Kapitel 1
Als Alice erwachte, spürte sie am ganzen Körper eine bleierne Schwäche und Mattheit. Im plötzlichen Erschrecken darüber, dass sie auf ihrer Fahrt womöglich ihre Haltestelle verschlafen hatte, riss sie die Augen auf. Über ihr wölbte sich jedoch der Himmel eines Bettes, das von rahmgelben Vorhängen umschlossen war, und ihr Körper war in eine dünne, dunkelrote Decke gehüllt. Alice runzelte die Stirn, und ihr Geist war von tiefer Verwirrung erfüllt: Sie war doch unverkennbar im Omnibus ein wenig herbeigeschlummert – wie um alles in der Welt kam sie dazu, in einem so bequemen, prächtigen Bette zu liegen?
Sollte dies am Ende gar ein Traum sein? So dachte Alice; doch schien ihr dieses Traumbild hiefür allzu wirklich zu sein.
Das Gemach, darin Alice lag, war sehr düster. Durch den Spalt der Vorhänge am Fußende des Bettes vermochte sie auf der gegenüberliegenden Seite den Kamin zu erblicken, in welchem ein mattes, orangefarbenes Feuer glomm. Dies war fürwahr seltsam, denn in ihrem ganzen bisherigen Leben hatte sie noch niemals ein Zimmer bewohnt, das mit einem Kamin geziert war.
Da die Vorhänge zu beiden Seiten des Bettes nicht herabgelassen waren, erblickte Alice den Nachttisch, auf dem eine gläserne Wasserkaraffe stand, sowie eine Frisiertischleitung unweit des Bettes und einen großen, kunstvoll geschnitzten Kleiderschrank auf der gegenüberliegenden Seite.
Dieses Zimmer war ihr gänzlich fremd; keines dieser Möbelstücke war Alice vertraut, und sie hätte beschwören können, diesen Raum noch nie im Leben betreten zu haben. So musste es sich in der Tat um einen wunderlichen Traum handeln.
Gerade als Alice sich anschickte, das Bett zu verlassen, vernahm sie von draußen Schritte auf dem Korridor.
Sie wandte den Kopf und bemerkte, dass die Tür des Gemachs nicht vollständig ins Schloss gefallen war. Durch den schmalen Spalt gewahrte sie die Silhouette einer Gestalt, die dort draußen verweilte.
„Annoli, schau doch nicht so drein, als stünden wir vor dem Jüngsten Gericht! Das Fräulein wird schon wieder zu sich kommen. Sie ist bloß unter der Last des Kummers in Ohnmacht gefallen“, sagte eine Mädchenstimme mit unverkennbarer Ungeduld im Flüsterton.
„Susi, wie kannst du nur so kaltherzig sein? Das Fräulein war stets überaus gütig zu uns, und nun, da sie darniederliegt, empfindest du nicht den geringsten Schmerz“, beklagte sich das andere Mädchen.
„Da irrst du dich gewaltig! Gütig war sie bloß zu dir, denn du bist ihre Leibzofe, ich hingegen bin es nicht.“
Das Mädchen namens Susi war über Annolis Worte sichtlich ungehalten; ihr Tonfall klang scharf und schneidend, obgleich sie klug genug war, die Stimme gedämpft zu halten.
„Susi, du vergisst dich! Deine Unbotmäßigkeit geht zu weit.“
„Unbotmäßigkeit? Nach dem nächsten Monat wird sie nicht mehr unsere Herrin sein – ja, überhaupt keine feine Dame mehr, an keinem Orte der Welt! Dieses Anwesen fällt durch Erbe an ihren Vetter, Master Edward, und ich habe fortan nur noch meiner künftigen Herrin Respekt zu zollen“, entgegnete Susi mit einem verächtlichen Schnauben.
„Schweig, Susi! Es steht dir nicht zu, solche Reden zu führen. Selbst wenn Master Edward das Gut übernimmt, so wird er gewiss seine eigene Dienerschaft mitbringen. Glaubst du etwa ernstlich, man würde dich hier behalten, damit du dich weiter so aufspielen kannst?“, schalt Annoli. „Gib mir das Tablett und pack dich fort!“
„Trag nur den Kopf nicht so hoch! Wenn jener Tag kommt, wird sie kaum in der Lage sein, sich selbst zu ernähren, und für dich wird dabei erst recht kein Vorteil abfallen“, gab Susi zurück.
Daraufhin war das leise Klirren von Geschirr und das Geräusch schwerer Schritte zu vernehmen. Die Tür wurde aufgestoßen, und eine junge Frau in weißer Schürze und einer weißen Stoffhaube trat herein, ein Tablett in den Händen haltend.
Alice schloss augenblicklich die Augen und stellte sich schlafend, hielt jedoch die Ohren scharf gespitzt, um das Geschehen um sie her zu belauschen.