"Darf ich mich setzten?"
Erial wies auf das Bettende. Mit einem kurzen Nicken gab ich ihm Bescheid, obwohl ich mich fragte, was er machen würde, wenn ich nein sagen würde. Ich hatte ihn das letzte Mal vor sechs Tagen gesehen? Oder doch eher fünf? Egal, auf jeden Fall hatte er mir immer wieder über Kain mitteilen lassen, dass er unser Gespräch verschieben musste. Wieso genau wusste ich nicht, doch dass er kommen würde, sobald er Zeit finden würde.
Nun saß er eben im Smoking, mit zurück gegelten Haaren und ernster Miene mir gegenüber. Dass ich währenddessen immer noch Tränen in den Augen hatte, nur ein Pyjama trug und gerade einen Albtraum hatte, machte deutlicher, schien für ihn nicht von Bedeutung zu sein.
"Kain hat mir von deinen Albträumen erzählt", begann er. Sein Blick war forschend.
"Kain scheint dir viel zu erzählen." Trotz meinem jetzigen Zustand, schaffte ich es sarkastisch zu klingen. Etwas stolz mit mir lehnte ich mich an das Bettkopfteil. Das Buch immer noch fest in meiner Hand.
Erial schnaufte belustigt. Dabei fiel ihm eine Strähne ins Gesicht. Er sah aus wie ein Mafioso aus den 80ern. Warte, er ist einer. Nur eben im Jahr 2021.
"Das ist eine Aufgabe von ihm. Mir erzählen, was passiert", sagte er. "Hast du die Schlaftabletten probiert?"
"Nein." Sie machten mir etwas Angst. Tagsüber dem Ganzen mit Büchern zu entfliehen war etwas anderes, als mein Unterbewusstsein zu betäuben. Die Tabletten würden sicherlich helfen, doch ich durfte nicht vergessen, in was für eine Situation ich mich befand. Meine Schutzmauer war bereits zu weit unten. Noch etwas mehr und ich war komplett schutzlos. Zumindest redete ich mir das ein.
Erneut schenkte Erial mir diesen forschenden Blick. Mir fiel erst jetzt auf, dass die Narbe an seinem Kinn fast zum rechten Ohr reichte. Sie war blass, fast nicht zu erkennen. Doch wenn man sie einmal entdeckt hatte, war es nicht schwer, sie wiederzufinden.
"Du hast Albträume, die dich nachts wach werden lassen", stellte er fest. "Träumst du von deiner Mutter?"
Sofort spannte ich mich an. Erial bekam das natürlich mit, was ihm Bestätigung genug war.
"Das wird irgendwann vorbei sein."
"Vorbei sein?", wiederholte ich seine Worte. War das sein Ernst? "Nichts wird jemals vorbei sein. Zumindest nicht so lange ich hier festgehalten werde und meine Mutter von irgendwelchen Mafiatypen erschossen wurde."
Ich klang wütender als gewollt. Erial schien nicht von meinem Ausbruch fasziniert zu sein. Ganz im Gegenteil, er schien amüsiert zu sein.
"Was gibt es da zu grinsen?", fauchte ich ihn an.
Er hob eine Braue. Das Grinsen blieb.
"Alexander hat schon gemeint, dass du beißen kannst."
"Redet ihr immer über mich? Habt ihr nichts Besseres zu machen? Leute bedrohen, Drogen verkaufen oder dergleichen?"
Nun verschwand das Grinsen und Erial schaute mich kalt an. Mir wurde klar, dass ich zu weit gegangen war. Vergessen hatte, wer ich war.
"Wir verkaufen keine Drogen." Seine Stimme war genauso kalt wie sein Blick. "Aber das ist nichts, was dich gerade interessieren sollte."
Er stand auf und stand mit dem Rücken zu mir. Sein Blick aus dem Fenster gerichtet.
"Deine Familie weiß, dass du hier bist", sagte er.
Meine Familie? Meinte er damit die von meinem Vater?
"Sie wollen, dass ich dich ihnen ausliefert." Er schaute über seine Schulter zu mir. "Was natürlich nicht passieren wird. Schließlich brauche ich dich für meinen Plan. Außerdem macht es mir Spaß, sie bloßzustellen."
Seine Hände waren hinter seinem Rücken gefaltet.
"Eigentlich hatte ich einen anderen Plan, doch dein Fluchtversuch hat einiges durcheinander gebracht. Und dass du keine Ahnung von all dem hattest. Mein Vertrauen zu dir ist nicht besonders groß. Deshalb waren die letzten Tage etwas stressig." Erial wand sich zu mir. Bedachte mich immer noch mit diesem strengen Blick. Schauten Väter so ihre Söhne an, wenn diese frech waren? Meine Hände krallten sich förmlich an das Buch fest.
"Deine Wunden sind gut verheilt und du hast dich anscheinend erholt. Wir werden morgen abreisen. Du kommst mit."
Er wartete auf meine Reaktion, doch ich wusste nicht, was ich fühlen sollte. Die Bubble, welche ich mir durch das Lesen in den letzten Tagen um mich herum aufgebaut wurde, zerplatze genau in diesem Moment. Ich war wieder in derselben Realität wie zuvor.
"Wohin werden wir gehen?", brachte ich hervor. Ich konnte ihm einfach nicht ins Gesicht schauen.
"Zu einem anderen Grundstück. Mehr brauchst du momentan nicht wissen. Wir fahren in der Früh los."
Schon war er auf dem Weg zur Tür. Eilig sprang ich aus dem Bett und lief auf ihn zu. Gerade als ich nach ihm greifen wollte, drehte er sich um. Seine Hand packte meinen ausgestreckten Arm und hielt ihn fest. Ein Keuchen kam über meine Lippen. Dann wurde ich grob gegen die Wand gedrückt. Erials Gesicht war direkt vor meinem. Ich spürte seinen Atem auf meiner Haut. Konnte riechen, dass er Alkohol getrunken hatte. Wieso war mir das nicht früher aufgefallen?
Ich machte den Fehler in seine Augen zu schauen. Mir war zwar bewusst gewesen, dass sie besonders waren, doch so nah hatten sie eine ganz andere Wirkung. Erneut erinnerten sie mich an eine Schlange. Wie in den Dokumentationen, in denen gezeigt wird, wie sie eine Beute fixierten. Sie versuchten mich gefangen zunehmen. Was wahrscheinlich geklappt hätte, wenn der Griff um meinen Arm nicht zu schmerzhaft geworden wäre.
Ich versuchte ihn freizubekommen, was keine Wirkung hatte. Erial bewegte sich nicht einmal.
"Du tust mir weh", sagte ich. Dabei zwang ich meine Stimme fest zu klingen. Auch wenn ich das Gefühl hatte, keine Luft zu bekommen. Ob wegen der momentanen Situation oder seinen Augen war mir nicht bewusst.
"Versuch das nie wieder."
Erial ignorierte, was ich gesagt hatte und starrte mich weiterhin an.
"Ich wollte dich nicht angreifen. Wirklich ni-Erial, das tut wirklich weh." Schmerzhaft kniff ich meine Augen zusammen. Sein Griff fühlte sich an, als würde er meinen Arm brechen wollen.
Für weitere lange fünf Sekunden spürte ich den Schmerz, dann ließ er nach. Erial blieb weiterhin direkt vor mir stehen. Selbst als ich meinen Arm an meine Brust zog und die wunde Stelle massierte.
"Was willst du dann?", fragte er mich. Dieser Blick machte mich verrückt.
"Ich wollte dich etwas fragen." Auch wenn es verdammt schwierig war, hielt ich ihn stand. Ich redete mir einfach ein, dass ich keine Angst hatte. Oder überraschenderweise grüne Augen sehr schön fand.
Erial symbolisierte mir, mit einer Handbewegung fortzufahren. Hart schluckte ich, da ich mir nicht sicher war, ob die Antwort mich zufrieden stellen würde.
"W-Wo ist meine Mutter?"
Falls Erial etwas durch die Frage fühlte, offenbarte er es mir nicht. Stattdessen ging er ein paar Schritte zurück, was mir mehr Raum zum Atmen gab. Seine Nähe hatte mich komisch fühlen lassen.
"Sie wurde eingeäschert."
"Eingeäschert", wiederholte ich seine Worte.
"Sie hat ein Grab bekommen. Nicht weit von dort wo ihr gewohnt habt."
Starr blickte ich in die Luft, doch sah nichts.
"Das ist … gut."
Mehr brachte ich nicht hervor. Was denn auch? Meine Mutter war nur noch Asche. Ich würde sie nie wieder sehen. Nie wieder mit ihr reden können. Nie wieder eine Umarmung von ihr bekommen. Sie riechen können. So naiv das auch gewesen war, habe ich dennoch ein Funke Hoffnung gehabt, dass sie am Leben war. Dass ich einfach zu sehr im Schock gewesen war und mir ihre leeren Augen eingebildet hatte. Nein, ich hatte nicht gehofft. Ich habe es mir eingeredet. Ich wollte das glauben. Doch nun ging das nicht mehr.
"Du siehst blass aus", stellte Erial fest. Er klang nicht besorgt, kam aber dennoch zwei Schritte auf mich zu.
Abwehrend hob ich meine Hände.
"Mir geht es gut."
"Jane, du sie-"
"Mir geht es gut!" Meine Stimme war ungewohnt laut. Wir beide waren überrascht. Doch Erial fasste sich schnell wieder.
"Wenn du das sagst." Er fuhr sich durchs Haar, wodurch noch mehr Strähnen in sein Gesicht fielen. "Wir fahren morgen los. Sei gegen acht Uhr bereit."
Dann blickte er mich noch ein letztes Mal forschend an und ging aus dem Zimmer. Kaum war die Tür zu, rutschte ich die Wand entlang, bis ich auf dem Boden saß. Die Tränen, welche über meinem Gesicht flossen, wurden durch mein Schluchzen begleitet.
Der Schmerz in meiner Brust, versuchte mich zu ersticken.
Meine Mutter war tot, ich wurde irgendwo festgehalten, meine angebliche Familie wollte mich umbringen.
Und ich war ganz allein.