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583 Worte
ALINA „Lass uns tanzen“, sagt Malte und streckt seine Hand aus. Clara lächelt ihn liebevoll an und steht auf. „Darf ich wohl.“ Ich sehe zu, wie er sie auf die Tanzfläche führt, sie in die Arme nimmt. Sie lachen, unterhalten sich, und ich kann nicht verhindern, dass mich ein kleiner Stich Eifersucht trifft. Im Gegensatz zu uns können sie miteinander tanzen. Sie können Händchen halten und, wenn sie wollen, sich verlieben. Mein Blick wandert zurück über den Tisch zu Moritz. Er schenkt mir ein trauriges Lächeln, als könnte er meine Gedanken lesen. Meine Augen streifen über alle Paare auf der Tanzfläche – jeder einzelne hier ist frei, zu lieben. Wir nicht. Unsere Gefühle sind verboten. „Können wir gehen?“ frage ich leise. Moritz nickt. „Ja.“ Er steht auf, zieht meinen Stuhl heraus, ohne meine Hand zu halten. Wir gehen zusammen zur Tür, aber doch allein. Kein Berühren, kein Zusammensein. Nur kalte Realität. Wir steigen in den hinteren Teil des Autos, und wieder erinnert mich alles daran, was niemals sein kann. Moritz sitzt auf der einen Seite des Rücksitzes, ich auf der anderen. Wir starren aus getrennten Fenstern. Morgen trennen sich unsere Wege für immer. Ich wusste, dass es so kommen würde, und habe mir eingeredet, vorbereitet zu sein. Aber wie bereitet man sich auf das Ende der Welt vor? Er kann niemals mir gehören, und für einen winzigen Moment… vergesse ich das. Das Auto fährt ins Hotel, unser Fahrer öffnet die Tür. „Einen schönen Abend noch“, sagt er mit einem freundlichen Nicken. „Danke.“ Moritz und ich gehen schweigend durch die Lobby, steigen in den Aufzug und starren auf die geschlossenen Türen, während wir zu unserem Stockwerk fahren. Wie steigendes Hochwasser spüre ich, wie es kommt. Das Ende naht. Die Türen öffnen sich, und wir gehen schweigend den Flur entlang bis zu meiner Tür. Ich weiß, dass dies unsere letzte Nacht zusammen ist, aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich das, was ich angefangen habe, zu Ende bringen kann. Er spürt es auch. Seine Augen suchen meine. „Willst du mich reinbitten?“ Ich starre ihn an, so schön, so perfekt, bereit und willig… und dann bin da ich, schwächer als Wasser. „Ich habe noch nicht mit meinem Mädchen getanzt“, sagt er leise. Er will mit mir tanzen? Mir bleibt der Hals eng, ich nicke, drehe mich um, öffne die Tür, und er folgt mir hinein. Er holt sein Handy heraus. „Was willst du hören?“ fragt er hoffnungsvoll, als würde er verzweifelt versuchen, die Nacht zu retten. „Etwas Romantisches.“ Ich lächle, vergesse für einen Moment die Sorgen der Welt. „Alles klar.“ Er öffnet Spotify, sagt die Worte laut, während er tippt: „Romantische Lieder.“ Dann legt er das Handy auf den Tisch und streckt mir die Hand in einer großen Geste entgegen. „Bist du bereit, verzaubert zu werden, meine Liebe?“ Ich kichere, und er nimmt mich in die Arme. Stille. Er blickt auf sein Handy. „Spiel, Mistkerl.“ Ich kichere wieder, die Musik setzt ein. Wenn ich bleiben würde, wäre ich dir nur im Weg. Mein Herz sackt. Oh nein…nicht dieses Lied, alles, nur nicht dieses Lied. Wir halten uns fest, tanzen zu „I Will Always Love You“ von Whitney Houston. So romantisch, so herzzerreißend. Nie wurde ein Lied wahrer gesungen. Zur melancholischen Melodie küsse ich ihn, tanze mit ihm und liebe ihn leise Lebewohl.
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