Kapitel 5

1111 Worte
ALISAS SICHT Mein Herz schlug gegen meine Rippen, als wollte es sich aus meiner Brust herauskratzen und direkt in seine Hände fallen. Kael Draven stand kaum zwei Meter entfernt, dieses langsame, räuberische Lächeln immer noch auf den Lippen, als hätte er nicht gerade den letzten Rest meiner Fassung zerschmettert. Derselbe Zedern-und-Regen-Duft, der mich letzte Nacht wie eine Rettung umhüllt hatte, erfüllte das luxuriöse Büro, so dicht, dass man ihn schmecken konnte. Meine innere Wölfin winselte, drängte gegen meine Haut und flehte darum, näher zu kommen. Ich hasste, wie mein Körper reagierte. Verräterisches, verzweifeltes Ding. „Ich … ich wusste es nicht“, stammelte ich und hasste den atemlosen Klang meiner Stimme. „Als Melissa mir den Namen der Kanzlei gab, war ich zu sehr darauf konzentriert, rauszukommen. Ich habe nicht—“ „Die Zusammenhänge nicht erkannt?“ ergänzte er für mich, die Stimme tief und samtig-rau. Er ging zurück zu seinem massiven Eichenschreibtisch, setzte sich aber nicht. Stattdessen lehnte er sich gegen die Kante, die Arme vor jener breiten Brust verschränkt, an die ich mich vor Stunden geklammert hatte. Der anthrazitfarbene Anzug verbarg nichts von der Kraft, die darunter zusammengerollt lag. „Du bist im Morgengrauen aus meinem Bett geflohen, kleine Wölfin. Hast meine Visitenkarte zurückgelassen, als würde sie dich verbrennen. Und trotzdem bist du hier. Das Schicksal hat einen gemeinen Sinn für Humor.“ Hitze kroch mir den Nacken hinauf. Ich zwang meine Wirbelsäule gerade und klammerte mich an den Riemen meiner Tasche wie an einen Rettungsanker. „Es geht nicht um letzte Nacht. Es geht um meine Scheidung. Ich brauche den Besten, und Melissa hat gesagt, du verlierst nicht. Also … kannst du mir helfen oder nicht?“ Kaels dunkle Augen glitten langsam über mich, erfassten jedes Detail – die leichten Ermüdungsringe unter meinen Augen, die Art, wie mein noch feuchtes Haar von der hastigen Dusche am Morgen an den Enden lockte, das leichte Zittern in meinen Fingern. Seine Nasenflügel weiteten sich. Er konnte mich riechen. Alles an mir. Die zurückgebliebenen Spuren von ihm auf meiner Haut, den scharfen Anstieg meiner Angst, die unerwünschte Feuchtigkeit der Erregung, die seine Nähe trotz allem aus mir herauszog. Er stieß sich vom Schreibtisch ab und verringerte den Abstand erneut. Berührte mich nicht. Berührte mich nie ganz. Aber nah genug, dass die Wärme seines Körpers in meinen überging. „Setz dich, Alisa.“ Der Befehl glitt unter meine Haut wie warmer Whiskey. Meine Beine gehorchten, bevor mein Verstand nachkam. Ich sank in den Ledersessel gegenüber seinem Schreibtisch, die Knie aneinandergedrückt. Er nahm seinen eigenen Platz ein und faltete diese langen, ruhigen Finger ineinander. „Erzähl mir alles.“ Also tat ich es. Die Worte strömten in einem rohen, hässlichen Schwall heraus – fünf Jahre Aufführungen, das kalte Bett, das verschwendete Jubiläumsessen, die VIP-Suite, Jeffs Hände an Aiden, die völlige Abwesenheit von Schuld in seinen Augen. Der Verrat meiner Mutter. Callums Weigerung. Das Restaurant, das Jeffs finanzielle Fingerabdrücke wie Ketten trug. Als ich fertig war, waren meine Wangen wieder nass. Ich wischte sie wütend ab. Kael hatte sich nicht bewegt. Sein Ausdruck war zu etwas Tödlichem verdunkelt. Das Bernstein flackerte erneut an den Rändern seiner Iris, derselbe Blitz, den ich in der Bar gesehen hatte, als ich Jeffs Verrat gestanden hatte. „Er hat angefasst, was mir gehört“, sagte er so leise, dass es fast schlimmer war als ein Schrei. Ich zuckte zurück. „Ich gehöre dir nicht.“ „Nicht?“ Er erhob sich wieder und umrundete den Schreibtisch mit jener fließenden Raubtiergrazie. Er hockte sich vor meinen Stuhl und brachte uns auf Augenhöhe. Eine große Hand schwebte nahe meinem Knie, legte sich aber nicht auf. „Du hast es letzte Nacht gespürt. Ich weiß, dass du es hast. Den Ruck. Die Erkenntnis. Mein Wolf hat dich erkannt, in dem Moment, als du in diese Bar gestolpert bist, durchnässt und zerbrochen. Schicksalsgefährten, Alisa. Selten. Unleugbar.“ Mein Atem stockte. „Mate.“ Das Wort, das er gegen meine Kehle gebrüllt hatte, während er tief in mir war, hallte in meinem Schädel wider. Ich hatte es als betrunkenen Wahn abgetan. Aber hier zu sitzen, mit seinem Duft, der mich wie ein Anspruch umhüllte, während mein Körper aufleuchtete, als hätte er sein ganzes elendes Leben auf ihn gewartet … „Nein“, flüsterte ich, selbst als sich frische Nässe zwischen meinen Schenkeln sammelte. „Ich bin gerade aus einem Käfig rausgekommen. Ich werde nicht in einen anderen kriechen.“ Etwas Wildes und Verwundetes huschte über sein Gesicht. Dann glättete es sich zu dieser rücksichtslosen Anwaltsmaske. „Gut. Denn ich will nicht, dass du kriechst. Ich will, dass du neben mir stehst, mit ausgefahrenen Krallen, und mit mir jede Welt beherrschst, die wir gemeinsam niederbrennen.“ Er richtete sich auf und überragte mich. „Aber rechtlich? Dich zu vertreten, schafft einen Interessenkonflikt so groß wie diese Stadt.“ Mein Magen sank. „Warum hat deine Empfangsdame dann—“ „Ich habe den Terminplan freigemacht, in dem Moment, als ich dich heute Morgen habe verfolgen lassen.“ Sein Lächeln war scharf wie eine Klinge. „Ich wusste, dass du kommen würdest. Ich habe *dafür gesorgt*, dass du es kannst. Aber die Ethik verlangt, dass ich mich selbst von dem Fall zurückziehe. Ich übergebe dich meinem besten Partner – Blackwood. Er ist fast so bissig wie ich.“ Ich sprang auf. „Nein. Ich will *dich*. Du hast gesagt, du verlierst nicht. Ich kann mir ‚fast‘ nicht leisten. Jeff wird mich vernichten. Mein Restaurant, meinen Namen, alles.“ Kaels Hand machte endlich Kontakt – zwei Finger unter meinem Kinn, die mein Gesicht nach oben neigten. Die Berührung war elektrisierend. Meine Wölfin heulte. „Du hast mich schon, Schatz. In jeder Hinsicht, die zählt. Ich werde jeden Schritt überwachen. Ich werde an allen Fäden ziehen. Ich werde Jeff so tief begraben, dass der Rudelrat vergisst, dass er je existiert hat. Aber ich werde nicht dein Anwalt der Akte sein. Nicht, wenn ich vorhabe, dich in dem Moment zu beanspruchen, in dem diese Papiere unterschrieben sind.“ Die Besitzgier in seiner Stimme hätte mich erschrecken müssen. Stattdessen ließ sie meinen Kern pochen. Ich trat zurück, löste den Kontakt und hasste, wie kalt die Luft ohne ihn wirkte. „Sie setzen eine Menge voraus, Mr. Draven.“ „Kael.“ Seine Augen brannten. „Nach letzter Nacht darfst du dich nicht hinter Formalitäten verstecken.“ Es klopfte an der Tür. Ein großer, silberhaariger Mann in einem marineblauen Anzug trat ein, ohne zu warten – Blackwood, vermutete ich. Sein scharfer Blick huschte zwischen uns hin und her, die Nasenflügel weiteten sich einmal. Er roch die Spannung sofort. „Problem?“, fragte er gelassen.
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