gemacht. Genau um 7:00 Uhr ging der Live-Stream live. Die Kamera schwenkte über den glänzenden Raum – die offene Küche, in der ich jahrelang Rezepte perfektioniert hatte, Tische mit meinen Lieblingsstoffen gedeckt, das Schild über der Tür, das wie ein Versprechen leuchtete. Mein Personal stand hinten in einer Reihe und lächelte. Meine Mutter stand vorne, die Hände gefaltet, Tränen in den Augen, aber das Kinn erhoben. Ich trat in die Mitte des Bildes, Kaels Arm um meine Schultern wie ein Schild. Die Bindung ließ meine Stimme klar und stark klingen. „Das ist *Alisas Table*“, sagte ich und lächelte in die Kamera. „Mit meinen Händen erbaut. Mit meinen Krallen verteidigt. Heute unter meinem Namen eröffnet. Und jeder Wolf in dieser Stadt – jeder Alpha, jeder Omega, jeder Beta, dem je gesagt wurde, er sei weniger wert – wird sehen, dass Freiheit nicht allein den Stärksten gehört. Sie gehört denen, die einander wählen.“ Die Kommentare explodierten sofort. Jubel. Tränen. Einige alte Rudelmitglieder, die Unterstützung posteten. Viktors verbliebene Loyalisten, die Drohungen schrieben, die in Minuten gelöscht würden. Kael beugte sich hinunter, die Lippen an meinem Ohr. „Sie sehen zu, wie du kämpfst, kleine Wölfin. Sieh ihnen zurück.“ Ich drehte den Kopf und küsste ihn – tief, besitzergreifend, ließ die ganze Stadt die Bindung zwischen uns leuchten sehen. Als ich mich zurückzog, waren seine Augen dunkel vor Hunger und etwas Weicherem. *Für immer*. Die Türen öffneten sich um 7:15 Uhr. Die ersten Gäste strömten herein – Stammgäste, die die Geschichte gehört hatten, neue Gesichter, die den Live-Stream gesehen hatten, und Rudel von Wölfen, die kamen, um die Frau zu sehen, die einem ganzen Rat die Stirn geboten hatte. Gelächter erfüllte die Luft. Mein Restaurant roch nach den Gewürzen, die ich perfektioniert hatte, dem Kaffee, den ich geröstet hatte, dem Wein, den ich ausgewählt hatte. Jeder Bissen, jedes Gespräch, jedes Lachen fühlte sich an wie der Beweis, dass ich frei war. Doch der Tag war noch nicht vorbei. Um 14:17 Uhr vibrierte mein Handy mit einer privaten Nachricht von einer unbekannten Nummer. **Viktor: Du glaubst, du hast gewonnen? Das alte Rudel hat immer noch Freunde im Rat. Sie kommen heute Nacht zum Restaurant. Mitternacht. Kein Entkommen.** Mein Blut gefror. Kael war im nächsten Moment an meiner Seite, las über meine Schulter, sein Arm legte sich wie Stahl um mich. Die Bindung flammte mit schützender Wut auf – seine Alpha-Aura flackerte so stark, dass die umliegenden Tische verstummten. „Alisa“, sagte er mit tiefer, tödlicher Stimme. „Sie testen uns wieder.“ Ich sah zu ihm auf, die Bindung sang mit neuer, erschreckender Klarheit. „Dann rennen wir nicht. Wir gehen zu ihnen. Zusammen. Wir zeigen ihnen, wie ein Gefährtenpaar aussieht, wenn es Stärke über Angst wählt.“ Seine Augen blitzten bernsteinfarben auf, doch die Liebe darin war heller als der Zorn. „Meine Frau. Immer an meiner Seite kämpfend.“ Den Rest des Nachmittags verbrachten wir mit Vorbereitungen. Ich ließ das Personal jeden Tisch in die hintere Ecke des Restaurants räumen. Kael verdoppelte seinen Sicherheitsdienst. Meine Mutter stand die ganze Zeit an meiner Seite, diesmal als Verbündete, nicht als Feindin. Die Bindung zwischen uns – unordentlich, unperfekt, aber echt – fühlte sich stärker an denn je. Genau um 23:58 Uhr knarrten die Lagertüren auf der anderen Seite des Gebäudes auf. Viktor Kane trat heraus, flankiert von sechs Männern – Krallen ausgefahren, Augen wild vor Wut. Hinter ihm bewegten sich Schatten – weitere Wölfe des alten Rudels, angelockt vom Live-Stream, von Viktors Drohungen, von der Macht, von der er immer noch glaubte, sie zu besitzen. Die Bindung explodierte. Ich trat vor, Kael an meiner Seite, und lächelte. „Willkommen bei *Alisas Table*“, sagte ich, die Stimme klar und über die Gasse hinweg tragend. „Ihr seid genau vierundzwanzig Stunden zu spät.“ Viktor stürzte sich als Erster vor. Kael bewegte sich wie ein Blitz, brachte den ersten Mann mit einem brutalen Ellbogenstoß zu Fall, der ihn bewusstlos machte. Die Bindung speiste mich mit Viktors Wut und verwandelte sie in Treibstoff. Ich griff nach einem Stuhlbein und schwang es mit allem, was ich hatte, knallte es dem zweiten Wolf über den Kopf. Schmerz explodierte in meinem Arm, doch die Bindung verwandelte ihn in Stärke. Der Kampf war brutal und wunderschön. Kael erledigte drei Wölfe, bevor Viktor ihn überhaupt erreichte. Ein Schlag auf den Kiefer, ein Knie in die Rippen, ein letzter Stoß, der Viktors Nase brach. Der ältere Alpha ging schreiend zu Boden. Ich hörte nicht auf. Ich kämpfte an Kaels Seite – wich Krallen aus, schwang Stühle, mein kleiner Körper bewegte sich mit überraschender Kraft, weil die Bindung mich schneller, schärfer, stärker machte. Jedes Mal, wenn Viktor sich auf Kael stürzte, war ich da, schützte ihn, erinnerte das Rudel daran, dass niemand anfasste, was mir gehörte. Als der letzte Wolf fiel, kroch Viktor auf Händen und Knien rückwärts, Blut strömte aus seinem zerbrochenen Gesicht. „Du glaubst, du bist frei?“, spuckte er. „Die Bindung besitzt dich nicht. Du wirst immer jemandem gehören. Ihm. Mir. Diesem Rudel.“ Kael trat über ihn hinweg und stand aufrecht. „Du bist erledigt. Der Ruderrat hat abgestimmt. Die alten Blutlinien zerbrechen. Und du – du bist derjenige, der meine Frau angeschossen hat, um sie zu schützen. Das macht dich heute Nacht zum Bösewicht.“ Viktor sah mich dann an, die Augen erfüllt von etwas, das wie Reue wirkte. „Ich… ich lag falsch mit dir. Du bist stärker als wir alle.“ Ich triumphierte nicht. Ich nickte nur. „Du liegst immer noch falsch. Aber danke für die Lektion.“ Der Ruderrat traf Minuten später ein – Blackwoods Männer, der Sicherheitsdienst, sogar einige neutrale Wölfe, die früher für den Live-Stream erschienen waren. Sie führten Viktor in Handschellen ab, das alte Rudel zerbrach direkt vor unseren Augen. Kael zog mich in seine Arme, als die letzte Sirene verklang. Blut an uns beiden. Doch die Bindung leuchtete heller denn je. „Meine Frau“, flüsterte er, die Stirn an meiner. „Meine perfekte, wunderschöne, unzerbrechliche Gefährtin.“ Ich küsste ihn langsam und tief, schmeckte den Sieg und die Nachtluft und alles, was wir überlebt hatten. „Für immer“, hauchte ich. Er lächelte gegen meine Lippen. „Für immer, kleine Wölfin.“ Drinnen bei *Alisas* leuchteten die Lichter noch hell. Draußen drehte sich die Stadt weiter. Doch heute Nacht hatten wir gewonnen. Eine Entscheidung nach der anderen. Ein Knoten, ein Kuss, ein Kampf nach dem anderen. Und wir hatten einander. Für immer.
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