Scheidung nach dem Verrat
Im Esszimmer ist es zu still. Das einzige Geräusch ist das leise Ticken der Uhr an der Wand, und ich spüre, wie sie zu etwas herunterzählt, dem ich mich nicht stellen will. Ich sitze hier seit gefühlten Stunden, doch es sind nur Minuten vergangen. Meine Finger zittern, während ich warte, und ein kleiner Teil von mir hofft immer noch, dass er mit einem Zeichen der Zuneigung durch die Tür kommt – irgendein Zeichen, dass er mich endlich wieder ansieht.
Doch als Dylan hereinkommt, trifft mich nicht die Hoffnung, sondern seine Kälte. Diese vertraute, erstickende Kälte, die über die Jahre nur noch schlimmer geworden ist.
„Du bist endlich wieder da“, sage ich und bemühe mich, meine Stimme ruhig zu halten. „Ich dachte schon, du würdest nicht mehr nach Hause kommen.“
Er antwortet nicht sofort. Stattdessen geht er zum Tisch, seine Stiefel klacken mit einer Endgültigkeit auf dem Boden, die zu seinem Gesichtsausdruck passt. Ohne ein Wort wirft er einen Stapel Papiere auf den Tisch zwischen uns.
„Unterschreib“, sagt er mit eisigem Tonfall.
Ich schlucke schwer, meine Brust zieht sich zusammen, als ich nach den Papieren greife. Meine Hände zittern, während ich sie durchblättere. Scheidungspapiere. Das Gewicht der fettgedruckten Buchstaben trifft mich härter, als ich erwartet hatte. Ein Stich durchfährt meine Brust – dumpfer Schmerz, der nie ganz verschwunden war.
„Scheidung?“ flüstere ich, als könnte ich diesen Albtraum durch das Aussprechen real werden lassen.
„Ich war geduldig, Chloe“, sagt Dylan mit verschränkten Armen. „Das funktioniert nicht. Serena braucht den Titel der Luna – und ich werde ihn ihr geben.“
Meine Brust schnürt sich zu, mein Atem stockt. Serena. Natürlich.
„Serena?“ Meine Stimme zittert, kaum mehr als ein Hauch. „Es geht um sie?“
Seine Augen flackern kurz, doch die Maske bleibt. „Sie war da, als du deinen Pflichten nicht nachkommen konntest. Sie hat es verdient. Ich will keine unfruchtbare Luna. Nicht mehr.“
Seine Worte treffen mich wie ein Schlag. Ich zucke unwillkürlich zurück, aber ich sehe ihn weiter an. Ich werde diesmal nicht wegblicken. Nicht mehr.
Unfruchtbar. So nannten sie mich alle – das Rudel, seine Mutter, die anderen Alphas. Es zählte nicht, dass ich es versucht hatte. Dass ich still geblieben und für das Wunder gebetet hatte, das sie sich so sehnlich wünschten. Ich hatte alles getan, was ich konnte, und hielt an der Hoffnung fest, dass Dylan mich eines Tages sehen würde. Mich berühren. Mich wieder lieben würde.
Ich wollte glauben, dass er irgendwann zu mir zurückfinden würde. Ich dachte, wenn ich nur lange genug durchhielt, würde sich etwas ändern. Aber das geschah nie.
Ich erinnere mich an die Einsamkeit in diesen vier Jahren. Die Stille, die sich zwischen uns ausbreitete und jeden Versuch einer Annäherung erstickte. Dylan hatte mich während unserer Ehe nur ein einziges Mal berührt – als er so tat, als wären wir ein echtes Paar. In jener Nacht glaubte ich, es sei ein Zeichen. Aber es blieb das einzige Mal.
Ich erinnere mich an das Geflüster, die Blicke, das höhnische Lächeln seiner Mutter, wenn ich nicht schwanger wurde. Die grausamen Kommentare der Meute. Ich versuchte, sie zu ignorieren. Ich glaubte, ich könnte das alles ertragen – nur für ihn.
Bis ich die Wahrheit herausfand. Dylan schlief jede Nacht mit Serena. Er machte sich nicht einmal die Mühe, es zu verbergen. Doch ich habe es ignoriert. Ich konnte mich der Realität nicht stellen.
Ich blieb, weil ich ihn liebte. Trotz allem. Trotz des Verrats.
Ich kann kaum glauben, dass ich das zugelassen habe. Dass ich dachte, es wäre in Ordnung, das zu ertragen.
Die Tränen steigen mir in die Augen, aber ich zwinge sie zurück. Er darf mich nicht weinen sehen. Nicht jetzt. Nicht, wenn ich endlich die Kraft finde, zu gehen.
„Du schaffst das schon, Chloe“, sagt Dylan – seine Stimme kalt und fern. „Nimm das Haus oder ich besorge dir ein anderes. Es gibt Land im Süden. Und Geld. Alles, was du für einen Neuanfang brauchst.“
Entschädigung. Das ist alles, was es für ihn bedeutet. Ich spüre, wie ein Stich durch meine Brust fährt. All die Jahre der Liebe, all die Opfer – auf eine Abfindung reduziert.
„Entschädigung“, flüstere ich bitter. „Ist das alles, was ich für dich bin?“
Er sieht mich nicht einmal an, als er antwortet. „Ja. Du bist jetzt frei. Leb dein Leben. Vergiss mich.“
Ich erhebe mich, meine Beine zittern, aber ich zwinge mich, aufrecht zu stehen. Ich werde nicht vor ihm zusammenbrechen. Nie wieder.
„Du wirst es bereuen, Dylan“, sage ich, und meine Stimme trägt all den Schmerz, den ich zu lange geschluckt habe. „Eines Tages wirst du erkennen, was du verloren hast. Und ich hoffe, es wird dich zerstören.“
Seine Augen flackern kurz – Schuld? Bedauern? – aber der Ausdruck verschwindet, bevor ich ihn deuten kann. Er dreht sich um und geht zur Tür.
„Ich schicke jemanden, um die Papiere abzuholen“, sagt er, ohne sich umzudrehen.
Ich starre ihm nach, während er geht – und mein Herz bricht erneut.
„Auf Wiedersehen, Dylan“, flüstere ich in den leeren Raum. Zum ersten Mal ist es mir egal, ob mich jemand hört. Es ist mir alles egal.
Ich nehme die Papiere, meine Hände zittern immer noch, als ich sie halte. Vier Jahre lang habe ich versucht, alles zu sein, was er wollte. Und wofür? Für diesen Moment? Für diesen Verrat?
Ich stehe da, in der Stille, mein Brustkorb fühlt sich leer an, brennend und wund.
Ich weiß nicht, wie ich meine Sachen gepackt habe. Meine Hände bewegten sich wie von selbst, zogen Kleider aus dem Schrank, stopften sie in den Koffer und ließen alles zurück, was einst mir gehört hatte. Das Haus, das Rudel, mein Leben mit Dylan – all das wirkte jetzt wie ein verblasster Traum. Ich konnte mich nicht einmal dazu durchringen, das gemeinsame Schlafzimmer noch einmal anzusehen. Das Bett, in dem ich einst gehofft hatte, dass wir wieder zueinanderfinden würden.
Stattdessen ging ich schnell und leise. Als könnte ein stilles Verschwinden den Schmerz mildern.
Doch als sich die Tür hinter mir schloss, traf mich das ganze Gewicht der Wahrheit. Ich verließ alles, was ich kannte – das einzige Leben, das ich je hatte. Keine Lügen mehr. Kein Hoffen auf etwas, das nie geschehen würde.
Ich spürte die Blicke der Meute auf mir, als ich durch den Flur zum Ausgang ging. Ich hörte ihr Flüstern, ihre Urteile. Einige von ihnen, das wusste ich, waren froh, mich gehen zu sehen. Für sie hatte ich nie dazugehört. In ihren Augen war ich nur die unfruchtbare Luna. Die Versagerin.
Aber es war mir egal. Ich war nicht mehr hier, um ihnen zu gefallen. Ich wollte nur noch fort.
Als ich die Tür erreichte, zögerte ich kurz – und trat dann hinaus. Die kühle Luft schlug mir ins Gesicht, und ich atmete tief ein. Die Welt draußen war weit und unbekannt, aber zum ersten Mal fühlte ich mich frei.
Ich griff nach meinem Telefon, meine Finger zitterten noch. Als ich die Nummer meines Vaters wählte, fühlte es sich an wie der letzte Faden zu meiner Vergangenheit, zu einem Leben, das ich längst verloren geglaubt hatte.
Das Telefon klingelte einmal, zweimal – dann nahm er ab.
„Chloe?“ Die Stimme meines Vaters klang verschlafen, aber da war auch Sorge. Er hatte gewusst, dass ich litt, doch ich war nie in der Lage gewesen, es auszusprechen.
„Es tut mir leid, Dad“, sagte ich, und meine Stimme brach, als ich ihn hörte. „Ich weiß, ich war impulsiv. Aber ich bin fertig. Mit ihm. Mit allem. Ich gehe jetzt.“
Es folgte eine lange Stille, und ich fragte mich, ob ich auch ihn verloren hatte. Doch dann hörte ich seine Stimme – ruhig und bestimmt, wie immer, wenn ich ihn brauchte.
„Ich bin auf dem Weg, Chloe. Wir kommen dich holen. Es ist Zeit, nach Hause zu kommen.“
Ich konnte es kaum glauben. Nach allem war mein Vater noch immer da. Bereit, mich zurückzunehmen.
„Ich warte auf dich“, flüsterte ich. Mein Herz war schwer, aber so leicht wie seit Jahren nicht mehr.
Als ich das Gespräch beendete, spürte ich den Schmerz über all das, was ich zurückließ – Dylan, das Rudel, meine Rolle als Luna. Aber ich wusste: Nur so konnte ich mich selbst wiederfinden.
Ich setzte mich auf die Stufen vor dem Haus, zog die Knie an die Brust und dachte an den Tag zurück, an dem ich mein königliches Leben hinter mir ließ, um Dylan zu heiraten. An seine Versprechen. An die Liebe, an die ich geglaubt hatte. Ich hatte alles für ihn aufgegeben – und blieb mit nichts zurück.
Ich hätte es besser wissen müssen. Aber ich konnte mir keine Vorwürfe mehr machen.
Ich musste weitergehen. Zum ersten Mal seit Jahren spürte ich wieder Hoffnung. Vielleicht wartete irgendwo eine Zukunft auf mich. Jenseits der Mauern dieses Rudels. Jenseits von Dylans Schatten.
Ich wischte mir die letzten Tränen aus den Augen – und wusste, dass es die letzten waren, die ich je für ihn vergießen würde.