ALISAS SICHT
Ich stieß die Glastür auf und trat in mein Restaurant. Einen Moment lang stand ich nur da und sah mich um, als wäre es das erste Mal. Es war still, sauber und teuer.
Jeff hatte mir geholfen, es einzurichten, und allein der Gedanke daran ließ meine Brust schmerzen. „Das gehört mir“, sagte ich leise. Aber ich wusste die Wahrheit. Alles in meinem Leben trug seinen Namen.
Das Restaurant, die Wohnung, das Geld. Alles kam von ihm, und es fühlte sich an, als würde ich ersticken. „Ich hole es mir zurück“, murmelte ich und warf meine Tasche auf einen Tisch. „Auch wenn ich von vorne anfangen muss.“
Bevor ich mich setzen konnte, klingelte mein Handy. Ich sah auf den Bildschirm und seufzte. „Natürlich“, murmelte ich und nahm ab. „Hallo, Mama.“
„Was tust du da?“ Ihre Stimme war scharf und laut. „Willst du alles ruinieren?“
Ich zog das Telefon von meinem Ohr weg. „Guten Morgen auch.“
„Spiel nicht die Kluge mit mir, Alisa!“, fauchte sie. „Jeff hat gerade angerufen. Er hat gesagt, du bist einfach abgehauen. Hast du den Verstand verloren?“
Ich atmete langsam aus. „Hat er dir auch gesagt, warum ich gegangen bin?“
„Ich brauche keine Gründe“, sagte sie sofort. „Ich brauche, dass du das sofort in Ordnung bringst.“
Ich schloss die Augen. „Du fragst also nicht einmal, was passiert ist?“
„Das spielt keine Rolle“, antwortete sie. „Wichtig ist deine Ehe.“
Das war der Moment. Mein Ärger flammte auf. „Es spielt sehr wohl eine Rolle, Mama! Er hat mich betrogen.“
„Und?“, schoss sie zurück. „Männer machen Fehler.“
Ich wurde still, völlig schockiert. „Er hat nicht mit einer Frau betrogen“, sagte ich langsam. „Er hat mit einem Mann betrogen. Jeff ist schwul.“
Am anderen Ende der Leitung herrschte sofort Stille, als sie diese Worte hörte. Einen Moment lang dachte ich, sie hätte endlich verstanden. Dann seufzte sie. „Alisa, hör auf, so dramatisch zu sein.“
Mein Griff um das Telefon wurde fester. „Ich habe es selbst gesehen, Mama. Er ist schwul. Er hat mit Aiden geschlafen.“
„Und selbst wenn es stimmt“, fuhr sie fort, als hätte sie mich nicht gehört, „ist das kein Grund, deine Ehe wegzuwerfen. Weißt du, was eine Scheidung mit unserem Familiennamen anstellt?“
Ich lachte bitter. „Also spielen meine Gefühle keine Rolle?“
„Du bist irrational“, schnauzte sie. „Geh nach Hause und entschuldige dich bei deinem Mann.“
„Ich entschuldige mich nicht bei ihm“, sagte ich. „Ich lasse mich scheiden.“
Ihre Stimme wurde eiskalt. „Wenn du diese Ehe verlässt, brauchst du dich in dieser Familie nicht mehr blicken zu lassen. Du bist dann völlig auf dich allein gestellt.“
Die Leitung war tot. Ich starrte auf das Telefon, meine Brust hob und senkte sich. „Es interessiert niemanden“, flüsterte ich. Nicht Jeff und erst recht nicht meine Mutter. Ich richtete die Schultern. „Gut. Dann mache ich es allein.“
Ich scrollte durch meine Kontakte und rief Callum an. Er war der Anwalt, der meine Ehepapiere bearbeitet hatte. „Alisa“, meldete sich Callum. „Das ist unerwartet.“
„Ich brauche deine Hilfe“, sagte ich schnell. „Ich will mich scheiden lassen.“
Es folgte eine lange Pause. „Du denkst nicht klar. Geh nach Hause und ruh dich aus. Du bist nur emotional.“
„Ich meine es ernst, Callum.“
„Alisa, du hast ein gutes Leben“, sagte er ruhig. „Du willst es wegen eines Missverständnisses wegwerfen.“
„Es ist kein Missverständnis“, fauchte ich. „Weigerst du dich, mir zu helfen?“
Er zögerte. „Ich sage, dass du das nochmal durchdenken solltest.“
Ich lachte kurz auf. „Du arbeitest für ihn, stimmt’s?“
„Das ist unerheblich.“
„Für mich ist es das nicht. Auf Wiedersehen, Callum.“ Ich legte auf.
Ich war allein. Völlig allein. Aber statt Angst spürte ich eine tiefe Entschlossenheit. „Ich habe genug davon, ausgenutzt zu werden“, sagte ich fest.
Ich blieb in dieser Nacht im Restaurant und schlief auf dem kleinen Sofa in meinem Hinterbüro. Es war unbequem, aber sicher.
Am nächsten Morgen rief ich meine Freundin Melissa an. Ich erzählte ihr alles über Jeff, Aiden und wie meine Mutter mir den Rücken gekehrt hatte. „Das ist total krank“, rief Melissa aus. „Gut, dass du dich scheiden lassen willst. Das solltest du auch.“
Ich spürte eine große Welle der Erleichterung. „Alle anderen finden, ich übertreibe.“
„Dann liegen alle anderen falsch“, sagte Melissa bestimmt. „Hör zu, du brauchst einen ernsthaften Anwalt. Nicht die, die an Jeff hängen. Ich kenne eine Kanzlei. Die sind teuer und schwer zu bekommen, aber sie verlieren nie. Die beugen sich keinem Druck.“
„Wie heißt die?“, fragte ich.
Sie nannte mir den Namen, kam aber mit einer Warnung. „Sei bereit“, mahnte Melissa. „Die sind nicht billig.“
„Das ist mir egal“, sagte ich fest. „Ich gebe alles aus für meine Freiheit.“ Ich nutzte mein Handy und vereinbarte sofort einen Termin. Zum Glück hatten sie noch einen für denselben Nachmittag frei. Ich zog mich schnell an und nahm ein Taxi ins Anwaltsviertel.
Die Kanzlei lag in einem riesigen, teuren Gebäude. Drinnen wirkte alles professionell und mächtig. Ich ging zur Rezeption. „Ich habe einen Termin“, sagte ich der Empfangsdame. „Mein Name ist Alisa Moretti.“
Die Frau prüfte ihren Bildschirm und lächelte. „Ja, Sie werden erwartet. Ihr Termin ist bei Herrn Kael Draven, unserem Senior Partner. Bitte gehen Sie direkt rein.“
Mein Herz begann rasch zu schlagen. Ich ging den Flur entlang, klopfte einmal und stieß die Tür auf.
Dann erstarrte ich. Hinter dem massiven Schreibtisch saß der Mann von gestern Abend. Der Fremde aus der Bar.
Er sah zu mir auf und lächelte. Es war ein langsames, wissendes Grinsen. Er stand auf, seine große, muskulöse Gestalt bewegte sich anmutig, als er auf mich zukam.
Bevor ich überhaupt sprechen konnte, griff er an mir vorbei, packte die Türkante und drückte sie zu.
Er stand extrem nah, schloss mich zwischen seinem Körper und dem harten Holz ein.
„Überraschung?“, flüsterte er nahe an meinem Ohr und schickte einen wilden Schauer meinen Rücken hinunter.
„Du?“, flüsterte ich, während meine Gedanken rasen.
Er lachte leise und genoss meinen Schock. „Ja, ich. Du hast heute Morgen meine Visitenkarte auf dem Tisch gesehen, Schatz. Hast du dir den Namen der Kanzlei wirklich nicht angeschaut?“
Plötzlich klickte es in meinem Kopf bei den Worten der Empfangsdame. Herr Kael Draven. Gestern Abend war ich zu betrunken und aufgewühlt gewesen, um die Punkte zu verbinden.
„Hast du gewusst, dass ich hierherkommen würde?“, fragte ich und sah in seine dunklen Augen.
„Natürlich wusste ich das“, lächelte Kael und beugte sich ein wenig näher. „Nachdem du heute Morgen mein Bett verlassen hast, habe ich einen meiner Männer dich beschatten lassen, Alisa Moretti. Du bist keine schwierige Frau zum Finden. Aber das bringt mich zu der Frage, die mich den ganzen Tag beschäftigt hat. Warum bist du weggelaufen?“
Ich öffnete den Mund, aber es kamen keine Worte heraus. Sein Blick wurde intensiv und schien mich zu durchbohren. „War der s*x nicht nach deinen Standards, Schatz?“
Mein Gesicht brannte vor heißer Verlegenheit. „Wie… wie kannst du das hier in deinem Büro so laut sagen?“
Kael lachte leise und wich ein paar Zentimeter zurück. „Du bist so wunderschön, wenn du errötest“, murmelte er. Einen Moment lang ließ seine sanfte Stimme mich fast alles vergessen.
Doch dann erinnerte ich mich, warum ich hier war. Ich räusperte mich und zwang mich, professionell zu wirken.
„Ich bin nicht deswegen hier, Herr Draven“, sagte ich und versuchte, meine Stimme ruhig zu halten. „Ich bin hier, weil ich Ihre professionelle Hilfe brauche.“
Kael bemerkte den Wechsel in meiner Haltung. Sein spielerisches Grinsen verschwand und wich dem scharfen, ernsten Blick eines Anwalts. Er nickte und deutete auf einen Stuhl.
„Wie kann ich Ihnen helfen, Frau Moretti?“
Ich atmete tief durch. „Ich will mich scheiden lassen. Und ich habe gehört, dass Sie der Einzige sind, der mir zum Sieg verhelfen kann.“