Kapitel 1: Seraphinas neues Leben
Seraphina war so sehr in ihr Schreiben vertieft gewesen, dass sie beinahe erschrak, als plötzlich eine kleine, neugierige Stimme neben ihr erklang.
„Dein Kleid ist aber riesig.“
Vor Schreck verschüttete Seraphina etwas Tinte auf die Seite ihres Tagebuchs. Sie drehte sich um und sah ein kleines Mädchen, etwa sieben oder acht Jahre alt, das ihr gegenüber auf der anderen Seite des Zugabteils saß.
„Vera!“, rief die Mutter des Mädchens von einigen Sitzreihen weiter hinten und tadelte sie.
„Oh. Entschuldigung. Dein Kleid ist nur wirklich … "bauschig."
Seraphina lächelte und nickte.
„Ich wünschte, ich würde ein hübsches Kleid wie deines tragen. "Das sieht viel bequemer aus.“
Veras Mutter rief sie schnell zurück, und Serah beobachtete, wie das Mädchen den Gang hinunter zu ihrer Familie lief. Es war das erste Mal während der gesamten Zugfahrt, dass jemand mit ihr gesprochen hatte. Seufzend setzte sie ihre Feder wieder auf das Papier.
Seraphina Dorthea Hale.
Was für ein schrecklicher Name.
Der Nachname wäre nicht einmal so schlimm, wenn er nicht direkt auf den Vornamen folgen würde. Seraphina ist ein schöner Name – für andere Frauen, die besser zu ihm passen. Für mich erinnert er mich immer an die Person, nach der ich benannt wurde.
Seraphina Hall.
Die Ehefrau und einzige Erbin des äußerst wohlhabenden Frederick Hall und eine kalte Frau, die mich zutiefst verabscheut. Außerdem ist sie meine Tante.
Meine Mutter glaubte, dass etwas von diesem Reichtum auf mich übergehen würde, wenn sie mich nach ihrer Schwester benannte. Sie irrte sich vollkommen.
Ich werde niemals verstehen, was mein freundlicher und liebevoller Onkel an dieser Frau gesehen hat.
Aber ich schweife ab.
Ich habe eine Entscheidung getroffen.
Da mich dort, wohin ich gehe, niemand kennt, werde ich mich Serah nennen ...
Der Zug begann zu bremsen und zog Serah nach vorne gegen ihren Sitz. Schnell fing sie das kleine Tintenfläschchen auf, das über den Tisch rutschte. Sie verschloss es, reinigte ihre Feder und pustete sanft über die geschriebenen Zeilen, damit die Tinte trocknete, bevor sie das Tagebuch schloss.
Anschließend verstaute sie ihre Schreibutensilien in der Seitentasche ihres Gepäcks, das ordentlich neben dem kleinen Tisch im Abteil stand.
Sie erhob sich und strich den weichen Stoff ihres ausladenden Kleides glatt.
Die weiten Röcke und das cremefarbene Bombasinkleid wirkten völlig fehl am Platz in der staubigen Viehstadt Red Hollow in New Austin.
Das Outfit war nicht ihre Wahl gewesen.
Die liebe Tante Seraphina hatte darauf bestanden, dass sie bei ihrer Abreise in ihr neues, leichtsinniges Leben ein ordentliches Kleid tragen müsse.
Nun würde sie in dieser kleinen Stadt sicherlich auffallen wie ein bunter Hund.
„Eine Abenteurerin“, hatte Tante Seraphina sie genannt und das Wort ausgesprochen, als wäre es eine Beleidigung.
Die harten Worte ihrer Tante schmerzten noch immer, und wenn Serah ehrlich war, war sie froh, dass diese Frau kein Teil ihres neuen Lebens sein würde.
Der Zug stieß einen lauten Pfiff aus, während die Bremsen kreischten.
Die Wucht zwang sie, sich an der nächstgelegenen Wand des engen Abteils festzuhalten.
Als der Zug schließlich zum Stehen kam, nahm Serah ihr Gepäck auf und stellte sich hinter einige andere Passagiere in die Schlange zum Aussteigen.
Ungeschickt stieß sie beinahe gegen jede Sitzreihe, während sie sich vorwärts bewegte.
Als sie endlich an der Reihe war, raschelten ihre Röcke laut, während sie sich durch die schmale Tür zwängte. Einer ihrer Koffer blieb hängen und riss beinahe schmerzhaft an ihrem Arm.
Für die Menschen auf dem Bahnsteig musste sie aussehen wie etwas, das geradezu aus dem Zug herausquoll.
Ein großer Mann starrte sie überrascht an und schüttelte den Kopf.
Serah musste sich ein Lachen verkneifen.
Sie war noch nie besonders gut darin gewesen, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen, und die Stadt Red Hollow hatte nun etwas – beziehungsweise jemanden – Neues, worüber man mindestens eine Woche lang reden konnte, bis etwas anderes die Aufmerksamkeit der Bewohner auf sich zog.
Der Gedanke machte sie erneut nervös, und ihr Lächeln verschwand.
Sie stieg vom Zug auf den Bahnsteig.
Ihre Taschen waren schwer, also stellte sie sie zunächst neben sich ab.
Um sie herum begrüßten andere Reisende ihre Angehörigen mit Umarmungen, Handschlägen und freudigen Lächeln.
Niemand wartete auf sie.
Der Mann, den sie besuchen wollte, wusste nicht einmal, dass sie kam.
Sie musste schnell eine Kutsche finden.
Die Mittagssonne brannte erbarmungslos, und in ihrem schweren Kleid wurde ihr bereits viel zu heiß.
Schweiß rann zwischen ihre Brüste, und sie seufzte, während sie ihr Gepäck erneut anhob.
Die überraschten Blicke der Menschen ignorierend, ging sie durch den kleinen Bahnhof.
Schließlich ließ sie ihre schweren Taschen mit einem dumpfen Schlag auf der Holzveranda vor einer Kutsche fallen.
Ein älterer Mann mit staubiger Weste und dichtem grauem Bart saß auf dem Kutschbock.
„Könnten Sie mich vielleicht mitnehmen, Sir? "Ich zahle jeden Preis, den Sie verlangen“, sagte sie.
Der Mann betrachtete sie aufmerksam und runzelte leicht die Stirn.
„Sie sollten Fremden nicht erzählen, dass Sie Geld haben, Miss. Wohin wollen Sie denn?“
„Zu Silas Hale. "Ich bin eine Verwandte.“
Nun ja, fast jedenfalls.
„Kennen Sie ihn? "Sein Haus liegt hinter ...“
Sie durchsuchte ihre Erinnerungen an die vielen Jahre zurückliegender Besuche.
„... Fox Creek?“
„Ich kenne Silas Hale, und ich denke, ich kann Sie hinbringen. Aber ich bin kein Kutscher. "Die Linien Kutschen kommen nur ein paar Mal pro Woche vorbei.“
„Oh.“
Wie peinlich.
„Es tut mir sehr leid. "Ich habe Sie hier warten sehen und einfach angenommen ...“
„Nein. Ich bin nur in der Stadt, um einige Besorgungen zu machen. Wenn Sie einen Moment warten können, nehme ich Sie gern mit. "Es liegt nicht weit von meinem Ziel entfernt, und Silas ist ein alter Freund.“
„Vielen Dank. "Das weiß ich wirklich zu schätzen.“
Konnte sie ihm vertrauen?
Er wirkte harmlos genug, doch sie wusste, dass sie vorsichtig sein musste.
Da sie keine andere Wahl hatte, nickte sie.
Der Mann stieg von seinem Wagen herunter und lud ihr Gepäck hinten auf. Obwohl er dünn war, besaß er erstaunliche Kraft.
Wie versprochen kehrte er kurz darauf mit zwei Kisten voller Vorräte zurück.
Als sie schließlich losfuhren, stellte er sich als Jasper Borland vor.
„Serah Hale“, sagte sie und zögerte nur einen kurzen Moment bei ihrem Namen. „Freut mich, Sie kennenzulernen.“
„Also sind Sie mit Silas Hale verwandt?“, fragte Jasper.
„Ich bin seine Tochter, Sir.“
„Seine Tochter?“
Die dichten grauen Augenbrauen des Mannes schossen in die Höhe, während er ihr Gesicht aufmerksam musterte.
„Sie sehen ihm überhaupt nicht ähnlich.“
Jaspers Überraschung war echt, und ihre Wangen wurden warm.
Sie wusste genau, was er dachte.
Wie konnte Silas Hale mit seiner gebräunten Haut eine Tochter mit rotbraunem Haar, leuchtend grünen Augen und hellen Sommersprossen auf ihrer sehr blassen Haut haben?
„Ich komme nach meiner Mutter“, log sie.
„Ich dachte, Sie hätten gesagt, Ihr Name sei Hale.“
„Ist er auch. Ich habe Silas’ Nachnamen nicht angenommen. "Das ist eine lange Geschichte.“
„Nun, dann haben wir Glück. Bis wir ankommen, dauert es ungefähr eine Stunde. "Das gibt Ihnen genügend Zeit, mir diese lange Geschichte zu erzählen.“
„Eine lange Geschichte, die ich nicht erzählen möchte“, erwiderte sie deutlich.
„Na schön, Miss Hale.“
Jasper nickte und schwieg.
Vielleicht hatte sie ihn verärgert.
Sie wusste es nicht und machte sich auch nicht die Mühe zu verstehen, wie Männer dachten.
Doch das Letzte, was sie wollte, war, die Geheimnisse ihrer Familie einem Fremden anzuvertrauen, der wahrscheinlich in die Stadt zurückkehren und die Geschichte überall weitererzählen würde.
Sie wollte ihren Ruf an diesem neuen Ort schützen – an dem Ort, den sie schon bald ihr Zuhause nennen wollte.