Kapitel 4

2236 Worte
Hatte ich mich verhört? Wollte dieser Mann mir nun wirklich klar machen, dass er mich dazu verwenden würde, um irgendeinen Teil meiner Familie zu eliminieren? Von denen ich gerade das erste Mal gehört hatte? Nach seinem Blick zu urteilen, hatte ich ihn genau richtig verstanden. Die Entschlossenheit war in sein Gesicht gemeißelt. Wo zur Hölle war ich gelandet? "Wie genau willst du das anstellen?" Ich verschränkte meine Arme vor meiner Brust. Um klar zu machen, was ich von seiner Aussage hielt oder als Schutz war mir nicht bewusst, doch ich fühlte mich weniger entblößt. Erial zuckte mit seinen Schultern. "Ganz einfach: wir werden heiraten." Was? "Was?", sprach ich mein Gedanke aus. "Ich bin keine schlechte Partie. Außerdem bekommen wir beide, was wir brauche. Ich habe den Anspruch auf dein Erbe und du wirst beschützt." Er ging zurück zum Bartisch und schenkte sich erneut ein Glas ein. Diesmal war die Flüssigkeit heller. Kurz schwenkte er das Glas und nahm dann einen Schluck. Mir wurde dabei warm. Natürlich hatte ich bereits in meinem Leben an heiraten und dergleichen gedacht. Wer hatte das nicht? Doch nicht mit 19, geschweige denn bevor ich studieren oder arbeiten konnte. Auch nicht nachdem ich erfahren hatte, dass meine Mutter etwas mit einem Mafiosi gehabt hatte und ein "Vielleicht" der Grund für mein Tot sein könnte. Oder ohne meine Mutter. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass meine Mutter bis dahin gestorben sein könnte. Dass sie nicht an meiner Seite sein würde. Mein Kopf schmerzte wieder. Außerdem war ich verwirrt und versuchte das Gesagte zu verarbeiten. "Ich denke, dass das heute genug Information für mich war", sagte ich müde. Dabei massierte ich meine Stirn. Die Wunde hatte wieder zu pochen angefangen, was nicht besonders half. "Da könntest du Recht haben." Erial nahm erneut einen Schluck. Seine Augen auf mich gerichtet. Ich konnte seinen Blick nicht lesen und hatte auch keine Lust das zu machen. "Wir sprechen morgen nochmal. Bis dahin solltest du dich ausruhen." Meine Antwort war nur ein knappes Nicken. Als ich mich auf den Weg zur Tür machte, fiel mir jedoch noch etwas ein. "Wo sind wir?" In meiner Stimme war die Unsicherheit zu hören. Erial legte seinen Kopf zur Seite, als würde er überlegen, was er nun sagen könnte. Kurz herrschte Stille. "Du bist in Sicherheit. Mehr brauchst du gerade nicht wissen", sagte er knapp. Mehr würde er mir nicht verraten. Das war sicher. "Bin ich das wirklich?" Nun drehte ich mich doch nochmal zu ihm um. "Das bist du, Jane." War das ein Versprechen? "Solange du hier bist, wird dir nichts passieren. Dafür werde ich sorgen." Zum ersten Mal spürte ich etwas wie Wärme bei Erial. Fast schon Sanftheit. Ihm war anscheinend klar, wie wichtig mir diese Antwort war. Mir war bewusst, dass ich hier festsaß. Genauso, dass ich ihm oder irgendjemand anderes in dem Haus nicht vertrauen konnte. Meine Mutter hat mir das Versprechen abgenommen, dass ich mich nicht auf sie einlassen würde. Sie hat mir auch verheimlicht, dass mein Vater nicht der Mann war für den ich ihn hielt. Ich war müde. Bis in meine Knochen konnte ich die Müdigkeit spüren. Sie zog an meinem Körper. Wieso sollte ich mich nicht davon herunterziehen lassen? Gerade konnte ich sowieso nicht mehr machen. Ich saß hier fest, mein Köper war verletzt und meine Realität eine Illusion. Entweder ich würde meine Kraft anwenden, wo ich sowieso keine Chance hatte oder eben auf den richtigen Moment warten. Das schien das Schlauste gerade für mich zu sein. "Danke." Mehr konnte ich Erial nicht zusprechen. Ihm schien das bewusst zu sein, denn er hob nur sein Glas. Dann öffnete ich die Tür und verließ das Zimmer. Natürlich standen schon zwei Männer bereit. Doch nur einer kam auf mich zu. "Kain ist gerade beschäftigt. Ich werde dich zu deinem Zimmer begleiten." Er war kleiner als Kain und Erial. Vielleicht nur ein Kopf größer als ich. Doch seine Schultern waren breit und wie bei Kain waren seine Muskeln deutlich zu erkennen. Er würde mich auch ohne Mühe einholen und tragen können. "Mein Name ist Alexander", stellte er sich vor. Dabei schenkte Alexander mir ein Lächeln, dass überraschend nett war. Tatsächlich erreichte es seine Augen. Die groß und in einem tiefen Blau war. "Jane." Alexander nickte, als wüsste er schon wie ich heiße. Dann wand er sich um und lief los. Genauso wie bei Kain machte mir das klar, dass sie keine Gefahr in mir sahen. Wortlos folgte ich ihm. Wie auch davor liefen wir einen langen Flur mit mehreren Türen entlang, bis wir durch einen Bogen in die Empfangshalle kamen. Kurz huschte mein Blick zu der Eingangstür. Doch ich ließ mich nicht beirren. Sicherlich war sie seit gestern zugesperrt. Kain schien nicht wie jemand zu sein, der einen Fehler wiederholen würde. Vor allem wenn dieser auf Vertrauen basierte. Falls ich mir jedoch immer noch dessen unsicher sein sollte, verriet mir der kurze Blick von Alexander über die Schulter, dass meine Vermutung richtig war. "Ich setzte heute aus - Kopfschmerzen." Keine Ahnung, wieso ich dachte, dass mein Kommentar notwendig wäre. Zu meiner Überraschung musste Alexander lachen, was er jedoch sofort verdrängte. Mein Blick entging ihm dabei nicht. "Kain war ziemlich wütend", erklärte er. "Die Schuhe waren noch neu." Bei der Erinnerung verzog ich kurz mein Gesicht, doch konnte mir dann doch kein Grinsen verkneifen. "Ich war schon immer schlecht im Laufen gewesen." Seine Schultern bebten und ich wusste, dass es mit ihm anders sein würde. Wir erreichten das Zimmer. Ich weigerte mich, es mein Zimmer zu nennen. "Also, falls du etwas brauchst, kannst du Bescheid geben. Ich bin hier." Alexander hielt mir die Tür auf, schenkte mir noch ein letztes Lächeln und schloss sie. Nun war ich wieder alleine. Etwas hilflos schaute ich mich um. Was nun? Für eine Weile stand ich nur herum, bis ich mich beschloss zu schlafen. Vielleicht gingen dann die Kopfschmerzen fort? Tatsächlich schlief ich ein, sobald ich mich zugedeckt hatte, doch der Schlaf war leicht. Nach einer halben Stunde war ich wieder wach und gab auf. Die Kopfschmerzen würden so auf jeden Fall nicht verschwinden. Weshalb ich eine Tablette nahm und mit Wasser herunterschluckte. Dann hatte ich nichts zu machen, außer zu warten. Auf was war ich mir nicht sich, aber was sonst sollte ich machen? Ich hatte bereits alles in dem Zimmer angeschaut. Die Kommode beinhaltete Klamotten und Unterwäsche. Alles passte mir. Im Bad war eine Dusche, ein Waschbecken und eine Toilette. Selbst die Inhaltsangabe der Cremes hatte ich bereits gelesen. Der Fernseher funktionierte komischerweise nicht. Obwohl etwas in mir sagte, dass er bewusst nicht ging. Das Gespräch mit Erial fiel mir wieder ein. Die Sachen, welche er zu mir gesagt hatte, wiederholten sich in meinem Kopf, als würde ich ein Aufnahmegerät abspielen lassen. Wieso hatte er gedacht, dass ich wusste, wer er war? Geschwiege denn, weshalb meine Mutter sterben musste? Sein ernster Blick hatte mich wirklich verunsichert und mir auch Angst eingejagt. Wenn er mir nicht geglaubt hätte, was wäre dann passiert? Ein Schaudern durchfuhr mich. Ich sollte an sowas gar nicht erst denken. Auch nicht daran, wie schön seine Augen gewesen waren. Solch ein Grün hatte ich noch nie gesehen. Mir war klar, dass grüne Augen nicht oft vorkamen, doch solch eine klare Augenfarbe hatte ich noch nie gesehen. Erial war an sich ein schöner Mann. Durfte man sowas über den Mann sagen, der einen festhielt und als Mittel zum Zweck verwenden wollte? Mürrisch ließ ich mich zur Seite fallen und stöhnte laut. Wenn ich wenigstens ein Buch zum Lesen hatte! Irgendetwas womit ich mich ablenken konnte. Ich wollte nicht die ganze Zeit an das denken müssen, was war. Vor allem solange mir das nichts außer Panik und Schmerzen verursachte. Entschlossen stand ich auf. Alexander stand rechts neben der Tür. In seiner Hand ein Messer? Eher nebenbei drehte er es auf seiner Fingerspitze. Dabei sah das gute Stück nun wirklich nicht stumpf aus. Ganz im Gegenteil, das Messer schien sehr scharf zu sein. Kaum bemerkte er mich, hatte ich seine Aufmerksamkeit. Das Messer verschwand in seiner Hosentasche. "Jane, wie kann ich dir helfen?" Er klang, als würde er sich freuen mich zu sehen. Ihm musste genauso langweilig sein, wie mir auch. "Kann ich ein Buch oder so haben?", fragte ich. "Ich kann nicht schlafen und meine Gedanken-" Als mir bewusst wurde, dass ich ihm gerade erzählen wollte, dass mein Kopf ein Chaos war, hielt ich inne. Ich kannte Alexander gerade einmal seit einer Stunde. Wieso wollte ich mich ihm gegenüber erklären? "Klar, war liest du so?" Ihm schien meine Verwirrung komplett zu entgehen. Tatsächlich sah er etwas erleichtert aus. "Eigentlich alles. Vielleicht etwas leichtes? Einfach um mich abzulenken." Seine Miene wurde ernst, als würde er nachdenken. Dann schnippte er mit seinen Fingern. "Gib mir 10 Minuten." Eilig kam er auf die Tür zu. Verwirrt schaute ich ihn an. "Ich muss zusperren. Anordnung von oben", erklärte er. Dabei hatte er den Blick von einem Hund, der getreten wurde. Seine Augen waren das Problem. Sie zeigten deutlich was er dachte und fühlte. Dadurch hatte ich Gefühl sicher bei ihm zu sein. Zumindest mehr als bei Erial und Kain. "Oh, ok." Schon war die Tür zu und ich hörte das Klicken. Ich war wieder eingesperrt. Ungeduldig lief ich im Zimmer auf und ab. Die Tablette wirkte langsam und ließ den Schmerzen zu einem schwachen Pochen werden. Welches Buch würde mir wohl Alexander bringen? Nach einer Weile hörte ich das Klicken wieder. Alexander stand mit einem Buch im Türrahmen. "Hoffentlich gefällt es dir. Wenn nicht, sag mir einfach bescheid." Das Buch welches er mir hinhielt war nicht besonders groß. "Die Farbe von Milch", lass ich laut den Titel vor. Davon hatte ich noch nicht gehört. Dementsprechend hatte ich es auch noch nicht gelesen. Da es recht dünn war, konnte der Inhalt wahrscheinlich nicht zu anstrengend sein. Zusammen mit dem Buch setzte ich mich auf das Bett und begann zu lesen. Der Anfang war zwar etwas holprig, doch eher ich mich versah war ich in einer komplett anderen Welt. Als Alexander mir das Abendessen brachte, war ich bei der letzten Seite. "Scheint gut anzukommen?" Schon wieder dieses Grinsen. "Wenn du aufgegessen hast, bring ich dir ein neues." Obwohl ich nicht wirklich Appetit hatte, war mir klar, dass er mir einen Deal anbot. Den ich gerne annahm, wenn das bedeutete, das ich mich irgendwie ablenken könnte. Den restlichen Abend und bis in die Nach lass ich "Interview mit einem Vampir", als mir am nächsten Tag von Kain mitgeteilt wurde, dass Erial heute keine Zeit für mich hatte, legte er wortlos ein neues Buch auf den Nachtisch. Die nächsten Tage vergingen so. Erial hatte keine Zeit, weshalb wir nicht reden konnten, ich aß brav mein Essen und bekam meine Bücher. Ich tat nichts anderes, als zu lesen. Nur Nachts, in meinen Träumen holte mich das ein, was ich tagsüber verdrängte. Es war nicht selten, dass ich schreiend aufwachte. Meine Brust stark bebend, mein Atem laut und abgehackt. Zuerst waren diese Emotionen zu viel für mich und ließen mich weinen. Doch mittlerweile verursachten sie Schlaflosigkeit und eine Leere in mir, die mich erschütterte. Ich gewöhnte mich daran, die leeren Augen meiner Mutter vor mir zu sehen. Dass ich nichts machen konnte und dennoch alles dafür geben würde, nur eine Sekunde eher verstanden zu haben, was in der Nacht passiert war. Die ersten Nächte, als ich mit einem Schrei aufgewacht war, kam immer jemand herein. Kain, Alexander oder jemand anderes. Ihre Hände am Griff ihrer Waffe und die Augen suchend. Als sie verstanden, das niemand mit mir im Raum war und mir etwas antun wollten, entspannten sie sich etwas. Kain hatte mir nach dem zweiten Mal wortlos Schlaftabletten gegeben. Die mir fremden Männern schienen immer etwas verunsichert, aber verließen das Zimmer nachdem sie eine Weile gewartet hatten. Am schlimmsten war es mit Alexander. Das erste Mal war er zu mir gekommen und hatte mir zugeflüstert, dass alles in Ordnung sei. Doch nichts war in Ordnung. Nicht Nachts. Weshalb ich ihn durch Tränen anfauchte zu gehen. Er solle mich alleine lassen. Was er tat. Jedoch nicht ohne einen letzten traurigen Blick in meine Richtung zu werfen. Seitdem schien mir, dass er immer öfters die Nachtschicht vor meinem Zimmer übernahm. Wenn er mich schreien hörte, kam er herein und wartete, bis ich genug Kraft hatte, um ihn herauszuschicken. Ich wollte nicht vor ihm zerbrechen. Es reichte, dass er meinen Tag einnahm und berstimmte. Die wunden Momente in der Dunkelheit waren zwar schrecklich, aber dennoch, etwas was nur mir gehörte. Ich fühlte mich bereits schwach. Seine Anwesenheit half nicht. Ich musste beim Lesen von "Circe" eingeschlafen sein, denn als ich aufschreckte und mir gerade noch ein Schrei unterdrücken konnte, fiel das Buch vom Bett. Mit meinen Händen auf den Mund gepresst, atmete ich tief ein und aus. Erneut hatte ich den Tot meiner Mutter miterlebt. Nur hatte sie diesmal mit mir gesprochen. Mir erzählt, was sie auf der Arbeit passiert war und wieso sie morgen einkaufen müsse. Dabei immer diesen leeren Augen auf mich gerichtet. Meine Augen brannten. Ich musste mich ablenken. Immer noch von dem Traum erschüttert, griff ich nach dem Buch. Gerade als ich es hatte, öffnete sich die Tür. "Mir geht es gut, Alexander." "Du klingst aber nicht so." Mein Kopf schoss hoch. Nicht Alexander stand im Raum, sondern Erial. Er trug einen Smoking und schloss die Tür. Dann richtete er seine Augen auf mich. Selbst durch das Nachttischlicht konnte ich das klare Grün erkennen. "Wir müssen reden, Jane."
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