Szene 30

1023 Worte
Rick hatte nun fast alle Tätigkeiten durch und er fühlte sich immer noch total idiotisch. Nirgends war er wirklich gut, aber bei einer Sache hatte er sich nicht ganz so doof angestellt. Und das war das Ausweiden und Verarbeiten von den erlegten Tieren. Ted stellte Werkzeug her, während Alfred und Herbert bei den Jägern und Sammler waren. Diese Gruppen waren die Einzigen, die täglich die Höhle verließen. Alle anderen gingen nur nach draußen, um ihr Geschäft zu verrichten oder sich zu waschen. Das Letztere kam vor allem in den kalten Monaten sehr selten vor. Rick hatte sein Leben in der Zelle schon sehr einfach und primitiv empfunden, doch jetzt kam es ihm fast wie der pure Luxus vor. Dennoch wollte er nicht dorthin zurück. Schließlich musste es doch noch eine andere Möglichkeit als diese zwei geben, oder nicht? „Du machst dich langsam richtig gut.“ Ted grinste Rick breit an, als er sich neben ihn niederließ und ihm dann ein neues Messer aus Stein reichte. „Hier, hab ich frisch gemacht. Es sollte besser gehen als dein Jetziges.“ Kurz berührten sich ihre Finger bei der Übergabe, doch Rick ignorierte es und nickte. „Danke. Es begann langsam mühselig zu werden.“ Ruhig setzte er an und begann das Kaninchen zu häuten, bevor er das Fleisch von den Knochen löste und die Sachen auf die einzelnen Haufen legte. Andere Männer nahmen sich davon, um es dann weiter zu verarbeiten. „Fühlst du dich hier wohl?“ Ted blieb neben ihm und Rick wusste nicht, was er davon halten sollte. Klar, der Blondschopf war immer wieder mal in seiner Nähe. Nur wenige Männer sprachen überhaupt mit Rick, wodurch er ihre Gespräche meistens genoss, doch mittlerweile wirkte er schon penetrant auf ihn. Etwas, was ihn ein wenig irritierte. „Wohler als im Gefängnis.“ Rick ließ den Satz so im Raum stehen und Ted wirkte sogar ein wenig bedrückt, bevor er näher kam, sodass er eine etwas privatere Unterhaltung führen konnte. „Na ja, das ist, glaube ich, keine Kunst. Von dem, was du uns so erzählt hast. Alleine bei dem Gedanken daran oder auch an die Sachen, die man dir aufgezwungen hat, graust es mir. Irgendwie kann man da schon fast froh darüber sein, dass man als ungeeignet angesehen wurde und deswegen ausgesetzt wurde. Ich weiß, dass es hier auch nicht perfekt ist. Aber wenigstens sind wir frei und können tun und lassen was wir wollen.“ Er lachte auf und berührte dann kurz den Oberschenkel von Rick. Es war nur flüchtig, aber dennoch nahm er es wahr und es war ihm in diesem Moment unangenehm. Er verstand nicht, warum Ted ihm immer näher kam. Immer wieder berührte er ihn. Am Anfang dachte er noch, dass es nur Zufall war, doch mittlerweile erkannte er ein leichtes System darin. Es war gewollt und das machte es für Rick unangenehm. „Mag sein. Es ging schon irgendwie.“ Er zuckte mit den Schultern und hoffte, dass er somit das Thema für beendet erklärt hätte, doch Ted schwieg nicht: „Na ja, alles geht irgendwie. Aber zum Beispiel dieser Stimulator an deiner Prostata, der dich immer wieder geil gemacht hat ohne dass du Kommen kannst. Abartig. Oder auch dieses Melken. Ein Orgasmus ohne das Glücksgefühl davon wirkt doch schon fast lächerlich. All das ist doch nur unnötige Tortur. Bestimmt könnte man es doch angenehmer für die Männer gestalten.“ „Vielleicht. Ich weiß es nicht. Sie tun es auf jeden Fall nicht. Musst du nicht zurück an deine Arbeit?“ Erneut hoffte Rick, dass er das Thema damit beenden konnte, doch Ted verstand nicht einmal den Wink mit dem Zaunpfahl. „Nein, ich hab gerade Pause. Warum kann man nicht friedlich miteinander leben. Keiner wird benachteiligt. Niemand ausgegrenzt und missbraucht. Es muss doch möglich sein. Alfred meinte, dass es wohl früher mal anders herum war. Dass wir Männer die Frauen nur als Dinge gesehen hatten mit denen wir machen konnten, was wir wollten. Ob das wohl Karma ist? Bekommen wir all unser schlechtes Verhalten von vor Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden zurück? Glaubst du an Karma, Rick?“ „Nie darüber nachgedacht.“ Wieso ging er nicht? Er wollte darüber nicht nachdenken. Darüber, was man ihm dort angetan hatte und er für das Normalste auf der Welt hielt. Denn wenn er es zuließ, dann müsste er sich auch eingestehen, in welch schlechter Position sein Kamerad war. Er wollte ihm helfen. Das war er ihm schuldig. Ohne ihn hätte er niemals an die Freiheit geglaubt und würde immer noch hinter Gittern sitzen. Aber nun saß er hier fest. Sie ließen ihn nicht aus den Augen. Für keine einzige Sekunde. Doch irgendwann würde die Zeit kommen. Irgendwann würde er abhauen können. „Echt nicht? Ich schon manchmal. Schließlich weiß ich, dass wir uns verstecken müssen, aber manchmal würde ich gerne eine der Frauen ansprechen, die im Wald Pilze sammelt. Sie sind schön und es gefällt mir sie anzusehen. Warum können wir nicht mehr miteinander leben?“ Ted wirkte niedergeschlagen und kurz tat er Rick Leid, doch dann verbannte er dieses Sympathiegefühl, bevor er ihm aufmunternd eine Hand auf die Schulter legte. „Kopf hoch. Vielleicht ist es irgendwann wieder möglich. Aber nicht, wenn wir die Frauen einfach so machen lassen. Wir müssen auch aktiv werden.“ Rick wollte gerade mehr sagen, als ihn der eiskalte Blick von Herbert traf und er sofort verstummte. Ruhig senkte er seinen Blick und schlug dem Kaninchen den Kopf ab, bevor er begann seine Innereien nach draußen zu holen und ihm das Fell abzuziehen. Ted neben ihm schwieg und sah ihm noch ein paar Minuten bei der Arbeit zu, bevor er sich irgendwann erhob und ging. Ohne eines Wortes des Abschiedes und Rick wurde es erneut bewusst: Seine Worte waren Hochverrat. Sie würden niemals aktiv werden. Lieber würden sie in dieser Wildnis sterben, als sich in einen Kampf zu stürzen, den sie vielleicht verlieren könnten. Warum sahen sie es nicht? Ihnen lief die Zeit davon, doch es war ihnen egal. So unendlich egal. Sie wollten nur hier in Frieden leben und dafür nahmen sie in Kauf, dass die Frauen sie nach und nach ausrotteten...
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