Kapitel 1: Der Mann, der tot hätte bleiben sollen
Der Regen kam ohne Vorwarnung.
Er prasselte auf den endlosen Strom von Fahrzeugen nieder, die sich in Richtung Flughafen Heathrow vorwärts quälten, und verwandelte den Abendverkehr in ein Meer aus roten Bremslichtern, die sich auf dem glitschigen Asphalt spiegelten.
In einem schwarzen Krankenwagen, der durch den Regenguss raste, war die Atmosphäre weitaus kälter als das Wetter draußen.
„Der Blutdruck sinkt!“
„Puls?“
„Wir verlieren ihn!“
Die Rettungssanitäterin Olivia Barnes zog die Sauerstoffmaske fester über das Gesicht des bewusstlosen Mannes. Sein Reisepass identifizierte ihn lediglich als Patient X. Fünfunddreißig Jahre alt. Keine Angehörigen. Keine Krankengeschichte.
Aber irgendetwas stimmte mit ihm nicht.
Seine Haut war nicht blass.
Sie hatte eine seltsame graublaue Färbung angenommen, als wäre das Leben aus jeder Ader gewichen.
Sie drückte zwei Finger gegen seinen Hals.
Nichts.
Der Herzmonitor heulte auf.
Ein langer, ununterbrochener Ton erfüllte den Krankenwagen.
Herzstillstand.
„Zeitpunkt des Todes“, flüsterte der Fahrer grimmig.
„18:47 Uhr.“
Stille breitete sich im Fahrzeug aus.
Nur der Regen trommelte gegen das Dach.
Olivia zog langsam ihre Handschuhe aus und starrte auf den leblosen Körper.
Ein weiterer ungeklärter Todesfall.
Der dritte in dieser Woche.
Sie griff nach dem Reißverschluss des Leichensacks.
Da …
Tick.
Ihre Armbanduhr blieb stehen.
Sie runzelte die Stirn.
Die Digitaluhr über dem Fahrersitz flackerte.
Die Blaulichter des Krankenwagens blinkten einmal.
Zweimal.
Dann wurde alles dunkel.
„Was zum Teufel?“
Der Fahrer schlug auf das Armaturenbrett.
Der Motor stotterte.
Alle elektronischen Geräte im Krankenwagen fielen gleichzeitig aus.
Genau drei Sekunden lang.
Dann –
funktionierte alles wieder.
Der Herzmonitor sprang plötzlich wieder an.
PIEPS!
PIEPS!
PIEPS!
Olivia erstarrte.
Unmöglich.
Die flache Linie war verschwunden.
Ein Herzschlag.
Kräftig.
Schnell.
Zu schnell.
Langsam wandte sie sich der Leiche zu.
Deren Finger zuckten.
„Nein …“
Die Brust hob sich.
Dann senkte sie sich wieder.
Die Augen rissen auf.
Sie waren nicht mehr menschlich.
Die Pupillen waren verschwunden.
Nur blutrote Iris starrten sie an.
Der Mund des Mannes verzog sich zu einem unnatürlichen Grinsen.
Bevor Olivia schreien konnte –
prallte der Krankenwagen gegen ein anderes Fahrzeug.
Metall kreischte.
Glas zersprang.
Der Körper wurde von der Trage geschleudert.
Die Hintertüren sprangen auf.
Regen strömte herein.
Der bewusstlose Mann verschwand in der Dunkelheit.
…
Am anderen Ende der Stadt…
Der ehemalige SAS-Hauptmann Ethan Carter stand auf dem Balkon seiner kleinen Wohnung und blickte auf die leuchtende Skyline von London.
Sein Handy vibrierte.
EMILY: „Morgen Abend essen? Sag diesmal nicht ab.“
Ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht.
Seine jüngere Schwester gab einfach nie auf.
Er tippte eine Antwort.
„Würde es nicht verpassen. Versprochen.“
Er drückte auf „Senden“.
Zum ersten Mal seit Monaten …
glaubte er diesen Worten.
Hinter ihm lief im Fernsehen weiterhin die Abendnachrichten.
„…Gesundheitsbehörden untersuchen mehrere ungeklärte Todesfälle im Zusammenhang mit Passagieren, die über den Flughafen Heathrow eingereist sind. Die Behörden betonen, dass kein Grund zur Besorgnis in der Bevölkerung besteht…“
Ethan schaltete den Ton des Fernsehers stumm.
Regierungsvertreter sagten immer, es gebe keinen Grund zur Sorge.
Bis es doch einen gab.
Er griff nach seiner Jacke.
Ein gerahmtes Foto rutschte vom Regal.
Es landete mit der Vorderseite nach oben.
Eine lächelnde Frau.
Seine Frau.
Sarah.
Seit drei Jahren tot.
Er hob es vorsichtig auf.
„Ich gebe mir Mühe“, flüsterte er.
Draußen…
Ein Blitz zerriss den Londoner Himmel.
Für den Bruchteil einer Sekunde…
Stand eine einsame Gestalt regungslos auf der anderen Straßenseite.
Klatschnass.
Mit gesenktem Kopf.
Regungslos.
Beobachtend.
Ethan runzelte die Stirn.
Die Gestalt hob langsam den Kopf.
Ihre Blicke trafen sich.
Dann …
gingen die Straßenlaternen aus.
Eine nach der anderen.
Dunkelheit verschlang den gesamten Häuserblock.
Als das Licht wieder anging –
war die Gestalt verschwunden.
Ethans militärische Instinkte wurden geweckt.
Irgendetwas fühlte sich falsch an.
Nicht gefährlich.
Noch nicht.
Nur …
Falsch.
Meilen entfernt gingen bei den Notrufzentralen Hunderte von Anrufen ein.
Meldungen über gewalttätige Übergriffe.
Menschen, die Fremde angriffen.
Bisse.
Unprovozierte Morde.
Im St. Bartholomew’s Hospital filmten Überwachungskameras einen Mann – der weniger als zwanzig Minuten zuvor für tot erklärt worden war –, wie er ruhig aus der Leichenhalle schlenderte.
Niemand bemerkte ihn.
Nicht, bis das Schreien begann.