**Ravens Perspektive**
Das Auto in der Einfahrt war kein richtiges Auto, sondern ein verrostetes Stück Schrott, das noch versuchte, zusammenzuhalten, während seine Farbe verblasste. Die Tür quietschte, als ich sie aufriss. Die Federn der Sitze stachen durch das rissige Vinyl. Ich ließ den Motor an — der Schlüssel steckte noch in der Zündung — er klang wie ein alter Mann, der seinen letzten Atemzug tat.
Solange er sich noch bewegen ließ, war es mir egal. Ich fuhr auf die Straße und überprüfte meine Spiegel.
*Fahr, Raven. Denk später nach.* Ich erinnerte mich selbst daran.
Ich versuchte, eine Kurve zur Autobahn zu nehmen, als aus dem Nichts eine Luxuslimousine auftauchte und mich rammte.
Mein Auto schleuderte seitwärts, mein Kopf knallte gegen das Fenster.
Ich klammerte mich ans Steuer, atmete schwer. Durch die gerissene Windschutzscheibe sah ich die schlanke schwarze Limousine. Der Schaden an meinem Auto war katastrophal — aber an seinem? Nur ein kleiner Kratzer. Der Mann stieg aus dem Wagen, gekleidet in einem Anzug, der mehr kostete als das durchschnittliche Monatseinkommen dieses Viertels. Groß, breite Schultern, und sein Gesicht sah aus, als hätte Gott es in Ruhe gemeißelt. Der junge Mann betrachtete schweigend die kleine Delle.
„Es tut mir leid.” Die Worte rutschten heraus, bevor ich sie zurückhalten konnte. „Es ist Ihre Schuld, dass Sie nicht aufgepasst haben!” platzte ich plötzlich heraus. Es war seine Schuld, dass es so weit gekommen war. Er sollte derjenige sein, der sich entschuldigt — dafür, dass er mein Leben beinahe ein zweites Mal beendet hätte.
In meinem früheren Leben hatte ich mich nie so bei jemandem entschuldigt, hatte nie so verzweifelt ausgesehen. Ich war derjenige gewesen, der am Empfangen war — hatte Menschen kriechen sehen und nichts dabei gefühlt.
Jetzt verstand ich es.
Er sagte nichts, zog sein Telefon heraus, seine Finger bewegten sich über den Bildschirm.
„Du weißt wirklich, wie man das Maul aufreißt, für jemanden, der sich kein vernünftiges Auto leisten kann. Ist es überhaupt legal, das zu fahren?” Sein Ton war kalt und jagte mir Schauer über die Knochen.
Ich hatte Autos besessen, die teurer waren als das Spielzeug, das er fuhr. Wie wagte er es? „Nennen Sie den Betrag, um das da zu reparieren.” Ich biss die Zähne zusammen.
Sein ungeduldiger Blick wechselte fast sofort. „Ist das so?” Ein selbstgefälliges Lächeln brach sich auf seinen Lippen Bahn.
„Ja, nennen Sie den Betrag und ich werde ihn an meinen persönlichen Buchhalter weiterleiten.” Die Worte rutschten weiter heraus.
Sein Gesicht verzog sich, als würde er jemanden anstarren, der den Verstand verloren hatte. Egal wie hoch der Betrag, ich kann zumindest mein Personal… „Können Sie eine halbe Million aufbringen?”
Mein Körper erstarrte. Wie hatte ich vergessen können, dass ich gerade arm wie eine Kirchenmaus war? Aber jetzt zurückzurudern war keine Option — ich würde mich von so einem kleinen Kerl nicht einschüchtern lassen. Wenn ich ihn ansah, bezweifelte ich, dass er annähernd das Alter meines Sohnes hatte.
Ich öffnete die Brieftasche in meiner Tasche. Siebzehn Dollar und ein paar Cent lagen darin.
„Nun ja.” Mein Mut sank. „Im Moment nicht. Wenn Sie mir Ihre Daten geben, könnte ich…”
„Mich betrügen?” Er verkürzte den kurzen Abstand zwischen uns, sein Kölnischwasser traf meine Nase — süß, aber mit einem bedrückend muffigen Unterton. „Vielleicht haben die Polizisten ein besseres Wort für eine flüchtige Mörderin.”
Mein Körper wurde eiskalt, die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen. Nein!
Sofort ließ ich mich auf die Knie fallen. „Ich zahle alles, geben Sie mir nur noch ein paar Tage, ich würde…”
„Ich glaube nicht, dass das passieren wird. Ich glaube, ich habe eine bessere Aufgabe für Sie.”
Ich hob den Kopf, um ihn anzusehen — eine Erinnerung traf mich. Dieses Mädchen kannte ihn… ein Liebesinteresse? Und das Schlimmste von allem — er war mein Neffe.
„Da Sie in einer so engen Ecke stecken, wäre es nicht an der Zeit, mein Angebot anzunehmen?” Ein kaltes Lächeln huschte über seine Lippen. „Werden Sie meine Frau — oder Sie werden als Gefangene hingerichtet.”
Er war verrückt geworden.
Ich starrte ihn an.
Das letzte Mal, als ich Dante gesehen hatte, war er zweiundzwanzig Jahre alt gewesen und hatte noch etwas Jungenhaftes in seinem Gesicht. Ich hatte ihn in ein kleines, ruhiges Restaurant mitgenommen — nur wir zwei, fern von der Familie, die jetzt so tat, als würde er nicht existieren, nur weil sein Vater ihn von einer Geliebten bekommen hatte. Er hatte Kaffee bestellt und ihn kaum angerührt, hatte lieber auf den Tisch gestarrt als auf mich — wie jemand, der noch nicht gelernt hatte, dass er seine Meinung sagen durfte.
Ihn jetzt anzuschauen… dieser Junge war vollständig verschwunden.
Der, der jetzt vor mir stand, war größer, mit breiteren Schultern — die Art von Präsenz, die einem Angst einflößen konnte. Sein Gesicht hatte jede Weichheit verloren und war durch scharfe Züge ersetzt worden, die ihn gefährlich gut aussehen ließen — wenn er nicht gerade meinen Morgen ruinieren würde.
Seine Augen ließen mich erstarren.
Dunkel und ruhig und doch leer.
Noch immer dieselben Augen, die er seit seiner Kindheit hatte. Sie waren so still, dass man nicht erkennen konnte, was in ihm vorging — selbst wenn er lächelte. Ich konnte erkennen, dass ihn das hier belustigte, und dass er sich sehr bemühte, es nicht zu zeigen.
Ich richtete mich auf.
„Meinen Sie das wirklich ernst?”
„Habe ich irgendetwas gesagt, das wie ein Witz klang?” Seine Stimme war ruhig, aber mit einem Anflug von Verachtung. Er genoss dieses Hin und Her mehr als ich.
„Sie wollen mich heiraten?” Ich behielt ein ausdrucksloses Gesicht. „Auf einer Straße? Direkt nach einem Unfall? Ich glaube, Sie haben eine Gehirnerschütterung und müssen Ihren Kopf untersuchen lassen.”
„Nun, es ist eine Zahlung dafür, mein kleines Baby gerammt zu haben.” Er klatschte mit der Handfläche auf die Seite seines Autos, das kleine Lächeln noch immer auf seinen Lippen. „Tun Sie es, und ich bin bereit, das, was Sie getan haben, zu vergessen.”
„Wie großzügig von Ihnen.” Ich verdrehte die Augen.
„Ich weiß, oder?” Er neigte den Kopf leicht zur Seite. „Ich gebe Ihnen einen Ausweg, Raven — das ist alles. Grandins Leute werden Sie nicht anfassen, wenn Sie eine Moretti-Ehefrau werden. Die Polizeijagd würde aufhören und der Fall würde verschwinden.” Er pausierte. „Sie werden sicher sein, Geld haben und tatsächlich irgendwo schlafen können heute.”
Ich musste fast lachen. Fast.
Es klang verlockend — aber zu welchem Preis? Meine Würde verlieren? Meinen Neffen heiraten? Nicht einmal in einer Million Jahren.
In all meinen Jahren der Arbeit hatte ich meinen Namen so gut aufgebaut, dass ich keinen Grund gebraucht hatte, ihn zu kompromittieren — aber wohin hatte mich das gebracht?
Derselbe Junge, dem ich heimlich extra Geld zugesteckt hatte, wenn ich ihn sah, bot jetzt an, seinen selbst erarbeiteten Namen zu benutzen, um mich zu schützen… um mich zu besitzen.
„Was ist Ihr Ziel?”
„Einfach, ein Leben mit Ihnen.” Er streichelte mein Kinn. „Keine komplizierte Familiengeschichte, kein Drama — und jemand, nach dem mein Herz sich immer gesehnt hat.”
Mit anderen Worten: jemand, den er liebevoll kontrollieren konnte.
Meine Brust wurde warm bei seinen Worten, die Hitze stieg fast bis zu meinen Wangen.
*Stopp, Raven! Ich tue so etwas nicht.*
„Und wenn ich Nein sage?”
Sein Lächeln verschwand. „Ein Anruf.” Er blinzelte nicht. „Und Sie dürfen Grandins Leuten erklären, warum ihr Boss aufgehört hat zu atmen in demselben Zimmer, in dem Sie übernachtet haben.”
„Sie würden das tun?”
„Wenn Sie mich dazu zwingen.” Er zuckte mit den Schultern.
Wie herzlos.
Ich hatte diesen Kerl mit wenig bis gar keiner Zuneigung aufwachsen sehen, und er hatte vermutlich auf die harte Tour gelernt, wie man bekommt, was man will, um zu überleben. Ich hatte mir all diese Jahre Sorgen um ihn gemacht — und hier stand er vor mir mit dem herzlosesten Blick, den ich je gesehen hatte.
Ich öffnete den Mund, um ihm zu antworten, aber das Martinshorn warf mich aus dem Gleichgewicht.
Ich drehte den Kopf. Nur wenige Meter entfernt näherten sich die Polizisten. Mein Herz raste vor Angst.
Ich wandte mich zurück zu Dante. Er grinste, als er die Angst in meinen Augen sah, und starrte ruhig und wortlos.
Er musste nichts sagen. Er trat einen Schritt zurück, öffnete die Beifahrertür der Limousine und wartete. Er warf einen Blick auf das olivgrüne Auto, das näherkam, und dann zurück auf sein eigenes.
Ich war kalt, hatte gerade mal siebzehn Dollar auf meinem Namen und war verdächtig im Mordfall eines Mafiabosses — keine Anwälte, keine Kontakte. Wenn ich Rache wollte, musste ich wählen.
„Keine Zeit mehr, Kleines.” Seine Finger trommelten auf die Seite des Autos.