„Pass auf, Viki, da ist eine Stufe.“ Kim trug die Koffer und ging voraus, während seine Frau nur wenige Schritte hinter ihm war. Unter ihrer Kleidung zeichnete sich schon ein leichter Babybauch ab, den sie aber noch mit weiter Kleidung verbergen konnte.
„Da seid ihr ja.“ Eine etwas ältere Frau kam mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Kim umarmte sie freundlich und Viki tauschte mit ihr einen Wangenkuss aus. „Wie war die Fahrt? Seid ihr gut durchgekommen? Wie geht es dem Baby?“
Sie legte ihre Hand auf den leicht, runden Bauch und lächelte stolz. Dabei kamen schwache Falten zum Vorschein. Ihr blondes Haar wurde schon von ein paar grauen Strähnen durchzogen, während ihre grünen Augen vor Glück strahlten. Kim mochte seine Schwiegermutter sehr, auch wenn er immer wieder verwundert war, dass sie alleine in diesem Haus wohnte. Er selbst hatte zwei Mütter gehabt, aber so wie er es in den letzten Jahren mitbekommen hatte, war es eher üblich, dass die Kinder alleine aufgezogen wurden.
„Es geht ihm gut. Danke, dass wir bei dir unterkommen können.“ Viki lächelte zurück und folgte ihrer Mutter dann weiter ins Haus. „Ja, kein Problem. Du wirst hier immer ein Zuhause haben, mein Kind.“ Kim selbst blieb ein wenig zurück und sah den beiden Frauen dabei zu wie sie langsam im Wohnzimmer verschwanden. Er selbst wählte den Weg nach oben, um dort ihre Koffer unterbringen zu können.
Auch jetzt noch spürte er die unsagbare Dankbarkeit der Ärztin gegenüber, die ihnen die Krankschreibung wegen Burn Out gegeben hatte und auch weiterhin die Kontrolle für das Kind übernehmen wollte. Er war nur froh, dass es in dieser Welt auch noch vernünftige Frauen gab, die erkannten, wie krank dieses System mittlerweile war und schon lange weit über das Ziel hinaus schoss.
Er genoss die Ruhe, die hier herrschte und spürte, dass er kurz Sehnsucht nach seiner eigenen Familie hatte. Es war schon lange her, dass er sie das letzte Mal gesehen hatte und jetzt wo er begriff, wie schwierig es war ein geliebtes Kind, das an sich nicht existieren durfte, dennoch am Leben zu erhalten, wurde seine Zuneigung ihnen gegenüber noch größer.
„Was habt ihr jetzt geplant?“ Kim betrat gerade das Zimmer, als er die Stimme von seiner Schwiegermutter vernahm. Die beiden Frauen saßen auf der Couch. Vor ihnen standen Kekse und Tee auf den Tisch. Vikis Hände waren von denen ihrer Mutter bedeckt und kurz hatte Kim das Gefühl, dass er hier störte. Doch im nächsten Moment trafen sich ihre Blicke und er wagte es näher zu kommen.
„Wir würden gerne bis zur Geburt hier bleiben. Die Krankschreibung lässt dies zu und sobald unser Kind dann offiziell existiert, würden wir wieder zurückgehen. Ich weiß ja, dass es dir finanziell nicht so gut geht.“ Viki griff nach Kims Hand, als dieser sich neben sie setzte, und drückte sie leicht. Kim erwiderte den Griff sanft und spürte, dass er niemals von der Seite dieser Frau weichen wollte.
„Die ersten Monate können wir dir auch etwas geben, aber dann werden sie uns bald den Geldhahn zudrehen. Vor allem weil sie halt sagen, dass sich Kim derweil eine Arbeit suchen soll. Aber wir finden beide, dass dies nur ein unnötiges Risiko ist.“ Viki blieb ruhig und im nächsten Moment sah die Mutter Kim an, wodurch dieser nur kurz lächelte.
„Ich hoffe, dass es für dich in Ordnung geht, Roswitha.“ Kim senkte kurz betrübt den Blick. Er wusste, dass er es unnötig kompliziert machte, aber Viki war schon immer dagegen, dass er sich einen Job suchte. Sie hatte einfach Angst, dass sein wahres Geschlecht dadurch auffliegen könnte. Eine Angst, die er durchaus verstehen konnte, aber vor allem in solchen Momenten fühlte er sich unheimlich nutzlos.
„Wir werden das Kind schon irgendwie schaukeln.“ Die Frau lachte auf und tätschelte das Knie von Viki, bevor sie Kim still einen Teller mit Keksen anbot, doch dieser hob dann ablehnend die Hand. Er war noch nie ein Fan von Süßen gewesen. Schon als Kind fand er Chips und Co viel leckerer. Etwas, was seine Mütter und alle anderen Erwachsenen immer irritierte. Doch so war er nun einmal.
„Danke.“ Ein Gefühl, dass sie beide gleichzeitig kundgaben und sie sich so kurz überrascht ansahen und dann lächelten. Er liebte diese kleinen Übereinstimmungen, die ihm zeigten wie sehr sie doch harmonierten.
„Nicht dafür. Fühlt euch wie Zuhause.“ Kim konnte seine Erleichterung wirklich nicht in Worte fassen. Er war Roswitha für diese Unterstützung so unendlich dankbar. Es tat gut zu hören, dass jemand hinter ihnen stand und ihnen den Rücken stärkte. Dennoch hoffte er, dass ihnen das fehlende Geld nicht doch irgendwann das Genick brach. Sie mussten ja nur ein paar Monate überstehen. Das musste doch machbar sein, oder nicht?
Dort war wieder die sanfte Berührung von Viki und er lächelte sie an. Sie gab ihm mit so kleinen Gesten unendlich viel Kraft und er wünschte, nein hoffte, dass er auch so eine große Stütze war, wie sie für ihn. Er wollte ihr nämlich nicht unnötig zur Last fallen. Das hatte sie nicht verdient. Nicht nachdem er für sie immer wieder ein unkalkulierbares Risiko wurde.
„Ich liebe dich“, flüsterte er und küsste sie dann sanft. Sie erwiderte seinen Kuss und er spürte, dass sie alles schaffen konnten. Auch dieses Kind auf die Welt bringen ohne dass ihre wahre Entstehungsgeschichte ans Licht kam. Es war etwas, was er sich aus tiefsten Herzen wünschte.
„Was hat deine Arbeitgeberin gesagt?“, mischte sich jetzt wieder Roswitha ein und Kim wollte gerade sprechen, als Viki ihm schon zuvor kam: „Sie war überrascht, aber hat es dann akzeptiert und mir eine gute Besserung gewünscht. Es ist doof, weil gerade ein sehr wichtiges Projekt ansteht, aber...“
Sie stoppte und legte ihre Hände auf den Bauch, als sie glücklich lächelte und Kim wusste welche Worte als nächstes kamen: „Dieses Projekt ist jetzt viel wichtiger.“ Alleine bei dem Gedanken an sie begann er selbst glücklich zu strahlen. Am Anfang hatte er lange Schuldgefühle gehabt, weil er sie in diese ungünstige Lage gebracht hatte, doch jetzt konnte er sich aus tiefsten Herzen freuen. Sie wurden eine kleine Familie und das ohne irgendeinen Erzeuger oder Arzt. Dieses Kind wurde natürlich gezeugt und war ein unumstößlicher Beweis ihrer Liebe.
„Da hast du Recht, Kleine. Konzentriert euch auf dieses kleine Wesen. Da gibt es genug zu bedenken. Vor allem wenn es eigentlich nicht existieren dürfte. Den Rest schaukel ich dann schon. Ihr könnt euch auf mich verlassen.“ Roswitha grinste breit und erneut konnte Kim nur dankbar sein. Er wusste, was es für ein Risiko auch für sie bedeutete. Selbst das Wissen oder der Fakt, dass sie einen Mann in ihrem Haus wohnen ließ.
„Ich bringe euch alle in Gefahr.“ Dort waren sie wieder. Diese unnachgiebigen Schuldgefühle, die sich langsam in sein Herz fraßen und alle positiven Gefühle vernichteten. Vielleicht wäre es besser, wenn er einfach ging. Dann hatten sie bestimmt genug Geld.
„Hör auf!“ Vikis Stimme war schroff und durchschnitt Kims Gedanken wie ein heißes Messer ein Stück Butter. Er sah sie überrascht an und erkannte nur Wut und schon fast eine leichte Art von Schmerz. Langsam richtete er sich auf und schluckte kurz trocken. Es konnte ja kaum sein, oder doch?
„Mit was denn?“, fragte er unschuldig nach und Vikis Augen funkelten kurz vor Zorn, bevor sie sich erneut ein wenig anspannte, um ihn zu antworten: „Mit diesen jämmerlichen Schuldgefühlen und vor allem mit dem Gedanken zu verschwinden. Diese Option wird niemals auch nur im Ansatz wahr werden. Und ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass ich auch einfach Nein sagen hätte können. Habe ich nicht. Wir sind also beide schuld daran und werden dennoch das Beste daraus machen. Verstanden? Hier wird nicht gekniffen!“
Kim war erst überrascht, doch dann lächelte er glücklich. Es klang zwar schroff, aber die Nachricht darin war so wunderschön, dass er nicht anders reagieren konnte. Ja, er wollte ja nicht wirklich gehen, aber manchmal hatte er halt das Gefühl, dass er Viki damit ihr Leben leichter machen konnte. Aber scheinbar wollte sie kein einfaches Leben. Sie wollte ihn. Niemand anderen. Ein Gefühl wofür er sie liebte und das jede Sekunde, die er sie länger ansah, ein Stück größer wurde.
Ja, sie schafften das. Dieses Baby würde auf die Welt kommen und wer wusste schon... vielleicht würde es die Welt verändern. Sie aus diesem grausamen Alptraum befreien und die wahre Gerechtigkeit erschaffen. Er wusste nicht, ob er das hoffen sollte, denn dies war mit vielen Gefahren verbunden. An sich hoffte er nur eines: Dass es gesund auf die Welt kam. Alles andere war für ihn unwichtig und würde sich im Laufe des Lebens zeigen. Und egal, wie es sich entschied, er würde es immer lieben...